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Aus dem Wigwam – Ampata Saba

Karl Knortz
Aus dem Wigwam
Uralte und neue Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer
Otto Spamer Verlag. Leipzig. 1880

Ampata Saba

n der Nähe von Qutario, neun Meilen oberhalb Fort Snelling, begegnen wir den Wasserfällen von St. Anthony, welche von den Dakota Minnehaha oder Lachendes Wasser genannt werden. Die Franziskanermönche waren die ersten Weißen, welche diese prachtvolle Gegend durchstreiften und unter den Rothäuten Proselyten für das Christentum zu werben suchten oder auch, um sich ad majorem dei gloriam die Kopfhaut abschälen zu lassen.

Die Minnehahafälle brechen sich Bahn durch eine Reihe malerischer Felsen, deren größter den Indianern häufig als Opferstätte dient. Jedem Indianer ist dieses ein heiliger Ort, an den er allerlei interessante Legenden zu knüpfen weiß. Nur eine davon, die von der Frau Ampata Saba, Der dunkle Tag, sei hier mitgeteilt. Ampata Saba war mit einem tüchtigen Krieger vermählt, der wegen seines Mutes und der Sicherheit, mit der er den Bogen zu führen wusste, bei seinem Stamm in großem Ansehen stand. Das Ehepaar lebte recht glücklich und zufrieden. Er war beständig auf der Jagd und sie unterhielt während dieser Zeit das Feuer im Wigwam, bereitete das Essen, fütterte die Vögel und pflegte die Kinder. Ein langwieriger Krieg, in dem er das Skalpiermesser am erfolgreichsten handhabte, brachte ihn an die Spitze seines Stammes, und alle wünschten sich Glück zu ihrem neuen Häuptling. Aber ein neuer Stand erheischt auch neue Gebräuche und vergrößert die menschlichen Bedürfnisse. So wäre es zum Beispiel durchaus nicht standesgemäß für einen Häuptling gewesen, wenn er sich mit nur einer Frau begnügt hätte. Im allergeringsten Fall muss er deren wenigstens zwei haben, um einigermaßen seine Würde zu repräsentieren. Unser neuer Häuptling wollte nun auch keine Ausnahme machen. Er ging zur Tochter eines anderen mächtigen Häuptlings und heiratete sie. Als er darauf nach Hause kam, erzählte er seiner ersten Frau, dass er ihr eine Gehilfin ausgesucht habe, welche ihr die Hälfte ihrer schweren Arbeit abnehmen und ihr in jeder Beziehung zu Diensten stehen solle. Ampata Saba aber erwiderte, dass ihre Arbeit durchaus nicht zu hart für sie sei und sie viel lieber mit ihm allein sein wolle, als seine Liebe mit einer anderen Frau teilen. Der Häuptling blieb jedoch unerschütterlich bei seinem Vorsatz und ging, um seine zweite Ehehälfte heimzuholen.

Als er fort war, packte Ampata Saba ihre wenigen Sachen zusammen, nahm ihre beiden blühenden Kinder an die Hand und wanderte fort zu ihrem Vater, mit dem festen Vorsatz, ihren treulosen Gatten nie wieder zu sehen. Den Winter durch blieb sie beim Vater und begleitete ihn auf allen Jagdzügen. Doch als der Frühling kam und die Jäger schwer beladen zu ihrem alten Wohnplatz zurückkehrten, blieb sie absichtlich mit ihrem Kanu etwas hinter den anderen zurück und lenkte es ungesehen einem der größeren Fälle zu. Als sie bemerkt wurde, war sie nicht mehr zu retten. Der brausende Wasserstrudel schleuderte das leichte Schifflein in die Tiefe und brachte es nie mehr zum Vorschein. Man hörte vorher noch ihr wehmütiges Klagelied von der heißen Liebe zu ihrem Gatten, wie sie ihn so sorgsam gepflegt, wie sie das Hirschleder für ihn gegerbt, seine Mokassins daraus geschnitten und seine Kinder so gut genährt habe.

Noch heute wollen sentimentale Gemüter beim Schein des Mondes die Totenklage der unglücklichen Frau an den Fällen von St. Anthony hören und dabei die Sängerin mit ihren beiden Kindern an der Brust in das rauschende Grab fahren sehen.

Mehrere amerikanische Dichter haben mühsam versucht, das Sterbelied Ampata Sabas nachzubilden, aber man hat bisher noch keinen Longfellow darunter gefunden.

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