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Der Detektiv – Die Zauberhand der Matani – 4. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient
Die Zauberhand der Matani

4. Kapitel

Die Zauberhand

Plumper ließ den Tisch abräumen. Dann brachte Schiparu, der Japaner, eine große, silberne Bowle, köstliche, geschliffene altindische Pokale, Zigarren, Zigaretten, Aschschalen, stellte ein Spirituslämpchen auf den Tisch und verschwand wieder.

Der Inspektor füllte die Pokale.

»Sie sind ein Geschenk des Maharadscha von Njejur«, sagte er stolz. »Man hat mir für die sechs Pokale, die ich besitze, bereits 10.000 Pfund geboten.« Er lächelte ein wenig. »Leider hatte der Bieter übersehen, dass ich selbst vielfacher Millionär bin.« Er hob den großen, blutroten Kelch gegen das Licht. »Ein wunderbarer Schliff! Auf Ihr Wohl, verehrte Gäste! Auf glückliche Zusammenarbeit gegen Cecil Warbatty.«

Die Bowle war wie ein Göttertrunk. Und die Tropennacht dazu. Dieser Sternhimmel! Diese Düfte des Gartens, die zu uns heraufdrangen, dieses Konzert von Riesenzikaden, diese fliegenden Laternchen der Riesenleuchtkäfer! Man muss das erlebt haben, um all den träumerischen Reiz dieser Gesamtheit begreifen zu können.

Harst hatte sich eine Zigarette angezündet, ohne die Marke zu beachten. Nach den ersten Zügen schaute er sich den Firmenaufdruck über dem Korkmundstück an.

»Ah, Karigni Freres, Bombay«, meinte er. »Das mahnt mich an mein Versprechen, lieber Schraut, und an meine Pflicht Ihnen gegenüber, verehrtester Inspektor. Also ich beginne …«

Was er uns nun mitteilte, soll an anderer Stelle in anderer Form nachgeholt werden. Ich will dem Leser die Spannung nicht rauben. Es wäre ein schriftstellerisches Ungeschick, nun schon einen Teil des höchst dramatischen Abschlusses dieses unseres Abenteuers mit Warbatty vorwegzunehmen.

Wir blieben bis gegen ein Uhr bei der Bowle zusammen. Unser Schlachtplan war genau festgelegt, als wir zu Bett gingen; der Schlachtplan gegen Warbatty.

Am Morgen gegen acht Uhr frühstückten wir allein, Harst und ich. Plumper war bereits unterwegs. Es gab noch so allerlei vorzubereiten für die Falle, in der unser Freund Cecil dieses Mal ganz sicher gefangen werden sollte. Unsere Verkleidungsrequisiten lagen auch schon bereit. Um neun Uhr verließen dann zwei den reicheren Kreisen angehörige, europäisch gekleidete Inder kurz nacheinander durch den Haupteingang die Polizeidirektion und folgten einzeln in Abständen von einigen zwanzig Schritt unauffällig einem weißen Matrosen, der scheinbar in Madras fremd war und alles in den Straßen gemächlich anstaunte, was es nur anzustaunen gab.

Dieser Matrose war Plumpers bester Detektiv Wellerton; die Inder aber waren Harst und ich.

So kamen wir gegen zehn Uhr vor das Gebäude, in dem das Altertumsmuseum von Madras untergebracht ist.

Das Museum ist täglich von 10 Uhr geöffnet. Jede größere indische Stadt verfügt zumindest über eine Sammlung von Altertümern. Für Leser, die einmal Indien besuchen sollten, möchte ich hier empfehlend auf das Albert Hall genannte Museum in Jeypur hinweisen; fraglos das Reichhaltigste, das es gibt, denn hier findet man auch lebend sämtliche Schlangen vor, die in Indien heimisch sind, darunter drei Riesenschlangen, die ein verbürgtes Alter von etwa sechzig Jahren und eine Länge von 6 bis 7 Metern haben. Dies so nebenbei.

Der Matrose betrat das Museum. Die beiden Inder desgleichen, aber wieder so, als ob sie nicht zusammengehörten.

Gleichzeitig flutete auch eine englische Touristengesellschaft von etwa 25 Personen unter Führung eines gewerbsmäßigen Erklärers in die weiten Räume.

Der Matrose schien für altindische Gewebe, Tischlerarbeiten und Schnitzereien nicht viel übrig zu haben und suchte sehr bald den ersten Stock auf, wo in kleineren Räumen die Raritäten untergebracht waren.

Hier gab es in der Tat Dinge, die zum Teil geradezu zum Gruseln lernen waren, so zum Beispiel in einem mächtigen Glasgefäß in Spiritus ein Stück einer Riesenschlange, welches durch Schwerthiebe aus ihrem Leib herausgehauen war und dessen Schnittfläche erkennen ließen, dass das Reptil gerade einen menschlichen Säugling verschluckt gehabt hatte; ferner ein halbes Gerippe, in dessen Rückgrat noch die Pfeilspitzen steckten, die den Lebenden vor Jahrhunderten im Kampf gefällt hatten. Kurz, hier waren alles nur Sehenswürdigkeiten aufgehäuft, die jeden deutschen Jahrmarktbudenbesitzer entzückt hätten.

In dem dritten Raume gewahrte ich (Harst war stets vor mir) vor einem Tischchen eine größere Anzahl von Besuchern, ebenfalls eine Touristengesellschaft, der ein brauner Fremdenführer soeben die wunderbare Geschichte der Zauberhand der indischen Fürstin Matani erzählte.

Wir traten gleichfalls hinzu, und ich erblickte nun in einem flachen Glaskasten, dessen Oberscheibe sehr dick war, auf einem Polster von bunter, indischer Seide eine braune Hand – eine rechte Hand, deren zierliche Formen und völlig naturgetreues Aussehen sofort auffielen. Mehr noch aber fiel der Schmuck auf, den diese hübsche Hand trug. Die Finger waren mit altertümlichen Brillantringen dicht besteckt, während auf dem Handrücken an goldenen Kettchen ein prachtvoller Diamant ruhte. Diese Kettchen liefen sowohl zu den Fingerringen hin als auch nach der goldenen Einfassung, welche die Schnittfläche der dicht über dem Gelenk scheinbar abgehauenen Hand verdeckte.

Der Fremdenführer leierte seine poetische Weisheit recht eintönig herunter.

»Die Hand besteht aus gediegenem Gold, ist mit einer feinen Wachsschicht überzogen und schon deshalb ein Kunstwerk allerersten Ranges, weil ihr naturgetreues Aussehen so deutlich ins Auges springt. Man könnte meinen, die Hand einer Leiche, einer soeben erst Verstorbenen, vor sich zu haben. Der Künstler hat sowohl die Hautfältchen, die Poren, die Falten an den Gelenken als auch die Fingernägel so täuschend herzustellen gewusst, wie dies heute kein Bildhauer fertig brächte. Es geht die Sage, dass der Fürstin Matani, als ihr Gemahl sie auf einer Untreue ertappt zu haben glaubte, zur Strafe die rechte Hand öffentlich abgeschlagen wurde. Aber Gott Brahma tat ein Wunder: Kaum war die Hand der Fürstin vom Arm getrennt, als aus dem Stumpf sofort eine neue hervorwuchs, während die abgeschlagene sich in Gold verwandelte. Da erkannte der Fürst, dass er seiner Gattin Unrecht getan hatte, nahm sie in Gnaden wieder auf und ließ die goldene Hand in feierlicher Weise zum Tempel tragen, wo sie dann unzählige Kranke heilte, die sie nur zu berühren brauchten, um zu genesen. Der Edelsteinschmuck der Hand ist echt und wird auf über eine Million geschätzt. Vor zwei Jahren haben europäische Diebe die Zauberhand der Matani zu rauben versucht. Seitdem liegt sie in diesem dicken Glaskasten, dessen Oberscheibe von drei Zentimeter Stärke nicht so leicht zu zertrümmern ist …«

Die Touristen schritten weiter. Der Matrose und wir begaben uns gleichfalls in den nächsten Raum. An dem Glaskasten waren nur ein Europäer und eine ältere Dame zurückgeblieben.

Harst warf mir plötzlich einen besonderen Blick zu. Ich wurde aufmerksam. Ganz unauffällig beobachtete ich das Paar nun durch die weit geöffnete, sehr breite Flügeltür.

Der Fremdenführer geleitete seine Herde nach einigen Minuten in ein Gemach zur rechten Hand, wo ausgestopfte heilige Tiere zu sehen waren: Affen, Kühe, Krokodile und auch ein Paar Haifische von der Gattung Hammerhai, die auf dem Kopf einen dicken Wulst haben; daher Hammerhai.

Der Matrose, Harst und ich waren in der Tür dieses Nebenraumes stehen geblieben.

Vielleicht ereignete sich nun schon das, worauf Harst bestimmt rechnete. Heute geschah dies sicher, denn die alte Dame mit dem weißen Schleier vor dem Gesicht war ja ohne Frage Cecil Warbatty, sonst hätte mir Harst nicht den langen Blick zugeworfen.

Und das Erwartete trat ein.

Ein dumpfer Krach ertönte – ein Splittern von Glas.

In demselben Moment hetzten wir drei Eingeweihten auch schon zu dem Raum zurück, in dem die Zauberhand ausgestellt war.

Keine lebende Seele darin.

Dann jedoch nebenan nach der Haupttreppe zu wütendes Gezeter einer hellen Stimme. Und dann führten zwei als Touristen herausstaffierte weiße Detektive die verschleierte alte Dame und ihren Begleiter vor den zertrümmerten Glaskasten der Zauberhand, in dem diese jedoch noch unversehrt auf ihrem Seidenpolster lag. Hinter ihnen her kamen Inspektor Plumper und noch zwei Beamte.

Nun trat zunächst, nachdem die Türen dieses Zimmers geschlossen worden waren, programmmäßig der Inspektor als Ankläger auf, herrschte den Gefährten der Verschleierten an: »Sie haben hier soeben die goldene Hand zu rauben versucht.«

»Ich bestreite das. Hier ist mein Ausweis, ein für mich und meine Frau ausgestellter Pass. Ich bin der Arzt Doktor Palwerlan aus London, bin Engländer. Mir ist auch nicht im Entferntesten eingefallen, hier einen Diebstahl zu versuchen. Wir, meine Frau und ich, befanden uns dort nebenan, als die Scheibe zersplitterte. Bitte, dort steht ja auch der eine Fensterflügel offen. Der Dieb wird wohl nach dem missglückten Versuch, die Hand zu stehlen, dort hinaus geflüchtet sein …«

»Ah, tatsächlich! Entschuldigen Sie, Master Palwerlan. Ihr Pass ist in Ordnung. Ich will Sie beide nicht weiter belästigen. Der Diebstahlversuch ist ohnedies gescheitert. Der Spitzbube hat nicht mehr die Zeit gefunden, die Hand sich anzueignen.«

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