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Gator, der Söldner

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John Sinclair Classics Band 34

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 34
Der Voodoo-Mörder

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 18.12.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 13.07.1976 als Gespenster-Krimi Band 148.

Kurzinhalt:

Wie entrückt arbeitet Victor Jory an der kleinen Puppe. Sorgfältig modelliert er die Nase, den Mund, Ohren, Augen. Neben ihm auf dem lehmigen Boden liegt ein bewusstloses Mädchen. Jetzt vergleicht der Mann das Puppengesicht mit dem seines Opfers – und er stößt ein Triumphgeschrei aus …

Leseprobe

Der Tod kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel!

Nelly Parker hatte den Kellner herangewinkt, um zu zahlen. Nervös suchte sie in ihrer Handtasche nach der Geldbörse.

»Zwölf Shilling«, knurrte der Mann, der es eilig hatte und vom Nebentisch schon gerufen wurde.

»Ja doch – ich…«

Plötzlich begann Nellys Herz rasend zu hämmern. Die Luft wurde knapp. Nur mühsam öffnete sie den Mund, und ein gequältes Stöhnen drang über ihre Lippen.

Der Kellner war vor Schreck zwei Schritte zurückgewichen. Fassungslos beobachtete er, wie die junge Frau vom Stuhl kippte und auf den blankgescheuerten Boden sank.

Erst jetzt erwachte der Mann aus seiner Erstarrung.

»Einen Arzt!«, kreischte er. »Wir brauchen einen Arzt!« Der Kellner war ein schmalhüftiger Typ mit weibischen Gesichtszügen und glatten schwarzen Haaren. Sein blütenweißes Jackett war hauteng auf Taille gearbeitet.

Schreiend und mit beiden Armen fuchtelnd lief er zum Tresen, fauchte die Bedienung an und verlangte nach einem Telefon.

Mittlerweile waren die meisten Gäste aufgesprungen. Stumm und mit blassen Gesichtern starrten sie auf die am Boden liegende Frau.

Es war Mittagszeit. Angestellte, Sekretärinnen und Hausfrauen bevölkerten die kleine Cafeteria im Herzen von London. Das Lokal war erst vor wenigen Wochen eröffnet worden, hatte aber einen enormen Zulauf, da hier auch Hamburger, Pommes frites und andere »Köstlichkeiten« serviert wurden.

Und nun lag eine Tote auf dem Boden. Eine verdammt schlechte Reklame.

Der Meinung war wohl auch der Geschäftsführer, den eine aufgeschreckte Bedienung aus seinem Büro geholt hatte.

Der Boss des Ladens, ein smarter Typ mit Managerambitionen, fuhr sich durch sein welliges Haar.

»Ausgerechnet in diesem Lokal muss das passieren. Es ist zum Heulen.« Vorwurfsvoll sah er den Kellner, der den Tod der jungen Frau miterlebt hatte, an. »Hätte die nicht bei der Konkurrenz umkippen können?«

Der Kellner hob die Schultern. Er war blass geworden.

»Ich – ich kann da ja auch nichts für. Ich habe die Ambulanz schon verständigt, das war alles, was ich tim konnte.«

Der Geschäftsführer tippte dem Mann gegen die schmale Hühnerbrust. »Sie können noch was tun, mein Bester.«

»Und was?«

»Stellen Sie sich vor den Ausgang und sehen Sie zu, dass niemand das Lokal verlässt, der noch nicht bezahlt hat. Ich kenne die Leute. Die warten ja nur auf solche Gelegenheiten.«

Der Kellner senkte den Kopf und sagte: »Yes, Sir.« Dann nahm er seinen zugewiesenen Platz ein.

Die Befürchtung des Geschäftsführers erwies sich als voreilig. Niemand verließ das Lokal. Die Gäste waren viel zu neugierig.

In der Feme jaulten Sirenen. Die Ambulanz war auf dem Weg.

Schon bald stoppte der Kastenwagen mit kreischenden Reifen. Die hintere Klappe flog auf, und zwei Männer stiegen aus, die eine Trage schleppten. Sie wühlten sich durch den Ring der Neugierigen, die sich vor dem Lokal versammelt hatten und sich an den Scheiben die Nase plattdrückten.

Ein Arzt folgte den beiden Helfern mit wehendem Kittel. Der Mann hatte neben dem Fahrer gesessen und trug eine Tasche in der rechten Hand.

Neben der Toten kniete er nieder, holte sein Stethoskop hervor und horchte auf Herztöne.

Mindestens zwanzig Augenpaare starrten ihn an. Teils sensationslüstern – teils ängstlich.

Nach einer halben Minute richtete der Arzt sich auf, strich eine graue Haarsträhne aus der Stirn, zuckte mit den Schultern und sagte lakonisch: »Exitus. Wie mir scheint, ist die Frau an einem Herzversagen gestorben. Da kann man nichts mehr machen.« Er gab den beiden Helfern einen Wink, und sie legten die Tote auf die Bahre. Mit unbewegten Gesichtern marschierten sie hinaus.

Der Arzt blickte in die Runde. »Hat jemand den Tod der Frau beobachtet?«

Der Kellner trat vor. »Ich.«

»Gut, dann erzählen Sie mal.«

Der Kellner strich sich über sein blasses Gesicht und berichtete.

Der Doktor nickte mehrmals und meinte dann: »Ja, das sieht ganz nach einem Herzanfall aus.«

»Aber sie war doch noch so jung.« Der Kellner rang die Hände.

»Das hat heute gar nichts mehr zu sagen. Aber etwas anderes, junger Mann, ich muss natürlich der Polizei Meldung erstatten, und dann braucht man Sie als Zeugen. Halten Sie sich also bereit.«

Der Kellner nickte und schrieb dem Arzt schnell seinen Namen und die Adresse auf.

Der Weißkittel steckte den Zettel ein, ging hinaus und setzte sich wieder neben den Fahrer.

Der sah den Arzt an. »Wohin, Sir?«

Der Doktor blickte durch die Scheibe. Er hatte die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen und sagte dann leise: »Fahren Sie zum Leichenschauhaus. Die Tote muss obduziert werden.«

»War es Mord?«

Der Arzt gab keine Antwort. Er hockte nach wie vor gedankenverloren auf dem Sitz.

Von der Bedford Street war es nicht weit bis zur Victoria Street, wo das Gebäude von New Scotland Yard stand. Zu diesem Komplex gehörte auch ein nach

den modernsten Erkenntnissen eingerichtetes Leichenschauhaus.

Der Arzt sprach während der weiteren Fahrt kein einziges Wort mehr. Er ließ sich – als sie in der Victoria Street angelangt waren – sofort bei Chiefinspektor Tanner melden. Zum Glück war Tanner in seinem Büro.

»Hallo, Doc«, grüßte er leutselig, »was gibt es denn?«

Der Arzt ließ sich auf den Besucherstuhl fallen. »Eine Tote, Chief Inspektor.«

Tanner zog die Augenbrauen zusammen. Er war ein Kerl wie ein Baum, hatte schlohweißes dichtes Haar, tief in den Höhlen liegende hellblaue Augen und ein markantes sonnenbraunes Gesicht, über das jetzt allerdings ein düsterer Schatten flog.

»Wie soll ich das verstehen, Doc?«, erkundigte er sich vorsichtig.

»Wie ich es gesagt habe. Eine Leiche, Chiefinspektor. Und die vierte innerhalb von zwei Wochen. Wieder Herzanfall.«

Tanner hob die Schultern. »Es werden auch noch mehr Leichen gefunden«, sagte er. »Das ist in einer Riesenstadt wie London doch ziemlich normal. Und solange es kein Mord ist…«

Der Arzt war aufgesprungen. »Mal ehrlich, Chiefinspektor, wollen Sie mich nicht verstehen?«

Tanner zündete sich gelassen eine Pfeife an. »Ich weiß nicht, was Sie mit Ihrem komischen Verdacht bezwecken. Ein Herzanfall ist doch nichts Besonderes. Mein Gott noch mal, Doc, Sie kommen jetzt schon das zweite Mal zu mir. Ich bin für Mord zuständig, aber nicht für Herzanfälle.«

Der Arzt schlug sich gegen die Stirn. »Gut, von Ihrem Standpunkt aus haben Sie recht, Chiefinspektor. Aber es waren jeweils junge Frauen zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren, die diese Herzanfälle gehabt haben. Und das ist unnormal. Ich warte schon auf den nächsten Fall. Nein, zwischen diesen Toten muss es irgendeine Verbindung geben. Und da bitte ich Sie doch einzuhaken.«

»Tut mir leid, Doc, aber das ist nicht mein Bier. Jetzt müssen Sie mich leider entschuldigen, ich habe zu tun.«

Der Arzt lächelte gequält. »Danke, ich habe verstanden.« Mit müden Schritten ging er zur Tür.

Chiefinspektor Tanner holte ihn ein und legte ihm seine breite Hand auf die Schulter.

»Ich kann nicht mit ansehen, dass Sie so geknickt sind, Doc, aber ich werde Ihnen noch einen kleinen Tipp geben. Wenden Sie sich doch an Superintendent Powell. Sie wissen ja, er leitet die Sonderkommission, die sich mit außergewöhnlichen Fällen beschäftigt. Vielleicht kann der Ihnen weiterhelfen. Ich jedenfalls bin dazu nicht in der Lage.«

Der Arzt wandte sich um und blickte dem Chiefinspektor ins Gesicht. »Danke, das werde ich auch tun. Und lassen Sie sich eins gesagt sein, mein lieber Tanner, hinter diesen Todesfällen steckt mehr, als wir heute überhaupt ahnen …«

 

 

Marion Baumann stand an der Autobahn Frankfurt-Würzburg. Ein unangenehmer Aprilwind pfiff von den Höhen des Spessart und bauschte den Parka des Mädchens auf.

Marion war zweiundzwanzig Jahre jung und studierte Kunstgeschichte. Sie hatte ihr Abitur mit Ach und Krach geschafft und auch eigentlich nur durch Beziehungen einen Studienplatz gefunden. Nach vier Semestern schon hatte sie die Nase vorläufig voll gehabt, mit dem Studium kurzerhand ausgesetzt und sich vorgenommen, einmal Land und Leute kennenzulernen. Das hieß im Klartext: Sie wollte durch Europa trampen.

In Hamburg hatte sie sich an die Autobahnauffahrt gestellt, war mit einem älteren Ehepaar bis Köln gekommen, und von dort hatten sie zwei junge Typen in einem alten VW nach Frankfurt mitgenommen. Am Frankfurter Verteiler hatte sie dann einen Vertreter gefunden, der sie bis zur Spessart-Raststätte mitgenom­men hatte. Der Vertreter wollte hier die Nacht verbringen, und als Marion sich nicht bereit erklärt hatte, mit ihm Zimmer und Bett zu teilen, hatte der Mann sie kurzerhand an die frische Luft gesetzt.

Marion Baumann hatte das eigentlich nicht viel ausgemacht. Sie war kein Mädchen, das lange auf eine Mitfahrgelegenheit warten musste. Dazu war sie zu hübsch und zu gut gewachsen, wenn auch unter dem weiten Pullover und den ausgewaschenen Jeans nicht viel von ihrer tadellosen Figur zu erkennen war.

Marion hatte dunkelblondes glattes Haar, das bis auf den Rücken fiel. Ihr Gesicht war apart, und die vollen, sinnlichen Lippen schienen immer zu lächeln.

Marion hatte ihre Reisetasche neben sich stehen. Sie war mit der Aufschrift einer Fluggesellschaft versehen. Marion hatte sich bewusst nicht an den Platz des Rasthauses gestellt, an dem die Fernfahrer hielten. Sie wollte – wenn es eben möglich war – einen Pkw erwischen.

Nicht, dass Marion vor den Fernfahrern Angst gehabt hätte, sie beherrschte Judo und hatte damit schon manchen aufdringlichen Kavalier abgewehrt. Aber die schweren Lastwagen waren ihr einfach zu langsam, denn sie wollte vor Mitternacht noch in Nürnberg sein. Dort wohnte eine Bekannte, bei der sie für eine oder zwei Nächte gut unterschlüpfen konnte.

Der Vertreter, der sie das letzte Stück mitgenommen hatte, fuhr an ihr vorbei. Er hatte die Seitenscheibe herunterge­kurbelt und rief: »Ich fahre jetzt zum Motel. Du kannst es dir noch überlegen, Kleine.«

Marion drehte sich abrupt zur Seite.

»Na dann nicht, du Nutte«, blaffte der Vertreter und fuhr ab. Der Motor des Opel heulte protestierend auf. Anscheinend bekam er die Wut des Fahrers zu spüren.

Weit im Westen verschwand die Sonne hinter den nördlichen Ausläufern des Odenwaldes. Die Temperatur sank, es wurde unangenehm kühl, und dazu kam noch Wind auf.

Marion schloss den Reißverschluss des Parka, nahm ihre Tasche und schlenderte auf den Kaffeeautomaten des Rastplatzes zu. Sie warf ein Geldstück in den Schlitz, und der Automat spuckte einen Pappbecher mit Kaffee aus.

Der Becher war heiß. Fast hätte Marion sich die Finger verbrannt. Das Getränk tat gut und belebte sie. Sie war nicht die Einzige, die sich in der Nähe der Automaten aufhielt. Einige Fernfahrer standen beisammen und unterhielten sich über ihre Touren. Hin und wieder warfen sie Marion abschätzende Blicke zu, die das Mädchen jedoch ignorierte. Schließlich fasste sich einer der Männer ein Herz, trat auf Marion zu und fragte, ob sie mitgenommen werden wolle.

»Nein!«

Der Fernfahrer hob die Schultern und verschwand. Schon wenig später stiegen er und seine Kollegen in ihre Lastwagen und fuhren los.

Die Zeit verrann. Es wurde dämmrig. Längst brannten in der Raststätte die Lichter. Helle Bahnen fielen auf den Asphalt, spiegelten sich im glänzenden Lack der geparkten Wagen.

Marion warf den Becher weg. Von der Autobahn her drang das stetige Summen der vorbeirasenden Fahrzeuge. Die Lichtspeere der Scheinwerfer durchschnitten das Dunkel.

Marion Baumann wurde langsam ungeduldig.

Sie beobachtete, wie ein Wagen in die Einfahrt des Rastplatzes kurvte, an den parkenden Fahrzeugen vorbeifuhr und dann stoppte. Sekundenlang überschütteten die Scheinwerfer das Mädchen mit ihrem grellen Licht. Dann verloschen sie.

Eine Wagentür wurde aufgezogen und fiel dumpf wieder ins Schloss. Schritte näherten sich dem wartenden Mädchen.

Männerschritte!

Personen

  • Nelly Parker
  • Kellner
  • Geschäftsführer der Cafeteria
  • Doktor Hollister
  • Chiefinspektor Tanner
  • Marion Baumann, Studentin
  • Victor Jory, Engländer, Bibliothekar
  • Sir James Powell, Superintendent
  • Karin Klinger, Marions Freundin
  • Oberkommissar Hartmann
  • John Sinclair, Oberinspektor bei Scotland Yard
  • Mr. Higgins, stellvertretender Personaldirektor der Londoner Universität
  • Fito Gomez, Killer
  • Ramon Batista, Killer
  • Henry Bolz, Totengräber
  • Kommissar Will Mallmann
  • Jane Archer

Orte

  • London
  • Nürnberg

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 34. Bastei Verlag. Köln. 18. 12. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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