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Der Spion Band 1 – Die Schlacht bei Jena – 3. Kapitel

Franz Theodor Wangenheim
Der Spion
Band 1 – Die Schlacht bei Jena
Historischer Roman
Verlag von C. P. Melzer, Leipzig 1840

3. Kapitel

Geteiltes Leid ist halb, geteilte Freude doppelt. Wer hätte diese Wahrheit tiefer empfinden können als der Assessor. Wie gern hätte er einem jeden sein unaussprechliches Glück verkünden mögen! Und nun musste er schweigen; schweigen, dass Luise von Wallen, das schönste Mädchen der Hauptstadt, die sittige Tochter des Veteranen an seiner Seite, das Ziel der Wünsche so vieler vorzüglichen Männer, seine verlobte Braut war. Wer hätte auch ahnen können, dass der Zufall, sie mit ihrer Mutter einmal bei Medizinalrats zu sehen, so herrliche Früchte tragen würde! Freilich war noch die bittere Schale der langen und gefahrvollen Trennung zu durchbrechen, ehe der süße Kern des ungestörten Besitzes zu kosten war; doch was fragt ein Liebender nach Raum, Zeit und Gefahr: Über die Liebe selbst vergisst er das Kleeblatt. Der Assessor begnügte sich nun, mit Stolz an der Seite des Hauptmannes; denn wer ihn kannte, der musste doch mindestens sein Glück vermuten. Er begnügte sich, im Braunen Hirsch allein mit dem Hauptmann hinter einem kleinen Tisch eine Flasche zu leeren und bei jedem Glas mit ihm anzustoßen. Da konnte man ja nicht umhin, ein näheres Verhältnis zwischen den beiden vorauszusetzen.

Herr Dose, der Wirt Zum braunen Hirsch, entsprach seinem Stand im vollsten Maße. Er, der kugelrunde, kleine Mann, dessen Nase winzig klein und platt fürwitzig zwischen den feisten Wangen hervorguckte, dessen bewegliche Äuglein bald genug die beiden isolierten Gäste erkundet hatten, lavierte vor ihrem Tisch mit jedem Wind, um die Gelegenheit wahrzunehmen, da er mit gefülltem Segel das Schiff seiner unbegrenzten Neugier in den Kanal ihres Vertrauens bugsieren könnte. Vergebene Mühe; denn gerade er war es, dem der Hauptmann alles ängstlich verschwieg. Nicht weil Herr Dose eine Plaudertasche war, sondern weil sich der Hauptmann vorgenommen hatte, durchaus nicht mehr mit ihm zu sprechen. Seit zwanzig Jahren besuchte der alte Wallen diese Weinstube, und in jedem Monat hatte er fünfzehn Mal den heroischen Entschluss gefasst; aber stets ging dieser Entschluss an Herrn Dosens Liebenswürdigkeit zu Schanden. Zwei Dinge waren es, die dem Hauptmann nicht gefielen: Erstens trug sich Herr Dose nach der französischen Mode und zweitens hatte er sich die Redensart angeeignet: »Das soll mir keiner sagen.« Es kommt ja wohl zu Zeiten, dass ein alter Soldat von seinen Feldzügen erzählt. Herr Dose, der die Geschichte des Siebenjährigen Krieges aus Langeweile, da er krank war, gelesen hatte, gab stets das widersprechende Prinzip ab, wenn der Hauptmann aus Erfahrung sprach. Wurde dieser dann heftig, so steckte Herr Dose die Hände in die Seitentaschen. Mit triumphierendem Blick über die Gäste hin, rief er: »Das soll mir keiner sagen. Ich habe es gelesen, gedruckt gelesen!« Diesen Worten folgte dann gewöhnlich ein grimmiger Fluch des Hauptmanns und die Versicherung, dass er den Braunen Hirsch nicht wieder betreten würde, wenn der Wein nicht so ausgezeichnet gut wäre.

Heute konnte Herr Dose jedoch gar nicht an seinen alten, treuen Gast kommen; einerseits waren sie noch nicht wieder versöhnt, denn sie hatten sich erst gestern veruneinigt, andererseits hatte der Hauptmann so viel und so angelegentlich mit dem Assessor zu sprechen, dass die ganze, sehr zahlreiche Gesellschaft für ihn nicht gegenwärtig war. Wie flirrten Herrn Dosens Augen von den Lippen des Hauptmanns zu denen des Assessors! Hin und wieder flog sein Blick, je nachdem das leise Sprechen an diesem oder jenem war. Doch alles ohne günstiges Resultat. Endlich konnte Herr Dose nicht mehr an sich halten; freundlich, händereibend, ungemein höflich, trat er näher.

»Schönes Wetter heute, schönes Wetter, Herr Hauptmann.«

»Jawohl, jawohl.«

»Der ganze Monat wird schönes Wetter mit sich führen.«

»Meinetwegen.« Er sprach wieder mit dem Assessor.

Der Wirt entfernte sich.

»Da bist du am besten aufgehoben«, flüsterte der Hauptmann dem Assessor ins Ohr. »Stoß an, Prinz Louis soll leben!«

Sie tranken.

»Er ist ein Feuerkopf«, nahm der Hauptmann das Gespräch wieder auf, indem er den Wein aus dem Bart drückte, »doch im Krieg muss es Feuerköpfe geben. Das Glück ist dem Kühnen hold und nur der schlimme Ausgang hat den Namen Tollkühnheit erfunden.«

»Hier steht es«, unterbrach der Wirt den Redefluss des Hauptmanns. »Sehen Sie gütigst, gnädiger Herr Hauptmann: Der September bringt warme Herbsttage, zuweilen bedeckte Luft, einige Tage starken Wind aus Süd-West, dann aber klaren Himmel und Hitze …«

»Das ist ja der Kalender vom vergangenen Jahr!«, rief der Assessor unter lautem Lachen.

Herr Dose suchte am Rande des Blattes. »Wahrhaftiger Gott!«, fuhr er zurück. »Bitte um Vergebung, will im Augenblick den Kalender von diesem Jahr bringen.«

»Ist gar nicht vonnöten.« Der Hauptmann war noch nicht versöhnt.

»Gnädiger Herr Hauptmann«, meinte Herr Dose mit bewunderungswürdiger Geistesgegenwart, »ich habe gestern einen vorzüglichen Nierensteiner 1783iger erhalten. Sie, der zuverlässigste Weinkenner, werden mir gütigst ein Urteil über den Wein abgeben.«

Des Hauptmanns Konsequenz wurde in die Enge getrieben.

»Wissen Sie auch gewiss, dass es Nierensteiner dreiundachtziger?«

»Ein gedruckter Brief begleitete den Wein.«

»Wollen sehen«, beschied ihn der Hauptmann. Es war, als ob er einen Coup d’eclat gegen seinen steten Opponenten auszuführen intendierte.

»Höre, lieber Junge«, sagte er zum Assessor, als Herr Dose den Wein holte, »der Kerl ist der größte Haberecht, den es nur gibt. Und wenn der Wein auch echt ist, er soll doch nicht echt sein. Verstanden?«

»Wie wäre das anzufangen?«

»Du bist ein Doktor der Rechte und kannst nicht einmal das? Ich sehe schon, in dieser Beziehung hat der Soldat ein Großes voraus. Lass mich nur machen; der entscheidende Augenblick gebiert den erfolgreichen Entschluss. Es geht wie im Krieg; was auch die Kabinette ausklügeln mögen, der Augenblick, der Drang der Begebnisse ist Herr und führt die Geschichte herbei für alle Zeit.«

Herr Dose brachte eben den Wein. Wie eine Reliquie trug er die in blaues Papier gewickelte Flasche, enthüllte sie bedächtig wie mit Ehrfurcht, setzte den Korkzieher an und drehte einmal.

»Es muss etwas ganz Vorzügliches sein und ich bin hocherfreut, dem gnädigen Herrn Hauptmann und dem Herrn«, er drehte zum zweiten Mal »Kammergerichtsassessor«, er drehte zum dritten Mal mit pfiffigem Schmunzeln, »Herrn Doktor Weiß – nun mein Haus hat schon manchen Glücklichen gesehen«, er drehte zum vierten Mal mit einer tiefen , »und ich wollte mich wohl unterfangen meinen untertänigsten Glückwunsch«, er drehte zum fünften Mal, nahm die Flasche zwischen die Knie und bei dem Paffen des Stöpsels rief er: »Aber das soll mir keiner sagen! Versuchen Sie, meine Herren!« Und der funkelnde Sohn des altberühmten Vaters strömte feurig zum Herzen der glücklichen Männer.

Der Hauptmann tat wie ein alter Weinkenner. Er zog den edlen Saft wohl zehnmal durch die Zähne, machte ein nachdenkliches Gesicht, prüfte noch einmal, schüttelte den Kopf und fragte: »Was sagen Sie? Nierensteiner dreiundachtziger?«

Herr Dose wurde verlegen, denn das hatte er nicht vermutet.

»Sie wollen mir eins aufbinden«, verfolgte der Hauptmann seine Rolle.

Herr Dose donnerte ein reines Glas heran, schenkte ein und prüfte, als wenn das Heil einer Welt auf seiner Zunge schwebte.

»Das soll mir keiner sagen«, brach er los, »echter Nierensteiner dreiundachtziger!«

»Hören Sie, Herr Dost!« Der Assessor machte ihn durch einen leichten Stoß am Ellenbogen aufmerksam. »Wer hat Ihnen den Wein gesandt?«

»Verehrtester, jeder Tanzmeister behält einen Sprung für sich …«

»Herr, sein Sie kein Narr«, beharrte der Assessor, der das Papier, in welches die Flasche gewickelt war, in der Hand hielt, »Ihr Kopf steht auf dem Spiel.«

Das Gesicht des Wirtes wurde zwar im ersten Augenblick bedeutend verlängert; doch ein sehr dienstfertiges Lächeln verbreitete sich über die weitläufigen Züge und er haspelte unter verschiedenen Verbeugungen: »Sehr schmeichelhaft für mich, dass der Herr Kammergerichtsassessor sich zu einem Scherz mit Dero untertänigsten Diener herablassen.«

»Herr, nehmen Sie Vernunft an«, sagte der Assessor im Kammergerichtston. »Sie sind ein Kind des Todes, wenn dieses Blatt weiter kommt als in meine Hand. Und auch da muss es einer sehr genauen Untersuchung …«

»Um Gotteswillen!«, erschrak Herr Dose so heftig, dass seine kirschroten Wangen plötzlich veilchenblau erschienen. Der Koloss war mit einem höchst gewagten Sprung an des Assessors Seite. Nun wurde auch der Hauptmann aufmerksam. Er fragte den zukünftigen Schwiegersohn nach dem Grund dieser eigentümlichen Wendung der Dinge. Der Assessor aber bat um Schweigen, indem schon mehrere von den Gästen die Hälse reckten und ihre Gehörorgane zu ihnen hinwendeten. Wie der Assessor die Gäste musterte, gewahrte er auch des schwarzen Mannes, der vor kaum einer Stunde den Hauptmann aufgesucht hatte. Der Mann jedoch schien sich nur um sein Glas zu bekümmern und um ein kleines, schwarzes Buch, welches er halb offen in der linken Hand hielt. Zuweilen warf er einen Blick hinein und dann schien er das Gelesene tiefsinnend zu erwägen.

»Ich werde Sie allein sprechen«, raunte der Assessor Herrn Dose zu und steckte das Papier in die Tasche. »Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, so geben Sie keine Flasche von diesem Wein heraus.«

Herr Dose war in halber Verzweiflung. Zehn Gäste verlangten nach ihm und jeder derselben begehrte solchen Wein, wie vor dem Hauptmann stand. Wie sich der Wirt zum Braunen Hirsch entschuldigte, blieb ein Geheimnis; aber dem Assessor war es lieb, dass er die Fragen des Hauptmanns nun beantworten konnte.

»Kein Zweifel«, flüsterte er dem Veteranen zu, »dass französische Agenten in Berlin sind. Das Papier, welches um die Flasche gewickelt war, enthält einen Aufruf des Kaisers Napoleon an alle Deutsche …«

»Was Donnerw…«

»Ich bitte Sie, bleiben Sie ruhig; mich müsste alles trügen, wenn wir nicht genau beobachtet würden. Bemerken Sie nicht jenen Mann im schwarzen Frack und Beinkleidern, der das schwarze Buch jetzt dicht vor der Nase hält? Ich habe einige Zeit die Untersuchungssachen unter Händen gehabt. Da bietet sich denn so manche Physiognomie dar, welche sich unauslöschlich in unseren Kopf prägt, und man bekommt schon einige Routine. Bemerken Sie nicht, dass der Mann keine Spur von Augenbraunen hat? Ein Gesicht, ohne diese, kann leicht zu jeder Maske umgestaltet werden. Und diese Totenblässe, dieses Nichtssagende in allen Zügen, ja ich möchte sagen, es sind durchaus keine Züge vorhanden. So unheimlich ist mir seit Langem kein Mensch vorgekommen. Nun denken Sie, der Mann suchte Sie vor einer Stunde in Ihrem Haus auf.«

»Der Schwarzkittel?«

»Derselbe.«

»Mich suchte er? Mich?«

»Wie gesagt.«

»So muss ich ihn nach seinem Anliegen fragen, weil er sich nicht meldet!«

»Ich beschwöre Sie«, hielt der Assessor den Alten, welcher sich erhoben hatte, »erregen Sie kein Aufsehen.«

»Pah, ich bin der Hauptmann von Wallen, ein ehrlicher Preuße, der geht gerade aus. Das ist der beste Weg.«

Unbekümmert um den Assessor schritt der Hauptmann auf den Schwarzen zu, vor dessen Tisch er gerade aufgerichtet in militärischer Haltung stehen blieb.

»Mein Herr«, klang die sonore Stimme des Alten, »Sie waren in meinem Hause.«

Der Schwarze erhob sich schnell, aber linkisch. »Herr Hauptmann von Wallen?«

»Der bin ich. Darf ich um Dero werten Namen bitten?«

»Ich bin der Magister Roth. Mir wurde von Sr. Excellenz, dem Herrn Minister, der ehrenvolle Auftrag, mit dem Herrn Hauptmann den Entwurf zur Mobilmachung der Armee …«

»Sie sind Magister?« Der Hauptmann wurde blass vor Ärger.

»Magister«, gab jener flüchtig zu, »und die Ordre de Bataille auszuarbeiten.«

Die letzten Worte hatte der Magister überlaut gesprochen. Der Hauptmann machte eine kurze Wendung halbrechts. Mit der tiefsten Verachtung maß er den Magister noch einmal von den Zehen bis zum Scheitel und entfernte sich langsam. Aber unter den Gästen flüsterte es erst, dann wurden einzelne Stimmen laut, bald mehrere zugleich und das Wort Ordre de Bataille flog von Mund zu Mund. Der Magister hatte sich schleunigst entfernt. Nun drängte sich alles zu dem Hauptmann. Er sollte Aufschluss geben, wie die Sachen ständen. Der Veteran lehnte das Ansinnen von sich ab. Es bedurfte jedoch des Ansehens des Kammergerichtsassessors, um den Alten von der lästigen Neugier zu befreien.

Da die Weinstube zum Braunen Hirsch zugleich eine politische Halle abgab, so konnte es nicht fehlen, dass sich auch Redner dort einfanden, die sich selbst gern hörten. Im nächsten Augenblick erhob sich schon ein ziemlich begeisterter Seifensieder, welcher sich ungefähr folgendermaßen vernehmen ließ:

»Es ist ausgemacht!« Hier stieß er die Flasche auf den Tisch. »Der Krieg ist vor der Tür. Es kann gar nicht anders sein, denn Reitende sind schon nach Öhringen zu dem Fürsten Hohenlohe, verkleidete Feldjäger fliegen zwischen Berlin und Potsdam und der alte Herzog von Braunschweig ist auf der Reise. Meine Herren, habe ich nicht recht?«

»Hat sich was mit Krieg!«, rief ein winzig kleiner Opponent, dessen mageres, gelbes Gesichtchen von unzähligen Pockennarben zerrissen war. »Wer will Krieg führen?«, quäkte er weiter. »Der König wird sich hüten, mit den Franzosen anzubinden. Es ist ja alles abgemacht und, Gott sei Dank, auf friedlichem Wege.«

»Wer nichts davon versteht«, beharrte der demosthenische Seifensieder, »der seid Ihr. Zeitungen lesen kann jedermann, aber diese verwickelten Geschichten ergründen, dazu gehört schon ein gewisses – ich will mich eben nicht für den Klügsten ausgeben; aber mehr als Ihr verstehe ich im kleinen Finger …«

Klingender Spornschritt unterbrach den Redner. Der fuhr wie der Wind auf den Eintretenden los, bemächtigte sich seines Armes und zog ihn hinter den Tisch, indem er noch eine Flasche vom Besten verlangte. Der Bespornte schien nicht eben den höheren Ständen anzugehören, denn er trug einen gewichsten Schnurrbart, dessen äußerste Enden die Ohrläppchen berührten. Ein dicker Backenbart gab dem Mann das Ansehen eines Kutschers. Doch er führte ein zusammengerolltes Papier mit sich. Durch verschiedene bedeutungsvolle Winke machte er den Seifensieder darauf aufmerksam, trank den Wein, als ob es pures Wasser wäre und war immer noch nicht zum Sprechen zu bringen, bis die zweite Flasche ziemlich auf die Neige ging.

»Nun, lieber Herr Stallmeister«, setzte der Seifensieder zum elften Mal wieder an, »Sie sind wohl sehr beschäftigt. Denken Sie nur, wir erwarteten Sie gestern Abend bis neun Uhr in der Kegelbahn, aber wer nicht kam, waren Sie.«

»Es ging nicht, so wahr ich Dralle heiße, es ging nicht. Um sieben musste ich schon wieder aufs Pferd – fünfundfünfzig Minuten ritt ich bis Potsdam.«

»Haben Sie den König gesehen?«

»Versteht sich. Seine Majestät saßen eben am Tisch und geruhten eben die Soupe einzunehmen, als ich meine Depesche zu überreichen die Gnade hatte.«

»Sieht unser König recht wohl aus?«

»Sehr wohl, sehr wohl!« Herr Dralle trank die Neige. Es wurde eine dritte Flasche gebracht.

»Was sagte denn unser König, als er die Depesche gelesen hatte?«

»Nichts.«

»Gar nichts?«

»Ne.«

»Das ist doch eigen.«

»Es ging nicht, so wahr ich Dralle heiße, es ging nicht; denn ich war im Entréchambre und konnte Seine Majestät nur auf Augenblicke durch die sich öffnende Tür wahrnehmen. Aber der König befindet sich wohl; das weiß ich von meinen Kollegen.«

Der Bericht schien den Herrn Dralle, bei welchem mit der steigernden Trunkenheit der Stallknecht stets mehr und mehr hervortrat, sehr angegriffen zu haben, denn er versuchte sich durch mehrere Gläser Wein zu stärken. Das Benehmen des politischen Seifensieders war lehrreich für angehende Diplomaten. Wie schlau, dass er dem Herrn Dralle mit dem Titel Stallmeister schmeichelte! Wie fein, dass er des Herrn Dralles Lebensgeister zuvörderst in die Fesseln des Weingeistes zu schlagen sich bemühte, ehe er an das zusammengerollte Papier kam! Herr Dralle trug gewöhnlich die Berichte des Kriegsministeriums. Wer wollte dem politischen Seifensieder verargen, dass er die Freundschaft eines so vielbedeutenden Mannes suchte und das Band fester und fester knüpfte? Nach langen Bemühungen war der Seifensieder am Ziel. Herr Dralle, von Dankbarkeit und Rebensaft durchdrungen, im vollen Bewusstsein des Gewichtes in Staatsangelegenheiten, erlaubte mit herablassendem Lächeln, welches übrigens einen starken Beigeschmack von Stumpfsinn hatte, dass man das Papier öffnete. Des Hauptmanns Entrüstung, dass man die geheim zu haltenden Befehle des Kriegsministeriums in der Weinstube zum Braunen Hirsch so rücksichtslos veröffentlichte, drohte die Grenzen der Klugheit zu überschreiten; doch der Assessor konnte nicht mehr tun, als dem Veteranen zur Seite zu bleiben. So traten sie denn zu dem Schwarm der Gäste, welcher sich um den Seifensieder gesammelt hatte.

Der las: »Generaldisposition zur Verteilung der Armee! Nun, da haben wir es ja! Es ist Krieg!«

Und wie der Funken in das Pulverfass, so fiel das Wort in die Menge. Die einen jubelten, die anderen wurden bleich und zogen bedenkliche Mienen. Gern hätten die Letzteren sich sogleich entfernt, um Anordnungen zur Sicherung ihrer Habe zu treffen, doch des Seifensieders Stimme hielt sie zurück.

»Die Armee, mit Ausschluss der ostpreußischen Inspektionen und der Garnison von Warschau, sammelt sich in sieben Armeekorps, und zwar:

1) Das Westphälische Korps unter dem General von Blücher in der Gegend von Osnabrück;

2) das Hannoverische Korps unter dem General Rüchel bei Hildesheim;

3) Das Magdeburgische Korps unter dem Prinzen Louis auf dem linken Elbufer in der Gegend von Magdeburg;

4) Das Märkische oder erste Reservekorps unter General von Kuhnheim auf dem rechten Elbufer zwischen Dessau und Wittenberg;

5) Das Sächsische Korps unter dem Fürsten Hohenlohe hinter dem Bober;

6) Das Westpreußische oder zweite Reservekorps unter dem General von Natzmer in der Gegend von Küstrin;

7) Das Pommersche Korps, unter dem General von Kalkreuth, bleibt vor der Hand zur Beobachtung der Schweden bei Pasewalk zurück, bis es die Umstände erlauben, dass es sich mit dem Westpreußischen Reservekorps vereinigen kann.

Sobald die Hessen und die Sachsen in die Vereinigung mit Preußen gewilligt haben werden, stoßen jene zum Rüchelschen, diese zum Hohenloheschen Korps.

Sr. Majestät, der König, wird sich nach Befinden der Umstände zu demjenigen Korps begeben, das seine Gegenwart am dringendsten fordert.«

»Das ist brav!«, rief einer von den Gästen. »Der König! Es lebe der König!«

Und aus eines jeden Mund tönte wider: »Es lebe der König!«

»Friedrichs Blut verleugnet sich nicht!«, triumphierte der Hauptmann gegen den Assessor. »Freue dich, mein Sohn, dass du in den Reihen eines Volkes, welches sein König führt, kämpfen wirst.«

»Was?«, fingen einige Gäste die Worte auf. »Der Herr Kammergerichtsassessor wollen dienen? Freunde, auf das Heil des Vaterlandsverteidigers! Er lebe hoch!«

Man drang dem Assessor von allen Seiten Gläser auf. Er mochte wollen oder nicht – die Gesellschaft gehörte sonst eben nicht zu seinem Umgang – er musste Bescheid tun und das Soldatenleben nahm hier schon seinen Anfang. Aber der Hauptmann war nicht mehr froh. Er starrte in den Menschenschwall hinein, als beschäftigte ein Unheil drohendes Ungetüm seinen Geist so sehr, dass er mit offenen Augen nicht sähe und gefühllos im Jubel seiner Landsleute dastände.

Plötzlich aber raffte er sich zusammen, ergriff des Assessors Hand und zog ihn mit sich hinweg.

Weder der Hauptmann noch der Assessor hatten bemerkt, dass der unheimliche Schwarzrock wieder hinter seinem Tisch saß und mit dem Krayon Anmerkungen zu dem Text in das kleine schwarze Buch schrieb. Auch der übrigen Gäste Aufmerksamkeit entging der Schwarzrock; denn eben hielt ein schwerer, doch eleganter Reisewagen vor dem Haus, aus welchem ein wunderherrliches Frauengesicht strahlte.