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Der Detektiv – Die wandelnde Mumie – 5. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Die wandelnde Mumie

5. Kapitel

Der große Schlag

Vormittags elf Uhr rief Harst Fräulein Burmeester an. Sie war sehr überrascht, dass er sich meldete, und erklärte dazu folgendes: Am Spätnachmittag gestern sei ein Mann zu ihr gekommen, der ihr den Schlüssel der Villa, den uns Karl der Diener ausgehändigt hatte, zurückgegeben und ihr im Auftrag Harsts bestellt habe. Er müsse in ihrer Angelegenheit mehrere Tage verreisen. Sie möchte sich nur gedulden und inzwischen nichts weiter unternehmen, besonders nicht etwa die Polizei benachrichtigen, da dann der ganze Erfolg infrage gestellt werden würde.

Weiter teilte sie Harst aber auch mit, sie habe heute früh eine Depesche ihres Vaters erhalten, die ihr dem Inhalt nach recht unverständlich sei, da sie wörtlich laute: »Auf dein Telegramm hin treffe morgen Abend 8 Uhr dort Stettiner Bahnhof ein. Bin sehr in Unruhe.« Sie hätte nämlich keinerlei Telegramm an ihren Vater geschickt, sagte sie recht erregt. Und sie begreife nicht, was dies alles bedeuten solle.

Harst beruhigte sie und versprach, sich abends um neun in der Villa Burmeester bestimmt einzufinden.

Als er den Hörer auf die Stützen zurückgelegt hatte, wandte er sich mir zu, berichtete mir genau Hildegards Angaben und sagte:  »Lieber Schraut, schlau sind diese Halunken doch gewesen. Wie fein sie den Schlüssel dazu benutzt haben, Fräulein Burmeester durch unser Verschwinden nicht argwöhnisch zu machen! Den Hausschlüssel! Sie wussten also, dass es gerade der der Villa des Geheimrats war. Beweis genug, dass sie wahrscheinlich schon vorher einen Wachsabdruck des Schlüssellochs genommen hatten. Und dann die Depesche, die sie an Burmeester sandten. Welche unerklärliche Frechheit, den Namen der Tochter als den der Absenderin darunterzusetzen. Ach, ich denke, wir werden heute noch recht große Überraschungen erleben.«

Endlich war der Abend da. Kurz vor neun langten wir in der Villa an. Hildegard empfing uns. Der Diener war zum Stettiner Bahnhof gefahren, um den Geheimrat abzuholen. Das Fräulein führte uns auf Harsts Bitte in den zur der Straße hinaus liegenden Salon. Wir nahmen Platz, und Harst begann sofort.

»Es ist mir lieb, dass ich Sie noch allein vor Ankunft Ihres Vaters sprechen kann, Fräulein Burmeester. Gestatten Sie mir eine Frage: Wie haben Sie in Pyrmont die Bekanntschaft Bela Matsarecks gemacht? Zufällig oder hat er sich an Sie herangedrängt? Ich nehme das Letztere an.«

Hildegard war leichenblass geworden. Über ihre Gestalt lief ein Zittern hin. Mit weiten Augen stierte sie Harst ganz entgeistert an, stammelte nun: »Woher … woher wissen Sie, dass …« Sie führte den Satz nicht zu Ende. Sie war eben ein sehr energischer Charakter, überwand schnell den ersten Schreck und fuhr mit einem ebenso liebenswürdigen, wie bewundernden Lächeln fort: »Ich vergesse ganz, wem ich gegenübersitze. Es ist Harald Harst, also ein Mann, dem nichts verborgen bleibt! Ja, es war eine Torheit von mir, Ihnen gestern Vormittag in Ihrer Wohnung etwas zu verheimlichen. Ich hätte mir nach der lehrreichen Lektion, die Sie mir gegeben hatten, sagen müssen, dass Sie auch hinter mein Pyrmonter Abenteuer kommen würden. Ich will mich kurzfassen. Sehr bald nach unserem Eintreffen dort fiel mir ein eleganter Herr mit schwermütigen Augen auf, der sich mühsam an einem Stock fortbewegte. Er war jung und von so eigenartiger Schönheit, dass die Frauen ihn geradezu anschwärmten. Eines Morgens lernte ich ihn kennen. Er setzte sich neben mich auf dieselbe Bank im Kurpark. Wir kamen ins Gespräch. Ich gebe zu: Auch ich war lange wie bezaubert von seiner schwermütigen Art, mit der er über Menschen und Dinge redete. Dann aber fiel mir an ihm so manches auf. Ich bin ja keins von jenen Mädchen, die sich so leicht Sand in die Augen streuen lassen, wenn sie in einem Mann einen ernsthaften Bewerber wittern. Zunächst: Er wich meinem Vater ängstlich aus. Dann auch: Er übertrieb sein körperliches Leiden. Ich merkte, dass er den Stock als Stütze nur benutzte, um Mitleid, mein Mitleid, zu erregen. Er machte mir dann eines Tages eine sehr leidenschaftliche Liebeserklärung, wünschte aber, ich sollte meinem Vater vorläufig unsere Verlobung geheim halten. Ich bat mir Bedenkzeit aus. Es war dies aber nur ein verschleiertes Nein. Er war mir nicht nur gleichgültig, nein, sogar widerwärtig geworden. Ich hatte ihn eben als Komödianten durchschaut. Er gab sich zufrieden, wollte sich dann hier in Berlin meine endgültige Antwort holen. Er ahnte wohl, dass er bei mir verspielt hatte. Er hatte sich als ungarischer Kunsthändler, Doktor der Philosophie und Mitglied der Budapester Historischen Gesellschaft, eines sehr wählerischen Vereins, ausgegeben. Bald darauf war Papas Kur beendet. Beim Abschied bat Bela Matsareck mich, ihm doch in Berlin einmal heimlich das Museum meines Vaters zu zeigen. Diese Bitte machte mich etwas stutzig. Ich lehnte sehr entschieden ab und sagte ihm, es sei ganz unmöglich, das Museum heimlich zu betreten. Dann erklärte ich ihm auch, dass ich seine Werbung nicht annehmen könnte. Wir gingen sehr höflich, aber auch sehr kühl auseinander. Mein Erstaunen können Sie sich wohl vorstellen, Herr Harst, als er dann hier meinen Vater aufsuchte und ihm die Mumie anbot. Er verschwieg dabei seinen Namen. Ich sah ihn vom Fenster aus, wie er die Villa betrat. Sonst hätte ich gar nicht …«

Harst hatte sich vorgebeugt. »Danke, das genügt. Wie wurde die Mumie hergeschafft? Bitte alles recht eingehend, Fräulein Burmeester.«

»Spät abends brachten zwei Männer auf einem Handwagen eine riesige Kiste. Diese trugen sie in Anwesenheit meines Vaters in den Mumiensaal, packten auch gleich den Mumiensarg aus, der sorgfältig in Holzwolle eingebettet gewesen war. Der Mumiensarg erhielt dann sofort seinen Platz angewiesen. Die Leute nagelten die Kiste wieder zu und sagten, sie würden sie morgen abholen. Heute sei es schon zu spät; sie wollten heim. Mein Vater gab ihnen ein gutes Trinkgeld. Er holte mich und Karl, zeigte uns die Mumie, die er schon vorher genau besichtigt hatte, und gab immer wieder seiner Freude darüber Ausdruck, dass er den König Eneochar nun sein Eigen nennen dürfe. Am nächsten Morgen holten die beiden Männer die große Holzkiste ab.«

»Haben Sie diese Leute gesehen? War der eine nicht schlank, mittelgroß und bartlos, der andere sehr breitschultrig, klein und bärtig?«

»Ja, das stimmt, Herr Harst …«

In diesem Augenblick fuhr draußen vor der Villa ein Auto vor. Hildegard eilte hinaus. Nach zehn Minuten trat sie in Begleitung des Geheimrats wieder ein.

Dieser, ein kleiner, sehr nervöser Herr mit grauem Vollbart und Glatze, tadellos angezogen und von verbindlichem Wesen, musste dann nach den ersten, die Sachlage klärenden Sätzen Harst die Depesche zeigen, die er in Schweden erhalten hatte. Sie lautete: »Kehre umgehend zurück. Hier mit Tresor nicht alles in Ordnung. Hildegard.«

Harst hielt die Depesche noch in der Hand, sagte nun lebhaft: »So, jetzt weiß ich alles. Dieser Hinweis auf den Stahlschrank lüftet den Vorhang ganz. Ich werde Ihnen nun ganz kurz schildern, was hier vorgegangen ist, Herr Geheimrat. Als die große Holzkiste abends gebracht wurde, enthielt sie nicht nur den Mumiensarg, sondern auch unter der Holzwolle versteckt einen gewissen Bela Matsareck – eben den Mumienverkäufer, der in der Nacht dann die Kiste verließ und sich im Mumiensaal verbarg, wo er sich noch jetzt befindet. Seine Kumpane holten die große Kiste also nun als völlig leer ab. Der ganze Mumienverkauf hatte lediglich den Zweck, Matsareck das Eindringen in den so gut gesicherten Raum des Museums zu ermöglichen. Ein sehr gescheiter Einfall – ohne Frage.«

Der Geheimrat schüttelte den Kopf. »Ich bin geradezu sprachlos, Herr Harst. Aber … wo … wo soll der Mensch sich im Mumiensaal wohl verborgen halten? Es gibt dort keine einzige Stelle, wo auch nur eine Katze sich verkriechen …«

»Halt, Herr Geheimrat!«, erwiderte Harst lächelnd. »Sie behaupten da etwas, das nicht zutrifft. Als Ihr Diener mich und meinen Sekretär in den Mumiensaal geführt hatte, fragte ich ihn, wie oft er dort Staub wische. Er hätte es vor acht Tagen zuletzt getan, erklärte er. Ich sah nun, dass die Glastafeln auf den anderen Mumiensärgen eine ganz feine Staubschicht hatten. Nur die Glasscheibe über dem Sarg Eneochars war völlig staubfrei. Schon damals wusste ich – die fehlende Staubschicht hatte es mir verraten, wo der Eindringling steckte: Unter der Mumie Eneochars in dem Sarg! Dieser Sarg ist nämlich nur im Oberteil echt. Der Unterteil ist moderne Antiquitätenfälscherarbeit. Er musste tiefer sein, als die anderen Mumiensärge, damit Matsareck darin Platz hätte.

Die Mumie liegt bekanntlich auf einem dünnen Brett, auf dem sie durch Bänder befestigt ist. Es konnte Matsareck nicht schwerfallen, dieses Brett an einer Seite von unten her zu lüften und dann erst die Glasscheibe zu entfernen, wenn er hinauswollte. Ähnlich machte er es, wenn er wieder in sein enges Versteck zurückwollte. Zu bewundern ist die Engelsgeduld, mit der er es darin aushielt. Damit nun nicht Spuren in der Staubschicht der Glasplatte, die er doch an den Rändern anfassen musste, ihn verrieten, wischte er sie stets sauber ab. Diese Vorsicht war recht zweischneidig. Die fehlende Staubschicht ließ mich das Richtige vermuten. Nun, die Frage: Wozu verbirgt Matsareck sich in dem Sarg? Ich könnte sie Ihnen dank der gefälschten Depesche beantworten, möchte den Verbrecher aber auf frischer Tat abfassen. Dazu ist es nötig, dass Sie, wenn wir zu dritt in den Mumiensaal gehen, genau so reden und handeln, wie ich es Ihnen nun im Einzelnen vorschreiben werde.«

 

*

 

Zehn Minuten darauf brannten im Mumiensaal die drei Deckenlampen. Wir schritten im Hauptgang hin und her.

Der Geheimrat sagte nun: »Nein, es ist ausgeschlossen, dass sich hier jemand verbirgt. Meine Tochter muss sich getäuscht haben, was die Gestalt anbetrifft.«

Worauf Harst antwortete: »Ganz recht, Herr Geheimrat. Wir haben hier abermals umsonst gesucht. Entschuldigen Sie, dass ich mich nun sofort verabschieden muss. Ich will den Leuten nachspüren, die mich gewaltsam entführt haben und denen ich nur mit knapper Not entrinnen konnte. Es dürfte sich um Menschen handeln, die sich an mir rächen wollen. Gute Nacht, Herr Geheimrat. Danke, bemühen Sie sich doch nicht. Ihr Diener wird uns unten schon in die Mäntel helfen und hinauslassen.«

»Nochmals herzlichen Dank, lieber Herr Harst. Auf Wiedersehen. Ich habe hier noch zu tun …«

Wir taten so, als verließen wir den Mumiensaal, in dem Burmeester vorher zwei Lampen ausgeschaltet hatte, sodass nur noch die über dem Tresor brannte.«

Der Geheimrat öffnete und schloss, wie verabredet die Eisentür, als wären wir hinausgegangen. In Wahrheit legten wir uns lang hinter einen Mumiensarg rechts von dem Tresor, wo es völlig dunkel war.

Burmeester schloss dann geräuschvoll die Eisentür von innen ab, trat vor den Stahlschrank und begann an dem Kombinationsschloss zu hantieren.

Harst hatte seinen Selbstlader in der Rechten. Nun hauchte er mir ins Ohr: »Geben Sie auf jedes Geräusch acht.«

Ich horchte. Aber der Geheimrat hüstelte so stark – auch verabredungsgemäß, dass ich nur einmal etwas wie ein leises Klirren von dort her vernahm, wo der König Eneochar in seinem Sarg lag.

Nun drückte Harst meinen Arm. Ich sah, wie er den Kopf vorschob, wie er sich aufrichtete. Wir hatten vorher schon unsere Halbschuhe lautlos abgestreift.

Ich folgte seinem Beispiel. Schräg vor uns, etwa vier Meter entfernt, stand Burmeester vor dem geöffneten Tresor, dessen Innentüren er soeben gleichfalls aufzog.

Und hinter ihm ragte eine regungslose Gestalt hoch, die Arme über der Brust gekreuzt – die wandelnde Mumie.

Maske und Kostüm waren glänzend. Man musste schon sehr genau hinsehen, um einen Unterschied in den leicht bräunlichen Gesichtszügen zu erkennen.

Harst hatte den rechten Arm erhoben, zielte.

Da drehte der Geheimrat sich langsam um. Nun erblickte er die Gestalt, prallte zurück.

Und da sprang sie ihm auch schon an die Kehle, riss ihn zu Boden.

Harst schnellte sich vorwärts. Zwei Sätze und seine Hände umklammerten den Hals des Verbrechers mit einer Kraft, dass dieser sofort von seinem Opfer abließ. Ich tat meine Schuldigkeit: Stahlfesseln schnappten ein, und Harst gab den Hals Bela Matsarecks frei.

Der Geheimrat stand schon wieder auf den Füßen. Vor ihm auf dem Fußboden lag ein Wattebausch, dem Chloroformdünste entstiegen.

Harst lehnte an dem offenen Tresor, sagte zu Matsareck, der auf den Dielen saß und vor Ingrimm zitterte: »Die Depesche nach Schweden sollte den Geheimrat veranlassen, sofort nach seiner Rückkehr diesen Tresor zu öffnen, dessen Inhalt er niemandem, nicht einmal seiner Tochter zeigte. Nur so konnten Sie und Ihre Kumpane an die altertümlichen Kleinodien heran, auf die Sie es von vornherein abgesehen hatten. Wäre ich nicht hindernd dazwischengetreten, hätten Sie den Tresor ausgeplündert und eilig das Haus verlassen, da ja die Schlüssel dort in der Eisentür stecken. Ihre Kumpane hätte Sie draußen mit dem Auto erwartet, und Sie wären fraglos mit Ihrer Millionenbeute entkommen. Nun aber werden Sie ins Zuchthaus wandern und dort darüber nachdenken können, ob es nicht besser ist, durch ehrliche Arbeit das tägliche Brot zu verdienen, auch darüber, ob es Ihnen wirklich gelungen wäre, eine gewisse Dame durch erheuchelte Liebesschwüre so weit zu betören, dass sie Ihnen Gelegenheit gab, diesen Diebstahl anders – ohne den Mumienverkauf – vorzubereiten.«

 

*

 

Die wandelnde Mumie sitzt noch im Zuchthaus. Bela Matsareck hatte noch mehr auf dem Kerbholz. Zehn Jahre diktierte man ihm insgesamt auf. Er wird also nicht so bald wieder Gelegenheit haben, den König Eneochar zu spielen.

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