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Die Büffeljäger am Lagerfeuer – Kapitel 13

Thomas Mayne Reid
Die Büffeljäger am Lagerfeuer
Reisebilder und Naturschilderungen aus dem Westen
Verlag Schmidt & Spring. Stuttgart.1858

Dreizehntes Kapitel

Wildschweine im Wald

Am folgenden Tag, während wir unseren Weg durch einen Eichenwald nahmen, dessen Boden dicht mit abgefallenem Laub bedeckt war, wurden wir durch ein eigentümliches Geräusch vor uns aufmerksam gemacht. Es klang wie ein schnaufendes Grunzen, ähnlich dem, welches die zahmen Schweine hören lassen, wenn sie unvermutet erschreckt werden.

Einige aus unserer Gesellschaft riefen sogleich: »Ein Bär! Ein Bär!« Diese Vermutung versetzte uns natürlicherweise alle nicht wenig in Aufregung. Da das Schnauben des Bären in der Tat eine außerordentlich große Ähnlichkeit mit dem eines erschrockenen Schweines hat, so wurden selbst unsere erfahrenen Führer getäuscht, und glaubten wirklich, dass es ein Bär sein könne, der in dem Wald steckte.

Es zeigte sich aber, dass wir alle unrecht vermutet hatten, denn das grunzende Tier war am Ende nichts anderes als ein wilder oder vielmehr ein in die Wälder entlaufener wild gewordener Eber. Wild und grimmig genug sah er auch aus, obwohl wir nur einen kurzen Blick auf seine borstige Gestalt werfen konnten, da er unter lautem Grunzen rasch in das Dickicht stürzte. Ein halbes Dutzend Schüsse krachten ihm nach, aber obwohl er unzweifelhaft von einem Teil des Bleihagels aus den Doppelflinten erreicht wurde, gelang es ihm dennoch, zu entfliehen, sodass uns der Vorfall zu nichts weiter nützte, als zum Gegenstand eines Gespräches zu dienen. In den ganzen Hinterwäldern gibt es eine große Anzahl halbwilder Schweine, aber sie sind meistens mit einem Riegelzaun eingehegt und befinden sich dort als Eigentum der Pflanzer. Wenn sie durch spärliche Nahrung während des Winters genötigt sind, sich dem Haus ihres Besitzers zu nähern und den für sie an bestimmten Orten hingestreuten Mais zu verzehren, werden sie zahmer. Zu dieser Zeit hören sie auch auf einen Ruf, der laut genug ist, um eine Meile oder weiter durch den Wald zu schallen. Der Reisende, welcher durch die Hinterwäldleransiedelungen zieht, kann oft diesen eigentümlichen Ruf in der Stille des Abends rings um sich her ertönen hören. Übrigens finden diese Schweine den größten Teil ihrer Nahrung im Wald. Die Buchenmast, die Nuss des Hickorybaumes, die Frucht der Chinguapin-Eiche, die gewöhnliche Eichel und viele andere Samen und Beeren dienen ihnen zum Lebensunterhalt. Außerdem tragen auch viele Wurzeln und Gräser zu ihrer Erhaltung bei. Gelegentlich verzehren sie selbst eine Schlange, wenn sie eine solche erwischen können. Man kann sogar mit Zuversicht behaupten, dass keine andere Ursache so viel zur Vernichtung dieser Reptilien beigetragen hat, wie die Einführung des zahmen Schweines in die amerikanischen Wälder. Überall, wo eine Strecke Waldes als Tummelplatz einer Herde Schweine benutzt worden ist, sind Schlangen jeder Art außerordentlich selten geworden, und man kann in einer solchen Gegend wochenlang jagen, ohne nur eine von ihnen anzutreffen. Das Schwein scheint bei durchaus keiner Furcht vor dem Schlangengeschlecht den heftigsten Hass und Widerwillen gegen dasselbe zu besitzen. Wenn eine Schlange von einem Schwein entdeckt wird und ihr nicht eine Felsenspalte oder ein hohler Stamm einen Zufluchtsort bietet, so ist ihr Tod unvermeidlich. Das Schwein stürzt auf sie los, springt ihr wütend auf den Leib und zermalmt sie unter seinen Klauen. Wenn der erste Versuch nicht gelingen und die Schlange fortkriechen will, so folgt ihr das Schwein schnell nach und wiederholt seine Angriffe, bis das Opfer hilflos daliegt. Dann macht sich der Sieger mit seinen kraftvollen Kinnbacken ans Werk und verzehrt gemächlich die Beute.

Die Vorliebe des Schweines für diese Art von Nahrung scheint zu beweisen, dass es im Naturzustand ein zum Teil wirklich fleischfressendes Tier ist. Das Pekari, der wahre Repräsentant des wilden Schweines in Amerika, hat ganz dieselbe Gewohnheit und ist als einer der schlimmsten Feinde des Schlangengeschlechts bekannt.

Die Schweine zeigen, wie schon erwähnt, nicht die geringste Furcht vor der Schlange. Ihre dicke Haut scheint sie zu schützen. Das Klappern der Klapperschlange wird von ihnen ebenso wenig beachtet, wie das Zischen der mörderischen Mokassinschlange. Sie töten dieselben ebenso leicht, wie die unschuldige Hühnerschlange oder die schwarze Konstriktor. Letztere entschlüpft ihrem gefährlichen Feind oftmals dadurch, dass sie auf einen Baum oder in ein Gebüsch flieht. Aber die Klapperschlange sowie die Mokassinschlange können nicht auf Bäume klettern und verbergen sich, wenn sie können, entweder zwischen Pflanzen und verdorrtem Laub oder ziehen sich in ihre Löcher zurück.

Es ist nicht wahr, dass das Schwein nur den Körper der getöteten Schlange verzehrte und den Kopf, der Giftzähne wegen, unberührt ließe. Es verzehrt vielmehr das ganze Tier mit Kopf und allem. Das Schlangengift ist, wie das Curare der südamerikanischen Indianer, nur dann wirksam, wenn es mit dem Blut in Berührung kommt. Innerlich genommen ist es unschädlich — ja, es gibt sogar Leute, die es für gesund halten, wie denn das Curare nicht selten als Medizin eingenommen wird.

Den größten Teil dieser Belehrungen über die halbwilden Schweine der Hinterwäldler empfingen wir von unserem Gefährten aus Kentucky, der selbst der Besitzer vieler Hunderte von Schweinen war. Eine jährliche Schweinejagd gehörte zu seinen Lebensgewohnheiten. Diese Jagd stellt man indessen nicht bloß des Vergnügens wegen an, obwohl sie auch als solches keineswegs verachtet wird, denn die Zeit derselben wird von den Leuten der Pflanzung sowie von den dazu eingeladenen Freunden und Nachbarn, immer mit Ungeduld und unter angenehmen Erwartungen herbeigesehnt.

Wenn die Zeit herankommt, so zieht der Eigentümer mit seiner Meute von Jagdhunden und von einer berittenen, mit Büchsen bewaffneten Gesellschaft begleitet, in den ungeheuren Waldstrich hinaus, der sich vielleicht meilenweit hin erstreckt und an vielen Stellen mit Rohrbrüchen und fast undurchdringlichen Gebüschen und Dickichten bedeckt ist. Zu solchen Orten entrinnen die Schweine, um eine Zuflucht zu suchen; aber wo sie hingelangen können, ist es auch den Hunden möglich, einzudringen. Sie werden natürlicherweise bald herausgetrieben und zu den lichteren Gründen gejagt, wo die Berittenen sie erwarten, um sie mit ihren Büchsenkugeln zu empfangen. Zuweilen gibt es auch eine eifrige Verfolgung, und die Hunde und Reiter eilen dann in vollem Lauf durch die Gegend über ungeheure Baumstämme und durch Dickichte und Schluchten dahin, gerade als ob ein alter Fuchs das gejagte Wild wäre.

Ein großer Wagen mit Treibern und anderen Gehilfen folgt den Jägern. Auf diesen werden die getöteten Schweine geworfen, um nach Beendigung der Jagd nach Hause geschafft zu werden.

Die Jagd dauert jedoch oft mehrere Tage lang, bis alle oder wenigstens alle größeren Schweine erlegt und nach Hause geschafft sind; erst dann hat das Vergnügen ein Ende. Das Ergebnis der Jagd beläuft sich manchmal auf Hunderte von toten Schweinen, je nach dem Reichtum des Eigentümers.

Der Jagd folgt sodann natürlicherweise das Ausschlachten und Speckeinsalzen. Ein Teil des Speckes wandert in das Rauchhaus zum eigenen Bedarf während des Winters, der größere Teil dagegen wird zum großen Schweinefleischmarkt von Cincinnati gebracht.

Der Kentuckyer erzählte uns einen merkwürdigen Beweis von dem scharfen Instinkt des Schweines, den er in seinen eigenen Waldungen mit angesehen hatte.

»Ich war«, so begann er, »mit meiner Kugelflinte in den Wald eingedrungen, um einen wilden Truthahn aufzusuchen. Nachdem ich mich tüchtig müde gelaufen hatte, setzte ich mich auf einen Baumstamm, um ein wenig auszuruhen. Ich hatte noch keine fünf Minuten dagesessen, als ich vor mir ein Rascheln im dürren Laub hörte. Anfangs glaubte ich, dass es Hirsche wären, und erhob die Flinte, aber zu meiner Enttäuschung sah ich anstatt der Hirsche ungefähr ein halbes Dutzend meiner eigenen Schweine erscheinen, welche bei ihrem Vorgehen nach Wurzeln wühlten. Ich schenkte ihnen in diesem Augenblick weiter keine Aufmerksamkeit, aber ein paar Minuten später wurde dieselbe dadurch wieder auf sie gelenkt, dass ich sie plötzlich über eine lichte Stelle hinwegstürzen sah, als ob sie etwas verfolgten.

Dies taten sie denn allerdings auch. Gerade vor ihren Rüsseln erblickte ich den langen, schimmernden Körper einer schwarzen Schlange, die ihr Möglichstes versuchte, um aus ihrem Bereich zu kommen. Auch gelang ihr dies, denn im nächsten Augenblick sah ich, wie sie sich an einem jungen Pawpaw hinaufwand, bis sie dessen oberste Zweige erreicht hatte, wo sie hocken blieb und auf ihre Verfolger herabschaute.

Die Schlange mag sich in diesem Augenblick in Sicherheit geglaubt haben. Und ich dachte ebenfalls so, wenigstens insoweit noch die Schweine in Betracht kamen. Dagegen hatte ich den Entschluss gefasst, sie zu erlegen. Ich stand eben im Begriff, sie tüchtig mit Schrot zu pfeffern, als mich eine Bewegung eines der Schweine veranlasste, wieder inne zu halten und still zu bleiben. Nicht wenig erstaunte ich, als ich das Vorderste der Schweine den jungen Baum, auf dem die Schlange sich befand, mit der Schnauze erfassen und ihn entschlossen hin und her schütteln sah, als ob es die Absicht habe, die Schlange herunterzuschütteln! Natürlicherweise gelang ihm dies nicht, denn Letztere hatte sich fest um die Zweige gewunden, und es würde eben so leicht gewesen sein, die Rinde von diesem abzuschütteln.

Wie Sie alle wissen, meine Herren, ist der Pawpaw einer der weichsten und zerbrechlichsten unserer Bäume. Das Schwein schien dies ausgefunden zu haben, denn es änderte plötzlich seine Angriffsweise und begann, anstatt an dem Schössling weiter zu rütteln, denselben mit seinen kräftigen Zähnen zu zernagen. Die anderen standen ihm fleißig bei. Der Baum stürzte nach ein paar Sekunden um. Sobald die Gipfelzweige den Boden berührten, warf sich die ganze Herde Schweine auf die Schlange. In weniger Zeit, als ich zum Erzählen brauche, war das Tier völlig zertreten und verzehrt.«

Nach Beendigung dieser merkwürdigen Erzählung wendete sich unser Gespräch dem Schwein wieder zu, das wir soeben aufgejagt hatten. Alle stimmten wir darin überein, dass es ein Flüchtling von irgendeiner Pflanzung sein müsse, obwohl es sich ungewöhnlich weit von den Wohnplätzen der Menschen entfernt habe, da es auf zwanzig Meilen Entfernung von unserem damaligen Aufenthaltsort nirgends eine Ansiedelung gab.

Unsere Führer bemerkten übrigens noch, dass man häufig wilde Schweine in so entlegenen Gegenden träfe und viele derselben keineswegs verirrt, sondern im Wald selber zur Welt gekommen und aufgewachsen seien. Sie seien sehr scheu. Es wäre deshalb ebenso schwer, ihnen beizukommen, wie den Hirschen oder allen anderen jagdbaren Tieren. Gewöhnlich seien sie klein. Man vermute daher, dass sie zu derselben Art gehören könnten, welche man in ganz Mexiko findet, wo sie von den Spaniern eingeführt worden ist.

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