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Der Detektiv – Der blinde Brahmane – 2. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient
Der blinde Brahmane

2. Kapitel

Der Irrgarten der Tempelruinen

Wir erhoben uns. Der Kasten schlug um. Aber was tat uns das jetzt? Wir waren gute Schwimmer.

Ich sah nun, dass wir uns in einem gemauerten, riesigen Bassin befanden, zu dessen trübem Wasser vier Steintreppen hinabführten. Ich hatte erwartet, dass auf dem Rand des Bassins vielleicht Leute als Zuschauer noch stehen würden, die uns hier wie räudige Katzen hatten ertränken wollen. Es war jedoch kein Mensch zu erblicken. Lediglich ein paar Palmenkronen und Mauertrümmer von Türmen ragten über den Bassinrand so hoch hinweg, dass man sie gerade noch gewahr wurde.

Harst schwamm mir voran der einen Treppe zu. Unsere Revolver hatten wir in der Hand behalten, und das Erste, was Harst nun tat, war eine oberflächliche Säuberung der Waffen und eine Ergänzung der Ladung. Wortlos tat er es, ließ dabei seine Blicke immer wieder über die Mauerkrone des Bassins schweifen, als argwöhne er eine neue Teufelei.

Unsere nassen Leinenanzüge waren uns nicht weiter lästig. Sie würden bei der herrschenden Hitze in Kurzem trocknen. Nun reichte Harst mir meine Waffe und meinte: »So, nun können wir versuchen, von hier fortzukommen. Weißt du, was dieses gemauerte Bassin vorstellt? Es ist eine heilige Badestelle der Hindu. Du siehst es dem Wasser an, dass es geradezu ekelhaft schmutzig ist. Es wird auch nur von Zeit zu Zeit ergänzt, denn die Geschichte ist verdammt kostspielig, da es aus dem heiligen Strom, dem Ganges, stammt und in großen Behältern mit der Bahn herbeigeschafft werden muss. Solche Badebassins findest du hier in Indien in allen größeren Orten. Es gibt bekanntlich keine Religion, die so seltsame und zahllose Gebräuche hat wie der Brahmanismus. Du wirst staunen, was du in dieser Beziehung hier alles erlebst!«

Er stieg die Stufen langsam hinan, lugte über den Rand der Mauer hinweg. Das Bassin stand im Hofraum eines ausgedehnten, alten Tempels, dessen Reste bereits derart mit Unkraut überwuchert waren, dass man nur noch die Türme als Mauerwerk auf den ersten Blick erkennen konnte. Die Baulichkeiten bildeten grüne Hügel, in denen sich dunkle Löcher öffneten: die einstigen Türen und Torbögen. Der Hof selbst, mit uralten Palmen und knorrigen baumartigen Büschen bestanden, war mit Steinfliesen ausgelegt, die sternförmig Wege zum Bassin bildeten. Das Ganze wirkte wie ein Traum aus Märchentagen, zumal die Riesenblüten der Büsche geradezu betäubende Duftwellen ausströmten und die einzigen lebenden Wesen hier ein Dutzend Pfauhähne waren, die gravitätisch mit ihren aufgerichteten, schillernden Prachtschweifen einherstolzierten.

Noch etwas befand sich hier: ein zweiräderiger Handwagen aus Bambusstangen mit Holzscheiben als Rädern dicht an der nächsten Treppe, die zur Höhe des Bassins emporführte.

Harst ließ seine Blicke noch immer umherschweifen. Dann sagte er: »Ich kenne diese Tempelruinen. Sie liegen nördlich des Rennplatzes von Bombay. Ihr Betreten ist jedem Nichthindu verboten. Die englische Regierung hält sehr streng darauf, dass das religiöse Empfinden der Inder in keiner Weise verletzt wird. Wir wollen uns daher auch schleunig und möglichst unbemerkt davonmachen.« Er deutete auf die Räderspur des Karrens, die in den zwischen den Steinfliesen wuchernden Gräsern deutlich sichtbar war und auf einen dunklen, von Schlinggewächsen halb verdeckten Torbogen zulief. »Dort geht es ins Freie, Schraut. Nimm den Revolver entsichert in die Hand. Und schieße sofort, wenn dir etwas verdächtig erscheint. Trotz des hier herrschenden Friedens traue ich der Geschichte nicht!«

Er schritt wieder voran. Die Treppe war steil, die in den Hof hinabging. Kein Wunder, dass die Leute, die uns samt dem Wagen zur Höhe des Bassins emporgeschleppt hatten, uns mit so groben Stößen durchrütteln mussten, bevor sie unseren Schlangenkasten dann durch Umkippen des Wagens ins Wasser beförderten.

»Es müssen ihrer vier gewesen sein«, meinte Harst, den Kopf nach mir zurückwendend. Er hatte also genau gewusst, dass ich in diesem Moment an unsere Schieber gedacht hatte. »Zwei oder drei hätten den Wagen nicht nach oben bekommen. Natürlich Spießgesellen Warbattys, die nun überzeugt sind, die Befehle ihres Herrn und Meisters tadellos ausgeführt zu haben.« Er lachte leise auf. »Die Halunken kommen mir hoffentlich noch vor die Revolvermündung! Dann sollen sie erleben, dass Harald Harst auf zwanzig Schritt jedes As aus einer Karte schießt, wenn der Revolver nicht gerade zu schlecht ist.«

Er probierte nun seine Taschenlampe. Sie hatte durch das Wasser nicht gelitten. Vor uns lag nun das finstere Loch. Kein in der Ferne schimmernder Lichtschein zeigte, wo dieser offenbar sehr lange, tunnelartige Gang endete. Harst trat ein, ging sehr behutsam auf Zehenspitzen, ließ den Lichtkegel unermüdlich umhergleiten und hielt den Revolver mit halb erhobenem Arm schussbereit.

Dieser gewölbte, mit Marmorplatten überall ausgelegte Tempelgang hatte verschiedene Abzweigungen. Harst blieb nach etwa drei Minuten stehen, leuchtete den Fliesenboden ab, schüttelte ärgerlich den Kopf und flüsterte: »Hier fehlen die Gräser, die den Abdruck der Räder des Handwagens wenigstens einen Tag festgehalten hätten. Wir müssen daher auf gut Glück den Ausgang suchen. Zurzeit sind wir fraglos in einem unterirdischen Teil des alten Tempels. Der Gang hat sich bis hierher etwa um acht Meter gesenkt.«

Er schritt wieder weiter. Meine siegesgewisse Heiterkeit, die nach der glücklichen Rettung aus dem ekelhaften Bassin einigermaßen berechtigt gewesen, schwand nun schnell dahin. Abermals verstrichen fünf Minuten mit planlosem Umherirren durch stockdunkle Gänge, kleine Nischen und zumeist achteckige Räume, in denen stets auf niedrigen Postamenten scheußliche Tongötzen uns entgegengrinsten oder blutbespritzte Opfersteine uns bewiesen, dass die Bekenner Brahmas hier noch heute ihre religiösen Feiern abhielten. Die lautlose Stille ringsum war nervenaufreizender als der ärgste Straßenlärm einer Großstadt. Nicht einmal Ratten gab es hier. Und dieses Ungeziefer ist doch überall zu finden, in Wahrheit international.

Wieder machte mein Freund und Brotherr halt. »Lieber Schraut, du lernst hier gleich einen jener kleinen Bauspäße kennen, die die altindischen Baukünstler sich sehr gerne leisteten. Der sogenannte Irrgarten ist eine Erfindung des Orients und erst durch die Kreuzzüge nach Europa verpflanzt worden. Dieser Höhlentempel stellt einen Irrgarten dar. Du wirst schon gemerkt haben, dass die Nischen und Achtecke sich wie ein Ei dem anderen gleichen. Bei diesem planlosen …«

Irgendwo in der Ferne erklang ein vielstimmiger Schrei, der Harst genauso wie mich entsetzt zusammenfahren ließ. Die Steinwände der sich kreuzenden zahllosen Gänge warfen dieses heisere Kreischen, dem nach einigen Sekunden einzelne ähnliche Töne folgten, so deutlich zurück, dass es klang, als müsste der schauerliche Lärm dicht vor uns entstanden sein.

Harst lauschte. »Affen – heilige Affen!«, sagte er dann. »Du wirst wohl schon mal was von dem Affentempel in Benares gehört haben, Schraut. Dort werden diese Viecher zu Hunderten zu Ehren irgendeiner Gottheit gemästet. Und wehe dem, der so eine verwöhnte Bestie tötet! Auch da würde der englische Kolonialrichter sofort eingreifen. Ah, schon wieder das Gezeter! Komm, es muss ganz in der Nähe sein!« Er riss das Futter aus seiner schwierigen Mütze und zerfetzte es zu kleinen Stücken, warf immer eins davon nach etwa fünf Schritten auf den Boden, damit wir denselben Weg nicht zwecklos zweimal machten.

Harst ließ sich durch das immer deutlicher werdende Geschnatter der Affen leiten. Plötzlich dann vor uns ein breiter Strich grellsten Sonnenlichtes. Wir wagten uns jedoch nur so weit vorwärts, dass wir durch die Toröffnung des Ganges einen Teil des kreisrunden, schüsselartigen Hofes überblicken konnten, in dessen Mitte zwischen den Trümmern eines eingestürzten Turmes Büsche, Palmen und andere tropische Bäume einen dichten Hain bildeten. Die Kronen dieser Bäume und die Mauerreste waren besetzt von einer Affenherde langschwänzigen, graugrünen Gesellen, die mit allerhand Wurfgeschossen nach einem Mann zielten, der mit dem Rücken nach uns hin vor einem Götzenbildnis kniete und unausgesetzt ein Dornenbündel nach hinten auf seinen nackten Rücken fallen ließ.

Dieser mit einer Schmutzkruste bedeckte braune Kerl trug einen blendend weißen Turban, sonst nur noch einen Lendenschurz aus Bastgeflecht.

»Ein Heiliger – ein Brahmane!«, flüsterte Harst. »Der Schmutzfink hat sich mit dem Mist heiliger Kühe über und über eingerieben. Derartige Hauteinsalbungen sind hier bei den Frömmsten der Frommen genau so beliebt wie bei unseren Damen der natürlich französische Puder. Leider verbreiten diese Kuhdüngerverehrer Düfte, die nicht gerade angenehm sind.«

Unter dem weißen Turban hing dem Brahmanen sein zottiger Haarwust ins Genick, für den man daheim den Ausdruck Weichselzopf gebraucht hätte. Der Heilige schlug unablässig mit den Dornen seinen Rücken, ganz unbekümmert um die Affen, die mit Ästen, Steinen und Kot nach ihm warfen.

Harst stieß mich an. »Da rechts, das sind fraglos die Hüter dieses Heiligtums, ebenfalls Brahmanen.«

Ich blickte hin. Dort hockten regungslos mit untergeschlagenen Beinen vier Inder vor einer niedrigen Mauerpforte und stierten in ein Kupferbecken hinein, dem leichter Dunst entstieg.

Harst zog mich wieder tiefer in den Gang zurück. »Wir müssen schleunigst von hier fort«, meinte er. »Ich hatte gehofft, dieser ausgedehnte Komplex von ober- und unterirdischen Tempeln sei unbewohnt. Suchen wir jetzt den Ausgang mehr mit dem Verstand als mit den Augen.«

Er wandte seine Aufmerksamkeit nun lediglich dem Fliesenboden zu. In der Tat fand er auch bald in einem Gang etwas wie eine durch die häufige Benutzung ausgetretene Rinne, der wir nun mit aller Vorsicht folgten. Nach einigen Fehlschlägen und einer weiteren halben Stunde in diesem verwünschten Irrgarten gelangten wir ins Freie, das heißt in eine enge Gasse zwischen Ruinen. Diese Gasse lief nach links in einen Palmenwald hinaus, nach rechts aber in ein finsteres, hohes Torgewölbe hinein. Wir wandten uns also nach links. Ich atmete erleichtert auf, als uns nur noch wenige Schritte von den ersten Palmen trennten. Auch Harst schlug nun ein schnelleres Tempo ein, prallte dann jedoch ganz plötzlich zurück, riss mich halb in die Ranken der über die Mauerreste wie Vorhänge hinabfallenden Schlingpflanzen hinein und raunte mir zu: »Der zottelige Schmutzfink sitzt dort links neben dem Ausgang und neben ihm ein kleines Hindumädchen. Was nun? Wenn der braune Kerl uns sieht, schlägt er sofort Lärm, verfolgt uns und sorgt für unsere Verhaftung. Dann können wir uns auf ein paar Tage Loch gefasst machen wegen Tempelentweihung!«

»Ich denke, wir werden doch wohl etwas flinker sein als der Heilige«, meinte ich. »Und dieser Warnungsapparat tut auch ein Übriges!« Dabei hob ich meinen Revolver in Brusthöhe.

»Gut, versuchen wir es. Es hilft auch nichts. Hinaus müssen wir unbedingt.«

Auf unseren Segeltuchschuhen schlichen wir wie die Katzen weiter. Nun erblickte auch ich den Brahmanen. Er und das Mädchen, ein Kind von wohl kaum zehn Jahren, saßen mit den Gesichtern zum Palmenwald zu. Wir kamen unbemerkt mit ihnen auf eine Höhe. Dann rannten wir vorwärts.

Hinter uns kreischte das Mädchen her, brüllte auch der Heilige in allen Tonarten. Ich wagte einen Blick rückwärts. Die beiden Inder dort, der Brahmane und das Kind, standen und schauten uns nach, folgten uns aber nicht.

Zehn Minuten drauf erreichten wir den Rennplatz. Unsere Kleider waren längst trocken. Harst sagte mir, dass der Vorort, in dessen Straßen wir nun einbogen, Bykulia heiße und im Süden an das Eingeborenenviertel Black Town grenze.

Wir fragten uns bis zu einer Straßenbahnhaltestelle durch, von wo wir nach Malabar Hill hinüberfahren konnten. Nach weiteren zehn Minuten stiegen wir aus. Kapitän Joe Anderson hatte uns die Lage seines Bungalows genau beschrieben, am Südhang des 290 Meter hohen Kumbala-Berges. Wir fanden die reizende Holzvilla auch, die inmitten eines großen Gartens unter wahrhaft riesigen Palmen träumte.

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