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Sir Henry Morgan – Der Bukanier 32

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Zweiunddreißigstes Kapitel

Morgan wandelt sich zu einem Stutzer um – parfümiert und benimmt sich mit einem Freund. Morgan und sein neuer Freund räsonieren über die Unvernünftigkeit der Liebe. Sie komplottieren zusammen.

Morgan hatte auf diesem Feldzug einen gewissen John Peeke, einen weichlichen, unkriegerischen Jüngling bei sich, welcher, da er von seinen Verwandten nicht gehörig gewürdigt zu werden glaubte und von seiner Geliebten entschieden zurückgewiesen worden war, seine Heimat verlassen und seinen Glücksstern Morgans Genius vertraut hatte, um in der Neuen Welt Wunder von Kriegstaten zu verrichten. Es zeigte sich jedoch bald, dass seine Körperkräfte denen seines Geistes nicht entsprachen und er unfähig war, unter der brennenden Sonne des Klimas die Last eines stählernen Bruststückes und die übrigen Panzer, geschweige denn die schwere Muskete jener Tage und die dazu erforderliche Munition zu tragen. Indessen war er ein junger Gentleman von guter Erziehung, dem es weder an Witz noch an Mut gebrach. Morgan, welcher ihn als Sekretär benutzte, bisweilen aber auch als vertrauten Freund behandelte, hatte ihn lieb gewonnen.

Wenn der General eben in einer milderen Stimmung war, so unterhielt er sich gern mit dem in seinen Hoffnungen getäuschten Jüngling und konnte sogar hin und wieder in dessen Denk- und es Gefühlsweise eingehen. Auch war, wenn es sich nicht eben um einen sehr rührigen Dienst handelte, Peeke stets die erste Person, welche der General morgens nach dem Aufstehen anredete.

Ein wenig nach Tagesanbruch machte der junge Gentleman wie gewöhnlich Morgan seine Aufwartung und fand dieses Mal seinen Vorgesetzten bürgerlich gekleidet, ohne eine Spur von der schweren Rüstung. Zu seinem Erstaunen bemerkte er noch obendrein, dass der kühne Bukanier parfümiert war. Indessen hatte der gute Jüngling zu viel feine Bildung, um sich über diese Seltsamkeit einer Bemerkung zu erlauben.

»Ich komme, General, um Euch meine Dienste anzubieten und die Befehle des Tages entgegenzunehmen.«

»Ich will eine Ordonanz an den General-Lieutenant Collier schicken, weil ich heute nicht Lust habe, bei der Parade die Truppen zu mustern, Peeke. Ich möchte gerne heute Feiertag halten. Darf ich das wohl, Herr Sekretär, ohne meine unzufriedene Schurken zum Murren zu veranlassen?«

»General, Ihr seid ihr Leitstern und ihr Sicherheitshafen. Tut, was Ihr wollt, und sie werden nie murren, so lange sie Beute finden und sich gehen lassen können. Sie lieben Euch so sehr, General, als ihre rohen Naturen etwas lieben können.«

»Ihre rohen Naturen, Peeke? Es ist gut, dass dieses nur ihr General hört. Aber wir werden alle durch die Umstände gemodelt. Vordem hatte ich auch etwas weniger rohe Natur in mir, Peeke, aber das ist lange, sehr lange her.« Er hielt inne und nahm dann wieder auf: »Leiht mir Euren Arm. Ist dies die Schlaffheit eines sich aufreibenden Körpers, ist es die Steifigkeit des Alters, Peeke? Ich möchte nicht alt werden. Nein, das könnte ich nicht ertragen. Alt und ohne Freund hienieden – ohne eine Hoffnung auf das Jenseits – es ist zu schrecklich. Stütze ich mich schwer auf Euch, junger Gentleman?«

»Wenn es Euch darum zu tun ist, General, so habt Ihr zehnmal so viel Kraft wie ich.«

»Das ist eigentlich nicht die Last, die ich Euch auferlegen will. In den Büchern, die ich gelesen habe, steht, das Gewicht des Kummers werde erleichtert, wenn ihn ein Freund teile. Ich möchte das wohl versuchen, aber ich habe keinen Freund. Als Owen starb, erfuhr ich, dass ich keinen Freund mehr hatte.«

Dann lehnte sich Morgan zärtlich auf Peekes Arm und ging mit ihm mehrere Male schweigend in dem geräumigen Salon auf und ab.

Auf was mag dieser seltsame Mann abzielen, dachte sein Sekretär. Will er von mir, dass ich ihm meine Freundschaft bekenne? Ich fürchte ihn zu sehr, um ihn mit der Innigkeit eines Freundes zu lieben, und was ich nicht fühle, kann ich nicht in Worten laut geben. Verhüte der Himmel, dass er mich nicht durch sein gefährliches Vertrauen in Gefahr setze.

Aber der stumme Wunsch half ihm nichts.

»Peeke, hört mir aufmerksam zu. Wenn der Wunsch, einem Mann alle guten Dienste zu leisten, ihn in seiner Laufbahn vorwärts zu bringen, seinen Charakter zu studieren und, wenn dies geschehen ist, ihn zu bewundern, ein Merkzeichen wahrer Freundschaft genannt werden kann – in der Tat, John Peeke, so bin ich Euer Freund. Aber das Herz – Ihr lächelt zweifelhaft, wenn ich von einem Herzen spreche – das Herz fordert Erwiderung. Glaubt mir, es kann Freundschaft ohne Gleichheit bestehen. Der Elende wie der Größte muss nach Freundschaft dürsten. Die Umstände haben es gewollt, dass sich jetzt diese Eigenschaften in mir vereinigen. Wohlan, mein sanfter Master John Peeke, wollt Ihr mir der Freund sein, dessen mein Elend und meine ebenso unverdiente wie unersehnte Größe bedürfen?«

»In der Tat, General Morgan, ich bewundre Euch, umfasse Euch mit der vollen Dankbarkeit meiner Seele, würde Euch gern mit Gefahr meines eigenen wertlosen Lebens dienen und glaube nicht, dass Gleichheit für wahre Freundschaft unerlässlich ist. Aber dennoch, wie ist es möglich, dass ich Euer Freund sein kann, wenn ich es nicht wagen darf, Euch meinen Rath anzubieten?«

»Eben das ist es, John, eben dies verlange ich von Euch«, erwiderte Morgan mit großer Lebhaftigkeit.

Die beiden Männer täuschten sich selbst. Morgan suchte Beschwichtigung seines Gewissens wegen beabsichtigter Schändlichkeiten, und Peeke gab sich der trügerischen Idee hin, er könne Morgans Handlungen die Richtung der Tugend anweisen. Aber der gewaltigere und schlimmere Sinn saugte alles auf, was in dem schwächeren und besseren Gutes war.

Nun, diese Männer schlossen Freundschaft. Morgan bedingte sich Autorität und Vorrang aus, aber dennoch wollten sie Freunde sein. Nun legte unser Held sein Bekenntnis ab.

»Niemand kennt mich«, sagte er. »Es hat den Anschein, als sei ich von selbst in diesen westlichen Meeren aufgeschossen. Man hat meine Ahnen schlimmer und edler gemacht, als sie wirklich sind. Wir Morgan sind von Generationen auf Generationen Franklins gewesen.«

Dann firnisste er seine Geschichte und erzählte dem neu gewonnenen Freund mit allem Ungestüm seines Charakters die knabenhafte Liebe, die er gegen Lynia Glenllyn empfunden hatte, seine Zurückweisung und die darauffolgende Flucht vom väterlichen Herd.

Er wusste den erlittenen Schimpf in beredten Farben dazustellen, forderte von dem neuen Freunde die Weihe seiner Rache und schloss folgendermaßen:

»Wie ganz anders ist es jetzt geworden! Diese stolze Schönheit und ihre Tochter, beide sind in meiner Gewalt. Rache – ha! John Peeke – die Rache der Liebe! Hast du gestern nicht bemerkt, wie sie sozusagen Ansprüche auf mich erhob wie auf einen erblichen Grundholden – auf den geborenen Vasallen ihres Vaters.

Sie tat dies vor allen meinen Untergebenen, als ich vor ihr stand, in meiner vollen Gewalt und Würde. Liebesrache – sollte ich nicht vollkommen dazu berechtigt sein, Master John Peeke?«

Master John Peeke wurde durch seinen neuen Freund vollkommen eingeschüchtert, trotzdem, dass er die besten Absichten hegte, den Römer zu spielen und sich recht tugendhaft und belehrend vernehmen zu lassen. Der neue Freund hatte aus den eingebildeten Kränkungen, welche ihm die Wohltäterin seiner Jugend zugefügt haben sollte, sogar viel Wesens gemacht, und Peeke selbst war von einer Angehörigen des zarten Geschlechts etwas unzart behandelt worden, weshalb er erwiderte: »Man entnehme aus der Geschichte, dass man den Helden an Plätzen, welche sie durch Gewalt der Waffen genommen, stets eine kleine Breite in Liebensangelegenheiten zugestanden habe, weshalb der General dieses kleine International-Privilegium gar wohl den Privatverunglimpfungen und den großen Kränkungen beifügen möge, die ihm angetan worden seien. Und nach dem«, schloss er, »was wir in dieser glorreichen Expedition gesehen haben, kann ein Mord oder eine Galanterie mehr oder weniger nicht sonderlich in Anschlag kommen.«

»Halt, John Peeke, wenn Ihr Euren Freund liebt, so fahrt nicht in diesem Ton fort. Es mag wahr sein – wir wollen hoffen, dass es wahr ist – aber es ist doch furchtbar verletzend für das Gefühl. Nein, nein, Freund, ich führe weder einen Mord noch eine gar große Gewalttat im Schilde – das heißt, wenn es nicht nötig ist.«

»In diesem Fall, General, versucht es aufs Neue mit Eurer Werbung. Möge sie durch den Erfolg gekrönt werden. Wie die Dinge in der letzten Zeit betrieben wurden, könnt Ihr sogar ein Beispiel unvergleichlicher Selbstverleugnung und Hochherzigkeit geben, wenn Ihr Euch bloß auf dies beschränkt.«

»Ihr versteht mich noch immer nicht, Freund Peele. Gesetzt, alle meine Milde und Mäßigung würden verachtet, in der Stellung, in der ich mich befinde, habe ich nicht viel übrige Zeit zu einer Werbung. Bis zu welchem Grad von Zwang könnte ich schreiten?«

»Just so weit, wie es nötig ist, um Euch Euer Glück zu sichern.«

»Ihr habt recht, sprecht aber sehr doppelsinnig. Mein Glück wäre gering und nur die Rache gewaltig, wenn die stolze Lynia mit Unglimpf behandelt würde. Ist sie nicht ein herrliches Wesen? Sprecht, Peeke, Ihr seid bei Weitem der Polierteste unter meiner ganzen ungeschlachten Schar. Stecke dich in ein höfischeres Gewand, mache dir das Kinn glatt, dressiere diesen kleinen rötlichen Haarwisch, den du unten sitzen lässt, und fort mit dir in das Gemach der gnädigen Dame, um ihr einen Wink zu geben. Nein, sage ihr, der General Morgan erbitte sich die Erlaubnis, mit der unvergleichlichen Schönheit sein Frühstück einzunehmen. Er habe ihr Dinge mitzuteilen, die für sie und ihn selbst von großer Wichtigkeit seien. Sprich mit meinem Dienstmann, Peeke, und lass dir von weißer Leinwand und anderem Prunk geben, was du brauchst. Es ist wahr, du riechst selten nach Schießpulver, aber doch däucht mich, du hättest einen sehr tintigen und kanzleiartigen Geruch an dir. Da ist Zibet nebst anderen wohlriechenden Dingen – mache dich erträglich, Mann, und tritt unter einer Wolke von würzigen Düften vor ihre hehre Person.«

Der General hat nur einen rohen und sehr reiterartigen Begriff von derartigen Dingen, dachte der junge Sekretär. Indessen zweifle ich nicht, dass er bei einer schönen Dame sein Ziel so gut erreichen wird, als irgendein Stutzer von St. James.«

»Ich will mich aufs Beste herausstaffieren und Euren Auftrag ausrichten, so gut ich es imstande bin, General.«

»Sei höflich und pünktlich, guter Peeke. Ei, Freundchen, man muss sie nicht in dem Glauben lassen, als seien wir bloß eine Horde von Seeräubern. Du bist mein Freund, mein geschworener Freund – ein Wort – oder zwei – nein, was – dies betrifft, so ein Häuflein empfehlender Worte dürfte nicht am unrechten Ort sein.«

»Sehr wohl. Ich will Eure Verdienste besingen, als wäret Ihr …«

»Genau das, was ich wirklich bin, he?«

»Soll ich sagen – sanft?«

»Nein, nein. Sie rückt mir denn die Folter vor.«

»Tapfer?«

»Das wird nicht rätlich sein. Sie plappert dann von meinen Kriegen gegen Frauen und Kinder.«

»Was soll ich dann sagen, mein guter General?«

»Was du sagen sollst? Sage ihr, sie sei ein Engel und ich ihr Gebieter.«

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