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Der Detektiv – Die wandelnde Mumie – 1. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Die wandelnde Mumie
1. Kapitel

König Eneochar von Ägypten

Wir saßen gegen elf Uhr vormittags in Harsts vornehm eingerichtetem Arbeitszimmer und warteten auf den Brief, den uns die Wettgegner durch einen Eilboten zustellen wollten und der die neue Aufgabe enthalten würde.

Harst sprach über das Liebespaar, dem er in Blinkenstein eine Heirat erleichtert hatte. Ich stand am Fenster und beobachtete eine Regenwolke, die uns vorhin einen kräftigen

Schauer gebracht hatte und die nun nach Osten zu über Berlin hinwegzog.

Dann rollte ein Auto vor das Haus. Eine tief verschleierte Dame stieg aus, sah sich ängstlich um, drückte dem Chauffeur Geld in die Hand und lief nun leichtfüßig durch den Vorgarten auf die Eingangstür zu.

Harst war neben mich getreten und sagte: »Sie hat Angst vor Verfolgern. Sie wohnt in einem westlich gelegenem Vorort, hat erst vor Kurzem ihre Wohnung verlassen, vor vielleicht einer Viertelstunde, hat nicht gleich ein Auto gefunden und will meinen Rat oder meine Hilfe erbitten. Ah, da läutet es schon. Öffnen Sie, Schraut.«

Ich führte die Dame hinein. Harst bat, sie möchte im Klubsessel am Fenster Platz nehmen. Sie war elegant gekleidet. Der Schleier verhüllte ihr Gesicht vollkommen.

»Sie gestatten, dass mein Privatsekretär im Zimmer bleibt, gnädiges Fräulein«, begann er nun. »Glauben Sie, dass Ihre Verfolger bis hierher hinter Ihnen geblieben sind?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich hoffe, nein, Herr Harst. Aber woher können Sie wissen, dass …«

»Oh, das ist so einfach. Ich weiß noch mehr. Sie wohnen vielleicht in der Villenkolonie Grunewald im westlichen Teil. Sie haben Ihr Haus vor etwa einer Viertelstunde verlassen. Es dauerte eine Weile, ehe Sie ein Mietauto fanden. Dann haben Sie den Chauffeur auf Umwegen hierher dirigiert – der Verfolger wegen. Sie sind unverheiratet, radeln gern, gehören dem sehr exklusiven Tennisklub Berlin 1900 an. Ihr Vater war oder ist eine bekannte, sehr angesehene Persönlichkeit, hat manche Eigenheiten …«

»Ja, mein Gott, wissen Sie denn, dass ich Hildegard Burmeester bin?«, rief die Dame dazwischen.

»Jetzt erst weiß ich es. Sie sind zu mir als dem durch die Zeitungen einigermaßen berühmt gewordenen Privatdetektiv gekommen. Ich wäre ein Stümper, wenn ich nicht all das, was ich Ihnen soeben erklärt habe, durch bloße Kombinationen herausgefunden hätte. Ihre Hast, mit der Sie hier ins Haus liefen, Ihr scheues Wesen draußen neben dem Auto verrieten mir, dass Sie fürchteten, man könnte Ihnen gefolgt sein. Ihr Schirm ist recht nass. Jene Wolke dort kam von Westen, muss also im Westen zuerst einen Regenschauer gebracht haben, und zwar vor nicht langer Zeit. Der Schirm also sagte mir, wo ich Ihr Heim zu suchen hätte. Denn wohnten Sie im Osten irgendwo, hätten Sie schon vor dem Beginn des Regens im Auto gesessen. Derselbe recht feuchte Schirm deutet aber auch auf längeren Aufenthalt auf der Straße hin, das heißt, Sie suchten einen Kraftwagen. Wären Sie nun direkt zu mir gefahren, ohne Umwege, hätte das Verdeck des Autos nicht so triefen können. Sie sind ganz sicher gerade immer unter der Regenwolke geblieben, deren Platz nur einen geringen Raum traf. Sie tragen sehr eng anliegende Handschuhe. Die Ringe zeichnen sich deutlich ab. Aber ein Ehereif fehlt. Daher gnädiges Fräulein. Dann zeigt das Oberleder Ihrer braunen Schnürschuhe innen an den geschwungenen Teilen jene charakteristischen Kratzer, wie sie Pedale eines Rades hervorrufen. Ferner steckt in Ihrer Krawatte das goldene Abzeichen jenes Klubs. Dieser nimmt nur Mitglieder aus ersten Familien auf. Also muss Ihr Vater angesehen sein. Ihre Kleidung, Ihr Schmuck, die goldene Schirmkrücke verraten Reichtum, desgleichen die Wohnung, die doch, da Sie vorhin zustimmend nickten, wirklich in der Villenkolonie Grunewald liegt. Die meisten dort Ansässigen haben eigene Autos. Wenn Sie nun ein Mietauto benutzten, so konnte vielleicht daraus abgeleitet werden, dass Ihr Vater sehr sparsam und nicht für den Luxus eines Kraftwagens zu haben ist – also eine Eigenheit. Jeder Mensch besitzt ja mehrere, selbst der tugendhafteste, dann ist eben diese Tugendhaftigkeit seine Besonderheit. So, und nun bitte ich Sie, mir vertrauensvoll Ihren Fall vorzutragen, wobei ich nichts, keine Kleinigkeit, mag sie noch so geringfügig erscheinen, wegzulassen bitte.«

Die Dame schlug den Schleier hoch. Wir bekamen ein blasses, feines Gesicht mit den kennzeichnenden Linien großer Willensstärke um Mund und Kinn zu sehen. Sie fing nun recht überstürzt an.

»Mich schickt Kommerzienrat Kammler her, einer Ihrer Wettgegner. Er ist mein Patenonkel. Er lässt Sie grüßen, Herr Harst. Ich soll Ihnen bestellen, dass meine Angelegenheit gleichzeitig die nächste Wettaufgabe für Sie ist. Er hat mir vor einer Stunde telefonisch mitgeteilt, dass Sie wieder hier eingetroffen wären. Da habe ich mich denn auch sofort auf den Weg gemacht.« Sie schwieg und schaute zu Boden.

Da sagte Harst liebenswürdig: »Es scheint Ihnen etwas schwer zu werden, mir alles zu berichten, was Sie bedrückt. Bitte tun Sie so, als säßen Sie hier zwei Anwälten gegenüber, die zum Schweigen verpflichtet sind. Ein Detektiv ist wie ein Beichtvater. Er verschließt alles, was diskret behandelt werden soll, fest in seiner Brust. Ihr Vater ist der bekannte Kunstfreund und Altertumsforscher Geheimrat Dieter Burmeester. Er ist Witwer, soweit ich mich erinnere. Seine Familie stammt aus Holland. Er war früher Professor an der Universität Leyden. Er besitzt ein förmliches Museum, das er aber nur Größen der Wissenschaft zeigt. So, und nun zur Sache, gnädiges Fräulein.«

Sie zögerte, schien zu überlegen. Dann begann sie leise: »Sie müssen nicht denken, dass ich etwa furchtsam oder gar abergläubisch bin, Herr Harst. Nein, im Gegenteil. Ich bin durch den frühen Tod meiner Mutter schnell selbstständig und auch energisch geworden. Ich stehe unserem Haushalt allein vor. Wir haben nur eine Köchin und einen alten Diener. Beide sind seit vielen Jahren bei uns und goldtreu. Unsere Villa besteht aus einem zweistöckigen Hauptgebäude und einem parallel zur Hinterfront verlaufenden, später angebauten Nebenhaus. Wir nennen es immer das Museum. Es hat stark vergitterte Fenster, eiserne Türen und überall elektrische Alarmvorrichtungen. Die Türschlösser sind so kunstvoll, dass sie mit Nachschlüsseln nicht zu öffnen sind. Aus dem Museum führt eine Verbindungstür in Papas Arbeitszimmer. Dann kann man noch durch eine zweite vom Hof aus hineingelangen. Diese ist aber seit Jahren nicht mehr benutzt worden. Mein Schlafzimmer liegt nun im Hochparterre nach dem Hof zu, der ein nach Norden zu offenes Quadrat bildet und kaum fünf Meter breit ist. Meinen beiden Schlafstubenfenstern gegenüber befinden sich die des sogenannten Mumiensaals, eines Raums, der einige Dutzend äußerst seltene ägyptische, peruanische und mexikanische Mumien enthält …«

Sie hatte immer leiser gesprochen. Man merkte, wie sehr sich ihre Erregung steigerte, je mehr sie dem Kernpunkt der Sache näherkam. Dann fuhr sie wieder etwas lauter fort: »Vor acht Tagen war ich gegen halb zwölf aus dem Theater gekommen. Ich wollte gerade die Vorhänge meines linken Schlafstubenfensters zuziehen, als ich zufällig zu dem Mumiensaal hinüberblickte. Der Vollmond traf jene Fenster mit breiter Lichtbahn, sodass ich deutlich wahrnahm, wie sich dort eine Gestalt hinter dem mittleren Fenster bewegte. Ich glaubte erst, es wäre unser Diener Karl. Dann aber trat die Gestalt ganz dicht an die tief herabgehenden Scheiben heran.

Mit einem Schrei des Entsetzens prallte ich zurück, denn dort stand eine der Mumien, die Papa erst vor Kurzem gekauft hatte, stand da, wie sie auch in ihrem bunten Mumiensarg gelegen hatte, mit über der Brust gekreuzten Armen, um die Stirn das helle Band gebunden. Die gläsernen künstlichen Augen schienen mich anzustieren. Aber sie bewegten sich. Ich habe es deutlich bemerkt. Ich war so erschrocken, dass ich mich zitternd auf den nächsten Stuhl setzen musste. Als ich wieder hinüberblickte, war die Gestalt verschwunden. Ich wurde ruhiger, redete mir schließlich ein, es sei nur eine Sinnestäuschung gewesen, ging zu Bett und sagte am Morgen niemandem etwas von meinem seltsamen Erlebnis. Zwei Tage darauf – inzwischen hatte ich den Mumiensaal mehrmals betreten und jene Königsmumie, es handelt sich um einen jüngeren Mann, angeblich den im Alter von 22 Jahren verstorbenen ägyptischen König Eneochar – mit stillem Grauen betrachtet. So zwei Tage später gegen elf Uhr abends ereignete sich genau dasselbe. Wieder stand die Mumie regungslos an demselben Fenster, und wieder sank ich vor Entsetzen fast ohnmächtig um. Mein Vater war nicht daheim. Ich weckte Karl, unseren Diener, und sagte ihm, ich hätte einen Einbrecher im Museum bemerkt.«

»Weshalb diese Entstellung der Wahrheit?«, fragte Harst kurz.

Hildegard Burmeester errötete, wurde verwirrt. »Weil … weil ich mich schämte, weil ich nicht zugeben mochte, dass ich an Sinnestäuschungen litt. Karl und ich sind dann bewaffnet im Museum gewesen. Auch Papa kam bald hinzu. Wir fanden nichts Verdächtiges. Ich habe meinem Vater ebenfalls nichts von der Mumie gesagt. Am folgenden Tag verreiste er nach Schweden, wo eine neue große Höhle entdeckt worden war. Er will dort die Höhlenwohnungen und die mit aufgefundenen Geräte sich ansehen. Er kehrt erst in ein paar Tagen zurück. Ich war nun doch bereits derart verängstigt, dass ich Karl bat, im Nebenzimmer, einem Gastzimmer, zu schlafen. Am zweiten Abend nach der Abreise meines Vaters, also vorgestern. erblickte ich die Mumie abermals. Da habe ich vor Grauen schnell meine Vorhänge geschlossen und Karl herbeigerufen, habe mit ihm eine Weile geplaudert und mich so zu beruhigen gesucht.

Ich weiß nun bestimmt, dass es sich hier nicht um Halluzinationen handelt, Herr Harst, denn gestern hat Karl selbst ebenfalls gegen elf Uhr abends die Mumie beobachtet, wie sie ans Fenster trat und dann plötzlich verschwand. Er ist sofort mit seinem Revolver ins Museum geeilt, kam nach einer halben Stunde zurück, klopfte bei mir an und erzählte mir alles. Er hatte den König Eneochar still im Sarg liegend gefunden. Wir haben nun beschlossen, Papa auf keinen Fall in diese geheimnisvolle Geschichte einzuweihen, da er sehr nervös und sehr reizbar ist. Es könnte seiner Gesundheit schwer schaden, wenn er davon etwas erführe.«

Sie machte eine kurze Pause. Dann fügte sie, nun wirklich voller Angst hinzu: »Und … und nun noch das andere, ebenso seltsame, unerklärliche. Ich werde seit Tagen auf Schritt und Tritt verfolgt. Stets ist es dieselbe schwarz gekleidete, ganz dicht verschleierte Dame, die ich hinter mir, neben mir bemerke. Sie ist wie mein Schatten; taucht plötzlich auf, verschwindet, taucht abermals auf.«

Ihre eingehenden Angaben über diese Frau und die Art dieser Verfolgung brachten nichts Wesentliches.

Harst fragte noch dies und jenes, wobei er im Zimmer auf und ab ging. Dann traf er mit Fräulein Burmeester ganz bestimmte Verabredungen und führte sie nun persönlich durch den Gemüsegarten, der hinten an ein Laubengelände grenzt, auf einen Fahrweg, auf dem sie in eine Nebenstraße gelangen konnte.

Ich hatte mir inzwischen den neuen Fall nochmals hin und her überlegt.

Als Harst das Zimmer wieder betrat, sagte er sofort, und er lächelte dabei ein wenig: »Die Hälfte hat sie uns verschwiegen, behaupte ich. Dass sie sich geschämt hat, eine Sinnestäuschung zuzugeben, ist nicht wahr. Auch ihr ganzes Verhalten spricht dafür, dass sie einen anderen Grund hatte, erst dem Diener gegenüber die Tatsachen zu verdrehen und nun durchaus zu verhindern wünscht, ihren Vater etwas von dieser reichlich abenteuerlichen Sache erfahren zu lassen. Besinnen Sie sich, lieber Schraut. Als ich sie fragte, ob ihr Vater in diesem Jahr bereits in einem Bad gewesen wäre – es hat nämlich in den Zeitungen gestanden – wurde sie ohne jeden Grund sehr, sehr verlegen und rot und erklärte nur widerwillig: ›Ja im April in Pyrmont.‹ Jedenfalls dürfte es zweckmäßig sein, festzustellen, weshalb die Antwort sie so verlegen machte. Ich werde den Berufsdetektiv Holtz, der mir letztens warm empfohlen wurde, sofort nach Pyrmont schicken, denn Sie, Schraut, brauche ich hier sehr nötig. Natürlich ist eine große Sache im Gang, irgendetwas ganz Besonderes. Da wir es wahrscheinlich mit mehreren Leuten zu tun haben werden, ist es ratsamer, wieder zu zweit zu arbeiten. Holen Sie nur gleich unsere Gasarbeiterkostüme herbei. Wir werden sofort zur Villa hinausfahren, wie ich es mit Fräulein Burmeester verabredet habe.«

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