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Der Detektiv – Die Dame im Lackhut – 3. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Die Dame im Lackhut
3. Kapitel

Wir hielten nun vor dem Neubau an. Ich keuchte, und der Schweiß rann mir unter dem Hutleder hervor die Nase entlang. Harst atmete ganz ruhig. Er war ja auch zwölf Jahre jünger und sein Körper gut trainiert für Anstrengungen aller Art.

»Schraut, Sie bleiben hier vorn«, befahl er. »Sollte irgendjemand aus dem Neubau zu entweichen suchen, so halten Sie den Betreffenden fest.«

Dann verschluckten ihn die Regenschleier.

Ich überlegte. Hier auf der Straße Wache zu stehen, war eine missliche Sache. Obwohl sich im Osten der Himmel bereits lichtete, war es infolge dieses Platzregens, der gerade niederging, so dunkel, dass ich kaum von der Mitte aus die Hausfront entlang schauen konnte. War es da nicht klüger, ich pirschte mich ganz nahe an den wartenden Wagen heran? Denn dieser konnte ja nur den oder diejenigen gebracht haben, die Harst nun wohl noch in den Kellerräumen auf der Suche nach dem Knaben vermutete. Ja, so war es am richtigsten, ohne Frage! Kurz entschlossen setzte ich mich wieder in Trab, vermied aber zu laute Schritte, lief mehr auf Fußspitzen.

Da – hinter mir ein Schuss – noch einer. Sie kamen ohne Frage von der Rückseite von Nr. 8 her. Ich blieb stehen.

Was nun? Sollte ich umkehren? War Harst etwa in Gefahr?

Nun Pferdegetrappel. Abermals flog mein Kopf herum.

Der Wagen näherte sich. Ich duckte mich zusammen, huschte in den Straßengraben. Mein Umhang verschmolz mit der Dunkelheit in eins.

Der Wagen fuhr vorüber, hielt plötzlich. Ich gewahrte einen Mann, der in langen Sätzen vom Neubau daherkam.

Die Schüsse – der Mann wurde nicht verfolgt, Harst war nicht hinter ihm drein! War Harst das Opfer der Schüsse geworden?

Ein Gedanke! Der Kerl, der da dem haltenden Wagen zu rannte, würde auch mich nicht schonen. Am besten also, ich … Dem Gedanken folgte augenblicklich die Ausführung.

Als das Gefährt nun kurz wendete und die Pferde im Galopp davonrasten, hing ich hinten zwischen den vorstehenden Federn, an denen ich mich festhielt, während ich die Beine über die Hinterachse gelegt hatte.

Ich werde diese Fahrt nie vergessen. Hundertmal glaubte ich: Du hältst es länger nicht aus … lass dich herabfallen! Und hundertmal siegte die Energie trotz der wahnsinnigen Schmerzen in den Händen und trotz des Gefühls, mir würden die Arme aus den Gelenken gerissen. Ich durfte nicht schlapp werden – durfte nicht. Denn da vorn auf dem Bock saß ja vielleicht Harsts Mörder neben der Frau! Ich hatte gesehen, wie er sich auf den Bock schwang. Dies gab mir eine ungeahnte Willenskraft.

Wir fuhren bald langsamer nur noch im Trab. Die Gummiräder und die tadellosen Federn des Wagens mussten für einen, der drinnen in den Polstern saß, sehr angenehm sein.

Für mich erhöhte dieses wiegende Schaukeln nur die Qualen.

Wir hatten Dahlem passiert, bogen in die Hubertusallee der Villenkolonie Grunewald ein. Wohin würde die Reise gehen, wie lange würde ich es noch aushalten, wie lange wohl?

Der Trab mäßigte sich. Die Pferde hielten vor einem breiten Gittertor.

Ich hörte, wie der Mann vom Bock sprang, sah ihn nun am Gittertor stehen, dessen Flügel langsam zurückwichen.

Er öffnete es. Ich kroch auf allen vieren bis zum nächsten Baum am Rand der Promenade. richtete mich auf und machte mich dahinter ganz schlank.

Der Wagen fuhr in einen von Wirtschaftsgebäuden umgebenen, asphaltierten Hof ein, an dessen rechter Seite ein schmuckes Häuschen die Kutscherwohnung verriet. Der Mann spannte die Pferde aus. Die Frau – sie trug einen dunklen Hut mit ein paar Blumen und einen gestreiften, halblangen Mantel, war klein und rundlich – flüsterte dabei eifrig mit ihm, ging dann in das Häuschen. Nachher verschwand auch der Mann hinter derselben Tür. Schon vorher waren zwei Fenster des Häuschens hell geworden. Auf den gelben Vorhängen zeichnete sich nun der Schatten eines Knaben ab, der auf dem Fensterkopf etwas suchte.

Eines Knaben! Deutlich war zu erkennen, dass das Haar wirr und hochgekämmt war. Unser Patient hatte gleichfalls so einen strubbeligen Haarschopf gehabt.

Die Sorge um Harst trieb mich zu der Wissmannstraße zurück. Eine gute Stunde hatte ich zu marschieren, bis ich am Ziel war. Inzwischen war der Morgen angebrochen. Die kahle, geheimnisvolle Dämmerung eines Regentages lagerte über dem Gelände zu beiden Seiten des endlosen Asphaltweges, auf dem ich hastig dahinschritt, von dem ich nun zögernder links auf den Hof des Neubaus abbog.

Eine Viertelstunde später gab ich das Suchen auf. Selbst in der Kalkgrube hatte ich mit einer Latte herumgestochert. Der Mann konnte Harsts Leiche ja irgendwo schnell verborgen haben.

Nun drehte ich mich nochmals um, warf einen letzten Blick über die Bretterbude, über all das Gerümpel, und wollte nun heim in die Blücherstraße. Mein Herz war mir so schwer. Ich fühlte es ordentlich wie ein Gewicht in der Brust. Harst tot! Was sollte ich jetzt zuerst unternehmen? Ob ich nicht besser gleich die Polizei benachrichtigte?

Ich drehte mich um, tat den ersten Schritt zur Hausecke hin.

»Morgen lieber Schraut! Der Tote, den Sie suchen und den Sie bei Ihrer Art des Absuchens einer Örtlichkeit nie gefunden hätten, sitzt die ganze Zeit über hier oben.«

Ich blickte empor. Er saß im ersten Stock auf dem Sims einer Fensteröffnung. Freilich – dort hatte ich mich nicht hinaufbemüht. Der Neubau hatte ja weder Treppen noch Leitern.

»Gott sei Dank!«, rief ich und atmete erleichtert auf.

Da verschwand Harst schon, und wenige Sekunden später war er neben mir, streckte mir die Hand hin.

»Sie scheinen Angst um mich gehabt zu haben, wohl der beiden Schüsse wegen …«

»Ich … Sie … Sie haben ja eine dick geschwollene Lippe!«, entfuhr es mir. »Ihr Kragen ist blutig, und …«

Harst lächelte ein wenig. »Beinahe hätte ein Zahnarzt an mir etwas zu verdienen bekommen. Ein Glück, dass die Harstʹschen Zähne so standhaft sind. Der Kerl schlug gehörig zu. Doch was stehen wir hier? Ich habe Durst auf starken Kaffee und Hunger! Nach einer solchen Nacht ist das erklärlich …«

Wir gingen. Der Regen hatte ganz aufgehört. Im Osten zeigte sich ein Stück blendend heller Himmel.

Harst deutete dorthin und sagte sinnend: »Ich wünschte, auch für uns träte bald Klarheit in dieser Sache ein. Noch einmal möchte ich dem Mann nicht begegnen, der eine so harte Faust hat, wenigstens nicht nachts in Nummer 8.«

Er holte sein goldenes Zigarettenetui hervor, bot mir eine Mirakulum an und rauchte schweigend die ersten Züge.

Dann begann er: »Aus Ihrem langen Ausbleiben, lieber Schraut, schließe ich, dass Sie irgendeinen Erfolg gehabt haben. Erzählen Sie zunächst, dann komme ich heran.«

Ich tat es und fügte zum Schluss hinzu: »Bevor ich meinen Posten hinter dem Baum aufgab, bemerkte ich links neben dem Gittertor an einer Pforte ein Messingschild. Ich habe es entziffern können. Barentraub stand darauf.«

»Ah, Barentraub, Geheimer Kommerzienrat Barentraub. Ich kenne dessen Besitzung – von außen. Den Wirtschaftsgebäuden gegenüber liegt auf der anderen Straßenseite inmitten eines riesigen Parks die schlossartige Villa. Ein herrlicher Besitz, Schraut. Er grenzt an den Hubertussee nach Westen zu. Also Barentraub.«

Er schüttelte unzufrieden den Kopf. »Schraut, die Geschichte wird immer verwickelter. Wenn fünfzigfache Millionäre zu derartig dunklen Dingen wie Wissmacht in Beziehung stehen, so tut man gut, noch vorsichtiger als sonst zu sein. Geld ist Allmacht …«

Hinter uns kam eine müde Taxameterdroschke angeklappert.

»Steigen wir ein«, meinte Harst. »Ich bin müde.«

Wir fuhren sehr gemächlich der Blücherstraße zu. Harst berichtete nun Folgendes: »Ich war kaum an die Rückfront des Neubaus gelangt, als ich auch schon im Keller den Lichtschein einer Taschenlaterne sah. Ich schlich bis an das betreffende Fenster und erblickte einen Mann mit leicht ergrautem Bart, der einen schlecht sitzenden Überzieher und einen steifen schwarzen Hut trug und mit der Taschenlampe in der Rechten den schuttbedeckten Boden absuchte. Er murmelte dabei im Selbstgespräch allerlei vor sich hin. Ich konnte aber nur wenig verstehen. Er seufzte oft, war fraglos sehr niedergedrückt und wiederholte häufig Mein Gott, was soll nun werden Sehr bald verließ er mit einem Es nutzt ja doch alles nichts den Keller und kam auf den Hof. Hier trat ich ihm entgegen.

»Wer sind Sie?«, fragte ich.

Er prallte zurück, griff in die Tasche, zischte förmlich.

»Schurke … Sie … Sie sollen …« Da hob er auch schon den Arm. Zwei Blitze zuckten auf. Ich war schnell zur Seite und dann auf ihn zugesprungen. Aber er war auf der Hut. Seine Faust traf mich ins Gesicht, ein zweiter Boxhieb vor den Magen. Ich war also fürs Este erledigt, schnappte nach Luft. Der Kerl riss aus. Als ich mich leidlich erholt hatte, stellte ich fest, dass Sie und der Wagen verschwunden waren. Dann kletterte ich dort in die Fensterbrüstung hinauf, rauchte fünf Mirakulum und ließ mir die heutige Nacht mit allem Drum und Dran nochmals vergeblich durch den Kopf gehen. Dann erschienen Sie, lieber Schraut. Es war rührend mit anzusehen, wie emsig Sie nach der Leiche eines durch eine Knallpistole Erschossenen suchten. Ich sage Knallpistole. Es war nämlich nur so ein Hundeschreckmittel, mit dem der Mann auf mich feuerte. Ich hörte es gleich am Knall. Patronen, die vorn ein Geschoss haben, geben eine ganz andere Detonation. Und als der Kerl zischte Schurke … Sie … Sie sollen, da wollte er hinzufügen, mich nicht fangen, nicht etwa … daran glauben oder eine ähnlich ernsthafte Drohung. So, damit wäre ich fertig. Ich weiß nichts mehr. Eigentlich weiß ich ja genug. Aber dieses Wissen ist Stückwerk, ist ein Neubau, dem noch vieles fehlt, ehe er ein Ganzes wird.«

Daheim angelangt, kochte Harst für uns auf seinem elektrischen Kocher Kaffee. Ich saß wieder in der gemütlichen Ecke. Es war nun viertel sechs. Draußen schien die Sonne.

Harst hatte die Fenster weit aufgemacht. Nun blieb er vor dem Schreibtisch stehen, hob ein Blatt Papier auf, schien zu lesen.

»Ein Abschiedsgruß unseres Patienten«, sagte er. »Der Junge muss im Schlafzimmer beim Schein der Nachtlampe geschrieben haben. Hier ist sein Dank.«

Er reichte mir den Zettel. Eine ungeschickte Kinderhand hatte geschrieben:

Ich danke Ihnen herzlich für alles. Ich habe an der Tür gelauscht, und daher weiß ich, Sie sind keine von denen, die ihr nachstellen, und wenn Sie edel sein wollen, so kümmern Sie sich nicht mehr drum, und dann ist das für alle gut. K. Sch.

»Dieser Dank ist immerhin in einer Beziehung wichtig, ganz abgesehen davon, dass er den braven Charakter des Jungen beweist«, sagte Harst und schenkte die kostbaren Delfter Tassen voll. »Es heißt da ja – die ihr nachstellen – Wir wissen nun wieder etwas mehr: Es wird jemandem nachgestellt! Wer mag es sein, Schraut?«

»Ich denke, hier kommt nur die Dame im Lackhut infrage«, erklärte ich sofort.

»Richtig, nur sie! Aber welche der beiden Lackhut-Trägerinnen? War Nr. 1 und Nr. 2 ein und dieselbe Person? Sie sehen, die Frage beschäftigt uns schon wieder.«

»Gestatten Sie eine Bemerkung«, fragte ich. »Sie müssen doch gesehen haben, ob die Nr. 2, die mit dem Herrn im Keller saß, helle oder dunkle Handschuhe an hatte. Die von Nr. 1 waren jedenfalls hell. Ich denke Wildleder, waschbar.

Ich fühlte es, als ich ihr die Börse entriss. Jedenfalls keine glatten Glacees!«

Harst hatte den Kopf schnell gehoben, nickte mir zu: »Bravo, Herr Sekretär, bravo! Das war ein glücklicher Einfall von Ihnen! Meine Nr. 2 trug nämlich ganz dunkle Handschuhe. Und da nicht anzunehmen ist, dass Nr. 1 etwa inzwischen die Handschuhe gewechselt hatte, sind wir nun mehr auf dem Weg zur Klarheit einen Millimeter weitergekommen.«

Weitere Unterhaltung über unseren Fall lehnte er nun jedoch ab. Eine halbe Stunde drauf lag ich im Bett. Um elf Uhr vormittags weckte mich Harst.

»Aufgewacht, Schraut! Duschen Sie schnell, ziehen Sie sich an und dann – an die Arbeit.«

Er war lebhaft angeregt, sozusagen kampffreudig. Ich kenne diese Art an ihm zur Genüge. Wenn er sich so gibt, weiß er stets, dass er siegen wird.

Als wir im Auto zum Bankgeschäft Barentraub und Co. in der Leipziger Straße fuhren, sagte ich forschend: »Ich vermute, Sie haben ein Mittel entdeckt, der Wahrheit oder besser der Klarheit auf die Spur zu kommen.«

In der Bank wollte Harst zum Schein eine Mexiko Aldavara-Silber-Aktie verkaufen. Dies gab ihm Gelegenheit, den Prokuristen beiseite zu bitten. Was sie verhandelten, hörte ich nicht.

Wir traten wieder auf die Straße hinaus, wo nun um die Mittagszeit bei dem prächtigen Juniwetter ein gefährliches Gedränge herrschte, zumal wieder Erdarbeiten im Gange waren, die den Bürgersteig halb sperrten.

Harst zog mich in die leere Wilhelmstraße.

»Die Aldavara-Aktien sind gestiegen. Ich soll sie behalten. Das wusste ich selbst. Was ich nicht wusste, ist, dass die ganze Familie Barentraub seit April in Rom weilt, die ganze Familie, Vater, Mutter, zwei erwachsene Töchter, Zwillinge, zwanzigjährig. Ganz interessant: Zwillinge! Unsere beiden jungen Damen waren sich in der Gestalt doch sehr ähnlich …«

»Hm«, machte ich nur. Ich verstand dieses Interesse nicht.

»Nicht hm, lieber Schraut. Ich sagte ja schon: Fünfzigfache Millionäre können so ziemlich alles, auch scheinbar in Rom sein und doch zu dunklen Zwecken längst wieder in Berlin sich aufhalten. Warten wir ab. Jetzt geht es in das Gemeindeamt Steglitz. Weshalb wohl?«

»Keine Ahnung«, meinte ich ehrlich.

»So denken Sie doch nach! Sie machen sich die Sache immer zu bequem. Auto – halt! Einsteigen, Schraut. Chauffeur, Gemeindeamt Steglitz.«

»Ich komme nicht drauf«, sagte ich kläglich nach einer geraumen Weile.

»Und dabei ist es so einfach! Die Person, die die drei Anzeigen Wissmacht einrückte, muss doch genau gewusst haben, dass die, für die die Annoncen bestimmt waren, durch dieses Wissmacht darauf aufmerksam werden würden! Mithin kannten beide Teile unsere Wissmannstraße Nr. 8 sehr genau – einen Neubau! Ich betone – einen Neubau, an dem doch nur spätere Mieter oder der Besitzer Interesse haben kann. Wer kennt sonst wohl noch Nr. 8, einen liegengebliebenen Bau? Und deshalb müssen wir feststellen, wem das Grundstück gehört. Von dem Eigentümer dürften wir dann nötigenfalls etwas über Leute erfahren, die gerade in jene einsame Gegend ziehen wollten.«

»Sehr schön alles, Herr Harsts«, wagte ich einzuwenden. »Aber Barentraubs werden doch nicht in ein Miethaus ziehen, wo sie doch …«

»Genug, Schraut, genug!«, unterbrach er mich. »Sie werden nie ein erstklassiger Detektiv werden! Wer beißt sich denn auf einer Fährte fest? Das wäre Stümperei. Nur wenn man alles aufklärt, jede Kleinigkeit, entwirrt man das Ganze – anders nicht!«

Das Auto hielt. Harst hieß den Chauffeur warten.

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