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Dark Empire

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Sir Henry Morgan – Der Bukanier 44

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Vierundvierzigstes Kapitel

Morgans Kampf mit dem Piraten Everson und seinen Kameraden. Unglücklicher Ausgang desselben für diese Gentlemen. Einige weise Bemerkungen darüber.

Und nun begann Sir Henry Morgans zweites Regiment. Der Bukanier führte es großartig durch und feierte den Antritt seiner Macht in sehr eigentümlicher Weise. In Cow Bay lag friedlich ein Mann vor Anker, welchen er in früheren Zeiten als Bruder begrüßt hatte. Dieser Mann war noch immer ein Küstenbruder, obwohl nicht länger ein Bruder von Morgan. Wir meinen mit einem Wort einen lustigen Piratenhund, der ohne Zweifel ein sehr berüchtigter Schurke war, aber dafür nur umso besser zum Seeräuber passte. Dieser Krieger für eigene Rechnung war ein fröhlicher Holländer, mit dem Namen Everson, und hatte eine Schaluppe nebst einer Barca-Longa bei sich, welche miteinander ungefähr Hundertzwanzig gut bewaffnete Leute und so tollkühne Bursche fasste, als nur je welche zu Wasser oder Land bei einem Gelage jubelten oder an den Kanonen arbeiteten.

Den Tag, nachdem Sir Henry die gewöhnlichen Glückwünsche zu seiner Installation entgegengenommen hatte, saß er tête-à-tête mit seiner Gattin und gähnte übermäßig. Die gnädige Frau versuchte mit dem großen Manne zu scherzen; aber obwohl sie aufspielte, wollte er doch nicht zu ihrer Pfeife tanzen und zeigte überhaupt so wenig Gelehrigkeit wie ein Bär. Da es niemand wagte, ihm den Knittel zu zeigen, so war der Fall hoffnungslos.

»Was fehlt Euch doch, mein Henry?«

»Lasst mich ungeschoren, gnädige Frau.«

»Ist es Eurer Exzellenz Ernst?«

»Voller Ernst. Alles wird ernst. Das gestrige offizielle Diner war zu kalt, der Wein zu warm, die Aufwärter betranken sich zu früh und die meisten meiner Gäste wollten durchaus nicht betrunken werden. Es gibt kein Vergnügen mehr im Leben.«

»Ich bin noch nicht tot, Sir Henry.«

»Ha! Ohne Zweifel könntet Ihr mir viel Vergnügen bieten, wenn Ihr mir nur zu Gefallen leben wolltet.«

»Das möchte ich gerne, wenn ich nur wüsste, wie ich es angreifen müsste.«

»Mit aller Demut und Achtung, Lady Morgan, bitte ich Euch, den Versuch zu machen. Ich sage Euch dies zur Belehrung, wie es einem verheirateten Mann zusteht – haltet den Mund.«

Die Lady sah ihn einige Minuten aufmerksam an. Es lag keine Verachtung, wohl aber viel Mitleid in ihren Zügen. Dann sank sie auf eines der weichsten Ruhebetten nieder. Zwei schöne Mulattenmädchen fächelten ihr erquickende Kühle zu, während sie ein Buch aufnahm und las oder doch dergleichen tat. Sir Henry, der sich gleichfalls von zwei Negern fächeln ließ, rauchte ganz desperat darauf los und holte sich alle Augenblicke einen tüchtigen Zug Punsch. Die Ehrenwache war auf der Veranda draußen zu sehen. In einiger Entfernung hörte man die militärische Regimentsmusik bei der Abendparade. Alles umher atmete Frieden, Harmonie und Schönheit. Seine noch junge Gattin war im Besitz jener unvergleichlichen und schmelzenden Reize, welche man nur bei Kreolinnen trifft. Das Ebenmaß ihrer Person war einer Göttin würdig und verkörperte eine jener Houris, von denen Mahomed träumte, ohne sie je zu Gesicht zu bekommen. Der Mann musste nahezu wahnsinnig sein, der zwischen seine Augen und die makellose Schönheit einen Vorhang von unflätigem Tabakqualm ziehen konnte.

Nach halbstündigem Schweigen legte Sir Henry seine Pfeife nieder und rief im Ton ungekünstelten Leides: »O, ich Unglückseliger!«

Die schwarzen Sklaven rissen ihre Augen auf, dass das Weiße derselben weit hervorsah, und betrachteten in stummem Erstaunen den Lieutenant Gouverneur und Generalkapitän von Jamaika. Wie konnte der Mann mit dem größten Grundbesitz und mit der schönsten Gattin auf der Insel anders als im Superlativ glücklich sein?

»So sprecht doch Henry, was fehlt Euch?«

»Ich fühle mich so einsam.« Sir Henry schauderte leicht, als er diese Worte sprach.

»Steht Euch nicht die Gesellschaft der ganzen Insel zu Gebot? Soll ich Sorge dafür tragen?«

»Mögen die gelben Teufel dieser Insel sie holen! Nein, Madame! Doch verzeiht mir, meine kleine hübsche Annie, wenn ich barsch hin. Es scheint mir ein trüber Scharlachnebel über allem zu liegen.«

»Lasst mich doch nach Euren Augen sehen, Henry. Ja, in der Tat, sie sind von Blut unterlaufen. Die Netzhaut scheint mit Blut überladen zu sein. Teurer Henry, Ihr regt Euch zu sehr auf. Bitte, lasst den Doktor Sloane rufen.«

»Die blutige Netzhaut ist nicht in meinen Augäpfeln, sondern in meinem Gehirn. Wäre ich ein Träumer, so würde ich sagen, es ist ein Netz, das meine Seele gefangen hält. Zu viel Aufregung? Nicht doch. Aufregung ist es eben, was ich brauche. Ich sehe, höre, schmecke und fühle wie in einem Traum. Ich bin halb erstorben. O, ihr Tage meiner tätigen Jugend!«

»Werft Euch mit Herz und Seele ins Geschäft, Henry. Gleich viel, wenn es auch Händel sind – versucht es mit allem, nur nicht mit dem Trinken – alles, nur keine Verzweiflung.«

»Schickt mir den Offizier der Wache.«

Ein junger Gentleman, der Angehörige einer edlen Familie in England, trat ein. Er verriet in seinem Äußeren den Mann von Stand, schien aber zu schnell gelebt zu haben.

»Sir Edward Mostreen«, begann der Gouverneur, »gibt es nichts Neues? Ich kann mich seit dem Gelage der letzten Nacht auf nichts entsinnen.«

»Ich habe nichts Besonderes gehört, Exzellenz. Die ganze Insel scheint unter Eurem Gouvernement glücklich und im Frieden zu sein.«

»Ist meine Proklamation gegen Schlemmerei, Spielen und Seeraub gebührend veröffentlicht worden?«

»O ja, Sir Henry«, versetzte der junge Ritter mit einem verdächtigen Lächeln.

»Gut also. Bringt dem kommandierenden Offizier den Befehl, dass er Euch ablösen lasse – dann kommt hierher; wir wollen eine Nacht durchjubeln. Französisch Hazard und Rumpunsch – aber wohl gemerkt, Ihr bringt einige Neuigkeiten und zwei oder drei lustige Bursche mit. Wir wollen kaiserlich soupieren.«

»Henry Morgan«, bemerkte die schöne Lady, »Ihr habt mir versprochen, mich diesen Abend zu dem Ball zu begleiten, welchen die Gattin des Sprechers Eurem Gouvernements-Antritt zu Ehren gibt. Vielleicht ist es Sir Edward lieber sich in Eurer Gesellschaft auch der der Damen zu erfreuen, als wenn er mit Euch der letzteren entbehren muss.«

»Ich habe es nicht vergessen, Lady Morgan. Wir werden vor Mitternacht bei Euch sein.«

Selbigen Abend dürstete Sir Henry nach Sinnenaufregung. Er und seine Gefährten spielten hoch und tranken, wie man nur in Westindien trinken kann. Aber all dies war fruchtlos. Der Madeira betäubte, ohne aufzuregen und die Wechselfälle des Würfels brachten Morgan weder Beklommenheit noch Triumph. Seine Kumpane sehnten sich nach dem Ball und flüsterten sich zu, dass Se. Excellenz, der würdige Gouverneur, gewaltig langweilig sei.

Sir Henry Morgan hatte den Würfelbecher in der Hand und war eben im Begriff zu werfen, als er, den Arm ausgereckt, zum großen Erstaunen seiner Gäste einige seiner Taten während des Sturmes auf Portobelo zu erzählen begann, seine Geschichte aber auf eine Weise, dass man glauben musste, er habe regelmäßig angefangen, in der Mitte aufnahm. Er hatte noch immer den Becher in der ausgestreckten Hand und bediente sich nun desselben zum Gebärdenspiel, um den Nachdruck seiner Erzählung zu verstärken, sodass die Würfel unbeachtet auf den Boden fielen.

Die Gentlemen erklärten ihn sotte voce für schwer betrunken; aber seine Geschichte war klar und zusammenhängend, obwohl er sie in tief melancholischem Ton vortrug.

»Das waren glückliche Tage, Gentlemen. Wie gesund hüpfte damals das Blut durch meine Adern! Jeder Tropfen desselben hatte eine eigene Seele. Ich lebte das Leben von tausend Menschen zumal. O, diese glücklichen Tage – sie können nie, nie, nie wieder zurückkehren. Ich erinnere mich jetzt, wie ich und der springende Jakob, der lustige Jakob Everson, mit sieben Spanier handgemein wurden – mit sieben, sage ich, Gentlemen, so wahr ich ein fündiger Zecher bin. Der springende Jakob hatte ebenso schnell einen Spaß bereit wie seinen Stutzsäbel – nie hat ein besserer Kerl gelebt als Jakob Everson – nur um einen Gedanken oder so zu grausam. Er wusste so gut wie der beste Wundarzt, wo jeder Nerv des menschlichen Körpers lag, und konnte die Spanier quieksen machen.« Wenn es sich um verborgene Schätze handelte, war er der Mann – ein Erzfolterer, dieser springende Jakob. Tat es noch obendrein mit so angenehmem Gesicht – eigentlich mit Laune, kann ich sagen. Ja, Jakob und ich waren wie zwei Brüder.«

»Wie Brüder, Euer Exzellenz?«

»Und warum nicht? Mehr als einmal parierte er die Degenspitze, welche mich in den Staub gestreckt haben würde. Und just das Gleiche habe ich für ihn getan. Ohne Zweifel ist er inzwischen gehängt worden, der arme Jakob Everson!«

»Ich glaube doch nicht, Exzellenz«, bemerkte der eine seiner Zechgenossen.

»Na, na, wo er auch ist – er wird eines gewaltsamen Todes sterben. Es däucht mich, wenn ich nur noch einmal mit Jakob schäkern könnte, so würde ich dieser düsteren Grillen los.«

Die vier Offiziere sahen einander zweifelhaft an; denn sie kannten die Stimmung des Gouverneurs nicht genau und wussten nicht, ob er vielleicht irrerede oder sie nur zum Besten habe. Man kannte Sir Henrys schlauen, grausamen Witz, und es war bei solchen Gelegenheiten besonders gefährlich, in seiner Nähe zu sein.

Endlich begann Sir Edward, der bei dem Gouverneur sehr in Gunsten stand: »Ich glaube, dass Jakob Everson nicht so weit weg ist, wie Eure Excellenz vermutet. Er ist ein pfiffiger Bursche, derselbe Jakob – er weiß, dass Ihr wieder zur Gewalt gekommen seid und sehnt sich nach nichts mehr, als Euch ehestens seine Achtung zu bezeugen.«

»Bei der Ketzerei meines Ahnherrn!«, rief Sir Henry auffahrend und mit einem Mal seine schlaffe Miene beiseite werfend, »das ist sonderbar. Wie meint Ihr dies, Sir? Schnell!«

»Nicht anders, als dass Euer Bruder – ich bitte um Verzeihung – dass dieser Everson ganz friedlich in Cow Bay vor Anker liegt und dass die Behörden, welche über diesen Gegenstand Eurer Exzellenz Wohlnehmen noch nicht kennen, verlegen sind, ob sie ihn als Freund oder Feind behandeln sollen.«

»Wie, das wissen sie nicht?«, entgegnete Sir Henry, hocherfreut seine Hände reibend. »Sie sollen die längste Zeit Behörden gewesen sein. Wie stark ist er?«

»Etwa hundertdreißig Mann, in einer wohlbewaffneten Kriegsschaluppe und in einer sehr schnellen Barca-Longa. Ich versichere Euch, Sir Henry, dass er es sich ganz behaglich macht.«

»Und warum ist mir dies nicht schon früher mitgeteilt worden?«, fragte der Gouverneur in vorwurfsvollem Ton.

»Die Meldung ist erst heute Mittag eingelaufen, und da Ihr befohlen habt, man solle Euch vor den Amtsstunden des nächsten Morgens nicht mit Kleinigkeiten behelligen, so wurde der Bote angewiesen, bis dahin zu warten«, lautete die Antwort.

»Kleinigkeiten? Nennt ihr das Kleinigkeiten? Der unverschämte Mordbrenner – der blutgierige Bukanier! Muss daherkommen und uns unter der Nase Trotz bieten in dem ersten Augenblicke unsres Gouvernements! Ja, so machen es diese grundsatzlosen Piraten! Aber dennoch habe Dank, Jakob. Du hast mir gut getan – sehr gut. Ich fühle mich wieder um zwanzig Jahre jünger. Ich möchte ihn nicht hängen sehen, nein – um unserer alten Freundschaft willen – ich will dem Schurken Ehre erwiesen, und ihm eigenhändig die Kehle durchschneiden. Ich habe es gesagt, Gentlemen – ich, der Gouverneur. Doch muss ich Euch bitten, reinen Mund zu halten. Geht auf den Ball des Sprechers – in einer Stunde werde ich gleichfalls dort sein.«

Unser Held schien alle seine frühere Tatkraft wieder gewonnen zu haben. Eine plötzliche gewaltige Veränderung war in seinem ganzen Äußeren vorgegangen. Seine Miene war wieder offen, sein Auge strahlend. Ohne Verzug begab er sich (es war abends neun Uhr) zu den Kriegsschiffen, welche in Port Royal lagen, las sich daselbst fünfzig der besten Leute aus und schiffte sie mit einer hinreichenden Anzahl von Flottenoffizieren in seinem eigenen prachtvollen Jachtkutter ein, der ein merkwürdig schnell segelndes Fahrzeug von ungefähr zweihundert Tonnen und mit zwölf langen Sechspfündern bewaffnet war. Morgan erteilte sodann dem kommandierenden Hafenoffizier den gemessenen Befehl, auf den Hafen Embargo zu legen und nichts aussegeln zu lassen – nicht einmal ein Negerkanu.

Die ganze Nacht über mussten Ruderboote Wache halten.

Nachdem der Gouverneur seine Vorbereitungen getroffen hatte, zeigte er sich auf dem Ball. Nie zuvor war er in so vorteilhaftem Licht erschienen. Sein Frohsinn, seine Höflichkeit und Güte übten eine höchst gewinnende Wirkung. An jenem Abend sah keine Dame den alten, kein Gentleman den schwachen Mann in ihm. Die vier Offiziere, mit denen er vor nicht zwei Stunden halbbetrunken über dem Becher gesessen hatte, waren wie vom Donner gerührt über diese plötzliche Umwandlung. Er benahm sich die ganze Nacht durch brav und galant, wie es einem Herrscher über englische Damen und Gentlemen zustand.

Gegen seine edle Gattin erschöpfte er sich in allen Arten zarter Aufmerksamkeit und begleitete sie, als sich die Gesellschaft um drei Uhr morgens zu zerstreuen begann, höflich nach ihrem Staatspalatin. Dann erklärte er, dass er sich heiß und fiebrig fühle und daher die Nacht oder vielmehr den Morgen in seiner Jacht zubringen wolle. Nach einem heiteren zärtlichen Gruß zur guten Nacht entfernte er sich. Seine Barke erwartete ihn. Er schritt bald einsam auf dem Deck seines schönen Fahrzeuges hin und her, in die vom Mondlicht sanft erhellte Nacht hinausschauend.

In dieser Nacht strömte die Flut des Glückes wieder auf Morgan zurück. Die Vergangenheit gewann in ihm neues Leben. Er befand sich auf seinem geliebten Element, und die Werkzeuge des Krieges umgaben ihn. Wohin sein Auge sah, traf es auf die Hilfsmittel der Gewalt, der Energie und Tätigkeit. Das blanke Messinggeschütz, die hinter den Stückpforten aufgeschichteten Kugeln, der hohe, sich zuspitzende Mast, so schlank und doch so stark, vor allem aber die stämmigen, kühnen Gestalten, welche im Schatten der Back kauerten, ließen das Innerste seines Herzens entzückt erbeben. Nur mit Schwierigkeit konnte er den lauten Wonnejubel unterdrücken. Der größte Mann in diesem Teil der Welt freute sich wie ein Kind über den Gedanken, das Schlächterwerk eines untergeordneten Flottenoffiziers zu üben.

Während unser Held so in seinen Gedanken schwelgte, bemächtigte sich seiner wieder der verderbliche Aberglaube früherer Tage, dass nämlich sein Glück aufs Engste mit dem Vergießen von Menschenblut zusammenhänge.

»Ja«, murmelte er vor sich hin, »dieses Ausgießen von Menschenleben wird meine Sehnen kräftigen, mein Blut auffrischen und meinem hinfälligen Körper neue Stärke verleihen. Was habe ich sonst noch zu wünschen, als Gesundheit? Alles Übrige besitze ich schon – Ehre, Ruhm, Auszeichnung. Reichtum und Schönheit! Alles, alles ist mein – nur die Gesundheit fehlt und die größere Fähigkeit, mich meines Besitzes zu erfreuen. Jetzt bin ich wieder Henry Morgan, der Herr meines eigenen Geschicks. Obwohl das Blut des Gouverneurs träge läuft, soll doch das des Kriegers gesund und froh durch meine Adern hüpfen.«

In dieser entzückenden Vorstellung schwelgend, begab sich Sir Henry zur Ruhe, nachdem er zuvor Befehle erteilt hatte, der Kutter solle, wenn der Landwind nicht zureiche, mithilfe der Ruder aus den Hafen gebracht, er selbst aber, sobald das Schiff über die Kais hinausgekommen sei, geweckt werden. Niemand an Bord der Jacht wusste, wohin es ging.

Morgan erfreute sich eines erfrischenden und belebenden Schlafes, wie ihm seit vielen Jahren zuteil geworden war. Gegen neun Uhr morgens stand er auf und fand sein rüstiges Schiff außerhalb der Untiefen beiliegen, während eine wandelbare Seebrise von Osten her blies.

Nun wurde der Kutter nach der Cow Bay beordert, vor welcher er am 1. Februar eintraf. Die Mannschaft erhielt den Befehl, sich nicht blicken zu lassen und keine Farben zu zeigen; aber das verwegene Fahrzeug sah zu verdächtig aus, um nicht die beiden vor Anker liegenden Piratenschiffe, deren Leute meist an Land waren, zu beunruhigen.

Die Jacht brauchte einige Zeit, um in die Bay zu kommen. Die an Land befindlichen Bukanier benutzten diese Frist, um an Bord ihrer Schiffe zu eilen. Die Piraten kannten des Gouverneurs Kutter gut und schmeichelten sich, da keine Farben aufgehisst waren und nur wenige Seeleute sich blicken ließen. Sir Henry wolle sie als Freund besuchen und einige seiner alten Bekanntschaften erneuern. Der springende Jakob war selbst in großem Zweifel. Er glaubte zwar nicht, dass ihn der Gouverneur mit einem Besuch zu beehren gedenke, hielt es aber doch für möglich, der Kutter könne ihm Eröffnungen in Betreff eines geheimen Kreuzzugs auf gemeinschaftliche Rechnung oder vielleicht eine freundliche Warnung bringen wollen, damit er sich beizeiten aus dem Staub machen könne.

Der arme Jakob gedachte des Blutes, das er mit Morgan vergossen, und des Weines, den sie zusammen getrunken hatten. Dennoch traf er jede Vorbereitung, die ein tüchtiger und tapferer Seemann nie versäumt, um im Falle der Not zur Hand zu sein.

Mittlerweile fuhr der Kutter fort, ruhig aufwärts zu rudern, bis er windwärts von der Schaluppe lag. Dann wurden plötzlich die Farben aufgehisst, eine volle Lage gegeben, und Morgan forderte seine Leute zu Entern auf, indem er sich selbst an die Spitze stellte.

Die Seeräuber erwiderten die Breitseite Geschützmündung an Geschützmündung. Eine Zeitlang dauerte der Kampf ritterlich. Mann focht gegen Mann, und es kam zu einem so dichten Handgemenge, dass von den Feuerwaffen kein Gebrauch gemacht werden konnte. Jacob hieb wacker um sich, während Sir Henry rechts und links, die Seeräuber wie im Spaß niederschlug. Natürlich traten ihn viele seiner alten Kameraden entgegen, die von alledem nichts begreifen konnten. Sie hätten vielleicht hartnäckigerer Widerstand geleistet; aber es sah sogar unnatürlich aus, dass sie ihre Kraft gegen ihren alten Freund und Befehlshaber gebrauchen sollten.

»Wie, Morgan«, rief der heitere Holländer, »kämpft auch der Hund mit dem Hunde?«

»Die Pest über deine Unverschämtheit!«, brüllte der ehemalige Bukanier.

»Oh, Herr Gouverneur – da werde ich wohl Eurer Exzellenz eine Erleuchtung geben müssen!«

Mit dem besten Willen setzte er sich in Tätigkeit, in dessen Körper Schnürlöcher zu bohren. Sie fochten wild und bald fast im Einzelkampf, denn die Piraten, welche sich rechts und links so schwer bedrängt sahen, sprangen zum Teil in die Kanus neben Bord oder ins Wasser, um dem Ufer zuzuschwimmen. Die Übrigen ergaben sich.

In demselben Augenblick, als die Schaluppe gewonnen war, stieß Morgan seine starke, gerade Klinge durch Jacob Eversons Leib. Der Pirat sank in die Knie und würde vorwärts auf das Deck gefallen sein, wenn ihn nicht die Klinge, die ihn durchbohrte, aufrecht gehalten hätte. Mit der Blässe des Todes auf seinen Antlitz blickte er zu Morgans Gesicht auf. Ein seltsames Lächeln kämpfte mit dem letzten Todesschmerz, der seine Lippen beben machte.

»Et tu, Brute!«, brachte er noch vernehmlich hervor.

Jakob hatte gerne aus Schauspielen zitiert.

»Hätten wir nur einen Geistlichen hier!«, sagte ein Flottenoffizier, mitleidig auf den sterbenden Elenden niederblickend. »Es ist schrecklich, mit einem Zitat aus des Teufels Gebetbuch in die Ewigkeit zu gehen.«

»Er stirbt wohl«, versetzte Morgan kalt.

»Dank Dir, mein alter Befehlshaber. Der Schmerz ist gering, aber das Blut erstickt mich. Bedienst du so deinen alten Freund, Morgan?«

»Ich habe Freundespflicht an dir geübt – dich vor dem Strange bewahrt.«

»Und … willst du … alle … meine … armen … Kameraden … hängen lassen? Hab Erbarmen … mit … den armen … Teufeln!«

Das Blut strömte ihm nun aus Mund und Nasenlöchern.

»Fahre wohl, Jacob!« sagte Morgan, indem er sein Rapier aus dem Körper des Piraten zog.

Das Blut stürzte aus der Wunde hervor, und der Mann starb augenblicklich.

»Reinigt dies«, sagte Morgan, indem er seinen Degen einem Offiziere hinbot. »Bleibt an Bord der Prise und legt alle Gefangenen in Eisen!«

Die Prise in sicheren Händen zurücklassend, eilte Morgan an Bord seiner Jacht, ließ alle Segel zu Verfolgung der Barca-Longa aufhissen und feuerte auf sie, so lange sie in Schussweite war. Vier Mann wurden von der Fockmarssegelrahe heruntergeworfen und in der See zu Grunde gehen. Der Rumpf erlitt große Beschädigungen; aber doch entwischte endlich die Barke, weil sie viel schneller segelte als die Jacht des Gouverneurs. Dieses Fehlschlagen versetzte Morgan in wilden Zorn. er kehrte in der allerschlimmsten Laune zum Gouverneurspalast in San Jago de la Vega zurück.

Wegen dieser unberufenen Tat traf Sir Henry schwerer Vorwurf. Die Leute sagten, er habe darin eine so eingefleischte Wildheit und einen tigerartigen Blutdurst gezeigt, dass man wohl sehen könne, er sei trotz aller seiner Ehren und seines Reichtums im Grund des Herzens doch nichts Besseres als ein blutgieriger Pirat. Die Offiziere der Flotte waren entrüstet über sein Benehmen und erklärten überall unverhohlen, wenn man den Dienst ihnen übertragen hätte, so würde der Erfolg nicht nur vollkommen gewesen, sondern auch die Barca-Longa nicht entwischt sein. Ziehen wir von diesen Bemerkungen das, was aus hämischer Bosheit entsprang, ab, so ist doch immerhin nicht zu leugnen, dass der gedachte exzentrische Handstreich der hohen Stellung von Sir Henry Morgan völlig unwürdig war, und dass er dabei seinen Charakter in keinem günstigen Lichte zeigte.

Aber die Welt wusste nicht, was in dem inneren Menschen vorging. Mit den Jahren steigerte sich auch seine Gebrechlichkeit, und sein Geist litt noch weit mehr als sein Körper. Für seinen Glaubensmangel leistete er durch ein Übermaß von Aberglauben Ersatz. Er hatte alle seine Hoffnungen auf den engen Horizont dieser Welt begrenzt, der sich immer rascher um ihn schloss und immer düsterer wurde. Obwohl er hartnäckig den Glauben an ein Jenseits von sich wies, baute er doch zuversichtlich auf Vorzeichen und Zauber im Bereich und der sublunarischen Welt. Er rühmte sich, dass kein Vorurteil auf seinen Geist Einfluss übe, und glaubte doch, dass er durch Bluttaten das Glück zwingen könne.

Unter den Gefangenen – es waren ihrer fünfundfünfzig Engländer, die schönsten Burschen, die nur je eine Kanone gerichtet hatten

– war kaum ein Einziger, der nicht mit und für Sir Henry Morgan gefochten hatte. Sie wurden alle an Bord der Kriegsschaluppe Snake gebracht und gefesselt nach Cartagena geschickt, um durch Kapitän Hayward dem zarten Erbarmen der Spanier übergeben zu werden. Die armen Teufel konnten von alledem nichts begreifen. Sie wurden in die verschiedenen Städte verteilt, die sie unter Morgan hatten plündern helfen, und dort unter Beschimpfungen und Gespött aller Art gehängt. Zwar verdienten sie den Tod, aber wenn sie ins Auge fassten, wer sie einem solchen Ende preisgab, so musste ihnen das Gehirn wohl so sehr wirbeln, als nur irgendeinem vernünftigen Wesen, das je gehängt wurde.

Diese letzte verzweifelte Handlung Morgans hatte einen tiefen schmerzlichen Eindruck auf seine Gattin gemacht. Sie könne ihn fortan nur mit Furcht betrachten und vermochte nicht immer die äußeren Merkmale derselben ganz zu unterdrücken. Sie versuchte nicht länger, ihn für die friedlichen Gewohnheiten und die edlen Vergnügungen zu gewinnen, welche ein sonniges Licht auf die Neige des Lebens werfen. Bis zu seinem Tod glaubte sie stets, das Wort Bandit sei in blutigen Zügen auf seine Stirn geschrieben.

Morgan schien jedoch wirklich aus den letzten Blutbad frische Kraft und Gesundheit geholt zu haben. Er bewies dies dadurch, dass er von der Assembly einen Punkt errang, an dem jeder frühere Gouverneur schmählich gescheitert war, im dem er es einzuleiten wusste, dass für ihn wie auch für den Zivil- und Militäraufwand der Insel eine Einkünfte-Bill auf sieben Jahre erlassen wurde. So machte er seine Stellung nicht nur gemächlich, sondern auch groß, und bahnte dadurch seinen Nachfolgern einen goldenen Weg an, auf dem sie wohlgemut fortwandeln konnten. Sir Henry trug nicht viel von einem Juristen in sich und war sehr ärgerlich über die Vorliebe für das Gesetze machen, welche die Legislative von Jamaika unaufhörlich zur Schau trug. Nachdem einmal die Einkünfte auf sieben Jahre genehmigt waren, so wünschte er nicht weiter durch die Rednerkünste eines Haufens von Leuten beunruhigt zu werden, auf die er mit souveräner Verachtung niederschaute und erließ daher in der ersten Sitzung die alles niederschlagende Bestimmung, dass sämtliche Gesetze Englands auf Jamaika volle Kraft haben sollten.

Dann bedeutete er den Delegierten, dass sie weiter nichts verlangen könnten, und löste sofort die Assembly auf.

Wie schon oben bemerkt wurde, war es dem Grafen von Carlisle nicht gelungen, sich den König wieder günstig zu stimmen. Es wurde ihm daher nicht so gut, auf seinen Posten zurückzukehren und auf dem Rosenbett auszuruhen, das Sir Henry Morgan für ihn vorbereitet hatte. Unser Held blieb daher zwei Jahre unbelästigt im Besitz einer fast despotischen Gewalt. Sein Regiment war übrigens gut, und die Kolonie blühte auf.

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