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Der Detektiv – Die Festung des Ali Azzim – 1. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient

Die Festung des Ali Azzim

1. Kapitel

In der Arabischen Wüste

»Sie wissen also Bescheid, bester Mezzan, die Reitkamele hierher, unser Gepäck nach Alexandria, als ob wir abreisen wollten. Und seien Sie vorsichtig! Sie kennen Warbatty jetzt zur Genüge! Er darf meine Spur nicht finden! Ich wäre meines Lebens jetzt nicht eine Stunde sicher, nachdem ich ihm den Raub wieder abgejagt habe!«

Jussuf Mezzan, Kriminalinspektor aus Kairo nickte eifrig, aber mit einem Gesicht, dessen Ausdruck deutlich erkennen ließ, wie sehr ihn Warbattys Flucht aus dem Polizeigefängnis in Kairo bedrückte. »Keine Sorge Herr Harst. Ich werde Ihre Wünsche aufs Genaueste befolgen. Ich reite sofort nach Heluan zurück und gebe im Hotel dem Direktor Ihren Zettel als Ausweis für mich ab.«

Noch ein Händedruck, dann verließ er uns.

Wir schauten ihm nach, wie er gewandt die hohen Stufen der Pyramide von Sakkara hinabkletterte, wie er sein Pferd bestieg und bald in der Abenddämmerung nach Osten zu, zu der Gräberstadt von Memphis und dem Nil hin, verschwand.

Harst setzte sich auf einen der Steinblöcke des Pyramidengipfels und rauchte schweigend eine Zigarette.

Dann meinte er: »Ich bin gespannt, was wir in Suez erleben werden und ob Warbatty wirklich dort auftauchen wird. Fraglos ahnt er noch immer nicht, dass ich damals bei seinem Kumpan Orkney jene Aufzeichnungen fand, die mir verrieten, dass er insgesamt siebzehn neue Verbrechen vorbereitet hatte, von denen das Nächste ja nun der Liste nach in Suez verübt werden müsste.«

Er gähnte. »Lieber Schraut, ich bin hundemüde. Diese Tage in Kairo waren reichlich anstrengend. Nun, wenn wir erst unterwegs sind, können wir getrost einmal eine längere Rast machen und uns ordentlich ausschlafen. Ich möchte nur erst von hier weg, möchte meine Fährte, unsere Fährte im Sand der Arabischen Wüste verwischen. Eigentlich ein Unsinn, die Wüste zwischen Nil und Golf von Suez Arabische zu nennen …« Er spann diesen Gedanken weiter aus.

Ich hörte nicht recht hin. Ich hatte mich so sehr auf ein paar Erholungstage gefreut. Stattdessen nahm der Kampf gegen Warbatty nun seinen Fortgang, ein Kampf, bei dem man täglich mit einem Fuß im Grab stand. Es gehörten wirklich Harsts Nerven dazu, einen solchen Gegner immer aufs Neue zu suchen. Ich hätte Cecil Warbatty einfach laufen lassen. Davon sagte ich Harst jedoch nichts. Er hätte nur gutmütig gelächelt und gemeint: »Aber Schraut! Die Langeweile ohne Warbatty!«

Das Abendrot im Westen verschwand immer mehr. Einzelne Sterne tauchten auf. Ringsum die feierlichste Stille, ringsum nur die kolossalen Zeugen der fantastischen Baukunst der alten Ägypter: Pyramiden, Ruinenstädte! Und dort in der Ferne der breite lehmige geheimnisvolle Nil.

Harst gähnte wieder. »Wir haben mindestens noch drei Stunden Zeit«, meinte er. »Früher können die Leute mit den Reitkamelen nicht hier sein. Du wirst übrigens deine Freude an einem Kamelritt haben. Nur wer zur Seekrankheit neigt, sollte ein sogenanntes Schiff der Wüste nie besteigen. Also noch drei Stunden. Klettern wir hinab und legen uns zu einem Nickerchen nieder.«

Jussuf Mezzan hatte die Kamelverleiher zu einem kleinen verfallenen Tempel östlich der Stufenpyramide schicken sollen. Nachdem wir in einem Winkel zwischen den Steintrümmern dieses Tempels den Boden nach Schlangen und Skorpionen abgeleuchtet hatten, legten wir uns unsere zusammengerollten Jacken unter den Kopf und streckten uns behaglich im Sand aus.

Die Nacht war warm und windstill. Die Ruhe ringsum hatte hier jedoch eher etwas Bedrückendes an sich, nichts Feierliches wie oben auf der Pyramide. Harst schlief im Nu ein. Ich jedoch versuchte umsonst, den Schlaf herbeizuzwingen.

So verging eine gute Stunde. Dann glaubte ich allerlei Geräusche zu hören, Stampfen von Hufen, leise Stimmen. Ich hatte mich aufgerichtet. Ich horchte angestrengt. Nichts mehr … nichts! Sollte ich doch nur geträumt haben?

Ich wollte aufstehen und einmal aus unserem Mauerwinkel hervorlugen. Doch ich war zu abgespannt, auch zu gleichgültig. Was scherte es mich, ob vielleicht Touristen von dem Luftkurort Heluan herübergekommen waren, um den Mondaufgang von der Höhe der Stufenpyramide aus zu beobachten!

Ich legte mich wieder nieder. Da – Harsts leise Stimme. Er hatte ja einen Schlaf wie ein guter Wachhund!

»Hm, man sollte doch mal sehen, wer sich jetzt um zehn Uhr abends hier herumdrückt.«

Er erhob sich, reckte sich. Und ich tat das Gleiche.

Harst schritt lautlos um die Trümmer nach links herum. Zwischen dieser Ruine und der nahen Pyramide hatte der Wind wellige Sandhügel aufgehäuft. Mein Freund und Brotherr watete einem dieser Hügel zu. Bald standen wir auf der flachen Kuppe.

Nichts Lebendes ringsum.

»Hm«, meinte Harst wieder. Und dieses einleitende Hm bedeutete stets: »Die Sache gefällt mir nicht, daher Achtung!«

»Hm, es waren fraglos Menschen hier, und zwar mindestens zwei und hoch zu Kamel.«

Er schaute nochmals in die Runde.

Das Sternenheer des südlichen Firmaments hatte sich nun vollzählig eingefunden. Der helle Wüstensand warf das Glitzern der nächtlichen Himmelsglocke zurück und verwandelte das Dunkel in eine geheimnisvolle Dämmerung.

»Ah!«, machte Harst. »Eine Frauengestalt! Dort halb rechts sitzt sie neben der Tempelruine auf ein paar Steinblöcken. Natürlich eine Amerikanerin, die hier in der Einsamkeit ihre Schulerinnerungen an Ramses, Pharao, den keuschen Josef und anderes auffrischen will. Stören wir sie nicht.«

Und doch blieb er stehen, blickte scharf zu der hellen Gestalt hinüber. Plötzlich packte er meinen Arm: »Du, ich ahne Furchtbares! Warbatty!«

»Warbatty?«

»Komm! Aber im Bogen auf die Blöcke zu.«

Bald kroch er auf allen vieren. Erst nachdem wir uns überzeugt hatten, dass sonst niemand in der Nähe war, richtete Harst sich auf und ging mit gespanntem Revolver auf die regungslos Dasitzende zu.

Nun waren wir dicht vor ihr. Nun sah ich, dass sie mit dem Rücken an ein paar Stangen lehnte, nein, nicht lehnte, dass sie daran fest gebunden war. Ihr Kopf hing wie kraftlos vornüber. Ihr dunkles Haar war in einem vollen Knoten aufgesteckt. Ein Hut war nirgends zu sehen.

Harst trat noch näher, fasste die Sitzende unter das Kinn, hob den Kopf. Es war ein leichenfahles Mädchenanlitz mit großen, dunklen, gebrochenen Augen. Es war eine Tote, die man hier in dieser Stellung angebunden hatte.

»Minette Lavagaux!«, murmelte Harst. »Ich ahnte es. Für eine Lebende saß diese Frau zu ruhig.«

Minette, die kleine Französin! Sie hatte Harst in Kairo befreit, obwohl sie bis dahin Warbattys Verbündete gewesen war. Harst hatte ihr Geld gegeben, damit sie sofort von Alexandria aus Ägypten verlassen konnte.

»Abermals ein Beweis, dass Warbatty mächtiger ist, als man denkt, als ich gedacht habe. Und auch ein Beweis dafür, das er hier gewesen war, dass er genau wusste, wo wir zu finden waren, wo wir diese Tote bemerken müssten!« Er sprach langsam und grübelnd. »Ein rätselhafter Mensch! Wozu wohl diese schreckliche Überraschung für uns? Nur um uns Angst einzujagen? Nein, wohl mehr, um mir zu zeigen, was er alles vermag! Dieses Bild hier entspricht so recht seinem eitlen Charakter. Er liebt die starken Effekte, dieser Massenmörder, will mir durch seine Einfälle imponieren. Arme Minette! Da sieh, ein Dolchstoß im Herzen!« Er schlug die helle Leinenjacke ihres Kostüms auseinander. Auf der weißen Batistbluse links ein großer dunkler Fleck: Blut!

Harst reckte wieder den Arm hoch, zog der Toten den Haarpfeil aus dem Geflecht. Und an diesen Schildpattpfeil, der mit kleinen Brillantsplittern besetzt war, war ein eng gefalteter Zettel mit einem Seidenfaden angebunden.

Harst las ihn halblaut:

Harald Harst! Ich habe Ihnen schon einmal erklärt, dass ich die Intelligenz in jeder Form liebe und sogar verehre. Sie haben mir jetzt bewiesen, dass Sie als Amateurdetektiv wirklich weit über dem Durchschnitt stehen. Ich möchte Sie nicht töten. Ich bitte Sie: Kreuzen Sie nicht nochmals meinen Weg! Bleiben Sie meinetwegen aus Liebhaberei ein begabter Verfolger aller Gesetzesverächter. Nur an mich wagen Sie sich nicht mehr heran, ich bitte Sie sehr darum! Sie sind bei diesem Kampf zwischen uns schließlich doch der Besiegte. Glauben Sie mir das! Ich erwarte, dass Sie binnen acht Tagen Ägypten verlassen und dass Sie während dieser Zeit nichts unternehmen, was ich als Beginn eines neuen Feldzuges gegen mich deuten könnte. Gehorchen Sie! Andernfalls teilen Sie und Ihr Anhängsel Schraut Minettes Schicksal. Ich grüße Sie mit aller Ihnen tatsächlich gebührenden Wertschätzung.

Cecil Warbatty!

»Ein merkwürdiger Mensch!«, sagte Harst nun kopfschüttelnd. »Aber hinter diesen Schmeicheleien lauert die Angst vor mir. Immerhin, da, bewahre diese Zeilen auf, lieber Schraut. Vielleicht kannst du sie mal bei den schriftstellerischen Versuchen brauchen. Arme Minette, am besten ist, wir begraben dich gleich hier. Vorwärts! Tragen wir sie dort zu der Ruine. Es wird sich schon irgendein Kellerloch finden, wo sie eine stille Ruhestätte erhalten kann.«

Wir hatten das Mädchen beerdigt, ein Kreuz aus Steinen auf ihr Grab gelegt. Harst sprach ein Vaterunser. So ruht nun die kleine, zierliche Minette, die internationale Taschendiebin, in der Tempelruine von Sakkara.

Eine halbe Stunde später nahten von Osten, vom Nil her, zwei Kamelreiter, die jeder noch ein einzelnes gesatteltes Tier mit sich führten.

Es waren halb zivilisierte Beduinen vom Stamm der Genge. Sie radebrechten ein wenig Englisch. Sie zeigten uns eine Visitenkarte Jussuf Mezzans vor. Darauf stand: Letzte Grüße! Der Inspektor hatte alles mitgeschickt, was aus unseren Koffern herausgenommen werden sollte.

Harst forschte die Leute aus, ob sie nicht unterwegs Kamelreitern begegnet seien.

»Ja, zwei Europäern«, war die Antwort. Das waren Warbatty und einer von seiner Bande gewesen.

Wir brachen sofort auf. Über den Preis für die Kamele und die Begleitung angeblich bis Chartum hatte Mezzan schon alles mit den beiden Genge verabredet. Harst zahlte die Hälfte sofort an.

Um Mitternacht brachte uns ein Fährmann, ein alter Fellah, bei dem Ort Atsih über den Strom. Nun waren wir in der Arabischen Wüste und sehr bald in der unendlichen Einsamkeit dieser von kahlen, felsigen Anhöhen überall durchzogenen Einöde. Nun erst erklärte Harst den beiden Genge, dass wir nach Suez wollten.

Ich fand an dem Ritt im hohen Kamelsattel bald Gefallen. Meine Stute hatte einen gleichmäßigen Gang und stieß sehr wenig. Ich konnte mich nun selbst davon überzeugen, dass ein trabendes Reitkamel ganz anders vorwärts kommt als ein Pferd.

Hinter dem Orte Atsih ging es sofort ohne Weg und Steg nach Nordosten zu. Suez liegt mit Kairo in einer Höhe. Wir hatten etwa 250 Kilometer zurückzulegen und konnten in drei Tagen spätestens in der berühmten Kanalstadt sein.

Die beiden Genge, mittelgroße, bärtige Männer in hellgrauen Mänteln, ritten stets einige zwanzig Schritt voraus. Sie waren gut bewaffnet, hatten moderne Doppelbüchsen, Revolver und Messer.

Harst und ich einigten uns bald dahin, gegen vier Uhr morgens Rast zu machen und bis gegen Mittag zu schlafen.

Harst war still und in sich gekehrt. Der Tod der zierlichen Französin schien ihm sehr nahe zu gehen. Sie hatte sich auch sozusagen für ihn geopfert.

Dann, als wir im Schritt ein steiniges Flussbett entlangritten, meinte er unvermittelt: »Wir werden früher Halt machen müssen. Das Kamel des einen Genge lahmt.«

Ja, er hatte recht. Das Tier schonte den rechten Vorderfuß und knickte zuweilen recht stark ein.

Wenige Minuten darauf blieben die beiden Beduinen stehen, ließen ihre Tiere niederknien und stiegen ab.

Harst folgte ihrem Beispiel. Ich hatte etwas Mühe, meine lebhafte Stute gleichfalls zum Niederknien zu bewegen, hörte aber, wie der eine Genge sagte: »Drei bis vier Stunden. Das Tier muss nur etwas ausruhen.«

Harst fand etwas weiter vorn eine kleine Schlucht, die sich zum Lagerplatz gut eignete. Einer der Genge holte Distelgestrüpp, zerhackte es und zündete ein Feuer an.

Es war dies meine erste Nacht unter freiem Himmel. »Recht romantisch«, meinte ich zu Harald.

»Zu romantisch«, erwiderte er. Die beiden Beduinen besichtigten gerade den Huf des kranken Kamels. »Schraut«, fügte er ganz leise hinzu. »Dort liegen die Büchsen der beiden neben den Sätteln. Die Schufte denken, ich bin blind. Los, tu genau dasselbe wie ich …«

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