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Hannikel – 14. Teil

Christian Friedrich Wittich
Hannikel
oder die Räuber- und Mörderbande, welche in Sulz am Neckar in Verhaft genommen und daselbst am 17. Juli 1787 justifiziert wurde
Verlag Jacob Friderich Heerbrandt, Tübingen, 1787

Hannikel war in seinem ganzen Leben nie krank und ist sich auch sonst keines einzigen körperlichen Leidens bewusst.

Gefangen wurde er nur ein einziges Mal, und zwar zu Dunzdorf, wo er mit des dortigen Schultheißens Sohn Händel bekam und zur Strafe einen Tag und eine Nacht eingesperrt, sodann aber mit einer Tracht Schläge wieder entlassen wurde.

Seit 20 Jahren führte er immer ein scharf geladenes Gewehr mit sich, um in jedem Fall Gebrauch davon zu machen. Bekam er an einem Tag nichts zu schießen, so zog er des Abends oder den nächsten Morgen den Schuss aus seiner Flinte oder Muskete und lud frisch, um sich immer auf jeden Abdruck des Losgehens zu versichern.

Besondere Künste, die man sonst den Zigeunern zuzuschreiben pflegt, konnte er keine. Er bezeugte, dass die heutigen Zigeuner sie nicht mehr von ihren Voreltern geerbt hätten; und dass auch jene unter ihnen in vorigen Zeiten übliche unmenschliche Grausamkeit, ihre betagten Eltern und Großeltern, wenn solche nicht mehr fortkommen konnten, lebendig zu verscharren, ganz abgeschafft worden sei.

Als man ihn um die Entschuldigungsgründe seiner vielen und schweren Verbrechen fragte, so entschuldigte er sich folgendermaßen:

Zigeunerisch/Deutsch


Dikeu rala rikerte man tschila tscheski.

Von Jugend auf hat mich niemand zum Guten angehalten.


Dsigio maskaral tshoa rindi; dela raker di man.

Ich geriet frühzeitig in böse Gesellschaft und wurde verführt.


Weil Guno Haskumo soroloter maskaral malendi jo Hunke galasa kowo honi srgiter Hakajame.

Da ich nun der Stärkste und Beherzteste unter all meinen Kameraden war,
so kam nach unserer Sitte das Binden und Plagen der Leute immer zuerst an mich.


Weil daperdeman ra chagar; dariasga ne da watschi Dologooweski.

Weil man mich nun so lange nicht erwischte, so wurde ich nach und nach sicher.


Guni buta geiom abe diboldasdi; und riker domgar ke Sünd daki.

Neben diesem machte ich mich ja meistens nur über die Juden her, und das hielt ich für keine Sünde.


Weil di schundum lender bud wei di hiena egadschi ne leneles ke baro Gaweski.

Weil ich oft von ihnen gehört habe, dass auch sie die Leute betrügen.


 

*

 

Nebenher legte er immer auch die Schuld auf diejenige, die ihnen die gestohlenen Waren abgekauft hatten. »Hätten wir«, sagte er, »nicht gewusst, wo und wie wir unser Geraubtes unterbringen und verschließen könnten, so würde das Stehlen von selbst unterblieben sein.«

Hannikel bat es sich gleich zu Beginn seines Verhörs in Sulz aus, dass man ,noch ehe das über ihn gefällte Urteil vollzogen würde, die Gnade für ihn haben und ihn durch einen Geistlichen mit seiner Räther kopulieren möge, welches ihm auch willfahrt wurde.

Überhaupt aber ist die außerordentliche Anhänglichkeit und Neigung, welche Zigeuner gegeneinander haben, nicht genug zu bewundern. Wann ihrer mehrere zur Konfrontation zusammen ins Verhör kamen, so war dies immer ihr Erstes, dass sie mit offenen Armen aufeinander zuliefen, Busen an Busen, Mund auf Mund drückten und unter unzählbaren Küssen und Vermischung häufiger Tränen einander die Freude ihres Wiedersehens zu erkennen gaben. In eben dieser, für den Zuschauer wirklich rührenden Stellung nahmen sie nachher auch wieder voneinander Abschied. Es kostete oft viele Mühe, bis sie voneinander losgerissen wurden.

Wenzel,

Hannikels Stiefbruder, ist ungefähr 30 Jahre alt. Sein Taufname ist Franz. Er wurde zu Großtänchen in Deutsch-Lothringen geboren und bekennt sich zu der katholischen Religion. Sein Vater, auch ein Zigeuner, stand ehemals lange unter dem Fischerischen Freikorps. Da er ihm frühzeitig entrissen wurde, so erzog ihn seine Mutter, die Geißin allein. Die verderblichen Grundsätze, die sie ihm nach und nach beibrachte, habe ich schon oben angeführt.

Schon in seinem 17. Jahr hing er sich an eine gewisse Räther die aber nicht länger als einen Winter bei ihm blieb. Seine zweite Beischläferin war die Mantua. Mit dieser trieb er 5 Jahre sein Wesen und zeugte während dieser Zeit 4 Kinder mit ihr, davon aber nur noch 3 am Leben sind. Ein Beweis, wie einträglich sie ihm bei seinem Gewerbe war, ist auch dieses, dass sie ihm vor ungefähr 8 Jahren 6 doppelte Karolin, die sie in einem Haus in Stuttgart durch Wahrsagen erwischte und 90 Gulden, die sie auf gleiche Weise einem Bauern in dem Ehlenboger Tal abplauderte, überbrachte.

Achtzehn Jahre lief er unter der Räuberbande und war immer seines Bruders Hannikel treuer Spießgeselle. Doch legte er nur selten ans Misshandeln und Martern der Leute selbst die Hand, sondern versah meist beim Einbruch seiner Kameraden die Wache, wobei er, wenn er Widerstand fand, immer Feuer gab.

Manchmal war er auch mit dabei, wenn Hannikel abwesend war.

So überfiel er zu Niederbronn adliger Herrschaft in der Nacht vom 12. Auf den 13. März 1779 mit zwölf seiner Kameraden den dortigen Juden Kain Wolf. Sieben von den Zigeunern brachen mit Gewalt in die Stube, um sein Warenlager zu plündern.

Die Übrigen, worunter Wenzel auch war, hielten die Wache. Der beherzte Jude hatte Mut genug, sich zu wehren, und drückte seinen Pistol auf sie ab. Er verfehlte aber seine Räuber und sah sich zuletzt genötigt, die Flucht durchs Stubenfenster auf die Gasse zu nehmen. Er schrie durch ein fürchterliches Feurio die Leute aus dem Bett und verfolgte mit ihnen das Diebsgesindel. Allein fort war es, mit einem Pack seiner Waren, dessen Wert nach eidlicher Angabe auf 8000 Livres oder 3667 fl. geschätzt wurde.

Die ganze Summe der wirklich gerichtlich untersuchten und ganz erwiesenen Diebstähle des Wenzels belief sich auf 35.092 fl. 17 kr.

Nachdem Toni ihm die Mantua entführt hatte, lief eine gewisse Rösel mit ihm, die aber nur ein Jahr bei ihm aushielt. Nach ihr wurde Katharina Lagerin, die sonst nur die Hanns hieß, seine Beischläferin. In ihrem 16. Jahr gebar sie ihm schon das erste Kind. Sie war mit unter den Gefangenen in Chur, wurde nach Sulz transportiert, erkrankte vor einigen Wochen und starb im Gefängnis.

Vor 5 Jahren kam Wenzel mit der Mantua zu Wildberg in Verhaft. Da sie aber durchaus nichts eingestehen wollten, wurden sie unter ernstlichen Bedrohungen endlich wieder entlassen.

Auch in Sulz legte er sich bei den ersten Verhören aufs hartnäckigste Ableugnen seiner schwarzen Taten und folgte diesfalls ganz genau der Weisung, die ihm sein Bruder Hannikel gab. Erst dann, als sein 12-jähriges Mädchen Therese seine Knie umfasste und ihn unter vielen Tränen ganz wehmütig bat, die Wahrheit zu bekennen, brach ihm das Herz, dass er seinen Mund zum Geständnis öffnete.

Sein schweres Vergehen entschuldigte er mit der Armut, der schlechten Erziehung seiner Eltern, der bösen Gesellschaft, besonders der Verführung seines Bruders Hannikel und der Verleitung einiger Pirmasenser, die ihnen das gestohlene Silber wieder abgekauft hätten. »Ich weiß wohl«, fügte er hinzu, »dass sonst Mord und gewaltsame Diebstähle mit dem Tod bestraft werden. Ich wurde aber dadurch sicher gemacht, da ich hörte, dass in den gegenwärtigen Zeiten selbst Mörder und Räuber am Leben gelassen und bloß zu Zuchthaus verurteilt werden.«

Seinen Anteil an Tonis Mord legte er ganz auf Hannikel. Nie, sagte er, würden Hiebe, die er ihm über die Stirn versetzte, von so gefährlichen Folgen gewesen sein, wenn ihm nicht sein böser Bruder die Hände gehalten hätte. Gewiss, beschloss er, würde die ganze schreckliche Tat unterblieben sein, hätte nur dieser als ihr Ältester und Anführer ihr Vorhaben missbilligt und abgeraten.

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