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Der Detektiv – Das Auge der Prinzessin Singawatha – 5. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv

Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient
Das Auge der Prinzessin Singawatha

5. Kapitel
Der Augenarzt

Tiefste Finsternis ringsum; muffiger Kellergeruch; feuchtkalte Luft.

Das waren dann die ersten Eindrücke, als ich zu mir kam. Ich lag auf einem Haufen Stroh. Das Stroh raschelte, als ich mich aufrichtete. Ich war nicht gefesselt.

Und nun dicht neben mir Harsts Stimme.

»Lieber Alter, ein schlechter Weihnachtsabend! Ja, du bist volle siebzehn Stunden bewusstlos gewesen. Diese Inder sind doch geriebene Kerle. Auch ich fiel auf die Zigaretten hinein. Das Gift, mit dem der Tabak getränkt war, muss ein wahres Teufelszeug gewesen sein. Ganz plötzlich schwanden mir die Sinne. Still. Man kommt. Ich bin seit vier Stunden wach. Der erste Besuch …«

Lautlos ging eine schwere, eiserne Tür auf. Blendende Helle dreier Laternen bestrahlte unseren kahlen Kerker, die schimmligen Steinquadern.

Der Prinz hieß die beiden Diener vor der Tür warten. Er lehnte sich an die Mauer uns gegenüber und begann mit eisiger Höflichkeit das Verhör. Er wollte wissen, ob und wie seine Tochter sich mit uns in Verbindung gesetzt hätte.

Harst erwiderte: »Hoheit, wir können diese Unterredung schnell beenden. Bevor wir gestern Nacht von unserem Motorkutter aus aufbrachen, der einen Liegeplatz im Polizeihafen hat, vereinbarte ich mit Detektivinspektor Greaper, dass, falls wir innerhalb 24 Stunden nicht zurück seien, er durch seine Beamten und durch Militär Ihren Palast umzingeln und dann durchsuchen sollte. Diese 24 Stunden sind sehr bald um. Ich weiß nun nicht, ob es Ihnen gleichgültig ist, wenn Sie und alle männlichen Insassen Ihres Hauses sowie unzählige andere Mohammedaner, die gleichfalls in das Komplott gegen die englisch-indische Herrschaft eingeweiht sind, ins Zuchthaus oder an den Galgen wandern. Das Komplott besteht. Ich besitze die Beweise. Diese Beweise übergab ich Inspektor Greaper im versiegelten Umschlag mit der Weisung, den Umschlag im Falle meines Todes oder Verschwindens zu öffnen. Hoheit, ich bin Deutscher, und Ihre Verschwörungen hier gehen mich nichts an. Von mir haben Sie keinen Verrat zu fürchten. Mein Wort darauf. Natürlich müssen Sie uns beiden sofort die Freiheit wiedergeben und ebenso die Prinzessin und deren Dienerin Suleimah unbelästigt nach Deutschland reisen lassen. Gehen Sie auf diese Bedingungen nicht ein, so muss ich leider … nun, ich brauche wohl nicht deutlicher zu werden …«

Der Prinz entgegnete nichts, stand regungslos. Dann schritt er hinaus. Die Tür fiel zu. Wir waren im Dunkeln.

»Fein gelogen, wie?«, meinte Harst. »Greaper weiß von nichts. Der Umschlag mit den Beweisen ist frei erfunden. Trotzdem wird der Weihnachtsabend vergnügter enden, als er anfing. Wetten?«

Ich lehnte die Wette ab. Ich hätte sie verloren. Bereits nach zehn Minuten erschienen zwei Diener und führten uns sehr höflich durch endlose Kellergänge, über endlose Treppen, dann durch strahlend helle, läuferbelegte Flure in Seiner Hoheit Arbeitszimmer, wo dieser uns erwartete.

Harst eilte dann zum Schein in einem Auto des Prinzen alsbald zur Stadt, um angeblich Greaper zu melden, dass es uns gut gehe. Er fuhr auch zur Polizeidirektion, kam nach einer halben Stunde in demselben Auto wieder zurück und gerade zur rechten Zeit, um dem Souper alle Ehre antun zu können, das uns drei dann im Speisesaal vereinigte. Der Prinz hatte seinen Dienern strengste Verschwiegenheit über unsere Anwesenheit im Palast befehlen müssen, damit der Doktor Paresquieux nicht etwa vorzeitig gewarnt würde. Er wurde nun bei Tisch bei unserer Weihnachtsfeier, zunächst von Harst gebeten, zu berichten, wo und in welcher Weise Paresquieux der Prinzessin, ohne dass jemand hiervon erführe, das Glasauge einpassen wolle.

»Der Doktor soll«, so teilte der Prinz nun mit, »morgen Vormittag sich hier einfinden. In meinem Arbeitszimmer wollte er Singawatha dann …«

»Das genügt, Hoheit. Wir werden morgen von einem Versteck aus diesen Schurken beobachten, und dann werden Sie erkennen, dass Ihr und Ihrer Tochter Leben in ernstester Gefahr schwebte.«

Ich will hier unseren Weihnachtsabend im Palast des Prinzen Achmed Ibur Dau in Lucknow nicht näher schildern.

Es wurde ein sehr heiterer Abend, an dem nachher auch die verschleierte Prinzessin teilnahm und mit uns in deutscher Sprache plauderte. Singawatha war in der Tat ein Wesen von seltener Energie. Wir erfuhren nun auch die näheren Umstände, wie sie das Auge eingebüßt hatte. Der Prinz vertraute unserer Verschwiegenheit vollkommen. Die Prinzessin hatte bereits vor etwa sechs Monaten einen Fluchtversuch gemacht und sich hierbei auf ihre Kenntnis der unterirdischen Räume des Schlosses verlassen, von denen aus ein gemauerter Gang zu einer Schlucht nordwestlich von der Parkmauer führte. Als sie ganz allein als Mann verkleidet die Tür zu dem größten der Kellergelasse öffnete, war sie unversehens in eine Versammlung der Führer der Verschworenen geraten und sofort von einem dieser Leute, die sie für einen Spion hielten, durch einen Revolverschuss, der das linke Auge und die Nasenwurzel streifte, niedergestreckt worden. Seitdem wurde sie im Harem überaus scharf bewacht. Es gelang ihr dann aber, sowohl den Brief an Harst zu schreiben und befördern zu lassen als auch in der Nacht zusammen mit ihrer Jugendgespielin und Dienerin Suleimah abermals zu fliehen, während sie ursprünglich nur beabsichtigt hatte, Suleimah zum Rendezvous unter der Brücke zu senden. Ihr Entweichen war bemerkt worden und es hatte sich dann auf dem Fluss die von uns beobachtete und von Harst sofort richtig gedeutete Szene abgespielt.

Erwähnen will ich noch, dass es Harst gelang, eine Aussöhnung zwischen Vater und Tochter herbeizuführen. Dies mag genügen.

Dann kam am nächsten Vormittag der eigentliche Höhepunkt dieses, unseres Abenteuers in Lucknow. Wir hatten die Nacht im Palast zugebracht. Um zehn Uhr vormittags standen wir in einem leer gemachten, großen Bücherschrank, dessen mit Seidenvorhängen versehene Türen nur angelehnt waren. Wir konnten durch die Vorhänge das Arbeitszimmer des Prinzen vollständig überblicken.

Kurz nach zehn wurde Doktor Paresquieux dem Prinzen gemeldet. Die Prinzessin befand sich im Nebenzimmer. Warbatty als eleganter, geschmeidiger Arzt trat sehr sicher auf. Er war es, denn der linke Zeigefinger fehlte.

Singawatha erschien. Warbatty-Paresquieux hatte die vier Glasaugen nebst allerlei Fläschchen und Instrumenten auf den Mitteltisch gelegt. Er untersuchte die leere Augenhöhle, meinte dann zu Achmed Ibur Dau, er müsse die Prinzessin leicht chloroformieren. Singawatha musste sich auf einen Diwan legen. Harst gab genau acht, was der Schurke tat, der nun die feuchte Chloroformmaske der Prinzessin auf das Gesicht drückte, wobei er mit dem Rücken zu uns stand.

Harst stieß die Schranktüren auf. Lautlos waren wir im Nu hinter Warbatty, packten seine Arme, während Harst mit der einen Hand die Maske fortstieß. Der Prinz half uns, den Verbrecher zu fesseln, der erneut jene überlegene Ruhe bewahrte, die ihn stets auszeichnete.

»Ah, das hatte ich nicht vermutet«, meinte Warbatty mit einem feinen Lächeln. »Sie sind in der Tat ein sehr unangenehmer Störenfried, Master Harst. Ich wollte hier einmal ein gutes Werk tun, und …«

»Ja, Sie wollten nebenbei aber auch«, unterbrach Harst Warbatty, »und das war Ihnen die Hauptsache, jenen in die Wand halb eingelassenen Stahlschrank ausplündern. Ihre Absichten wurden mir klar, als der Prinz erwähnte, das Einfügen des Glasauges sollte hier stattfinden, hier, wo Sie mit Vater und Tochter allein sein würden, wo Sie erst die Prinzessin und dann auch den Prinzen wehrlos machen konnten.« Harst öffnete die Handtasche, die Warbatty mitgebracht hatte, entnahm ihr ein Paket allerfeinste, moderne Einbrecherwerkzeuge. »Da, Sie haben für den Fall, dass der Prinz die Schlüssel zu dem Stahlschrank nicht bei sich haben sollte und Sie diese auch nicht finden könnten, den veralteten Tresor aufbrechen wollen. Sie vermuteten darin die Juwelen, auf die allein Sie es abgesehen hatten. Es ist allgemein bekannt, dass der Prinz Familienkleinodien im Wert von vielen Millionen besitzt. Ich nehme weiter wohl mit Recht an, dass Sie schon vor sechs Monaten wussten, wo diese Kleinodien zu finden waren. Da die Juwelen jedoch wegen der zahlreichen Dienerschaft hier im Palast und wegen der nächtlichen Wachen im Park anders nicht für Sie erreichbar waren, boten Sie sich dem Prinzen als Arzt an, versprachen das Auge so tadellos zu ersetzen, dass die Prinzessin in keiner Weise entstellt bliebe.«

Warbatty nickte. »Ich leugne nicht, dass Ihre Mutmaßungen richtig sind, Master Harst. Ohne Ihr Eingreifen wäre mein Plan auch fraglos geglückt. Den Prinzen unschädlich zu machen, wäre ein leichtes gewesen und bevor die Wahrheit an den Tag gekommen wäre, hätte ich mich längst in Sicherheit gebracht. Schade, dass Sie mir immer meine am sorgfältigsten vorbereiteten Tricks verderben. Nun, es ist ja noch nicht aller Tage Abend.«

Warbatty wurde von der Polizei abgeholt. Prinz Achmed hatte nun erkannt, dass Harst ihn in der Tat vor einer sehr großen Gefahr bewahrt hatte. Es unterlag keinem Zweifel, dass der Mann, dem Menschenleben ein Nichts galten, auch ihn kaltblütig ermordet hätte, schon deshalb, um seine Verfolgung zu erschweren. Und ebenso bestimmt erklärte Harst, dass Warbatty die Chloroformnarkose der Prinzessin absichtlich bis zu einem Todesschlaf fortgesetzt hätte.

Singawatha ließ sich durch einen englischen Arzt das passende Auge einfügen und reiste dann in Begleitung Suleimahs, von ihrem Vater überreich mit Geldmitteln versehen, in aller Stille nach Deutschland. Wir haben sie später in Wiesbaden besucht, wo sie inzwischen die glückliche Gattin eines deutschen Rechtsanwalts geworden war. Prinz Achmed verunglückte zwei Monate später bei einer Autotour, wurde in einen Abgrund geschleudert. Harst hatte über diesen Unfall seine besonderen Gedanken. »Der arme Achmed hat sich durch die Nachgiebigkeit seinem Kind gegenüber fraglos den Hass seiner Mitverschworenen zugezogen. Vielleicht ist dieser Unfall kein Unfall, sondern …!«

Ich verstand, was er meinte.

Und Cecil Warbatty?

Die Geschichte von dessen raffinierter Flucht mithilfe der Schwertbrüder kann ich in dieser Erzählung nicht mehr schildern. Der Leser findet sie am Anfang unseres folgenden Abenteuers.