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Der Konstanzer Hans Teil 5

W. Fr. Wüst
Der Konstanzer Hans
Merkwürdige Geschichte eines schwäbischen Gauners
Reutlingen, 1852

Fünftes Kapitel

Wie Hans die Gauner wieder aufsucht.

Hans war nun zwanzig Jahre alt, denn die letzte Begebenheit fällt in den Monat August 1779. Er suchte die ihm wohl bekannten Schlupfwinkel der Gauner auf und fand bald seinen ersten Lehrmeister in der Gaunerei, den Schul-Toni. Von diesem hoffte er gute Kleider zu bekommen, an denen es ihm nun fehlte. Dann wollte er seinem früher gemachten Plan gemäß nach Straßburg gehen und französische Kriegsdienste nehmen. Wenn dies nun auch anfangs seine ernstliche Absicht war, so wurde sie doch ebenso zunichte, wie seine beiden früheren Entschließungen, als er seinem Vater davongelaufen war. Denn Toni war zwar sehr erfreut, seinen alten Kameraden wieder gefunden zu haben, ließ gute Speisen und Getränke auftragen, billigte Hans’ Entschluss, französischer Soldat zu werden, und sagte, dass er selbst die nämliche Absicht habe; aber zur Ausführung gehören Geld und Kleider, und beides habe er gegenwärtig nicht, daher er einige Tage warten solle. Diese Bedürfnisse waren aber nur auf unerlaubtem Wege zu erhalten, und Toni schlug den Ort vor, wo dieselben erhoben werden könnten. Da nun Hans in sehr ärmlichen Umständen war und sich überdies in der Gegend seiner Entweichung mit allem Recht nicht sicher glaubte, so drang er auf Beschleunigung des Unternehmens, das nun auch alsbald ausgeführt wurde. Die Beute bestand in einem Beutel mit 180 Florentinern, mit welchem Hans glücklich entkam, ungeachtet der Diebstahl am hellen Tag begangen wurde und der beraubte Bauer ihn mit seinen Nachbarn verfolgte. Dieser beträchtliche Raub wurde nun zur Anschaffung der nötigen Kleider, aber auch zum Wohlleben mit Toni verwendet.

Hans’ Vater hatte die Entweichung seines Sohnes erfahren und traf nun gerade bei ihm und Toni ein, als diese von dem geraubten Geld schwelgten. Er wollte seinen Sohn zur Rückkehr in sein Regiment bewegen; aber vergebens. Das Gefühl der Freiheit, die er jetzt wieder genoss, das glückliche Gelingen seiner letzten Unternehmung und die neue Verbindung mit Toni hatten den Entschluss, französische Kriegsdienste zu nehmen, so erschüttert, dass nun nur noch Seppe kommen durfte, um jenen Entschluss vollends ganz zunichte zu machen. Und Seppe ließ nicht lange auf sich warten. Noch während der alte Herrenberger bemüht war, seinen Sohn zur Abreise nach Freiburg zu bestimmen, fand sich jener mutige Gauner ein. Er und Hans hatten sich seit der Abfahrt nach Wien nicht wiedergesehen. Da gab es nun gegenseitig gar vieles zu erzählen, und Hans beneidete fast seinen Freund um den Ruhm, in so kurzer Zeit so viele Heldentaten ausgeübt zu haben. Denn nicht allein war dieser bei seiner Entweichung glücklicher gewesen, wie Hans. Er hatte seit einem Jahr mehr als fünfzig Einbrüche in Pfarrhäuser ausgeführt, die ihm zum Teil reiche Beute verschafften. Nach seinem letzten Einbruch, der ihm über 1000 Franken einbrachte, wurde er zwar eingefangen, entkam aber wieder aus dem Gefängnis.

Hans’ Vater wurde nun unter irgendeinem Vorwande weggeschickt und ein Einbruch bei einem Pfarrer unternommen. Hier hatte man sich aber auf solche Gäste vorgesehen, die nun mit Flintenschüssen verjagt wurden und sich in der Folge nicht wieder zusammenfanden, was Hans’ Glück war. Denn Seppe hatte nachher noch mehrere Einbrüche ausgeführt, wurde dann in Harmerspach gefangen genommen und büßte seine Gaunerei mit seinem Kopf. Da Toni zu derselben Zeit schwer erkrankte und über sechs Monate untätig sein musste, so war Hans nun ohne Kameraden, wodurch der Gang seiner Tätigkeit aufgehalten wurde. Er begab sich daher wieder zu seinem Vater, um einen neuen Kameraden abzuwarten.