Ausschreibung

Einsendeschluss 31.05.2021

Dark Empire

Download-Tipps

Paraforce Band 38

Archive
Folgt uns auch auf

Sir Henry Morgan – Der Bukanier 45

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Fünfundvierzigstes Kapitel

Unser Held nimmt in jedem Sinn ab – wird seines Gouvernements entsetzt, beschimpft und muss finden, dass seine Konstitution schnell zusammenbricht. Fängt an, an einen Pfarrer zu denken.

Obwohl von außen alles einen glücklichen Anschein trug, erschöpfte doch Morgan in dem eigenen Haus seine Konstitution in allen sinnlichen Vergnügungen. Vergeblich war es, dass ihn seine sanfte Gattin zuweilen, Doktor Sloane aber unaufhörlich warnte, weil er sich durch eine solche Lebensreise rasch ins Grab stürze. Er dürstete nach Aufregung. Die Morgen waren ihm schrecklich, und erst bis ein oder zwei Uhr nachmittags konnte er den roten Nebel verscheuchen, von dem er sich umgeben glaubte. Er muss in dieser Periode ein sehr unglücklicher Mann gewesen sein. Sogar die politische Ruhe, die er geschaffen hatte, und der friedliche Wohlstand seines Gouvernements waren nur weitere Förderungsmittel seiner körperlichen und geistigen Leiden. Eine Rebellion, ein Einfall oder beides zumal würde er als Segnungen begrüßt haben.

Obwohl Morgan weder offene noch heimliche Feinde in Jamaika hatte, operierte doch ein bitterer und tätiger Gegner in England gegen ihn – nämlich der abgesetzte Gouverneur Sir Thomas Lynch. Dieser Mann war entweder fanatisch oder heuchlerisch loyal, denn wie himmelweit verschieden auch die Motive sein mögen, ist doch die Schaustellung mit ihrem Erfolg stets dieselbe. Lynch lag unablässig allen Mitglieder des Geheimen Rats in den Ohren und tat bei ihnen sein Äußerstes, jede öffentliche Handlung des Sir Henry Morgan herabzuwürdigen.

Sir Henrys entschiedene Maßregeln, die Untertanen des Königs in der Kolonie mit denen in der Heimat auf gleichen Fuß zu stellen, gab einen guten Vorwand zum Bekritteln. König Carl und seine Höflinge waren entrüstet über eine solche Anmaßung und der Monarch drückte seinen Unwillen folgendermaßen aus.

Durch des Königs allergnädigste Majestät und die Lords von Sr. Majestät Geheimem Rath.

In der Vollmacht, d. d. 13. November im zweiunddreißigsten Jahr von Sr. Majestät Regierung, welche Charles, Grafen von Carlisle, und in seiner Abwesenheit, dem provisorischen Oberbefehlshaber übertragen wurde, haben Seine Majestät gnädigst geruht, den Gouverneur, den Rat und die Assembly Jamaikas zu Konstituierung und Verordnung von Gesetzen zu ermächtigen, welche in Kraft bleiben sollten, bis Sr. Majestät Wohlnehmen das Gegenteil beschlösse. Am 18. Oktober 1681 wurde aber in der auf der Insel gehaltenen Assembly eine Akte erlassen, welche die Gesetze von England als geltend erklärt. Seine Majestät geruhen, diese Maßregel zu missbilligen und ihr die Genehmigung vorzuenthalten, weshalb Sr. Majestät Wohlnehmen dahin geht, dass besagtes Gesetz hiermit wieder aufgelöst sein solle.

Nun hatte Sir Henry Morgan, der ein höchst loyaler Mann war, wenn es ihn gutdünkte, nicht im Geringsten daran gedacht, dem König ein Missfallen zu verursachen; denn als er die höchst gerechte, aber Sr. Majestät so anstößige Akte erließ, hatte er nichts wie seine eigene Ruhe im Sinn. Indessen musste sie doch den Hebel abgeben, dessen sich Sir Thomas Lynch bediente, um seine Absetzung zu bewirken. Sir Henry musste daher im nächsten Jahr, statt den Grafen von Carlisle zurückkehren oder sich selbst im Gouvernement bestätigt zu sehen, die bittere Erfahrung machen, dass Sir Thomas abgesandt wurde, um ihn zu ersetzen – ja, was noch mehr ist, ihn sogar zu beschimpfen.

Morgan wurde augenblicklich aus dem Rat entlassen und für unfähig erklärt, je wieder seinen Platz in diesem ehrenwerten Kollegium einzunehmen; aber auch in die Assembly sollte er nicht mehr taugen. Zu gleicher Zeit wurde er aller seiner übrigen Ämter enthoben. Der junge Bruder seiner Gattin, Kapitän Charles Morgan, verlor das Kommando über das Hauptfort der Insel und Obrist William Grey, Morgans vertrauter Freund, wurde gleichfalls mit Schimpf seiner Bestallung beraubt.

Aber hiermit noch nicht zufrieden, sprach Sir Thomas Lynch bei Eröffnung der Assembly mit der größten Bitterkeit von dem vormaligen Gouverneur und seinen Maßregeln. Er erklärte den Versammelten, dass sie ihre Angelegenheiten ganz dem heiligen Willen Sr. Majestät unterwerfen und sorgfältig jede Sr. Majestät Prorogativen nachteilige Klausel aus der von dem in Ungnade gefallenen Exgouverneur erlassenen Einkünftebill streichen müssten. »Ihr habt«, fuhr er fort, »eine bescheidene und untertänige Petition an seine Majestät einzusenden, darin Eure pflichtschuldige Untertänigkeit zu bezeugen und Euren Dank gegen Euren großen Wohltäter, unseren um das Wohl seiner Untertanen besorgten Fürsten und König auszudrücken. In gleicher Weise werdet Ihr eine kluge und demütige Bitte an die Lords des Geheimrats in England ergehen lassen, denn ich kann ohne Übertreibung und Anmaßung sagen, dass sie, wenn Ihr sie auf diese Weise für Euch günstig stimmt, Fürsprache für uns einlegen und sich als unsere Schutzengel erweisen werden.«

Bolingbroke, Rochester usw. – Schutzengel!

Der Speichellecker fuhr sodann fort, den König Carl zu vergöttern und der Assembly zu bedeuten, dass sie ihn eigentlich anbeten sollte, weil er ihre Gesetze in Kraft lasse, bis er sie nicht mehr gestatten könne und so für eine Periode auf die »Anwendung jener Gewalt verzichte, die ihm als göttliches und unveräußerliches Recht unmittelbar vom Himmel verliehen worden sei.« Dann verordnete er Abstimmungen über Geld – augenblicklich Geld und viel Geld – sie müssten der Majestät dankbar sein, denn sie habe das Recht, Alles zu nehmen und begnüge sich nur mit vielem. »Geld«, sagte er, »ist die Grundlage und das Gleichgewicht der Dinge. Kann es Motive, kann es Leben oder Gouvernement geben, ohne Geld?

Und nun ein Wort über das von Eurem vormaligen Gouverneur so übereilt, in den Tag hinein und verräterisch erlassene Gesetz, dass die Gesetze Englands in dieser Kolonie Geltung haben sollen. Ihr findet, dass es durch den königlichen Befehl, welchen Euch Euer Sprecher eben verlesen hat, vernichtet wurde, ohne dass Seine Majestät geruhten, höchst dero Gründe dafür anzugeben? Ich für meinen Teil kann nicht begreifen, warum es einige so ungestüm begehrt haben, sintemal wir doch alle Engländer sind und niemand uns irgendein angeborenes Recht verweigert hat.«

Die Rede wurde hier durch einige missvergnügte Rufe von Habeas corpus! Habeas corpus! unterbrochen, worüber der Gouverneur sehr zornig wurde. Indessen meisterte er bald seine Leidenschaft und fuhr folgendermaßen fort: »Wir sollten Gott danken für einen so guten Fürsten, der wie ein weiser zärtlicher Vater in dieser Sache uns nur verweigert, was uns schaden würde. Erinnert Euch, dass England in den Zeiten Heinrich VII. gute Gesetze hatte, nur deren allzu viel (wie viel mehr jetzt!); denn es ist schon hundertsiebzig Jahre her, dass sie, wie Lord Bacon sagt, durch ihre Anzahl Recht und Gerechtigkeit in Wermut und Gewalt umwandeln.«

Der alte Gentleman hatte hierhin nicht unrecht.

»Eine solche Berücksichtigung bewog einen verständigen Franzosen zu der Bemerkung, ›Frankreich müsse dem König mehr für Zusammenziehung der Gesetze als für Erweiterung seiner Besitzungen zahlen.‹ Und es kommt mir dabei vor, Gesetze für junge Kolonien seien, was die Arznei für den Körper: Man muss nicht nur auf die Qualität, sondern auch die geeignete Dosis Rücksicht nehmen. Es ist genug für euch, dass unsere Gesetze, wenn sie auch keine starke Schranken gegen schlimme Gouverneure geben, doch dem guten gewisse Normen bieten. Nehmt die Versicherung, dass ihr mich ganz so finden werdet, wie ihr euch benehmt. Ich muss euch daher sagen, wenn ihr euch gegen Sr. Majestät Huld und seiner Minister Gunst dankbar erweisen wollt, so ist es durchaus nötig, dass es greifbar und nicht filzig in euren Geldverwilligungen geschehe. Auch habt ihr euch dabei in euren Worten demütig loyal und loyal demütig zu benehmen. Unter passender Zurechtweisung will ich euch die Vorteile einer freien Besprechung nicht verkümmern und die Methode, wie die Bedingungen derselben ganz euch selbst überlassen; denn ich möchte nicht durch Rat oder Leitung euer Verdienst schwächen oder durch irgendeine Akte eurer Pflicht vorgreifen. Lasst euch jedoch zuvörderst gesagt sein: Ihr müsst Sir Henry Morgans Einkünftebill erhöhen, nicht nach dem Verdienst unseres fürstlichen Fürsten, denn das wäre eine Unmöglichkeit, sondern nach einem Maßstab, dessen man sich sowohl von eurer Dankbarkeit als auch von der Ehre und Würde eures Gouverneurs versieht.«

Viele glaubten, Sir Henry Morgan werde nun gegen seinen alten und bitteren Feind zu irgendeiner Gewalttat Zuflucht nehmen. Aber Sir Thomas Lynch war an sich ein Gegenstand des Mitleids, denn als er der Assembly in vorgedachter Weise Lektionen gab, hatte er den Gebrauch aller seiner Glieder, den des rechten Armes ausgenommen, durch Lähmung verloren, wie er denn überhaupt fast bis zur Auflösung gebrechlich war. Was immer für eine Rache Sir Henry ihm auch zugedacht haben mochte, so entkam er ihm und aller Welt Groll bald, da ihn nicht lange danach der Tod ereilte.

Nun kam ein Gouverneur auf den anderen in rascher Reihenfolge, und die Jahre schwanden dahin; aber noch immer litt Morgan unter der Ungnade, die ihm Lynch bereitet hatte. Endlich langte im Jahr 1687 der Herzog von Albemarle an, und Jacob II. hatte ihm Befehl erteilt, die Suspension Morgans und seiner Freunde fortdauern zu lassen.

Wenn Sir Thomas Lynch die Insel und die Assembly mit Ruten gepeitscht hatte, so geißelte sie der Herzog mit Skorpionen. Nur die Katholiken fanden Vorschub, und absolute Gewalt war die einzige, geltende Doktrin. In der Tat trieb er seine Autorität so weit, dass er, ohne Rücksicht auf das Privilegium der Debatte, einem Mitglied der Assembly wegen des Gebrauchs der Worte salus populi suprema lex eine Bürgschaft von viertausend Pfund auflegte und dasselbe später wegen dieses schweren Verbrechen zu Einsperrung und einer Geldbuße von sechshundert Pfund verurteilte. Zunächst setzte er alle Richter und Beamte der Insel ab, übertrug ihre Posten armen Katholiken und legte unter Bürgschaftsleistung von hunderttausend Pfund dem letzten Gouverneur Obrist Molenworth die Verpflichtung auf, vor Gericht zu erscheinen und auf falsche Anklagen, die in England gegen ihm erhoben wurden, sich zu verantworten.

Aber neun Monate reichten zu, diesen Tyrannen zu Grunde zu richten, denn er konnte den Punsch und den Madeira der Insel nicht so ungestraft trinken, wie er in London französische Weine schluckte.

Von Sir Henry Morgan haben wir nur noch wenig zu sagen, und auch dieses wenige ist durchaus nicht erfreulich.

Von aller Teilnahme an den öffentlichen Geschäften ausgeschlossen, schwelgte er die eine Hälfte seiner Zeit in gewohnter Zügellosigkeit bis an den Rand des Wahnsinns, während er für die andere Hälfte ein Opfer der Schwäche und nahezu des Blödsinns war. Hin und wieder zuckten wohl Blitze seines früheren Genius und in den vorübergehenden Reformversuchen eine Tatkraft auf, welche seine Umgebung an das erinnerte, was er einmal gewesen war. Bisher war er von Gewissensqualen verschont geblieben. Das letzter und schlimmste Kapitel seines Lebens stand ihm noch bevor. Im Jahr 1688 sah jedermann, dass sein System völlig untergraben sei und seinen Körper zusammenbreche. Er zitterte an allen Gliedern und litt furchtbar an Asthma.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.