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Der Puppenfänger

Joana Brouwer
Der Puppenfänger

Lokalkrimi, Taschenbuch, Ullstein Verlag, Berlin, August 2013, 384 Seiten, 9,99 Euro, ISBN: 9783548284859
www.ullstein-buchverlage.de

Privatdetektivin Heide von der Heide wird mitten in der Nacht von ihrer alten Freundin Beate Buttenstett angerufen. Deren Schwager ist verschwunden und sie macht sich große Sorgen. Etwas verwundert, übernimmt von der Heide den Fall, aber nicht ohne vorher noch mit ihrem Lebensgefährten, dem Kriminalhauptkommissar Dieter Fuchs, einen heftigen Streit vom Zaun zu brechen. Schließlich fühlt sich der Beamte für den Vermisstenfall zuständig und will nicht immerzu in Konkurrenz zu seiner Freundin stehen. Als dann der Halbbruder des Vermissten tot aufgefunden wird, entwickelt sich ein Wettlauf gegen die Zeit: Wer hat bzw. hatte es auf die beiden Brüder abgesehen – und aus welchem Grund? Von der Heide und Fuchs ermitteln auf ihre jeweils eigene Weise im ländlichen Emsland. Und ihnen dämmert bald, dass den Toten und den Vermissten ein lange zurückliegendes Ereignis miteinander verbindet.

Kaum eine Region in Deutschland hat noch nicht ihre Lokalkrimis bekommen, ist das Genre doch seit Jahren kaum totzukriegen. Der Trend macht auch vor den äußeren westlichen Ausläufern Niedersachsens nicht Halt, wo Heide von der Heide im Emsland und in der Grafschaft Bentheim (im Übrigen die Heimat des Rezensenten, was auch den Anlass der Lektüre bildete) dem Verbrechen auf der Spur ist. Was der Ullstein Verlag auf dem Umschlag des im Sommer 2013 erschienenen Taschenbuchs verschweigt, ist, dass es sich bei Der Puppenfänger bereits um den sechsten Fall der Privatermittlerin handelt und die Vorgängerbände in einem anderen Verlag herauskamen. Mitnichten steigt man hier also gemeinsam mit den Protagonisten in die Handlung ein – die haben schon fünf Romane lang Zeit gehabt, sich vorzustellen, sich zueinander zu positionieren und zu entwickeln.

Das ist eine denkbar unschöne Grundlage für einen Krimi, der als eigenständig verkauft wird, wäre aber verzeihlich, wenn die Autorin Joana Brouwer die Güte besäße, zumindest zusammenfassend zu schildern, was bislang bei den Figuren passierte. Dass das nicht geschieht, stellt den Krimi von Anfang an unter keinen guten Stern. Zudem gelingt es Brouwer nicht, Sympathien für ihre Protagonisten aufzubauen. Von der Heide und Fuchs frotzeln sich durch ihre seltsame Beziehung, die geprägt von Missgunst und egomanischen Streits sowie anschließender Schmoll-Versöhnung ist. Dass die beiden den Kopf überhaupt für Ermittlungen frei haben, wundert den Leser, sind sie doch hauptsächlich damit beschäftigt, sich das Leben schwer zu machen, weil niemand in dieser Beziehung kompromissbereit ist. In diesem Fall ist die dadurch entstehende Spannung zwischen den Figuren nicht unterhaltsam:  Sie blockieren sowohl ihre Beziehung als auch ihre gemeinsame Entwicklung gegenseitig.

Eine weitere Grundlage gelungener Lokalkrimis sollte es sein, die betreffende Region nicht nur wiedererkennbar zu beschreiben, sondern möglichst auch einen Fall zu finden, der direkt mit der Region in Kontakt steht, so nur dort passieren und auch nur unter Zuhilfenahme der lokalen Menschen bzw. Eigenheiten lösbar erscheint. Zumindest das gelingt Joana Brouwer: Sie wohnt selbst in Nordhorn, der Kreisstadt der Grafschaft Bentheim, und kennt sich gut aus. Das liest man, das ist auch gut so. Der Fall um den »Puppenfänger« (übrigens ist die verwendete Einzahl des Titel gebenden Fängers auch noch inhaltlich falsch) entpuppt sich allerdings als recht gewöhnliches, wenn auch teilweise unnötig kompliziertes Rachedrama, dessen Urheber zwar lange im Dunklen liegen, diese aber weder ein lokalspezifisches noch sonst irgendwie starkes Motiv an den Tag legen. Den Emsland-Bezug hätte man, auch mit dem als recht norddeutsch geschilderten Personal, gar nicht gebraucht.

Zu diesen zwei Schwachpunkten des Krimis kommen leider noch stilistische Auffälligkeiten, die den Lesegenuss trüben. Dass Joana Brouwer schreiben kann, steht außer Frage. Es ist eher dem Lektorat anzukreiden, dass es die Perspektivsprünge von einer personalen Innensicht zur anderen innerhalb desselben Kapitels nicht kenntlich macht oder einfach übersehen hat. Es reißt einen ganz schön aus der Handlung, wenn man die Szene zunächst bei Heide von der Heide beginnt und sie im nächsten Absatz plötzlich aus Dieter Fuchs’ Perspektive verfolgt, nur um danach wieder zurück zu wechseln. Ebenfalls irritierend: Bis zu den finalen Szenen ist Der Puppenfänger ein recht gewöhnlicher Krimi, der außer einem Toten wenig Härte bietet, nur um auf der Zielgerade dann noch in Thriller-Gefilden zu fischen, um noch etwas Spannung in die sonst vor sich hin plätschernde Handlung zu bekommen. Dieser Kurswechsel mutet willkürlich an – Denkbar wäre hier, dass der Verlag so versucht hat, dem Text noch etwas Dynamik zu verpassen, worin sich die Autorin fügen musste?

Alles in allem ist Joana Brouwers Emsland-Krimi Der Puppenfänger für Krimi-Fans, die aus der Region kommen und das Genre mögen, sicher eine ausreichend unterhaltsame Lektüre. Auf einer tieferen Analyse-Ebene gibt es jedoch durchaus Mängel in der Ausführung: Die Figuren hängen durch unerwähnte Vorgänger-Romane entwicklungsmäßig in der Luft und bieten kaum Identifikationsfläche (was übrigens auch für alle weiteren Figuren gilt, egal ob Opfer, Täter oder Polizeikollegen), das Lokale ist kaum ausreichend berücksichtigt und stilistische Patzer (Perspektivwechsel) trüben den Lesefluss. Da gibt es bessere Beispiele für Lokal-Krimis – und das Krimi-Genre überhaupt.

(Anmerkung: Der Puppenfänger ist als Taschenbuch derzeit nur noch antiquarisch erhältlich. Eine E-Book-Fassung ist jedoch weiterhin verfügbar.)

(sv)

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