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Die Riffpiraten – Kapitel 2

Heinrich Klaenfoth
Die Riffpiraten
Verlag Albert Jaceo, Berlin, um 1851

Kapitel 2
Das Kriminalgefängnis

Das Kriminalgefängnis von Mexiko, die Acordata, ist ein Institut, welches dem Erfindungsgeist der Mexikaner alle Ehre macht und als eine Erweiterung der Haftpraxis bekannter zu sein und mehr Nachahmung zu finden verdiente. Es ist außerdem ein Gebäude, welches durch seine Größe und äußere Ausstattung eine Zierde der Hauptstadt Neu-Spaniens bildet, in seinem Inneren dagegen so fest ist, dass selten ein Gefangener aus demselben entkommt, wenn ihm dies nicht andere Umstände, wie ein Angriff auf die Stärke und Festigkeit des Mauerwerkes, möglich machen.

Das Innere dieses Gebäudes ist, wie leider fast alle Haftanstalten auf der Welt, von Züchtlingen aller Art überfüllt. Man trifft die Elite der Diebe, Mörder, leichtsinnige Bankerottierer und andere Kriminalverbrecher. Die Sträflinge haben bald auf Lebensdauer, bald auf gewisse Jahre, bald auf noch kürzere Zeit, als Jahresfrist, je nachdem sie leicht oder schwer verurteilt sind, hier eine Strafe zu verbüßen. Oder es werden zum Tode Verurteilte bis zur Hinrichtung hier aufbewahrt.

Zu diesen Letzteren gehörte auch ein Indianer, welcher in einer engen Zelle in den untersten Räumen des Gebäudes saß. Die Tür seiner Zelle sowie eine große Anzahl anderer, welche alle mit Eisen beschlagen waren, lagen an einem langen, schmalen Korridor, in dem ein militärischer Wachposten mit geladenem Gewehr auf und ab patrouillierte. In jeder Zellentür befand sich ein Loch mit einem auswärts befindlichen Schieber, wodurch der Sträfling jeden Augenblick von außen beobachtet werden konnte.

Dem Indianer war durch Richterspruch das Leben abgesprochen. Er war des Mordes angeklagt und überführt. Die sechste Frühstunde des kommenden Tages war dazu angesetzt, die Todesexekution mittelst des Stranges an ihm zu vollziehen.

Die Uhr des Gefängnisgebäudes verkündete in dem Augenblick, von welchem wir reden, durch elf dumpfe Schläge die beinahe mitternächtliche Zeit und zugleich, dass der Verurteilte nur noch sieben Stunden bis zu seinem letzten Gang zu leben hatte. Er saß fast gefühllos und horchte auf die regelmäßig ertönenden Schritte des Wachpostens. Außer diesem Geräusch herrschte Grabesstille, die von Zeit zu Zeit jedoch durch einen lauten Jubel aus der Wachstube unterbrochen wurde, wo die Soldaten der Wache Wein tranken und Karten spielten.

Eine in der Zelle des Indianers angebrachte Lampe warf einen ungewissen Schein auf den Verurteilten. Es war ein Mensch von riesigem Körperbau mit der indianischen Stammfarbe. Da die Haft noch nicht lange andauerte, die moralischen Effekte ihn ebenfalls bisher nicht anhaltend heimgesucht hatten, so waren seine Glieder noch muskulös und von jener traurigen Abmagerung derselben, dem Kennzeichen langer Haft, nichts zu bemerken. Im Übrigen befand er sich im reifen Mannesalter.

Schwere Ketten, welche um die Wurzeln beider Hände, um die Beine und um den Leib gelegt waren, standen mit kolossalen eisernen Ringen, die an der einen Seite der Wand befestigt waren, in Verbindung, sodass der Gefangene auch noch an die Mauer gefesselt war.

Mit allen Zeichen der Verzweiflung, des wildesten inneren Kampfes immer noch auf die Schritte der Schildwache lauschend, fuhr er plötzlich auf, als das Dröhnen derselben verstummte und statt dessen ein Geflüster zweier Stimmen hörbar wurde.

Offenbar war eine zweite Person auf dem Korridor bei dem Soldaten, der dem Anschein nach Fragen beantwortete und sich endlich in Begleitung der Zelle des Indianers näherte.

Gleich darauf drehte sich ein Schlüssel im Schloss der Tür. Diese kreischte in ihren Angeln und öffnete sich.

Doch wenn der Gefangene vielleicht der Ankunft einer Person entgegensah, welche für sein Leben oder Schicksal besondere Bedeutung haben mochte, so schien es, als ob er sich geirrt habe, denn die Person, welche die Zelle betrat, nachdem die Tür sich geöffnet hatte, war der Gefangenwärter, eine dem Indianer nur zu bekannte und von ihm gefürchtete und gehasste Person.

Der Mann trat schleichend und gleichsam lauernd näher. Er befahl dem Indianer mit flüsternder Stimme, keinen Laut von sich zu geben. Nachdem er noch einmal an der Tür gehorcht hatte, zog er einige Schlüssel aus der Tasche und befreite den Verurteilten mittelst derselben von seinen Ketten. Dann riss er schnell einen Bündel mit Kleidern auf, die anzulegen er den Indianer aufforderte, welches auch bald mit seiner Unterstützung bewerkstelligt war, worauf er die Lampe auslöschte.

Nachdem er abgewartet hatte, bis der Wachposten im Begriff war, nach dem entferntesten Ende des Korridors zu schreiten, ergriff der Gefangenwärter die Hand des Gefangenen und führte ihn aus der Zelle, welche er sorgfältig wieder verschloss. Beide eilten davon, stiegen am Ende des Korridors ungefähr vierzehn Stufen aufwärts, nachdem sich der in eine Beamtenkleidung gesteckte Indianer auf einem allgemeinen Flur des Hauses sah, von wo ihn sein Retter auf einen großen Hofraum führte, der an verschiedenen Stellen ebenfalls mit Posten versehen war.

Doch nun kam die Hauptschwierigkeit. Der Weg, welchen der Indianer in das Freie zu nehmen hatte, ging durch eine mit Eisenstäben versehene gitterartige Pforte, welche ein Portier bewachte. Doch der Führer wechselte mit demselben ein paar Worte, wodurch der Portier getäuscht wurde und das Gitter öffnete, durch welches die beiden Männer eilig weiterschritten. Hierauf war noch eine letzte Tür zu passieren, wovon der an derselben befindliche Posten den Schlüssel hatte. Der betrunkene Soldat öffnete ohne Schwierigkeit auch diese und der Indianer war im Freien.

»Folge mir!«, sagte der Führer. Beide schritten wiederum eilig vorwärts, bis sie endlich in der Nähe des Hospitals bei einem Wagen anlangten, den der Indianer besteigen sollte.

In dem Wagen saßen ein Herr und eine Frau. Der Herr hieß den Indianer wiederum die Kleidung mit anderer, die er ihm reichte, wechseln und gab, während der Flüchtling seiner Weisung nachkam, dem Gefängnisaufseher die vorigen Kleidungsstücke zurück. Er nahm dann eine Tausend-Pfund-Note aus einem Taschenbuch und überreichte sie dem Mann.

»Nun sehen Sie, wie Sie sich helfen. Es ist der besprochene Rest von zweitausend Pfund.«

Hierauf gab er dem Kutscher einen Befehl und der Wagen fuhr davon.

Das Benehmen des Fremden war für den Indianer besonders in Anbetracht der bedeutenden Summe, welche er für die Rettung seiner Person, die bereits dem Henker verfallen war, ausgegeben hatte, ein Rätsel. Ebenso wenig hatte er eine Ahnung davon, wohin jener ihn führte. Doch im Grunde genommen war dem Verurteilten dies auch vollkommen gleichgültig, wenn er sich nur von dort entfernte, wo die größte Gefahr ihn bedrohte. Und dies geschah.

Die Fahrt ging ohne Aufenthalt und stets mit gleicher Eile von Mexiko nach Veracruz, wo die Reisenden endlich in einer engen, unbelebten Straße Halt machten und ausstiegen, zu Fuß auf Kreuz- und Querwegen durch die Stadt bis zum Hafen zu gehen, wo ein Boot sie aufnahm und an Bord des Schiffes brachte, welches wir im vorigen Abschnitt vor Havanna liegen und von da nach Veracruz segeln sahen.

Eine kurze Begrüßung des unbekannten Herrn mit dem Führer des Schiffes sowie ein Blick der Verständigung mit demselben ließen darauf schließen, dass der Pirat auf die Ankunft der Reisenden vorbereitet war. Der Indianer durfte mit seinen beiden Begleitern in die hell erleuchtete Kajüte hinabgehen.

Der Unbekannte, welcher sich ungeniert in einen Schiffsessel warf, schien den höheren Ständen anzugehören, wenigstens deuteten die vielen Kostbarkeiten, welche er trug, als Busennadel, Ringe, in denen wertvolle Brillanten funkelten, und dergleichen, auf bedeutenden Reichtum, während sein ganzes Wesen und Benehmen einen Anstrich vornehmer Herablassung zeigte.

Die unbekannte Frau hatte sich auf den Wink des Mannes auf einen kleinen Handsessel an der Tür ebenfalls niedergelassen und bewachte hier den Eingang, wie der Mann ihr geheißen hatte.

Der Indianer stand in der gespanntesten Erwartung.

Nachdem der Fremde den Flüchtling lange Zeit durch seine Brille starr betrachtete, um gleichsam den Gegenstand zu durchforschen, der ihm so teuer gekommen war, begann er: »Ich habe Anspruch auf Ihre Dankbarkeit, mein Freund!«

»Nehmen Sie es meinem schlichten Verstand nicht übel, dass ich Ihnen noch nicht dankte«, entgegnete der Indianer bescheiden. »Die Wendung meiner Lage hat mich verwirrt.«

Der Unbekannte verweilte wiederum mit einem langen, forschenden Blick auf dem Gesicht des Mannes und schien sich dabei tiefem Nachdenken hinzugeben, welches er endlich unterbrach.

»Sie haben zwei Verbrechen begangen, wofür Sie nach unseren Gesetzen den Strang verdienten. Die Justiz kennt indessen nur die eine Missetat, die andere kenne ich und diese Frau dort.«

Der Indianer zuckte unwillkürlich zusammen, indem er die Frau betrachtete. Er wollte antworten, doch der Fremde gebot Schweigen.

»Ich denke, Sie werden keine Widerrede wagen, jene Tat in …« Hier flüsterte er ihm einige leise Worte zu und fuhr lauter fort: »… obwohl das Corpus delicti bereits modert.«

Der Indianer schien entsetzt. Er zitterte an allen Gliedern und rief endlich flehend: »Erbarmen, Herr!«

»Sie sehen«, fuhr der Unbekannte ruhig fort, »wie genau ich mich von Ihren Verhältnissen unterrichtet habe. Fürs andere habe ich Sie käuflich zu meinem unumschränkten Eigentum gemacht, indem ich einmal Ihre Armensünderleiche an den Nachrichter mit zehn Realen im Voraus bezahlte, fürs Zweite es indessen vorzog, Sie durch eine größere Summe lebend an mich zu bringen. Drittens kann ich Sie den Gerichten für eine bereits anerkannte Tat zum Tode ausliefern und viertens bin ich imstande, Sie einer weiteren Tat anzuklagen, die ebenfalls Ihr Leben als Sühnung des verletzten Gesetzes fordert. Alles liegt in meiner Willkür.«

Der Indianer war fast vernichtet. Er rang um Fassung und versuchte zu antworten, ohne dass es ihm gelang.

»Da mir«, sprach der Fremde weiter, »auf diese Weise die kräftigsten und wirksamsten Mittel zu Gebote stehen, so würde jegliche Bemühung Ihrerseits, sich mir durch die Flucht zu entziehen, vergeblich sein. Selbst wenn Sie sich in fremde Länder flüchteten, würden Sie meiner Verfolgung dadurch nicht entgehen.«

»Davon bin ich überzeugt«, sagte nun der Indianer, indem er seinen Gegner mit ungewissen und scheuen Blicken anzusehen wagte.

»Nun, wenn dem so ist, so werden Sie sich hoffentlich nicht weigern, mir zu dienen und sich gänzlich meinen Diensten zur Verfügung zu stellen?«, fragte der Fremde.

»Gut«, entgegnete der Indianer. »Darf ich fragen, worin und wie ein armer Indianer einem Herrn wie Ihnen dienen kann?«

Der Fremde antwortete nicht sogleich. Es trat eine Pause ein, während welcher er zu überlegen schien. Dann wendete er sich an die Frau.

»Haben Sie das giftige Tier bei sich?«

Die fremde Frau erhob sich mit einem stummen, bejahenden Kopfnicken, zog ein Kästchen unter einem leichten Reisemantel hervor und setzte es auf einen Tisch. Ein vielsagender, bedeutungsvoller Blick fiel auf den Indianer, indem sich um ihren Mund ein hässlicher, frohlockender Zug zeigte. Ihre Haltung war linkisch, das Gesicht gemein und ihr Mienenspiel drückte eine verschmitzte Bosheit aus. Sie schien, nach ihrer Kleidung zu schließen, welche derb und plump war, den niederen Ständen anzugehören.

Nachdem sie das Kästchen auf den Tisch gesetzt hatte, nahm sie ihren Hut ab, dessen Bänder sie gelassen zusammenschleifte und ihn dann an einen Nagel der Wand hing, um es sich so gewissermaßen bequemer zu machen.

Der Indianer betrachtete die Frau neugierig und aufmerksam, um zu sehen, ob er sie vielleicht kenne. Allein er sah nur ihm fremde Züge und hatte keine Ahnung davon, wer sie sein könne.

Der Herr nahm den Kasten in die Hände, drückte an einen Schieber, sodass eine Klappe aufsprang, und befahl nun dem Indianer, näherzutreten. Unter der genannten Klappe befand sich ein feines Drahtgitter und hinter diesem lag eine Schlange von der Länge einer Elle. Der Fremde zog nun eine Metallfeder aus der Rocktasche und reizte das Tier, indem er es am Schwanz berührte. Durch vielfache schnell erfolgende Windungen drückte das Gewürm seinen Zorn aus. Es ringelte sich zusammen und wieder auf und ließ einen scharfen, zischenden Ton in kurzen Zwischenräumen vernehmen.

»Kennen Sie dieses Tier?«, fragte der Herr den Indianer.

»Es ist eine Klapperschlange«, antwortete dieser.

»Kennen Sie auch seine gefürchteten Eigenschaften?«

»Sehr gut«, erwiderte der Indianer; »jedes lebende Wesen, welches von ihm gebissen wird, muss sterben.«

»Kennen Sie auch die natürliche Einrichtung seiner Gebisswerkzeuge?«

»Ich weiß nur, dass meine Landsleute dieser Schlangenart die Giftzähne ausbrechen – und sie so unschädlich machen, so dass sie ihre Kinder mit ihnen spielen lassen.«

»Haben Sie schon in Ihrem Leben ein solches Tier mit der entblößten Hand fangefasst?«

»Ja«, antwortete der Indianer; »aber nur in dem Fall, dass ihm das Gift zuvor genommen war.«

»Getrauen Sie sich wohl, diese Schlange, welche im vollen Besitz ihres Giftes ist, anzufassen?«

»Wenn es sein müsste, warum nicht!«, sagte der Indianer im Vertrauen auf seine Kenntnisse der Natur des Tieres und auf seine eigene Geschicklichkeit.

»Dieses Tier«, fuhr der Herr fort, »hat im Oberkiefer an jeder Seite etwas nach hinten, dem Rachen zu, eine Giftdrüse, die sich mittelst eines Kanals in den beiden fangzahnartigen, etwas nach hinten gekrümmten Zähnen öffnet. Bei dem erfolgten jedesmaligen Biss strömt ein wenig Giftflüssigkeit in die Wunde, welche den Tod des gebissenen Individuums zur Folge hat. Die fernere Anleitung, wie Sie nun dieses Tier gebrauchen sollen, werden Sie durch diese Person hier – er deutete auf die Frau – seiner Zeit erhalten. Ihr unbedingt in allen Stücken Folge zu leisten, hierin besteht vorläufig Ihre Dienstobliegenheit. Die unweigerliche Ausführung ihrer zu empfangenden Aufträge, die auch meinen Beifall habe müssen, hat die gänzliche Niederschlagung Ihrer sämtlichen Verbrechen zur Folge, während ich Sie dann hinreichend, und zwar auf einmal, mit so viel Geldmitteln versehen werde, dass Sie sorgenlos wegen Ihrer Zukunft frei leben können, wo Sie wollen.«

»Hier, nehmen Sie das Tier wieder in Ihre Obhut«, sagte der Herr, sich an die Frau wendend. »Sie werden sofort abreisen, nachdem ich an Land gesetzt bin.«

Noch hatte der Fremde eine längere geheime Unterredung mit dem Kapitän, wonach er sich durch das Boot, mit welchem er gekommen, wieder an Land setzen ließ. Die Brigg aber ging unverzüglich mit ihren neuen Passagieren unter Segel.

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