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Einsendeschluss 31.05.2021

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Nick Carter – Carruthers, der Verbrecherkönig – Kapitel 5

Nick Carter
Carruthers, der Verbrecherkönig
oder: Lebendig begraben
Kapitel 5

Nick Carter am Telefon

Obwohl das Haus sich inmitten eines geräumigen Gartengrundstücks erhob, also nach allen vier Seiten freigelegt war, so wies es doch im Inneren die in New York allgemein gebräuchliche Raumeinteilung auf.

Der Korridor lief in ein geräumiges Hinterzimmer aus, während zur Rechten die Treppe zum zweiten Stockwerk sowie hinunter in den Keller führte. Im zweiten und letzten Stockwerk endete der Korridor in ein nicht minder geräumiges Badezimmer. Der Oberstock war in vier kleinere Zimmer abgeteilt, welche durch schmale Verbindungsgänge, die Waschvorrichtung und Wandschränke enthielten, verbunden waren. Das Parterre dagegen enthielt nur zwei große Zimmer; im einen hatte Nick Carter mit dem Hausherrn seine eigenartige Unterredung geführt; die Einrichtung des Hinterzimmers ließ erkennen, dass dies früher als allgemeines Familienwohnzimmer gebraucht worden war, während im Oberstock außer einem Herrenzimmer lediglich Schlafräume lagen.

Im Kellergeschoss befanden sich die Küche, nebst Waschküche, sowie ein einfach ausgestattetes Esszimmer.

Von dort aus führte eine durch eine Holztür verschlossene Treppe in den eigentlichen, unter dem Straßenniveau liegenden Keller.

Nick Carter blieb gedankenvoll vor der Kellertür stehen.

»Gibt es in diesem Haus ein Geheimnis, so muss es hinter dieser Kellertür gesucht werden – und es gibt ein Geheimnis hier … das ist sicher«, murmelte er halblaut vor sich hin.

Überall im Haus waren Gasglühstrümpfe verschwenderisch angebracht und mit der elektrischen Zündvorrichtung versehen, sodass es in jedem Zimmer und auf den Korridoren nur des Druckes auf einen Knopf bedurfte, um sofort Licht im Überfluss zu haben.

Anders im Keller. Hier gab es keine Gasleitung, und Nick Carter sah sich wieder auf den Gebrauch seiner Diebeslaterne angewiesen.

Der erste Eindruck, welchen er von dem Raum gewann, ließ diesen in nichts von anderen Kellern unterscheiden … dasselbe Gerümpel da und dort, dieselbe Moderluft … in der Ecke war der Gaszähler und etwas weiter wieder der elektrische Lichtmesser angebracht.

Schon die ersten Tritte auf der abwärts führenden Treppe ließen ihn erkennen, dass dieselbe in der letzten Zeit häufig begangen worden war, denn in den Staub hatten sich unverkennbare Trittspuren geprägt, die sich kreuzten und deckten.

Eine flüchtige Durchsuchung des Kellers bestätigte den ersten Eindruck des Detektivs. In dem staubbedeckten und mit Spinnweben überzogenen Raum befand sich kein Schrank mit Essvorräten oder etwa ein Weinkeller; es lag keinerlei Veranlassung vor, den öden Raum überhaupt zu betreten – und dennoch war dies in den letzten Tagen oft und häufig geschehen.

Da lagen auch in ziemlicher Anzahl weggeworfene Zündhölzer. Beim Befühlen war das Holz noch trocken, und die verkohlten Spitzen färbten noch ab; ein weiteres sicheres Zeichen, dass sie erst ganz vor Kurzem benutzt worden sein konnten.

Er hatte die sichere Gewissheit gewonnen, dass dieser unwohnliche Kellerraum das von ihm gesuchte Geheimnis barg … doch wo sollte er es finden … wo … diese nackten Kellerwände waren stumm … sie sagten nichts.

Immer wieder betrachtete Nick Carter die Trittspuren auf der Treppe, ohne sich weiter in den Keller selbst zu wagen – und da machte er die zweite wichtige Entdeckung, dass diese Spuren sämtlich von derselben Person herrührten.

Nick Carter hatte den Keller selbst noch nicht zu betreten gewagt, weil er glaubte, dass auch dessen Boden ihm die verräterischen Trittspuren offenbaren werde; doch in dieser Erwartung sah er sich getäuscht. Der Keller war zementiert. Eine der Wasserleitungs- oder sonstigen Röhren, welche durch ihn führten, musste leck sein, denn die ganze Bodenfläche war feucht und keine Trittspur sichtbar. Dieser Umstand erklärte auch die ungewohnt deutliche Wiedergabe der Stiefeleindrücke auf der Treppe. Die nassen Sohlen hatten sich tief in die Staubschicht eingedrückt.

Jedenfalls war erwiesen, dass sich Carruthers häufig und ganz gewiss auch noch kurz vor Nicks Eindringen im Keller zu schaffen gemacht hatte.

Aber warum und zu welchen Zweck?

Resultatlos blieb es, dass Nick Carter nun in systematischer Weise die Kellerwände ableuchtete. So sorgsam er auch verfuhr und obwohl er keinen Fußbreit nicht untersucht ließ, vermochte er dennoch nicht das Geringste zu entdecken, sondern er kam immer mehr zu der Einsicht, dass es sich um einen gewöhnlichen Keller, wie sie in jedem Haus anzutreffen sind, handelte.

So war der Detektiv in dem ganzen Raum umhergewandert, hatte die Mauern betrachtet, befühlt und beklopft; eben kehrte er ziemlich enttäuscht zum Treppenaufgang zurück und leuchtete zu guter Letzt nochmals in die Ecke, wo Treppe und Grundmauer zusammentrafen.

Da aber entfloh auch schon ein leiser Pfiff seinen Lippen, und er nickte bedeutsam vor sich hin.

Was Nick bemerkte, würde sicherlich kaum die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen, seine engeren Berufskollegen mit eingeschlossen, erregt haben; es handelte sich lediglich um zwei Drähte, welche in der verstaubten Ecke in senkrechter Richtung vom Kellerboden bis zu der Decke liefen, dann an dieser entlang, immer in der Eckkante verborgen, zum Kellerfenster führten und dann durch dessen oberste Mauerkante nach auswärts mündeten.

Zwei kurze Drahtenden, die sich von der Leitung in halber Manneshöhe abzweigten, hatten genügt, um Nick Carter eines der Geheimnisse des Hauses durchschauen zu lassen. Es handelte sich um eine Telefonanlage – natürlich um keine öffentliche, sondern um eine Privatanlage, welche Carruthers zu irgendeinem bestimmten Zweck angelegt hatte, um sich mit einer anderen Person außerhalb des Hauses in Verbindung setzen zu können.

»Ich lasse mich hängen, wenn am anderen Ende dieser Telefonlinie nicht Isaak Meadows in seinem Versteck sitzt!«, brummte der Detektiv vor sich hin. »Hm, komme ich heute Nacht nicht hinter das Geheimnis, so werde ich morgen einfach den Verlauf der Drähte folgen, und müsste ich darum das ganze Grundstück aufgraben lassen!«

Nachdenklich ruhte sein Blick auf den beiden Drahtenden, an welche nur ein Apparat angeschlossen zu werden brauchte, um eine regelrechte Fernsprechanlage vor sich zu haben.

Nick Carter sah im Geist Carruthers, wie er den Apparat befestigte und sich mit Isaak Meadows in Verbindung setzte. Ein kühner Gedanke durchschoss den Detektiv; was Carruthers vermochte, war auch ihm möglich – es fehlte nur an einem Apparat. Dass ein solcher im Haus war, darauf hätte Nick geschworen. Es handelte sich darum, das Versteck ausfindig zu machen, in welchem der Fernsprecher untergebracht war.

Dass der Apparat sich nicht im Keller befand, darüber war sich Nick völlig klar. Er verließ deshalb den unheimlichen Raum und begab sich auf die Suche nach demselben. Doch er mochte jedes Zimmer ableuchten und sämtliche Wände nach einem Geheimschrank oder dergleichen abklopfen – all seine Bemühungen blieben fruchtlos. Es fand sich kein solcher Fernsprechapparat vor.

Schließlich kehrte Nick Carter zum Parlor zurück, und nochmals durchschweiften seine Blicke das geräumige Zimmer, so sorgsam er dieses auch zuvor schon abgesucht hatte.

Er stand in der Mitte des Raumes und betrachtete die ganze Einrichtung. Dann trat er an das große Sofa, welches einen Teil der Hinterwand einnahm.

»Hm, das habe ich übersehen«, meinte er lächelnd. »Das ist ein Schlafsofa, und unter dem Sitz ist, verborgen durch die Fransen, ein Kasten für die Aufbewahrung von Bettwerk oder dergleichen angebracht … natürlich finde ich das Gesuchte dort!«

Er hatte sich nicht getäuscht. In dem verborgenen Kasten lag alles, was er suchte: der Apparat mit Empfänger und Hörer sowie eine tragbare Batterie.

Nick Carter schmunzelte leicht vor sich hin. »Ich glaube kaum, dass Carruthers mit meiner Entdeckung einverstanden sein wird … hm, das ist schade, es soll mich aber nicht abhalten, mich mit dem Mann am anderen Ende der Leitung zu verbinden.«

Wenige Minuten später befand sich der Detektiv mit Telefon und Batterie wieder im Keller. Unweit der herabhängenden Drahtenden stand eine Bank, und als Nick auf diese den Apparat stellte, musste er wieder lächeln. Kein Partikelchen Staub befand sich auf dieser, ein sicheres Zeichen für ihn, dass sie erst ganz vor Kurzem zum selben Zweck gebraucht worden war, und außerdem war sie nicht von der üblichen Höhe, sondern ihre Füße etwas abgeschnitten, um die Drahtenden gerade richtig mit den Apparat verbinden zu können.

Nick Carter war in allen Sätteln gerecht, doch als Mechaniker und Kunstschlosser konnte er es mit den geübtesten Experten aufnehmen. Natürlich war die Verbindung des Fernsprechers, der sich in nichts von den überall gebräuchlichen unterschied, für ihn nur eine Kleinigkeit und das Werk weniger Sekunden.

Voll gespannter Erwartung nahm Nick Carter, kaum dass die Verbindung der Drähte geschehen, den Hörer vom Haken und setzte zugleich die Kurbel in Bewegung. Ein befriedigtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er durch das Hörrohr heftiges Läuten vernahm – ein sicheres Zeichen, dass die Verbindung hergestellt und der Mann am anderen Leitungsende benachrichtigt war.

Geduldig wartete er einige Zeit. Dann hörte er plötzlich eine männliche Stimme.

»Hallo, was ist los, Morris?«, fragte die Stimme. »Hat sich was ereignet? Ich war schon ins Bett gekrochen.«

Es war eine von Nick Carters hervorragendsten Gaben, dass er, ebenso wenig wie er eine einmal gesehene Person jemals wieder vergessen konnte, jede schon gehörte Stimme sofort wieder erkannte. Mochte der Betreffende auch die kunstvollste Verkleidung gewählt haben, die selbst den Blick des berühmten Detektivs irreführen konnte; sein Ohr war noch schärfer als sein Blick, und mit unfehlbarer Sicherheit erkannte er jede Stimme wieder, wurde sie auch noch so verstellt.

Die wenigen Worte, welche er soeben vernommen, hatten ihm genügt, um ihn mit tätlicher Sicherheit in dem Mann am anderen Ende des Drahtes Isaak Meadows, den aus dem Polizeigefängnis entflohenen Expräsidenten der Midland National Bank, erkennen zu lassen. Er wusste nun, dass all seine Voraussetzungen richtig waren, dass Carruthers hinter der Befreiung des ungetreuen Präsidenten steckte und diesen irgendwo verborgen hielt. Nun handelte es sich darum, hinter die Natur und Lage dieses Schlupfwinkels zu kommen!

Da er bereits festgestellt hatte, dass es sich um ein Privattelefon handelte, so war ohne weiteres anzunehmen, dass die Entfernung des Verstecks vom Carruthers’schen Hause nur eine mäßige sein konnte. Nun, das hoffte er jetzt unverfänglich herauszubekommen.

»Ist dort alles in Ordnung?«, erkundigte er sich durch den Fernsprecher, dabei die metallene Stimme Carruthers auf das Täuschende nachahmend.

»Gewiss, was soll die Frage?«

»Auf unerklärliche Weise hat Nick Carter halb und halb Wind von deinem Aufenthalt bekommen!«

»Der Teufel hole ihn! Wie ist das nur möglich!«

»Hm, da hilft kein Fluchen … es ist leider wahr!«

»Aber was soll ich tun, Morris!«

»Hm, es wird am besten sein, du kommst so schnell wie möglich hierher!«, schlug der vermeintliche Carruthers vor.

»Zu dir kommen? Ja, bist du denn anderswo?«

»Nein … ich bin hier wie gewöhnlich … komme aber sofort!«

»Carruthers, ich verstehe dich nicht! … Du sagtest mir doch, dass das Haus schon seit zehn Tagen von den Geheimen bewacht wird … komme ich über die Straße, so laufe ich den Kerlen ja direkt in die Arme!«

»Die Wachen sind zurückgezogen. Ich habe mich erst eben davon überzeugt. Jedenfalls ist es am sichersten für dich, sofort hierherzukommen.«

»Nein, das wage ich nicht!«, ließ sich die andere Stimme wieder hören.

»Gut«, schlug Nick Carter vor, »dann treffen wir uns irgendwo anders.«

»Aber wo … im selben Augenblick, wo ich das Haus verlasse, nehmen mich die Kerle beim Kragen … nein, das ist ein schlechter Vorschlag … warum willst du nicht zu mir kommen, Carruthers … es ist doch nur wenige Schritte weit.«

»Damit ich dir die Polizei vollends auf den Hals hetze und sie statt des jetzigen Verdachtes todsichere Gewissheit haben? Du musst noch bedenken, dass man mich beobachtet und nicht dich!«

»Du meinst, dass Nick Carter mit dir zugleich ins Haus käme?«, erkundigte sich Meadows.

»Fähig ist er dazu!«

»Nun, er würde im selben Augenblick auch schon ein toter Nick Carter sein. Du weißt, Morris, auf eine derartige Überraschung habe ich mich vorbereitet!«

»Das möchte ich aber gerade vermeiden. Meadows, es liegt wahrlich schon genug gegen dich vor, um die Geheimen dauernd auf deiner Spur zu halten … eine Flucht ist jetzt schon nahezu unmöglich!«

Der Mann am anderen Drahtende lachte laut. »Wahrhaftig, ich hasse diesen Carter derartig, dass ich um den Preis seines Lebens mein eigenes daran geben möchte … der Mensch hat mir alles verdorben … ohne seine Einmischung wäre ich heute noch ein hochgeachteter Mann, reich und voll Einfluss … ah! Ich hasse ihn – ich hasse ihn, Morris!«

Um Nick Carters Lippen spielte ein spöttisches Lächeln. Diesem furchtlosen Mann kam es kaum zu Bewusstsein, dass dieser furchtbare Hass schließlich für ihn schlimme Gefahren bergen konnte.

»Blödsinn!«, sagte er entschieden, immer noch Carruthers Sprechweise nachahmend. »Jedenfalls musst du deinen jetzigen Zufluchtsort sofort verlassen – ich frage nochmals: Wo wollen wir uns treffen?«

»Nun, wenn es durchaus sein muss, obwohl mit gar nicht wohl dabei ist … sagen wir also in einer halben Stunde bei Flynn’s.«

Nun hatte Nick Carter keine Ahnung, wo Flynn’s zu suchen war, doch das sollte ihm keine Schwierigkeiten machen. Er wollte Meadows ausfragen, und dieser sollte ihm, ohne es zu wissen, selbst Auskunft erteilen.

»All right! Also bei Flynn’s!«, erklärte er.

Er kam nicht weiter, denn durch den Fernsprecher hörte er genau, wie im selben Moment am anderen Drahtende eine Tür aufgerissen und ins Schloss geworfen wurde, während zugleich eine Mannesstimme heftig schrie: »Du hirnverbrannter Narr … ich bin hier, und der Mann, mit dem du am anderen Drahtende sprichst, ist kein anderer als dieser vermaledeite Nick Carter!«

Im selben Augenblick wurde die Verbindung am anderen Ende auch schon abgeschnitten, und der Detektiv, welcher sogleich die Stimme von Morris Carruthers erkannt hatte, stand voll bitterer Enttäuschung unschlüssig da.

Das war ein abscheulicher Strich durch die Rechnung. Ohne die Dazwischenkunft dieses Carruthers wäre Isaak Meadows so gut wie gefangen gewesen! … Dass dessen Freund sich in der Nähe hielt, bewies das Vorhandensein eines bösen Gewissens bei ihm. Nick Carter wusste in diesem Augenblick schon, dass das Haus außer diesem Privattelefon noch andere Geheimnisse barg, deren Entdeckung Morris Carruthers gleichfalls befürchten mochte.

Nick Carter war im Begriff, das Hörrohr wieder an den Haken zu hängen, als er am anderen Ende plötzlich die Stimme Carruthers vernahm.

»Hallo, Nick Carter … sind Sie noch dort?«

»Freilich bin ich noch da.«

»Nun, etwas gefunden?«

»Vielleicht. Ich will es Ihnen gern mitteilen … ich bitte nur um Angabe der gegenwärtigen Adresse.«

Carruthers lachte höhnisch. »Das könnte Ihnen wohl passen, was, Carter? Mit Speck fängt man Mäuse, doch keinen Morris Carruthers … Sie mögen meinetwegen annehmen, ich sitze in der Nebenstube … ich könnte aber geradeso gut auch mich auf dem Mond befinden, so ganz und gar unerreichbar bin ich Ihnen eben … ja, das schmerzt, was? Ah, ich kann es dem unerreichten Nick Carter nachfühlen … da hätte er wieder mal triumphiert, wenn – ja, wenn Morris Carruthers nicht noch rechtzeitig dazwischen gekommen wäre und ihm auf die Finger geklopft hätte!«

Nick Carter wartete geduldig, bis das ausgelassene Lachen seines Widersachers verklungen war. »Haben Sie mich sonst noch etwas zu fragen?«, meinte er schließlich gleichmütig.

»Gewiss. Haben Sie außer dem Telefon noch etwas entdeckt?«

»Ihre Frage beweist mir, Carruthers, dass Sie weitere Entdeckungen fürchten«, äußerte der Detektiv ernsthaft. »Ich verspreche Ihnen, dass ich diese machen werde!«

»Gut gebrüllt, Löwe … und wenn Sie das Elixier des Lebens, den Stein der Weisen oder den Zahn der Zeit oder sonst ein Weltwunder aufgefunden haben werden, dann benachrichtigen Sie mich freundlichst!«

Doch Nick Carter ließ sich durch den Spott nicht irre machen; fast instinktiv begriff er, dass dahinter die ganze Angst des vor seiner Entdeckung zitternden Verbrechers verborgen lag. Er war im Begriff, das Hörrohr anzuhängen, als sich Morris Carruthers wieder bemerkbar machte.

»Hallo, Carter.«

»Was soll’s noch?«

»Es war gut, dass ich noch rechtzeitig dazu kam.«

»Ja, es war glücklich genug für Ihren Spießgesellen Meadows … man nennt ihn nicht umsonst auch Morgan im Glück.«

»Meadows … Morgan im Glück – eh, zum Henker, was sind das wieder für Dummheiten.«

»Sparen Sie doch Ihre Verstellungskünste … ich habe Isaak Meadows an seiner Stimme erkannt und weiß nun, wer ihn verborgen hält.«

»Wirklich? Nein, Carter, was sind Sie für ein talentvoller junger Mann! Sie werden es noch weit bringen!«

»Well, was sonst noch?«

»Hoho!«, lachte Morris Carruthers am anderen Drahtende. »Wirklich, Carter, dieser Meadows wäre dumm genug gewesen, Sie unterwegs zu treffen … großartig, ein Esel führt den anderen aufs Glatteis … und ich führe den superklugen Mr. Nick Carter hinters Licht … wetten wir, dass Sie dies merken, doch bevor es Morgen geworden ist?«

»Wir wollen es abwarten!«, versetzte der Detektiv leichthin. Aber innerlich war er ungleich ernster gestimmt.

»Sagen Sie, Carter«, fragte Morris Carruthers in diesem Moment wieder. »Wie lange wollen Sie mein Haus noch unsicher machen?«

»Nun, ich gedenke in zwei bis drei Stunden fertig zu sein.«

»Das ist schön von Ihnen.«

»Wenn Sie es eilig haben, Carruthers, so kommen Sie nur früher. Im anderen Fall warte ich hier auf Ihr Kommen.«

»Weise gesprochen!«, höhnte Carruthers. »Ich werde indessen kaum in absehbarer Zeit das Haus wieder aufsuchen … ich habe meine Gründe, Ihnen einstweilen auszuweichen.«

»Ich werde Sie schon treffen, und dann werden Sie mir erzählen, wohin das andere Ende dieses Telefons mündet.«

»Großartig gesagt, Carter. Werde ich aus der Schule plaudern? Sie wollen mir also drohen?«

»Wer sagt das? Ich werde einfach meine Pflicht tun – auch gegen Sie!«

Carruthers lachte laut auf. »Ich werde ebenfalls meine Pflicht tun. Verlassen Sie sich darauf, Carter … lästiges Ungeziefer vernichtet man … und das gedenke ich zu tun! Schluss!«

Damit wurde am anderen Ende der Apparat abgestellt. Auch Nick Carter tat desgleichen, und immer noch mit der höhnenden Stimme des Verbrechers im Ohr trat Nick vom Telefon hinweg.

Dieser Carruthers verfolgte eine ganz bestimmte Absicht, so viel war klar – und dass es sich nur um eine feindliche Handlung, welche ihre Spitze gegen den Detektiv kehrte, handeln konnte, darüber blieb dieser sich gleichfalls keine Sekunde lang im Unklaren. Mehr noch, Morris Carruthers musste des Gelingens seines verbrecherischen Anschlags von vornherein versichert sein, sonst hätte er sich zuletzt nicht zu solch offenkundiger Drohung hinreißen lassen. Dieser Carruthers war wie Nick auch ein Mann der Tat, der nicht leere Worte redete, sondern handelte. Ein Gefühl sagte es auch dem Detektiv, dass er hinter die Natur dieser geheimnisvollen, dunklen Drohung kommen würde, ehe der Morgen anbrach.

Gedankenvoll ließ Nick Carter seinen Blick wieder durch den Keller schweifen. Gab es irgendwo in diesem Hause weitere Geheimnisse zu entdecken, so war dies nur hier der Fall.

Die Mauern hatte er genau abgeleuchtet und abgeklopft; sie waren wie andere Kellermauern auch und bargen nichts Geheimnisvolles.

»Well, bliebe nur noch der Zementboden übrig!«, meinte Nick Carter. »Es ist die letzte Möglichkeit, und ich will nichts unversucht lassen.«

So schmutzig auch der schlüpfrige feuchte Boden erschien, so unverdrossen machte sich der Detektiv an die Suche. Er hatte einen alten Sack entdeckt und nahm diesen zu Hilfe, um sich auf ein Knie niederzulassen und beim Strahl seiner elektrischen Laterne jeden Fußbreit Bodenfläche auf das peinlichste und eingehendste zu untersuchen.

Das war eine langsame und zeitraubende Arbeit, zumal die Lichtfläche der Laterne kaum anderthalb Quadratfuß bestrich. Dafür strahlte das Licht umso heller, sodass dem scharfen Blick des unermüdlich Suchenden auch nicht die geringste Kleinigkeit zu entgehen vermochte.

Nick Carter verfuhr dabei derart, dass er erst an der einen Längswand entlang ging und auf solche Art einen etwa fußbreiten Streifen genau absuchte; dann legte er in entgegengesetzter Richtung den Weg zurück, indem er einen Fußbreit von der Wand abrückte und es auf solche Weise ermöglichte, dass auch nicht ein einziger Quadratzoll seinen scharfen Augen entging.

Auf diese Art war er bis in die Mitte des Kellers gekommen, als er die Entdeckung machte, dass hier etwa vier Quadratfuß Bodenfläche nicht zementiert, sondern mit Backsteinen gepflastert waren, augenscheinlich in der Absicht, eine schräge Abflussfläche für das Kellerwasser herzustellen. Das war nicht weiter auffällig, sondern eine Einrichtung, welche dieser Keller mit fast allen anderen in New York gemeinsam hatte.

Nichtsdestoweniger verdoppelte Nick Carter seine Aufmerksamkeit. Sorgfältig betrachtete er die mit Zement verstrichenen Seitenränder der einzelnen Mauersteine. Dann ging ein triumphierendes Lächeln über seine Züge.

Nick Carter hatte einen Backstein entdeckt, der nicht gleich den Übrigen mittels Zement verkittet war, sondern lose in den Fugen ruhte und augenscheinlich schon häufig vom Platz genommen und herausgeschoben worden war. Das zeigten unverkennbare Abnutzungsspuren an den oberen Seitenrändern an.