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Dark Empire

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Der Fackelzug

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Romantruhe-Western Band 44

Hal Warner
Romantruhe-Western Band 44
Höllenbrüder

Western, Paperback, Romantruhe, Kerpen-Türnich, November 2019, 64 Seiten, 4,95 Euro, Titelbild: Romantruhe-Archiv
www.romantruhe.de

Kurzinhalt:
Creek, die wilde Goldgräber­stadt, war trotz der Kälte zu nächtlichem Leben erwacht. Sie täuschte einen Glanz vor, den es in Wahrheit nicht gab. Höl­zerne Fassaden, von zahllosen Lichtern erhellt und mit verlo­ckenden Aufschriften versehen, wechselten einander in bunter Reihenfolge ab. Unbeschreibli­cher Lärm drang aus den Spiel­höllen, Tanzpalästen und den vielen anderen Amüsierlokalen …

Leseprobe

Es war ein klarer Spätwinter­tag. Die Luft war scharf wie ein geschliffenes Messer und brann­te im Gesicht. Über dem Creek lagerten Nebelfelder, und die Steine am Ufer trugen Hauben aus glitzerndem Schnee.

Hadley Parker hatte die Rech­te in der warmen Jackentasche vergraben und atmete mit ge­schlossenem Mund. Die Luft, die er ausstieß, bildete eine wei­ße Wolke. Auch von den Nüs­tern des Rotschimmels stiegen Dampfwolken auf. Der gefrorene Schnee knirschte unter den Hu­fen.

Überall an den Hängen sah Hadley Goldgräberhütten. Viele waren jetzt unbewohnt, denn ihre Besitzer waren im Herbst fortgezogen. Doch aus den meis­ten wölkte Rauch in den blass­blauen Himmel.

Da und dort brannten auch of­fene Feuer, an denen die Männer sich wärmten.

Noch ruhte die Arbeit auf den Claims, noch behütete das Eis die Schätze im Boden. Die Män­ner gingen dem Müßiggang nach, sofern sie nicht mit Brennholz­beschaffung beschäftigt waren. Bald jedoch würde es ringsum wieder wimmeln wie auf einem Ameisenhaufen, würde überall wieder das Klirren von Spitzha­cken zu hören sein.

Nach Pikes Peak waren es nur etwa fünfzehn Meilen, die Hadley bis zum Nachmittag schaffte. Ihn überkam leise Unruhe. Bald würde er den beiden Menschen gegenüberstehen, derentwegen er seit Monaten unterwegs war.

Er ritt zwischen die Häuser, von deren Dächern das Wasser tropfte. In Pelzjacken gehüll­te Männer stampften durch Schlamm und tauenden Schnee. Männer, deren Heimat oft tau­send oder zweitausend Meilen entfernt war. In den Saloons suchten sie für Stunden ihre Ein­samkeit zu vergessen.

Der Rotschimmel dampfte. Hadley zügelte ihn vor einem bärtigen Mann, der vor seiner Hütte mit Holzspalten beschäf­tigt war, und fragte ihn nach dem Rosy Time Saloon.

Der Mann legte die Axt aus der Hand und wischte sich die trop­fende Nase.

»Der ist neben dem Mietstall«, sagte er. »Und den können Sie von hier aus sehen.« Er zeigte mit der rechten Hand auf das betref­fende Gebäude.

»Danke.« Hadley ritt weiter.

Im Mietstall, wo er auch sein Gepäck zurückließ, übergab er sein Pferd einem nach Alkohol riechenden Burschen. Dann machte er sich auf den Weg zum Rosy Time Saloon.

Es war ein Bauwerk aus Bal­ken und Brettern, das große Ähnlichkeit mit einer Scheune hatte. Hadley trat hinter zwei Männern ein und verharrte ne­ben dem Eingang an der Wand, um sich erst einmal umzusehen.

Hinter der rohen Bretterthe­ke wog ein spitzbärtiger Keeper Goldstaub ab und füllte Whiskey in kleine Blechbüchsen, die als Ersatz für Gläser dienten. An den Tischen wurde getrunken, gespielt und geflucht. Eine jun­ge Frau mit kastanienbraunem Haar bewegte sich dazwischen und wich, ein müdes Lächeln auf den Lippen, einem grölen­den Goldgräber aus, der nach ihr fassen wollte. Sie schob sich durch die Menge und stellte eine Flasche auf den Tisch.

Dann sah sie Hadley. Vor Schreck fiel ihr fast das Tab­lett aus der Hand. Sie fuhr sich über die Augen, als sei sie einer Sinnestäuschung erlegen. Dann stand sie wie erstarrt und war nicht fähig, sich von der Stelle zu rühren.

Hadley löste sich von der Wand und trat auf Sheila zu. Er sah, dass sie sich verändert hatte. Er hatte ein rosiges, frisches Ge­sicht in Erinnerung und Augen, in denen der Schalk blitzte. Jetzt blickte er in ein Gesicht, das blass und abgezehrt war. Von ih­rer einst so stolzen Haltung war nicht viel übrig geblieben. Ihr Anblick schmerzte ihn tief.

»Hadley!«, rief Sheila fassungs­los. »Du …?«

»Hallo, Sheila!«, sagte er, nahm die Hand, die sie ihm reichte, und blickte sie dann stumm und forschend an. Nur mit Mühe hielt Sheila seinem Blick stand.

»Wie kommst du hierher?«, fragte sie.

»Ich bin schon im Herbst nach Colorado gekommen. Zuletzt war ich in Cripple Creek und davor in Goldfield und anderen Camps.« Hadley ließ Sheilas Hand los und sah sich erneut in dem primitiv eingerichteten Schankraum um.

»Keine sehr feine Umgebung«, sagte Sheila. »Aber es sieht hier überall so aus. Komm, Had, wir gehen nach nebenan.«

Er folgte ihr zu einer Tür, die sie dann hinter beiden schloss.

»Setz dich, Had.«

Er nahm Platz. Sheila brachte eine Flasche und ein Glas.

»Du hast uns also gesucht«, sagte sie, während sie Whiskey eingoss. Ihre Hände zitterten leicht.

»Ja.« Er nickte.

»Und warum?«

Hadley erhob sich, trat an Sheila heran und ergriff sie an den Schultern.

»Ich möchte wissen, ob du aus freien Stücken aus Nebras­ ka fortgegangen bist«, sagte er ernst.

»Ja, es war mein freier Ent­schluss. Ich habe es mir damals gut überlegt.«

»Und du hast es nicht bereut? Gib mir eine ehrliche Antwort, Sheila!«

Sie machte sich von seinen Händen frei und setzte sich auf der anderen Seite des Tisches auf einen Stuhl.

»Ich liebe Shefford«, sagte sie. »Als du in Lincoln im Hospital lagst, brachte ich nicht den Mut auf, es dir zu sagen. Tut mir leid, dass ich dir wehgetan habe.«

Hadley schwieg und betrach­tete Sheila. Ihre Brüste, die sich unter dem anliegenden Wollkleid hastig hoben und senkten, ver­rieten ihre Erregung. Gewiss, sie war noch immer schön und be­gehrenswert, aber sie war nicht mehr die Frau, die er einmal ge­liebt hatte. Ein Jahr war vergan­gen, und viel hatte sich geändert. Was ihn hierher getrieben hatte, war das Verlangen, die Wahrheit zu erfahren.

»Ich komme nur deinetwegen«, erklärte er plötzlich. »Und ich glaube, dass du dich hier nicht wohlfühlst. Ein Wort von dir wür­de genügen, um dich von hier fortzubringen, was immer auch sein könnte.«

»Davon kann kein Reden sei, Had. Ich sagte doch schon, dass ich Shefford liebe.«

»Aber ich sehe keinen Ring an deinem Finger. Keinen, wie man ihn trägt, wenn man verheiratet ist.«

»Shefford meint, das hat noch Zeit.«

»So, das meint er also. Und wie denkst du darüber?«

Sheila Ameson zuckte die Schultern.

»Trink doch, Had. Der Whiskey ist echt.«

Er zwang das Mädchen, ihn anzusehen.

»Beantworte meine Frage, Sheila. Wie denkst du darüber?«

»Im Frühjahr kommt sicher einmal ein Priester hier durch. Genügt dir das, Had?«

»Wenn Shefford das gesagt hat, dann genügt es mir.«

Nach diesen Worten trank Hadley. Warm rann der Whiskey seine Kehle hinunter und weckte seine Lebensgeister.

»Wo ist Shefford überhaupt?«, fragte er.

»Bei Freunden.«

»Er spielt also wieder?«

»Ja, Had. Aber er scheint meis­tens Glück zu haben. Sicher wird er bald kommen.«

»Dann ist es vielleicht gut, wenn ich dir etwas sage, bevor er hier ist.«

»Was, Had?«

»Dass ich immer bereit bin, dir zu helfen.«

»Du willst hierbleiben?«, fragte Sheila überrascht.

»Ich brauche keine Hilfe, Had. Und, bitte, mach Shefford kei­ne Vorwürfe. Es ist alles meine Schuld.«

Hadley antwortete nicht. Se­kundenlang herrschte Schwei­gen. Durch die dünne Tür drang das Grölen betrunkener Männer.

Sheila fuhr fort: »Außerdem bin ich jetzt erwachsen. Nie­mand braucht sich für mich ver­antwortlich zu fühlen.«

»Trotzdem halte ich mein An­gebot aufrecht. Wenn du mal in eine schlimme Lage kommen solltest, dann wende dich an mich.«

Sheila wollte etwas erwidern, als die Tür aufging und ein jun­ger Mann eintrat. Verblüfft blieb er stehen und schüttelte den Kopf.

»Hadley! Das ist doch nicht möglich!«

»Hallo, Shefford!«, sagte Had­ley kühl. Er erhob sich und blick­te den Bruder ernst und prüfend an. Shefford war achtundzwanzig und passte im Alter gut zu Shei­la. Offenbar ging es ihm nicht schlecht, denn er war tadellos gekleidet und wirkte sehr zufrie­den. Aber das wilde Leben in den Goldcamps war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Seine Mundwinkel waren nach unten gebogen und gaben seinem gut geschnittenen Gesicht ein bruta­les Aussehen.

Shefford neigte schon immer dazu, das Abenteuer zu suchen, und Hadley wusste mit einem Mal, dass es nicht Sheila gewe­sen war, die darauf gedrängt hat­te, nach Colorado zu gehen.

Shefford schob die Tür zu, kam zum Tisch und erwiderte den Blick des Bruders.

»Es ist schön, dass du da bist«, sagte er, aber in seiner Stimme war keine Herzlichkeit.

Sheila bemerkte die Spannung zwischen den beiden.

»Wollt ihr euch nicht die Hand geben?«, fragte sie mit erzwunge­ner Heiterkeit.

Da streckte Hadley die Rechte aus, und Shefford nahm sie. Aber der Händedruck war nur kurz. Shefford ließ sich auf einen Stuhl fallen und streckte die Beine von sich. Er sah Hadley forschend an.

»Tut mir leid, dass ich dich hintergangen habe, Had. Aber diesmal war es mir ernst.«

Die Worte waren leicht hinge­worfen und überzeugten Hadley nicht. Aber er wollte jetzt keinen Streit.

»Reden wir nicht darüber«, entgegnete er. »Sag mir lieber, wie es dir geht.«

Shefford grinste.

»Ich kann mich nicht bekla­gen. Der Laden hier läuft groß­artig. Bis der Goldrausch vorbei ist, werde ich ein Vermögen ge­macht haben.«

»Du und Sheila, willst du wohl sagen.«

»Natürlich.« Shefford warf Sheila einen schnellen Blick zu.

»Sie macht ja die halbe Arbeit. Ohne sie wäre ich fast hilflos. In einem Jahr sind wir vielleicht schon so weit, dass wir irgendwo etwas Richtiges anfangen kön­nen.«

»Ich hoffe, dass es euch ge­lingt«, erwiderte Hadley.

Dann breitete sich Schweigen aus.

Als es unerträglich zu werden begann, sagte Sheila: »Had hat gesagt, dass er hierbleiben wird.«

»So?«, dehnte Shefford. »Das freut mich. Was hast du vor, Had? Willst du nach Gold graben?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Brauchst du Geld? Ich kann dir aushelfen.«

»Nein, danke.«

»Aber du hast sicher Hunger. Sheila, bring ihm was zu essen.«

»Ich habe schon gegessen«, log Hadley. »Was ich brauche, ist ein Zimmer.«

»Da kann ich dir vielleicht ei­nen Tipp geben. Ich kenne einige c<

»Danke, ich suche mir schon selber was«, unterbrach Hadley den Bruder, wandte sich an Shei­la und reichte ihr die Hand.

»Du willst doch nicht schon gehen?«, fragte sie.

»Doch, Sheila. Wir sehen uns ein andermal.« Hadley verab­schiedete sich und ging.

Als er sich draußen im Freien nochmals umdrehte, sah er, dass ihm der Bruder durchs Fenster nachblickte.

 

***

 

Die Sonne hatte die Main Street in einen breiigen Morast verwandelt, durch den sich die Fuhrwerke quälten. Wer zu Fuß unterwegs war, hatte alle Mühe, nicht zu versinken.

Hadley Parker hatte in einem der vielen Saloons einen Whiskey getrunken. Jetzt trat er ins Freie und zündete sich vor dem Ein­gang eine Zigarette an. Das noch brennende Streichholz schnipp­te er in den Schlamm, wo es zi­schend verlosch.

Während er die ersten Züge rauchte, ließ er seinen Blick auf die andere Straßenseite wandern, wo ein paar grellge­schminkte Mädchen, nach Kun­den Ausschau haltend, vor einem Blockhaus standen. Ein Stück weiter lungerten zwei Kerle he­rum, denen man ansah, dass sie für fünf Dollar einen Mord bege­hen würden.

Hadleys Gedanken waren bei Sheila und Shefford. Wie es aus­sah, war zwischen den beiden al­les in Ordnung. Dennoch glaubte er zu wissen, dass Sheila nicht glücklich war. Nur zu deutlich sah er ihr Gesicht vor sich, als sie im Rosy Time Saloon die lärmen­den Goldgräber bediente.

Außerdem kannte er seinen Bruder nur zu gut. Er wusste, wie leicht er eine Frau gewann und wie schnell er sie wieder fortwarf. Shefford sah blendend aus und hatte auch viel Charme, wenn es darauf ankam.