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Gold Band 3 – Kapitel 6.3

Friedrich Gerstäcker
Gold Band 3
Ein kalifornisches Lebensbild aus dem Jahre 1849
Kapitel 6.3

Doktor Rascher hatte dem ganzen Verhör schweigend, aber als aufmerksamer Zuschauer beigewohnt. Nun erst, als die Männer das Zelt verlassen hatten, wandte er sich an Hetson. Zu ihm gehend und seine Hand ergreifend, sagte er: »Mr. Hetson, meine feste Überzeugung nennt den Mann unschuldig.«

»Und das Gold?«

»Wie leicht kann das bei solchen Verkäufen durch den wirklichen Verbrecher, möglich ja auch schon wieder durch die zweite oder dritte Hand in seinen Besitz gekommen sein – und halten Sie den Mann, dem Ihre Gattin einst die Hand reichen wollte, für solcher Tat nur fähig?«

»Die Frage hat er selber schon an mich gerichtet«, sagte Hetson mit finsterem Blick. »Wer aber will ein Menschenherz ergründen?«

»Sie haben das seine ergründet«, sagte aber der alte Mann mit fester Stimme. »Sie so gut wie ich. Sie sind überzeugt, dass er das Verbrechen nicht begangen hat, nicht begehen konnte. Sie müssen all das, was in Ihren Kräften steht, tun, ihm die Beweise zu verschaffen, die er dazu braucht, wenn nicht Ihr ganzes späteres Leben ein einziger langer Vorwurf, ein Leben bitterer Reue werden soll.«

»Er steht unter dem Gesetz«, sagte Hetson finster.«

»Das tun wir alle«, erwiderte der Doktor. »Ihnen aber brauche ich wohl kaum zu sagen, wie es mit den Gesetzen hier in Kalifornien steht, und wie die aufgeregte Menge, wo sie glaubt, dass ihr die Gesetze störend in ihrem Weg liegen könnten, in wildem Aufruhr Gesetz und Ordnung unter die Füße tritt, der eigenen Neigung nur im Augenblick zu folgen. Ich hätte nicht die langen Jahre in den Staaten leben, nicht dort Zeuge ihrer willkürlichen Lynchgesetze sein müssen.«

Hetson hatte sich in einen Stuhl geworfen und stützte den linken Ellbogen, düster dabei vor sich niedersehend, auf den Tisch. Er hörte nicht, wie seine Frau leise wieder in das innere Zelt getreten war, wie sie auf ihn zuschritt. Erst als sie ihre Hand leicht auf seine Schultern legte und seinen Namen flüsterte, hob er langsam seine Hand empor, die sie fasste, aber den Kopf drehte er nicht nach ihr um.

»Frank«, sagte da die Frau mit flüsternder, angstbebender Stimme, »ich habe alles gehört. Die dünne Zeltleinwand ist nur ein schwacher Schutz gegen das laute zornige Wort der Männer. Sie haben Böses mit dem Unglücklichen im Sinn und du … Du wirst ihn nicht schützen können.«

»Und wenn er den Mord wirklich verübt hätte?«, sagte Hetson, ohne zu ihr aufzuschauen.

»Frank, um Gotteswillen«, bat aber in Todesangst die Frau, »die Frage kam nicht aus deiner eigenen Seele.«

»Ein Stück des Goldes, das dem Toden gehörte, ist bei ihm gefunden worden.«

»Und wenn ein Engel vom Himmel niederstiege«, rief da Jenny in wilder Leidenschaft, »und sagte, er ist schuldig, ich sagte nein, nein, und tausendmal nein.«

»Jenny?«, rief Hetson, erstaunt von seinem Stuhl aufstehend und sie ansehend. »Du bist außer dir.«

»Mrs. Hetson«, bat auch Doktor Rascher, »bitte fassen, mäßigen Sie sich.«

»Und weshalb?«, rief aber die Frau in furchtbarer, fast krampfhafter Aufregung. »Habe ich meinem Herzen nicht genug Gewalt angetan diese langen Jahre? Habe ich einen anderen Gedanken gekannt wie dieses Mannes Frieden, einen anderen Seelenwunsch, als ihn glücklich zu sehen und von dem unglückseligen Wahn zu heilen, der ihn befangen hielt und seine Kräfte lähmte? In diese Wildnis selbst, zwischen eine Horde von Menschen, vor deren Rohheit sogar die Indianer zurückweichen, bin ich ihm gefolgt. Mein ganzes Leben habe ich ihm, nur ihm allein geweiht, wahr und ehrlich. Aber auch das Leben selbst hat eine Grenze. Es gibt einen Punkt, der mich zum Wahnsinn treiben, es gibt eine Stelle in meinem Herzen, die Ihr zu Tode treffen könnt. Wahrt Euch davor, denn ich selber stehe nicht für die Folgen.«

»So liebst du deinen früheren Verlobten noch?«, fragte der Mann. Seine Stimme klang hohl, fast geisterhaft.

»Lieben«, wiederholte einfach und matt die Frau und der ausgestreckte Arm sank an ihrer Seite nieder. »Lieben? Ja, wie man einen Toten liebt. Aber nicht noch einmal will ich ihn vor meinen Augen morden sehen«, setzte sie rascher und heftiger hinzu. »Spiel nicht mit den Gefühlen, Frank, die Gott uns selber in das Herz gelegt hat und die wir nicht vertilgen können, ohne das Gefäß zu zerbrechen. Dieser Mann war meine erste heiße Liebe, und wenn ich auch das Gefühl selbst mit der Wurzel

aus der eigenen Brust gerissen habe, die feinen Fasern, die es früher hielten und nährten, blieben darin zurück. Ich habe ihm entsagt, und deiner Liebe froh, Frank, soll nicht der Schatten seines Bildes mehr zwischen uns treten. Aber du kannst

nicht verlangen, dass ich ihn vergessen soll. Du kannst nicht glauben, dass ich seinem Mörder …«

»Jenny!«, schrie Hetson, erschreckt die Hand gegen sie ausstreckend.

»Es ist gut …«, sagte die Frau kurz abbrechend. »Gott wird uns nicht mehr auferlegen, als wir tragen können. Und tut er es doch, dann liegt ja gerade in der Krankheit selbst die Heilung auch für alles Leid.«

»Beruhigen Sie sich, beste Mrs. Hetson«, bat da Doktor Rascher, der auf sie zugegangen war und ihre Hand ergriffen hatte. »Ist Mr. Golway wirklich unschuldig, woran ich selber keinen Augenblick zweifle, so hat er für sein Leben, für seine Freiheit nichts zu fürchten. Zufällige Umstände aber sprechen gegen ihn, und von denen muss er erst, auch den Augen der Welt gegenüber, gereinigt werden. Ruhig können Sie indessen dem Ende der Untersuchung entgegensehen, und dass alles geschehen soll dem Fremden hier gerecht zu werden, dafür lassen Sie mich, dafür lassen Sie Ihren eigenen Gatten sorgen.«

Hetson war, wie Jenny aufgehört hatte zu sprechen, wieder in seine alte Stellung auf den Stuhl zurückgesunken. Jenny wollte sich noch einmal an ihn wenden. Rascher bat sie aber, mehr durch Zeichen als durch Worte, ihn nun allein, ihn ungestört zu lassen. Sich der Bitte fügend drückte sie mit einem tiefen Seufzer seine Hand und verließ langsam den vorderen Teil des Zeltes, um sich in ihr eigenes kleines Gemach zurückzuziehen.

»Mein lieber Hetson«, sagte Doktor Rascher, als die Frau hinter der Leinwand verschwunden war, indem er auf den Mann zuging.

Hetson unterbrach ihn aber. Ihm doch nicht unfreundlich die Hand entgegenstreckend, sagte er leise: »Bitte lassen Sie mich jetzt einen Augenblick

allein, lieber Doktor. Ich habe so manches in mir selber zu suchen und zu ordnen, dass ich damit erst ins Reine kommen möchte, ehe ich mich anderen, von außen auf mich wirkenden Eindrücken hingeben möchte. Sie nehmen mir das nicht übel, nicht wahr?«

»Ich kann Sie in keiner besseren Gesellschaft lassen«, sagte der alte Mann herzlich. »Das Edle und Gute, das in so reichem Maße in Ihrem Herzen liegt, wird bei einer solchen Selbstschau überall Ihre schon früher überwundenen bösen Träume und Gedanken, dann leicht die Überhand gewinnen. Wenn ich wiederkehre, hoffe ich, dass Sie mir mit offener und froher Stirn entgegentreten werden.«

Hetson erwiderte nichts darauf. Als der Doktor das Zelt schon lange verlassen hatte, ja, als schon der Abend seine Dämmerschatten über das Tal warf, saß der Mann noch immer, den Kopf in die Hand, den Ellbogen auf den Tisch gestützt und starrte still und schweigend vor sich nieder.

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