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Der Konstanzer Hans Teil 27

W. Fr. Wüst
Der Konstanzer Hans
Merkwürdige Geschichte eines schwäbischen Gauners
Reutlingen, 1852

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Hans’ weitere Bekenntnisse

Hans war weit entfernt, die Ursachen seiner Gaunerei nur außer sich zu suchen. Wenn er auch seine schlechte Erziehung und sein Krämerleben als erste vorbereitende Ursache nannte, so warf er doch die Hauptschuld nicht auf seine Eltern und auf die Umstände, sondern auf sich selbst. »Denn«, sagte er aufrichtig, »als ich ins Gaunerleben eintrat, wusste ich wohl, was gut und was böse sei. Deshalb sehe ich auch ein, dass ich das Leben verwirkt habe, wenn man nicht Gnade vor Recht ergehen lässt. Einen Dieb«, fuhr er fort, »sollte man nie mehr in Freiheit setzen, sondern fürs ganze Leben zur Arbeit einsperren. Denn man soll nur nicht glauben, dass einer das Stehlen lassen kann, wenn er es einmal angefangen hat. Ich bin fünfmal in Haft gewesen und wegen meiner Diebstähle mehrere Male bestraft worden. Hätte ich mein Leben bessern wollen, so wären diese Strafen und Gefangenschaften ganz geeignet gewesen, mich vom Stehlen abzuhalten. Darum ist es auch für mich das Beste, wenn ich die Freiheit nicht wieder erhalte, denn ich traue mir nicht so viel Kraft zu, die Freiheit so zu gebrauchen, dass ich nicht wieder in das alte Sündenleben zurücksänke!«

So aufrichtig sprach sich Hans aus. Mit derselben Gewissenhaftigkeit und Offenheit, die er bei dem Bekenntnis seiner eigenen Verbrechen an den Tag legte, machte er auch die Einbrüche und Diebstähle seiner Kameraden offenbar und nannte alle Gauner, die er kannte, im Ganzen über fünfhundert. Er gab die persönlichen Merkmale derselben, ihre vorzüglichsten Taten, ihre gewöhnlichen Schlupfwinkel, die besondere Art ihrer Diebereien, die Häuser, in denen sie Aufenthalt und Schutz fanden, die Personen, welche die gestohlenen Gegenstände kauften, auf das Genaueste an. Dadurch erleichterte er das mühsame Geschäft der Untersuchung sehr und trug dazu bei, dass eine große Zahl von Gaunern eingefangen wurde, die ihre Verbrechen zum Teil mit ihrem Kopf, zum Teil mit ihrer Freiheit büßen mussten. Ebenso wurden die von Hans angegebenen 97 Diebswirte in Schwaben zur Verantwortung und zur verdienten Strafe gezogen.

Die Zahl der Gauner minderte sich auf diese Weise sehr, da sie nun nicht mehr so sicher waren, da man allerwärts eine größere Wachsamkeit auf sie hatte, sie einzufangen bemüht war und in den Verhören schärfer mit ihnen verfuhr.

Hans hatte das Verdienst, durch seine umfassenden Geständnisse der Gaunerei diesen empfindlichen Stoß beigebracht zu haben. Der Oberamtmann Schäfer in Sulz war der Mann, der die gemachten Anzeigen dazu benutzte, überall hin an die Obrigkeiten die nötigen Nachrichten gelangen zu lassen, damit an allen Orten auf die Verminderung und endliche Ausrottung des Diebsgesindels hingearbeitet werden konnte.

Da nun Hans als ein schlauer Kopf bekannt ist, so könnte man leicht auf den Gedanken kommen, er habe die oben angeführten Enthüllungen von seinen Kameraden und den Diebsherbergen aus dem Grund gemacht, um sein Schicksal dadurch zu erleichtern. Allerdings mag diese Rücksicht ihn einigermaßen dabei geleitet haben. Dass dies nicht der eigentliche Grund und der Hauptzweck seiner Geständnisse war, geht aus seinem ganzen Betragen und seiner Gemütsverfassung sowie aus seinen bereits aufgeführten Äußerungen hervor. Er handelte dabei nach innerer Überzeugung. Sein nun so reges Gewissen forderte von ihm, zur Vernichtung der für die menschliche Gesellschaft so verderblichen Gaunerei das seine beizutragen. Denn immer noch dauerte die peinliche Unruhe fort, welche ihm bei dem Erwachen seines Gewissens so viele Angst und Qual bereitet hatte. Wenn er in Gegenwart anderer diese innere Unruhe zu verbergen verstand und sich mutig und zuversichtlich zeigte, so machte die Gewalt, die er sich antat, jene Unruhe nur größer und dauernder. Wurde auch er zuweilen durch den Gedanken an Gottes Gnade getroster und hoffte, das Leben könne ihm geschenkt werden, so warf ein Blick auf die Menge und Größe seiner Vergehungen wieder alle Trostgründe nieder.

Viele Einwohner von Sulz besuchten ihn in seinem Gefängnis und taten ihm Gutes. Der Mann, der alles so offen gestand, der sich so artig zu benehmen wusste, der so gesunden Verstand besaß, gewann ihre Liebe. Die meisten Beweise von Güte aber erhielt Hans vom Oberamtmann. Doch konnte ihn dies so wenig beruhigen, als die Besuche Kürners und des Pfarrers von Marschalkenzimmern. Wenn diese ihn wieder verlassen hatten, so brachte er die folgenden Stunden stets in größeren Anfechtungen zu, ungeachtet sie ihm immer die tröstenden Versicherungen gaben.

Dieser Kampf dauerte einige Monate fort, als der Geistliche von Glatt ihm einen Besuch machte. In einem anderen Ton sprach dieser Mann mit dem armen Gefangenen und machte demselben die Hölle so heiß, dass er mehrere Tage in der größten Verzweiflung hinbrachte, sich trost- und ratlos auf seinem Lager wälzte und kein Schlaf seine matten Glieder stärkte.

Da kam wieder der Pfarrer von Marschalkenzimmern und erschien dem Armen als ein Engel Gottes durch den Trost, den er in seine Seele goss. Bei seinem zweiten Besuch fasste ihn auch der Geistliche von Glatt auf einer Seite, die Beruhigung gewährte. Diese beiden Männer wirkten vieles an Hans, indem sie neben der mündlichen Belehrung ihn auch mit verschiedenen nützlichen und unterhaltenden Büchern versorgten. So schwer nun auch Hans’ das Lesen fiel, so ließ er sich keine Mühe verdrießen und brachte es daher bald zu einiger Fertigkeit.

Dieser doppelte Sieg des Unterrichts wirkte vor trefflich auf Hans’ Besserung und Beruhigung. Es verschwand allmählich die Furcht und das Grauen vor dem Tod, je mehr er die Überzeugung bekam, dass er von der Verdammnis nichts zu fürchten habe. Darum ergab er sich ohne Zagen dem Sterben und stellte sich auch seinen Tod als ganz gewiss vor.

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