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John Sinclair Classics Band 32

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 32
Irrfahrt ins Jenseits

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 20.11.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 25.05.1976 als Gespenster-Krimi Band 141.

Kurzinhalt:
Die Kirchturmuhr des nahen Dorfes schlägt Mitternacht, als das schwere Eingangstor der Burg wie von Geisterhand aufschwingt. Im nächsten Augenblick durchbricht das Trappeln von Pferdehufen die lastende Stille. Ein kastenartiges Gefährt jagt durch das offene Tor und wird von zwei pechschwarzen Pferden in höllischem Tempo über die Brücke gezogen. Sie ist wieder unterwegs – die Teufelskutsche!

Leseprobe

Mike O’Shea stützte seine schwieligen Hände auf das schmale Fensterbrett. Mit leerem Blick starrte er durch die Scheibe nach draußen, wo zwischen den Häusern die Dunkelheit lastete.

O’Shea seufzte schwer. Der Atem traf auf die Scheibe, und sie beschlug.

In dem kleinen Zimmer war es bullig warm. Die Platte des alten Kanonen­ofens glühte, und trotzdem jagte Mike O’Shea ein kaltes Frösteln den Rücken hinab.

Von der nahen Kirchturmuhr schlug es zwölfmal.

Mitternacht. Geisterstunde …

Hinter O’Shea wurde ein Stuhl ge­rückt. Mary O’Shea, die bisher ruhig am Tisch gesessen hatte, stand auf. Sie ging zu ihrem Mann, blieb hinter ihm stehen und legte ihm beide Hände auf die Schultern.

»Warum quälst du dich so, Mike?«, fragte sie mit leiser Stimme. »Komm, lass uns ins Bett gehen, du kannst nichts dagegen machen. Sie werden uns schon nicht holen.«

»0 nein!« Starrsinnig schüttelte Mike O’Shea den Kopf »So leicht werde ich es ihnen nicht machen. Ich will dir mal was sagen, Mary. Ich bin Ire und dazu noch ein verdammter Dickschädel. Ich lasse mich von niemandem terrorisieren. Auch nicht vom Teufel.«

»Aber der Satan ist stärker.«

O’Shea lachte bitter auf. »Das werden wir mal sehen.« Ruckartig wandte er sich um.

Mary O’Shea sah in das kantige, wet­tergegerbte Gesicht ihres Mannes mit den tief eingegrabenen Sorgenfalten und den blauen, hellwachen Augen, in deren die Kampfeslust schimmerte. Mi­kes Haar war brandrot und kaum zu zah­men. O’Shea war überdurchschnittlich groß, und unter seinem karierten Hemd spannten sich die Muskeln. Er war ein Kämpfer und hatte noch nie in seinem Leben aufgegeben.

Mike O’Shea wandte sich um und nahm seine Frau in die Arme.

»Mary«, sagte er leise, »wir können uns nicht mehr ducken. Hier in diesem Ort geschehen Dinge, wie sie im Mittelalter passiert sind. Und die Menschen nehmen alles hin. Sollen wir warten, bis sie das Dorf ausgerottet haben? Fünf Einwohner sind schon verschwunden. Und immer, wenn diese teuflische Kutsche kam. Ich werde mich dagegen auflehnen, und ich tue es nicht nur für mich, sondern auch für die anderen.«

Mary O’Shea nickte »Ich weiß es ja, Mike. Aber wenn dir etwas passiert?«

»Dann weißt du, was du zu tun hast. Ich habe dir alles aufgeschrieben und den Brief versiegelt. Du brauchst ihn nur noch abzuschicken.« Mike O’Shea lächelte plötzlich. »Aber so weit wird es wohl kaum kommen, schätze ich.«

Mary hob den Kopf und blickte ihren Mann an. Tränen schimmerten in ihren Augen. Die Finger der Frau strichen über Mikes Wangen. Mary O’Shea spürte, dass es ein Abschied werden würde.

Ein Abschied für immer …

Mary war eine zarte Frau. Sie reichte ihrem Mann kaum bis zu den Schultern. Das Leben hatte seine Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Trotz ihrer fünf­unddreißig Jahre wirkte Mary O’Shea wie eine Fünfzigjährige. Sie hatte es nie leicht gehabt, und doch war für sie die Zeit mit Mike eine Erfüllung gewesen.

O’Shea räusperte sich. Dann sagte er: »Ich sehe noch mal nach den Kindern.«

Mary nickte stumm.

O’Shea strich seiner Frau über das schon graue Haar und verließ das Zim­mer. Eine schmale Holztreppe führte in die obere Etage des Hauses. Hier lagen die Schlafräume. In einem schliefen Pat und Edna, die beiden Kinder.

Leise öffnete Mike die Tür.

Er hörte das regelmäßige Atmen der beiden und trat an das große Doppelbett.

Pat war sieben und ein richtiger Lau­sejunge. Er hatte das Naturell seines Vaters geerbt, während Edna mehr ihrer Mutter ähnelte.

Mike O’Shea strich den Kindern über das Haar und murmelte ein Gebet. Pat und Edna rührten sich nicht. Auf ihren Gesichtern lag ein glückliches Lächeln.

Minutenlang stand Mike vor dem Bett. Dann wandte er sich ab und verließ mit leisen Schritten den Raum. Behutsam schloss er die Tür hinter sich.

Mary wartete unten an der Treppe. Fragend blickte sie ihren Mann an.

Mike O’Shea nickte. »Sie schlafen«, sagte er.

Mary unternahm einen letzten Ver­such.

»Willst du es dir nicht noch einmal überlegen. Mike? Warte doch ab, und sprich erst mit der Polizei. Warum soll ich den Brief abschicken, wenn du kei­nen Erfolg hast? Warte doch, bis jemand kommt.«

»Nein, Mary!« Mike schüttelte stur den Kopf. »Wir haben lange darüber geredet, und du weißt, dass ich nicht an­ders handeln kann Ich werde mit diesem Spuk aufräumen. Gib mir mein Gewehr!«

»Ja, Mike.« Die Frau hatte resigniert.

Mary O’Shea schloss einen klobigen Schrank auf. Versteckt hinter einem Kittel stand die Schrotflinte, die er von seinem Vater geerbt und immer gut in Schuss gehalten hatte. Er hatte sie ge­pflegt wie ein Soldat, und immer war sie geladen.

O’Shea packte die schwere Flinte, als wäre sie leicht wie ein Streichholz. Dann nahm er die gefütterte Jacke vom Haken und schlüpfte hinein.

Mike O’Shea zog die Tür auf. Ein kal­ter Wind fegte in das kleine Haus.

»Leb wohl, Mike», sagte Mary O’Shea mit tränenerstickter Stimme »Leb wohl.«

Mike versuchte zu lächeln, doch es verunglückte.

»Bis später dann«, sagte er, und plötz­lich glaubte er selbst nicht an die Worte.

Er ließ sich jedoch nichts anmerken, sondern trat auf die Straße. Gebeugt und leicht gegen den Wind gestemmt, stapfte er mit schweren Schritten über die Fahrbahn dem Ausgang des kleinen Dorfes zu.

Mary O’Shea schloss die Tür. Und dann war es aus mit ihrer Beherrschung. Sie rannte zurück in die kleine Wohn­stube und fiel schluchzend auf das Sofa.

 

 

Der Wind schnitt wie mit tausend kleinen Messern in Mike O’Sheas Gesicht. Hier im Norden von Schottland war der Feb­ruar noch einer der kältesten Monate im Jahr. Auf den Bergen lag der Schnee wie eine dicke Puderschicht und reflektierte das kalte Mondlicht.

Mike O’Shea fühlte sich wie der ein­samste Mensch auf der Welt. Der Boden war gefroren, die tiefen Fahrrillen, die die Reifen der Traktoren und Wagen auf der Fahrbahn hinterlassen hatten, hart wie Stahl. In den Rillen knackte das Eis, wenn Mike O’Shea mit seinen schweren Stiefeln darauf trat.

Die Schrotflinte hielt der einsame Mann in der rechten Hand. Die Fassaden der einfachen Steinhäuser kamen ihm drohend und abweisend vor, und Mike wusste, dass in den Häusern Menschen wohnten, die Angst hatten.

Angst vor den Mächten des Bösen!

Die Bewohner hier in Schottland hatte der Aberglaube geprägt. Geister und Dämonen waren Gestalten, mit denen man leben musste und die immer wieder in das tägliche Leben eingriffen. Das wusste auch Mike O’Shea, aber er gehörte zu den wenigen, die sich nicht damit abfinden konnten. Er hatte den bösen Mächten den Kampf angesagt.

Mike hatte das Ende des Dorfes er­reicht. Linker Hand sah er die halbhohe Mauer des Friedhofes. Mike warf einen scheuen Blick zu dem Gottesacker hinüber. Gespenstisch leuchteten die Grabsteine im Mondlicht. Trauerweiden und Erlen beugten ihre Zweige fast bis zum Boden, und auf einem der Gräber flackerte ein einsames Windlicht.

Mike O’Shea dachte an die Teufels­kutsche. Würde sie in dieser Nacht kommen?

Er hoffte es, denn er wollte das grau­envolle Geheimnis lösen, das diese Kut­sche umgab.

Jeder wusste, dass sie von Rock Castle kam, der geheimnisumwitterten, ver­fluchten Burg. Sie kam in den Vollmond­nächten, jagte durch das Dorf und hielt vor irgendeinem Haus. Eine unbekannte Macht trieb die Bewohner des Hauses dann nach draußen, und einer von ihnen musste in die Kutsche steigen.

Freiwillig.

Die Kutsche jagte dann wieder zur Burg. Was mit dem Unglücklichen ge­schah, der mitgefahren war, das wusste niemand.

Zwei pechschwarze Pferde zogen die Kutsche, und auf dem Bock saß eine Ge­stalt, die in eine graue Kutte gehüllt war. Zwei Totenköpfe prangten auf den Türen der lackschwarzen Kutsche.

Das Zeichen des Sensenmanns …

Mike O’Shea atmete schwer, als er an die Kutsche dachte. Er würde heute auch freiwillig einsteigen und mit in das Schloss fahren, um das Geheimnis der Teufelskutsche endgültig zu lüften.

Mike war stehen geblieben. Hinter einem knorrigen Baum hatte er Deckung gefunden. Hier wollte er die Ankunft der Kutsche abwarten.

O’Shea fror. Es war nicht nur das kalte Wetter, das ihn schaudern ließ, sondern auch die Angst vor der Zukunft. Für einen Augenblick lang kam ihm der Ge­danke, einfach wegzulaufen, doch dann schüttelte er den Kopf.

Nein, er hatte etwas angefangen und wurde es auch zu Ende bringen. Egal wie.

Plötzlich spannte sich die Haltung des Mannes.

Mike O’Shea hatte ein Geräusch ver­nommen.

Es war das Klappern von Hufen auf dem gefrorenen Boden und das harte Rollen der Räder.

Die Teufelskutsche kam!

Jetzt gab es für Mike O’Shea kein Zurück mehr.

Er verließ die Deckung des Baumes und stellte sich mitten auf den Weg. Die Schrotflinte hielt er mit beiden Händen umklammert, der Kolben lag in seiner Armbeuge.

Mikes Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen verengt. Vor ihm wand sich der Weg in Serpentinen in die Höhe. Er führte geradewegs zur Burg. Wie ein Band zog er sich durch die felsige Landschaft, die von dem fahlen Mondlicht wie mit einem Schleier übergossen wurde.

Noch war die Kutsche nicht zu sehen. Noch wurde sie von den Felsen verdeckt.

Mikes Rücken spannte sich. In weni­gen Sekunden war es so weit, würde es zu einer Entscheidung kommen.

Die Geräusche waren lauter gewor­den. Mike hatte das Gefühl, der Boden unter seinen Füßen würde vibrieren.

Und dann donnerte die Kutsche um die letzte Kehre.

Es war ein unheimliches Bild.

Die Räder schienen kaum den Boden zu berühren. Die vermummte Gestalt saß auf dem Bock und schwang eine Peitsche, deren Leder über die Köpfe der Pferde pfiff. Flammen stießen aus den Nüstern der Pferde, und das Gefühl der Angst wurde in Mike O’Shea über­mächtig.

Ein teuflisches Gelächter drang an seine Ohren. Noch einmal knallte die Peitsche des Unheimlichen.

Riesengroß wuchsen die Rappen vor Mike O’Shea hoch. Der Ire riss in einer

instinktiven Abwehrbewegung den lin­ken Arm vors Gesicht.

Jetzt überrennen sie dich, schoss es ihm durch den Kopf.

Doch O’Shea täuschte sich. Der Un­heimliche auf dem Kutschbock zerrte an den Zügeln. Auf der Hinterhand stiegen die Tiere in die Höhe, ein trompetenhaftes Wiehern jagte durch die Nacht, und dann standen die Pferde still.

Eine Armlänge nur von Mike O’Shea entfernt.

Die schwere Waffe in der Hand des Mannes zitterte. Der Herzschlag häm­merte gegen Mikes Rippen.

Sekundenlang geschah nichts. Dann schwang sich der Unheimliche vom Bock der Kutsche. Der Wind spielte mit sei­ner grauen Kutte. Vergeblich versuchte Mike, das Gesicht unter der Kapuze zu erkennen.

Es war nicht vorhanden.

Mike O’Shea hatte einen Gesichtslo­sen, einen Geist, einen Dämon vor sich.

Der Unheimliche hielt nach wie vor seine Peitsche in der Hand. Neben einem der Pferde blieb er stehen.

»Was willst du?« Die Stimme des Ge­sichtslosen hallte durch die Nacht.

Mike O’Shea packte das Gewehr fes­ter. »Ich werde heute mit dir fahren«, sagte er.

Der Kuttenmann begann zu lachen. »Freiwillig?«

»Ja.«

»Warum hast du das Gewehr mitge­bracht?«

Die Frage kam überraschend, und Mike O’Shea fiel so schnell keine Ant­wort ein.

»Willst du uns damit besiegen?«

Unwillkürlich nickte O’Shea.

»Du Narr! Du Tölpel!» Wieder begann der Gesichtslose zu lachen »Weißt du denn nicht, dass Geister gegen solche Waffen immun sind? Wie kann man nur so dumm sein! Aber gut, du sollst dei­nen Willen haben. Ich werde dich mit ins Schloss nehmen. Du musst dir jedoch darüber im Klaren sein, ein Zurück gibt es nicht!«

Mike O’Shea nickte.

Er wollte noch etwas sagen, doch er brachte keinen Ton hervor. Es war al­les ganz anders gekommen. Mike hatte vorgehabt, zu schießen. Aber jetzt war er dabei, den Befehlen des Gesichtslosen zu folgen. Er würde mit auf das Schloss fahren und dort …

»Steig ein! Ich habe nicht viel Zeit!« Die Stimme des Unheimlichen unter­brach seine Gedanken.

Personen

  • Mike O’Shea
  • Mary O’Shea
  • Pat, Edna, O’Sheas Kinder
  • Kutscher der Teufelskutsche, Gesichtsloser
  • Irle McCally, alte Frau, Kräuterweib
  • Curd, Postbeamter
  • Leo Lunt, Cora Benson, Gangsterpärchen
  • Sir Horace Paine, mehrfacher Millionär
  • Alice, Sir Paines Tochter
  • Jim, Leibwächter
  • Kinney, Wirt vom Rock Inn
  • Sam Bassum, Automechaniker
  • John Sinclair, Oberinspektor bei Scotland Yard
  • Sir James Powell, Superintendent
  • Willy, Sams Gehilfe
  • Kelem, Dämon

Orte

  • Rockford Castle
  • London

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 32. Bastei Verlag. Köln. 20. 11. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000