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Der Schwarze Vere

Der Schwarze Vere

Xaver Hohenleiter, auch der Schwarze Veri, Schwarzen-Veere oder der Schwarze Vere genannt, war der Anführer einer Räuberbande im Gebiet des heutigen Dreiländerecks von Österreich, der Schweiz und Deutschland.

Obwohl er und seine Bande dabei nur in den wenigen Wochen von März und April des Jahres 1819 ihr Unwesen trieben, sich ihre Beute fast nur auf Lebensmittel, Hausrat und Kleidung beschränkte und nachweislich niemand durch ihre Hand zu Tode kam, ist es erstaunlich, wie viel Aufmerksamkeit die Räuber auch heute, zweihundert Jahre nach ihrem Treiben, immer noch genießen.

Wahrscheinlich liegt es an der Zeit, in der sie ihre Taten begannen, eine Epoche, die im Volksmund die teure Zeit genannt wurde, wahrscheinlicher aber am ungewöhnlichen Tod von Hohenleiter, der ihn bis heute zu einer Legende in Oberschwaben machte.

Aber wir wollen nicht vorgreifen.

 

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Franz Xaver Hohenleiter, wie er mit vollständigem Namen hieß, wurde 1788 in Rommelsried, im heutigen schwäbischen Landkreis Augsburg, als Sohn armer Hirtenleute geboren. Mit acht Jahren half er bereits seinem Vater beim Viehhüten. Er besuchte die Schule daher nur einen Winter lang und konnte deshalb nicht schreiben und auch nur leidlich lesen. Als 13-jähriger fing er an, bei Bauern zu arbeiten und ließ sich 1816 als Gemeiner in Augsburg in das bayrische Chevaulegers-Regiment anwerben, von dem er aber bereits acht Tage später wieder desertierte.

Er floh nach Österreich, wo er als Deserteur nicht ausgeliefert wurde, beantragte einen Pass als Flüchtling und zog ein Jahr lang durch die Gegend von Linz, Salzburg und die Steiermark. In Lachen im Kanton Schwyz erhielt er auf Vorlage eines alten Passes, den ihm jemand geschenkt hatte, einen neuen, gültigen auf den Namen Kraus von Laufenburg, mit dem er sich dann ganz offiziell in der Schweiz, Baden und Württemberg aufhalten konnte.

1814 lernte er die Weberstochter Maria Josepha Tochtermann kennen, zog mit ihr bettelnd durch die Gegend, bis sie ein Kind von ihm bekam und sie sich in der Gemarkung Ostrach niederließen. Die Gegend war ein Sammelplatz für allerlei Gesindel.

Dazu muss man wissen, das nach der politischen Neuordnung im Jahre 1806 im südwestdeutschen Raum nur noch das Großherzogtum Baden, das Fürstentum Hohenzollern und das Königreich Württemberg als souveräne Staatsgebilde existierten, mit entsprechenden Verwaltungs- und Sicherheitsorganen ausgestattet.

Auf der Ostracher Gemarkung trafen die Grenzen dieser drei Länder aufeinander. Es existierten Enklaven, das Land war dünn besiedelt, voller dichter Wälder und undurchdringlichen Mooren. Dort machte Hohenleiter die Bekanntschaft des Hehlers Mezler, der eine Wirtschaft betrieb, dort lernte er auch nach und nach die späteren Mitglieder seiner Bande kennen: Friedrich Klump, ein Passfälscher, Fidelis Sohm, ein einäugiger Dieb, Franz Merkle, ein Mann mit unglaublichen Körperkräften und Joseph Anton Jung, ein wilder, pockennarbiger Kerl, der ständig mit einem geladenen Gewehr herumlief und keiner Auseinandersetzung aus dem Weg ging. Hohenleiters Bruder Ulrich und sechs Frauen vervollständigten die Bande, zu der ab und an noch zwei weitere Gauner und eine Frau gehörten. Zu seinem Beinamen Schwarzer Vere kam Hohenleiter durch seinen dichten Backen und Kinnbart und seine langen, in Flechten herabhängenden Haare, die allesamt so pechschwarz war, das dagegen sogar das Gefieder eines Raben hell erscheint.

 

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In der Nacht vom 11. auf den 12. März 1819 brach die Bande von ihrem Versteck in der Ostracher Gemarkung aus zu ihrem ersten Raubzug auf. In Langengassen, im badischen Bezirksamt Pfullendorf, erbeuteten sie aber nicht wie erhofft mehrere Schweine, sondern nur kupferne Töpfe und ein langes Messer. Zwischen dem 16. und 17. März brachen sie in Reute beim Bauern Joseph Rehm ein und raubten 35 Bratenstücke mit einem Gesamtgewicht von über 100 Pfund, etliche Kleidungsstücke, Töpfe und Pfannen und ein Oberbett.

Am 20. März brach man beim Bauern Bosch in der Nähe von Saulgau ein und stahl vier Zentner Rauchfleisch. Am 31. März waren es in Winterreute gar fünf Zentner Geräuchertes. Es folgten noch mehr als ein halbes Dutzend weiterer Einbrüche, deren Beute, Fleisch, Kleidung, Hausrat, sich stehts ähnelten. Nur einmal, in der Nähe von Laubbach und der Laubbacher Mühle, gelang es ihnen, eine Börse mit 6 Kronentaler zu erbeuten.

Dann kam der 16. April 1819.

Nachdem man anfangs des Monats in den Wäldern um Laubbach und Königseggwald öfters verdächtiges Gesindel herumschleichen sah und in der Gegend um Laubbach in kurzer Zeit sechs Mal eingebrochen wurde, wandten sich die Bewohner an das gräfliche Königseggische Forstpersonal mit der Bitte, sie des Nachts zu beschützen.

Forstverwalter Eckhardt veranlasste daraufhin, dass mehrere Nächte lang eine starke Mannschaft hinter dem Mühlenbach Stellung bezog.

Am 16. April drangen Xaver Hohenleiter, sein Bruder und noch zwei andere tatsächlich in die Mühle ein. Ulrich Hohenleiter und Joseph Jung konnten, wenn auch verletzt, entkommen, aber für den schwarzen Vere und Friedrich Klump endete das Räuberdasein im Bürger- und im Siechenturm zu Biberach.
In den nächsten Tagen und Wochen wurden insgesamt 73 Räuber aus der Ostracher Gemarkung gefangen genommen. Da die Räumlichkeiten in Biberach als nicht sicher galten, wurden alle Gefangenen an die Wand gekettet.

 

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Franz Xaver Hohenleiter und seine Bande waren keineswegs die rohen, brutalen Gesellen, als die sie immer dargestellt wurden. Ihre Taten resultierten, wie die so vieler anderer, in dieser Zeit aus der Armut heraus.

Eine Armut, die ihren Ursprung in den Veränderungen der Gesellschaft, der Politik und des Klimas der Jahre 1815 bis 1817 hatte, die auch die teure Zeit genannt wurde.

Die Veränderungen der Gesellschaft ergaben sich aus der Heiratserlaubnis für Gesellen und Gesinde und dem Ende verheerender Epidemien wie Pest, Cholera und Typhus. Das führte binnen weniger Jahre zu einer Bevölkerungsexplosion, ohne das die Ernährungsversorgung damit Schritt halten konnte. Als Folge der französischen Revolution wurden die Klöster aufgehoben, was wiederum zum Wegfall der Unterstützung Bedürftiger und unzähliger Arbeitsplätze führte. Die Kriege von 1792 bis 1815 hinterließen zudem eine völlig zerstörte Infrastruktur. Dann war da noch das Klima.

1816 war in Deutschland das Jahr ohne Sommer. Kaum einmal war die Sonne zu sehen, Gewitter und Hagelschlag dagegen täglich. Im September gab es den ersten Frost, ab November war die Erde hoch mit Schnee bedeckt. Der Preis für Brotgetreide begann rasant zu steigen. In Überlingen wurde für einen Malter Roggen, ein Malter sind 130 Liter, um 1815 noch 13 Gulden verlangt, ein Gulden wiederum entspricht heute circa 40 Euro, 1817 waren es bereits 40 Gulden. Der Preis von Gerste schoss von 25 auf 96 Gulden. Im Großherzogtum Baden verdreifachen sich die Anzeigen wegen Diebstahl aus Hunger.

Deshalb muss man die Taten des Schwarzen Vere mit den Augen seiner Zeit sehen, bevor man ihn verurteilt.

 

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Das Ende von Franz Xaver kam am Abend des 20. Juli 1819 und war so spektakulär, dass es auch heute noch seinen Platz in unzähligen Mythen und Legenden hat.

Am Abend dieses Tages zogen dunkle Wolken über Biberach, aus denen schnell ein furchtbares Gewitter mit grollendem Donner und zuckenden Blitzen wurde.

Um 21:45 Uhr schlug ein gewaltiger Blitz in den sogenannten Siechenturm ein. Von der Wetterfahne aus fuhr der Blitz am Kamin entlang bis zum zweiten Stockwerk, wo er vom Kamin auf die an der durch die Wand laufende Kette sprang, an der der Schwarze Vere gefesselt war und tötete diesen sofort. Hohenleiter wurde am nächsten Tag nur im Beisein eines Geistlichen neben der Gottesackerkapelle, dem Biberacher Friedhof für Fremde, beigesetzt.

Dann wurde dem Rest der Bande der Prozess gemacht.

Die männlichen Mitglieder wurden zu Strafen zwischen 18 und 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, die Frauen mussten zwischen zwei und drei Jahren absitzen und erhielten danach noch einen Abschied, sprich eine körperliche Züchtigung in Form von Stockhieben.

Hohenleiters Bruder Ulrich und Friedrich Klump starben während ihrer Haft.

Quellenhinweis:

(gs)

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