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Deutsche Märchen und Sagen 92

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

114. Das Schloss von Vinderhouthem

Einer der Herren von Vinderhouthem hatte keine Kinder. Da wandte er sich nach langem und vergeblichem Hoffen und Harren endlich an die heilige Mutter Anna und gelobte, falls er Kinder bekäme, dieselben bis zum siebenten Jahr in Ordenskleider zu kleiden, die Knaben als Minderbrüder, die Mädchen als Nonnen und außerdem der Heiligen auch noch eine Kapelle zu bauen. Bald darauf war die Gräfin gesegneten Leibes und sie schenkte ihm einen Sohn und eine Tochter. Deren Bildnisse sieht man noch zu beiden Seiten des Altars der Annenkapelle. Zu dieser kehrt jedes Jahr am Vorabend vom Sankt Annentag auch des Grafen Geist zurück.

Ein anderer Herr von Vinderhouthem, Graf Walther genannt, lag in seinem Sterbestündlein neben einem großen Fenster, welches auf den Schlossgraben ausging. Als er nun seinen Tod nahen fühlte, befahl er einen vollen Sack Korn in das Fenster zu stellen. Als das geschehen war, erhob er sich und stieß daran, dass der Sack hinausfiel, sprach: »So viel Körnchen Korn, wie da ins Wasser fallen, so viel Seelenmessen sollt ihr für mich lesen.« Andere sagen, er habe befohlen, den Graben mit Korn zu füllen und so lange dessen zuzutragen, bis dass es mit den Fenstern des Saales, in welchem er sich befand, gleich stände, und dann gesagt habe, dass man so viel Messen für ihn lesen sollte, wie Körnchen in dem Haufen wären.

Allen Grafen dieses Geschlechtes wurde ihr Tod vorher verkündet durch ein klagend und seufzend Licht, welches sich an einem Moor in der Nähe des Schlosses zeigte. Die Stelle, wo das Moor einst war, heißt davon noch Meersch van Zuchten.

Eine Nebenlinie der Grafen hatte die Verpflichtung, das Öl für die Gotteslampe der Kapelle zu liefern und außerdem jährlich gewisse Messen lesen zu lassen. Eine Gräfin von C. hatte dies vernachlässigt. Da sah man während drei Tagen eine Kutsche, mit schneeweißen Rossen bespannt, ganz nahe am Schloss immer hin und her fahren. Zur selben Zeit wollte ein Bauer abends auf das Schloss gehen und fand auf der Türschwelle einen prächtig gekleideten Herrn, der ganz steif und unbeweglich dasaß. Der Bauer wünschte ihm freundlich guten Abend, aber der Herr antwortete nicht. Da wiederholte der Bauer seinen Gruß, aber er bekam ebenso wenig Antwort. Als dasselbe aber auch fürs dritte Mal stattfand, wurde der Bauer böse und schrie: »Sprecht, Herrschaft, oder ich schlage Euch nieder!« Und damit schwang er seine Schaufel ums Haupt, dass es sauste, aber keine Antwort. Da schlug der Bauer zu, als hätte er dem Herrn den Kopf gespalten, aber die Schaufel fuhr durch den ganzen Herrn durch und der war verschwunden.

Nun sieht man wenig mehr da, nur von Zeit zu Zeit gewahrt man noch ein weißes Kaninchen, welches klagend um die Bäume und Hage irrt und, nähert man sich ihm, plötzlich verschwindet.

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