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Review: Das Gewissen

Alexander Gail
Das Gewissen

Eine Horror-Kurzgeschichte
frei erzählt nach einer Comic-Episode von Bernie Wrightson
Erstveröffentlichung auf dem alten Geisterspiegel am 18. Juni 2007

John Ryan glaubte, seinen Verstand zu verlieren.

Schon seit einigen Wochen stieg er Nacht für Nacht wie in Trance versunken in sein Auto, fuhr aus der Stadt hinaus auf das Land und suchte die verkommene, leerstehende Villa auf.

Wenn das Licht des Mondes durch die Fenster schien und das verfallene, staubbedeckte Mobiliar schwach beleuchtete, kam er zu sich.

Immer stand er dann inmitten des riesigen Speisesaals, wo Tische und Stühle umgestoßen waren und die verbrauchte Luft von fauligem Geruch geschwängert wurde.

Kraftlos sank John auf die Knie. »Lieber Gott, ich werde wirklich wahnsinnig«, bemerkte er und schluchzte hemmungslos.

Das Letzte, an das er sich erinnerte, war, dass er zeitig zu Bett ging und sich lange hin und her gewälzt hatte, bis er in einen leichten Schlummer gefallen war. Nun stand er hier, mit Schuhen, Hemd und Hose voll bekleidet, und hatte keine Ahnung, wann und wie er an diesen Ort gelangte.

Was folgte, war immer das gleiche. John hockte nachdenklich auf dem kalten, staubigen Dielenboden, philosophierte über seinen Geisteszustand und fuhr irgendwann wieder nach Hause.

Doch in dieser Nacht sollte es anders sein.

»Es muss einen Grund geben, warum es mich hierher treibt«, sprach er zu sich selbst und beschloss, sich in dem alten, zerfallenen Haus umzusehen. Vielleicht mochte er irgendwo einen Hinweis finden, was eine Grundlage für seine nächtlichen Besuche war.

John fand einen dreiteiligen Kerzenständer und entfachte mit einem Streichholz die zur Hälfte niedergebrannten Kerzen.

Langsam wanderte er durch die unteren Räume. Er durchsuchte die Bibliothek, in der sich Bücher in staubigen Regalen vom Boden bis zur Decke stapelten, fand weitere Essräume und eine geräumige Küche, der kleine Kammern angrenzten, wo sicherlich einst die Dienerschaft gewohnt hatte.

Alles war in erbärmlichen, schmutzigen Zustand. Das riesige Haus musste schon seit geraumer Zeit unbewohnt sein.

Langsam wanderte John zurück in die Eingangshalle. Augenblicke blieb er stehen und sah sich um, dann ging er die breite, geschwungene Treppe hinauf, um sich in dem oberen Stockwerk umzusehen.

Sein Herz klopfte und ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Er war sich sicher, niemals hier gewesen zu sein. Trotzdem kam ihm die Umgebung plötzlich seltsam vertraut vor.

Es schien ihn eine fremde Macht zu lenken, die ihn bis ans Ende des Flurs wandern ließ. An einer breiten Zimmertür blieb er stehen. Seine Kehle fühlte sich trocken an. Er schluckte schwer, als die zitternde Linke vorsichtig die Tür öffnete.

Es war ein hübsch eingerichtetes, quadratisches Schlafzimmer, das seltsamerweise von keinerlei Zerfall gezeichnet war. Alles wirkte sauber und frisch, ein betörender, süßer Geruch lag in der Luft. Auf dem breiten Doppelbett räkelte sich eine Gestalt. John entdeckte eine schöne, junge Frau, mit langen, kastanienbraunen Haaren, die in sanften Wellen auf die nackten Schultern fielen. Sie trug ein weißes Spitzennachthemd mit dünnen Trägern und tiefem Ausschnitt, der einem Einblick auf große, runde Brüste gewährte.

John glaubte erneut, sein Verstand spielte ihm einen Streich.

Das alles konnte nicht Wirklichkeit sein.

»Liebling, du bist zurück!«, sagte sie und sah ihn mit großen, dunklen Augen an.

»Wer bist du?«, fragte John, obwohl er die junge Frau zu kennen glaubte.

»Erkennst du mich nicht wieder, mein Geliebter?«

Auf wackeligen Beinen trat er hinein und näherte sich ihr.

Fast schmerzhaft brannte sich die Erkenntnis in sein Gehirn.

»Angelina, du bist es?«

Sie lachte und zeigte gepflegte, weiße Zähne.

»Aber natürlich, wer sollte ich den sonst sein?«

»Das ist unmöglich«, stammelte der Mann und ließ sich in einen Sessel fallen, als die Beine unter ihm versagten.

Sie setzte sich auf und musterte ihr Gegenüber.

»Weißt du es denn nicht mehr, wir wollten heiraten, wir beide.«

Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Ereignisse, die schon fast zwei Jahre zurück lagen, nahmen in seinem verwirrten Geist Formen an.

Die junge Frau fasste seine Gedanken in Worte.

»Wir hatten eine schöne Zeit, du und ich. Ich liebte dich, wie ich keinen anderen Mann je geliebt hatte. Wir teilten beide die bittere Enttäuschung, als du mir einen Antrag machtest und mein Vater ihn ablehnte. Die Vorstellung, dass ein einfacher Buchdrucker seine geliebte Tochter heiraten sollte, war zu absurd für ihn.«

Schweigsam lauschte John ihren Worten.

»Was hätte ich denn tun sollen? Hier auf dem Land lebten wir noch nach den alten Traditionen. Ich konnte, ich durfte mich nicht über die Entscheidung meines Vaters hinwegsetzen. Deshalb verlobte ich mich auch mit Henry Barnes.«

Plötzlich vernahm John von draußen raschelnde, gurgelnde Laute.

»Hast du das gehört?«, fragte er Angelina.

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, ich kann nichts hören.«

Hastig drückte John seinen Zeigefinger an den Mund und zeigte ihr mit dieser Geste, dass sie sich ruhig verhalten sollte.

»Ich glaube, unten ist irgendjemand. Lass mich nachsehen.«

Hastig stand er auf, eilte zur Tür und trat hinaus auf den Flur. Vorsichtig bewegte er sich vorwärts und dachte darüber nach, dass er völlig waffenlos war und sich im Falle eines nahenden Feindes nur mit den blanken Fäusten verteidigen konnte.

Als er an der breiten Treppe angekommen war, schallte sein Schrei des Entsetzens durch das ganze Haus.

Eine Horde gespenstiger Gestalten tummelte sich unten in der Eingangshalle und begann langsam und taumelnd den Aufstieg. Verwesende, menschliche Gestalten waren es. Feuchten Gräbern entstiegen, mit Maden zerfressenem, verfaultem Fleisch auf den Knochen, wandelten sie auf unsicheren Beinen durch das Dämmerlicht. Lehmige Erde klebte an nackten Schädeln, schleimiges Gewürm kroch in schwarzen Augenhöhlen und sonderte sich aus lippenlosen Mündern ab.

Der Mann namens John Ryan schrie vom Wahnsinn gepackt und stolperte erst zurück, als die ersten klauenartigen Hände nach ihm grapschten.

Dann waren die Horrorgestalten über ihm.

Sie packten ihn, zerrten an seinen Kleidern und zerkratzten mit schwarzen Fingernägeln seine nackte Haut.

»Nein, lasst mich!«, schrie der Mann in seiner Verzweiflung, der unter der Übermacht zu ersticken drohte.

Er nahm den vergoldeten Kerzenleuchter mit beiden Händen und schlug mit aller Kraft um sich. Dünne Knochenarme wurden aus den Schultergelenken gerissen, Schädel, an denen verfilzte, schmutzverklebte Haare hingen, zerschmettert. Schließlich hatte er es geschafft, die erste Angriffswelle zu stoppen, und robbte auf allen vieren über den Flur zurück zu Angelinas Zimmer. Die unheimlichen Verfolger dicht auf den Versen, hastete er in das Schlafzimmer und krachte die Tür hinter sich zu.

John gab ein Bild des Schreckens ab. Die Kleider hingen in Fetzen von seinem Leib, das Gesicht kalkweiß und schweißbedeckt, die Augen angstvoll geweitet.

Augenblicklich verließen ihn die Kräfte und er sackte wie ein nasser Sack zu Boden, wimmernd und schluchzend.

»Dieser furchtbaren Dinger da draußen, was wollen die von mir?«

»Du weißt es wirklich nicht?«

Fragend blickte er die junge Frau an, die noch immer in ihrem Nachtgewand auf der Bettkante saß.

»Ich möchte dir gerne erklären, warum du Nacht für Nacht zu diesem Haus fährst. Höre mich an und du magst dich vielleicht an das Vergangene erinnern. Wie ich bereits berichtete, verlobte ich mich mit Henry Barnes. Ich liebte ihn zwar nicht, doch er war reich und angesehen, weshalb meine Eltern ihn für mich erwählten.  Dein Zorn und deine Enttäuschung, mein lieber John, raubten dir den Verstand und machten aus dir einen Menschen, den ich nicht wiedererkannte. Ich vermochte nicht zu sagen, dass mich die bevorstehende Hochzeit glücklich machte, aber wenn ich mir deinen Zustand ansah, dachte ich darüber nach, ob die Entscheidung meiner Familie vielleicht doch die richtige war. Nun, der Tag der Hochzeit kam und der Empfang fand in diesem, unseren Haus statt. Obwohl mein Vater dir eindringlich verboten hatte, unser Land zu betreten, mischtest du dich unter die Gäste.«

Die junge Frau brach ihre Erzählung für wenige Sekunden ab, während sich draußen schlurfende, schwankende Gestalten näherten.

John raffte sich auf und stemmte sich gegen die Tür. »Sie kommen. Sie kommen«, stammelte er und lauschte anschließend wieder Angelinas Worten, die ihren Bericht über die vergangenen Geschehnisse fortsetzte.

»Der Zorn und die Eifersucht hatten dich in ein wahrhaftiges Ungeheuer verwandelt. Weißt du, was du getan hast?«

Mit tränenfeuchten Augen schüttelte er den Kopf.

Es klopfte und donnerte an die Tür.

Die wandelten Schreckgestalten kamen!

»Weißt du noch immer nicht, was du getan hast?«, wiederholte sie energisch.

In seinem verwirrenden Geist tobte und rumorte es. Erinnerungen kamen zum Vorschein, die John verdrängt und tief in sich vergraben hatte.

»Du hast dich zwischen die Gäste geschlichen und den Punsch mit einer Menge Arsen vergiftet, mit der man eine halbe Stadt hätte auslöschen können. Jeder der anwesenden Menschen starb einen grausamen Tod.«

John schüttelte ungläubig den Kopf.

»Großer Gott, das ist Wahnsinn. Das kann doch einfach nicht wahr sein.«

»Oh doch, mein Liebling, es ist wahr. Die Tat war so entsetzlich, dass dein Verstand sie verdrängte, damit du nicht völlig dem Wahnsinn verfällst. Doch dein Gewissen treibt dich Nacht für Nacht hier her. Du hast über hundert Menschen erbarmungslos ermordet. Unschuldige Männer, Frauen und Kinder fielen deinem krankhaften Wahn zum Opfer.«

Langsam schoben sich die Erinnerungsfetzen in seinem Gehirn zu einem Ganzen zusammen. Bilder tauchten vor ihm auf, von kleinen, blauen Arsenfläschchen und Menschen, die sich am Boden wanden und grausam verendeten.

»Mein Gott, dann sind sie es, die ihren Gräbern entstiegen sind, um an mir Rache zu üben.«

Die Zimmertür erbebte unter den donnernden Schlägen, als die Unheimlichen gewaltsam Einlass begehrten.

Angelina erhob sich und näherte sich John, der sein ganzes Gewicht gegen das knarrende Holz drückte.

»Doch eines hattest du nicht bedacht, mein Liebling, auch ich hatte von dem Punsch getrunken.«

Er drehte sich um und kreischte vor blankem Entsetzen.

Nicht mehr die schöne, makellose Frau sah er vor sich, sondern ein zerfallenes, verfaultes Etwas. Während sich dünne Knochenfinger um seine Kehle schlossen, zersplitterte die Tür und die Schreckensgestalten kamen herein.

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