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Der Konstanzer Hans Teil 22

W. Fr. Wüst
Der Konstanzer Hans
Merkwürdige Geschichte eines schwäbischen Gauners
Reutlingen, 1852

Zweiundwanzigstes Kapitel

Hans’ freies Leben neigt sich dem Ende zu.

Während sich Hans im Schwarzwald herumtrieb, traf er den Gauner Menrad Wahler, der seine Hilfe zur Herbeischaffung der nötigen Bedürfnisse zur bevorstehenden Hochzeit in Anspruch nahm. Wenn nun auch der erste Versuch misslang, so wusste Hans gleich den Vorschlag zu einem zweiten zu machen. Nun machte er so wenig Hehl daraus, dass er sogar in Gegenwart seiner Eltern davon sprach, er wolle einen Krämer zu Turbach im Badischen bestehlen. Sein Vater kannte diesen Krämer und drohte dem Sohn mit dem nachdrücklichsten Ernst, er würde ihn selbst angeben, wenn er diese Tat ausführte. Hans machte sich aber umso weniger aus den lärmenden Drohungen seines Vaters, als er solche schon oft hatte hören müssen, ohne dass sie ausgeführt worden wären. War Hans’ Vater noch zu gewissenhaft zum Stehlen, so schämte er sich doch nicht, als Müßiggänger und Bettler umherzuziehen. Wenn der heftigste Ausbruch seines Unwillens vorüber war, so ließ er seinen Sohn unangefochten stehlen, nahm wohl auch hier und da gestohlene Sachen von ihm an.

Nachsichtiger war Hans’ Mutter bei ihres Sohnes Diebstählen; hatte sie ihn ja schon in seinen Knabenjahren (siehe Kapitel 1) sogar zum Stehlen verleitet. Bei dem letzten Vorfall aber vereinigte sie ihre Vorwürfe mit denen ihres Mannes, und zwar auf eine Weise, dass Hans in seinem Zorn darüber seine Arzneikiste nach ihr warf und ihr das Messer noch in den Leib gerannt haben würde, hätte ihm nicht sein Kamerad den Arm festgehalten.

In der Nacht nach Menrad Wahlers Hochzeit wurde von den beiden Gaunern der Einbruch bei dem genannten Krämer in Turbach wirklich gemacht und ein Warenvorrat von beinahe 200 Gulden erbeutet, den sie nun unter sich teilten. Seinen Anteil gab Hans zwei Gaunerinnen zum Verschluss, um bei einem etwaigen Überfall mehr gesichert zu sein, und eilte schnell Kehl zu, um sich in das Elsass zu begeben, als er vernahm, dass der bestohlene Krämer auf seine Verfolgung ernstlich bedacht sei. Glücklich erreichte er den Rappenhof in der Nähe von Kehl. Statt über den Rhein zu gehen, blieb er hier und lebte zwei Tage lang herrlich und in Freuden, während die zwei Gaunerinnen seine Waren um einen Spottpreis verkauften. Dieser niedere Preis aber erregte Verdacht, und die Verkäuferinnen hatten kaum noch Zeit, sich in einen nahen Wald zu flüchten. Um allen Verdacht von sich abzuwenden, nahm Hans geschwind seine Kiste und schlich sich auf die Landstraße, auf der er ganz bedächtig fortschritt, unbekümmert um die Streifer, die hinter ihm drein kamen. Der ihm abgeforderte Pass galt für gut und er durfte als Materialist seines Weges gehen.

Damit war aber Hans der Gefahr noch nicht entgangen. Der Weg über den Rhein war ihm versperrt und er wendete sich wieder Offenburg zu, woher er gekommen war. Hinzu kam noch, dass der Bestohlene Hans’ Vater in einem Dorf traf und gegen diesen seinen Verdacht auf seinen Sohn unverhohlen äußerte. Der Vater gestand ihm ganz ehrlich, dass sein Sohn den Anschlag wirklich gefasst habe. Ob aber der Diebstahl von ihm begangen worden sei, wisse er nicht. Überdies gab er dem Krämer eine so vollständige Beschreibung von seinem Sohn, dass dieser durch Steckbriefe verfolgt werden konnte.

Gleich danach kam Hans bei Offenburg mit seinen Eltern zusammen und wurde von seinem Vater übel empfangen.

»Du gottloser Taugenichts«, redete dieser ihn an, »hast den Krämer in Turbach bestohlen. Dieses Mal wird es dir schlecht gehen, da der Bestohlene eine getreue Beschreibung von deiner Person durch mich bekommen hat.«

Hans leugnete die Tat beharrlich und versuchte seinen Vater den Argwohn zu nehmen. Aber seine Stunde hatte geschlagen. Er unterließ alles, was er zu seiner Rettung tun konnte und sollte, und tat gerade das, was ihn den Händen der Gerechtigkeit überliefern musste.

Die zwei Gaunerinnen hatten sich von der Flucht wieder bei Hans eingefunden und er nahm sie in seine Gesellschaft auf, was bei seinem Vater neuen Verdacht erregte. Nun ging die ganze Gesellschaft, zu welcher auch seine Eltern und seine Schwester gehörten, dem Städtchen Gengenbach zu, an dessen Toren Hans seine Waren verzollte. Hierauf hielten sie hinter den Gärten der Stadt etliche Stunden Mittagsruhe. Und hier war es, wo Hans die letzten Augenblicke der süßen Freiheit genoss und noch einmal ruhig sein Brot aß.

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