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Der Detektiv – Der Fluch eines Geschlechts – 4. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Der Fluch eines Geschlechts
4. Kapitel

Heids Patientin

Wir kamen dann gerade über die Brücke, die die Verbindung zwischen den beiden Seen überwölbt, als Doktor Heid auf einem Fahrrad heransauste. Harst winkte.

»Herr Doktor, geben Sie uns für Ihre Gattin eine Karte mit, die uns genügend legitimiert. Ich muss die Baronesse sprechen. Sie ist doch hoffentlich vernehmungsfähig?«

 

*

 

Frau Heid sagte gleich darauf zu uns in ihres Mannes Sprechzimmer: »Ich ahnte, dass hier irgendwelche geheimnisvollen Umstände mitsprachen, Herr Harst. Auf meine Verschwiegenheit können Sie sich verlassen. Ich werde auch ganz genau befolgen, was Sie verlangen.«

Die Baronesse war im Salon untergebracht. Frau Heid hatte uns angemeldet. Die Kranke war sehr bleich. Ihre zerfleischte linke Schulter war dick bandagiert.

Harst setzte sich an das Bett. »Sie wissen, wer ich bin, Baronesse. Es tut mir so unendlich leid, dass ich nicht rechtzeitig eingreifen konnte. Nun. jetzt sind Sie dafür aber auch ganz sicher hier. Sie werden gesund und glücklich werden. Berthold Müller lässt Sie herzlich grüßen. Er ist unser Verbündeter geworden. So, und nun einige Fragen, Baronesse.«

Wir erfuhren so, dass Thora sich kurz vor halb zwölf zu der Zusammenkunft mit uns an den See begeben wollte.

Sie kam auch unbemerkt in den Garten. Dann näherten sich ihr die drei Bulldoggen, bisher ihre Lieblinge. Sie rief sie leise an. Aber ganz plötzlich waren die Hunde dann zum Angriff gegen sie vorgegangen – ohne jeden Grund. Sie hatte sich verzweifelt gewehrt und laut um Hilfe gerufen. Zu ihrem Erstaunen hatten die Bulldoggen ebenso plötzlich aber von ihr abgelassen und waren scheu zur Seite gekrochen. Dann war ihr Onkel aus dem Haus herbeigestürmt, auch der Diener. Dieser trug sie nun in ihr Zimmer, während der Baron die Hunde in seiner Wut niederschoss.

»Sie trugen einen Seidenmantel, Baronesse, nicht wahr?«

Sie bejahte.

»Haben die Bulldoggen vielleicht mal irgendein kleineres Raubwild zerrissen?«, forschte Harst weiter.

»Ja, vor zwei Tagen einen zahmen Fuchs. Meiner Schwester Wilhelma gehörte er. Er wurde in einem Käfig gehalten. Wie die Hunde, deren größter Feind er war, ihn töten konnten, ist uns unerklärlich. Es muss sie jemand in den Käfig hineingelassen haben. Sie haben ihn vollständig zerfleischt. Nur Fetzen waren noch vorhanden. Wilhelma ist ganz untröstlich.«

Dann richtete Harst noch verschiedene Fragen an sie, die ihren Brief – die Bitte um Hilfe – betrafen.

So bat er um Aufklärung, weshalb sie sich als gehetztes Wild in dem Schreiben bezeichnet habe.

»Weil ich bereits dreimal dem sicheren Tod nur durch einen Zufall entgangen bin.« Sie schilderte diese Vorfälle kurz.

Dann wollte Harst wissen, ob sie einem der Hausangestellten misstraue.

»Nur dem Gärtner«, meinte sie. »Ich habe festgestellt, dass er mir nachschleicht. Als ich Onkel Gisbert, den wir alle sehr lieben, dies mitteilte, lachte er mich aus.›Kind, er hat eben eine heimliche Neigung zu dir gefasst‹, sagte er zu mir. ›Ich werde ihn ins Gebet nehmen, und dann wird er dich in Ruhe lassen.‹ Eine Weile fiel mir dann auch nichts auf. Aber eines Tages, als ich mich in Potsdam mit Bert, meinem Bräutigam, traf, war er wieder hinter uns her, verschwand jedoch, als ich mich zum zweiten Mal nach ihm umdrehte. Auch im Garten hat er mich stets sozusagen beaufsichtigt. Immer ist er in der Nähe, wenn …«

»Danke, Baronesse. Hat Ihnen Ihr Vater einmal von dem sogenannten Fluch des Geschlechts etwas erzählt?«

»Nein, nie! Ich weiß nur, dass unsere Familie Ungarn wegen politischer Umtriebe verlassen musste. Die Friedrichsburg soll auch geheime Gänge enthalten, die der Erbauer absichtlich angelegt haben soll, da er Nachstellungen seiner politischen Feinde befürchtete. Erst Onkel Gisbert berichtete uns die Sage vom sterbenden Zigeuner. Es kann ja nur eine Sage sein, obwohl der Onkel daran zu glauben scheint.«

»Besitzen Sie ein Familienalbum?«, fragte Harst nun. »Wenn ja, wo befindet es sich?«

»Im sogenannten blauen Saal im ersten Stock in einem Eichenschrank.«

In diesem Augenblick trat Frau Doktor Heid ein und flüsterte: »Der Diener des Barons ist im Wartezimmer. Er will Bescheid haben, ob der Baron seine Nichte sehen kann.«

»Bestellen Sie, dass er sie sehen, aber nicht sprechen dürfe, da sie noch zu schwach ist«, erklärte Harst. »Bitte kommen Sie dann wieder hierher, Frau Doktor.«

Als sie erschien, sagte Harst: »Sie bleiben hier im Zimmer, Frau Doktor. Unter keinen Umständen verlassen Sie es. Sie dulden auch nicht einmal, dass der Baron etwa seine Nichte auf die Stirn küsst. Am besten, Sie setzen sich hier ans Bett und rühren sich nicht weg. Wir, Schraut und ich, werden dort das Piano anders stellen, damit wir dahinter Platz haben. Oben auf das Instrument, werde ich Bücher so aufstellen, dass kleine Spalten zum Durchsehen frei bleiben. Fragen Sie jetzt nichts. Ich tue alles im Interesse der Baronesse und auch aus Interesse für deren Onkel.«

Die beiden Damen merkten wohl kaum den feinen Unterschied, den Harst machte: einmal im Interesse, dann aus Interesse. Ich merkte ihn! Aber klüger wurde ich dadurch nicht.

Eine Viertelstunde später klopfte es an die Salontür. Frau Heid rief herein.

Der Baron war ein schlanker, eleganter älterer Herr mit graumeliertem Spitzbart, sehr liebenswürdig, sehr gewandt. Er küsste Frau Heid die Hand.

Er bezeigte für Thora eine rührende Teilnahme, stand am Fußende des Betts und sprach liebevolle Worte, legte für sie dann ein paar prachtvolle rote Rosen mit langen Stielen auf die Bettdecke und verabschiedete sich wieder.

Kaum war er hinaus, nun begleitet von der jungen Arztfrau, als Harst auch schon die Rosen sehr vorsichtig in eine Zeitung einwickelte und zu der Baronesse sagte: »Der Duft könnte Ihnen schaden.«

Wir warteten dann in Heids Sprechzimmer auf seine Rückkehr. Harst benutzte die Zeit und untersuchte die vier Rosen.

»Ich finde nichts. Trotzdem ist es besser, sie werden verbrannt«, meinte er. Er tat es eigenhändig im Ofen, indem er Papier aus dem Papierkorb hineinstopfte und es anzündete.

Nach einer halben Stunde trat Heid endlich ein.

»Er lebt!«, rief er ganz glücklich. »Er hat auch bereits zu Protokoll gegeben, dass er nie an Selbstmord gedacht und dass der Zettel nicht von ihm herrührt, der auf dem Schreibtisch lag. In dem Wasserglas befindet sich am Boden Arsenik, wie ich festgestellt habe. Eine recht mysteriöse Geschichte.«

»Keineswegs, Herr Doktor«, sagte Harst gelassen. »Sogar eine sehr ungeschickte Geschichte. Die Arseniklösung, die man in dem Glas eingerührt hatte, ist in den Spüleimer gegossen worden. Die Tinte, mit der die Selbstmordankündigung geschrieben wurde, ist schwarze Kaisertinte, während das Schreibzeug Eisengallustinte enthält. Die Handschrift ist von Leuten gefälscht, die Briefe Müllers an seine Braut abgefangen haben und so leicht imstande waren, Schreibübungen nach diesen Mustern zu machen. Das Curaregift ist ihm durch einen Nadelstich in die linke Halsseite beigebracht worden. Die Haut zeigt dort auch zwei Mückenstiche. Der Schlafende wird den Stich also für eine Mücke gehalten haben. Der, der die Nadel handhabte, ist durch das offen gelassene linke Fenster mithilfe einer Leiter eingestiegen. Die Eindrücke der Leiterenden sind unter dem Fenster zu erkennen, ebenso der scharfe Abdruck eines Absatzes mit Gummiecke, dicht daneben in einer vom Dach herab getropften, noch nicht erhärteten Teeranhäufung. Die Gummiecke ist mit drei Nägeln befestigt. Also Mordversuch!«

Doktor Heid stand ganz versteinert da. »Sie … Sie übertreffen noch meine Erwartungen, Herr Harst«, sagte er nur kopfschüttelnd. »Nie hätte ich gedacht, dass es so geniale …«

Harst wehrte lächelnd ab. »Keine Schmeicheleien! Wir sind ja erst zur Hälfte mit diesem Fall fertig. Ich betone: diesem Fall! Denn die Leute, die Müller umbringen wollten, haben bereits fünf Morde auf dem Gewissen und wollten auch die Baronesse beseitigen. Müller aber sollte sterben, weil seine Braut ihn zum Mitwisser ihrer Todesgedanken gemacht hatte. Er wäre der Mordbande gefährlich geworden – vielleicht! So, nun etwas anderes. Ich habe Ihrer Gattin bereits mitgeteilt, dass niemand, sei es, wer es sei, außer Ihnen beiden an das Krankenbett darf. Also, größte Vorsicht! Dann nur Speisen der Baronesse geben, die unter Ihrer Aufsicht besser von Ihrer Gattin allein und aus Vorräten bereitet wurden, die bereits im Haus vorhanden sind. Schließlich: Wir werden die Nacht über hier wachen, das heißt, im Salon hinter dem Klavier, aber es ist möglich, dass wir erst sehr spät kommen können. Lassen Sie also Haus- und Flurtür auf. Machen Sie aber kein Licht in der Wohnung.

Tun Sie, als wären Sie zeitig wie immer schlafen gegangen. Sollte der Baron heute nochmals hier erscheinen, so können Sie so nebenbei erklären, Sie hielten eine Nachtwache bei der Baronesse für überflüssig. Sie würden ihr ein starkes Schlafpulver geben, schon der Schmerzen wegen. Was Müller anbetrifft, so lassen Sie ihn sofort nach Potsdam in ein Krankenhaus bringen.«

»Oh, es geht ihm ja schon so gut, dass …«

»Dann soll er bei Mertens ein anderes Zimmer beziehen – im zweiten Stock, soll die Fenster nachts geschlossen halten und irgendjemand für die Nacht zu sich nehmen – vielleicht den Hausdiener. Aber all das ganz unauffällig.« Harst er hob sich. »Ich habe jetzt ein starkes Bedürfnis nach Schlaf. Also – auf Wiedersehen, Herr Doktor.«

Heid hielt Harsts Rechte in der seinen fest und bat:  »So sagen Sie mir doch nur, was all das bedeutet? Schon in der Nacht unter der Laterne den furchtbaren Hinweis auf Tetanus …«

»Nicht jetzt, Doktor, morgen vielleicht oder in der kommenden Nacht. Auf Wiedersehen?«

Wir wanderten unserem Häuschen zu. Harst grübelte vor sich hin mit gesenktem Kopf.

»Wenn ich nur wüsste, wie ich ohne die Depesche nach Transvaal auskäme«, meinte er dann. »Sie wäre ja tagelang unterwegs. Und ebenso die Antwort. Gewiss, wenn wir eine Fotografie fänden, wenn! Aber wie nur an das Album herankommen? Wir müssten es gerade stehlen. Schließlich ließe sich auch das vielleicht bewerkstelligen.«

Wieder schwieg er. Erst vor unserem Sommerheim blieb er stehen, fasste mich an den Ärmel: »Schraut, ich habe es. Wir stehlen es! Und wir machen auch dabei gleich die Probe aufs Exempel. Der Baron hatte seine Farm dicht bei Keetmannshoop. Wir werden die Afrikakenner spielen.«

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