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Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 42

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

42. Wie sich Rübezahl ein musikalisches Vergnügen macht.

Vor Alters war es etwas Gewöhnliches, dass man wilde Tiere zu sehen bekam, ohne dass man es wollte. Heutzutage kann man sie aber nur sehen, wenn man will, seit sie im lieben deutschen Vaterland fast ganz ausgerottet sind. Indessen bringen schon seit mehr als 100 Jahren bisweilen Wälsche und Polen dahin Bären, die sie erst tanzen gelehrt haben und die mancherlei Kunststücke machen. Ist aber seit einiger Zeit fast außer Gebrauch gekommen, denn seit überall die Menschheit, insbesondere die liebe Jugend, so viele Bären anbindet, findet vollends gar niemand mehr eine rechte Freude daran.

Also damals, es ist schon über 100 Jahr her, ritt Rübezahl einmal im Gebirge spazieren und begegnete da drei polnischen Männern, welche einen großen Bären an der Kette mit sich führten. Da er vermutete, dass sie den Bären in seinem Gehege gefangen haben könnten, so war er nicht eben gut gelaunt, redete sie ziemlich barsch an, und fragte sie, woher sie kämen und wohin sie wollten. Die Polen verneigten sich nach des Landes Weise demütig vor dem Pan und sagten aus, wie sie aus dem Johannisbad über Hohenelbe in das Gebirge gekommen und um über das Warmbad, Schweidnitz und Breslau wieder in ihr Vaterland zurückkehren wollten.

Rübezahl wurde nun leutseliger und fragte sie, ob sie auch im Johannisbad gute Geschäfte gemacht hatten und warum sie von da nicht auch ins Kukusbad gegangen wären usw. Denn damals waren diese Bäder in Schlesien und Böhmen berühmt, sind aber seitdem gar sehr heruntergekommen und wissen nun sogar viele Leute gar nichts davon. Die Männer klagten, dass es ihnen im Johannisbad schlecht gegangen sei und sie da mehr verzehrt als gewonnen hätten. Das Kukusbad sei ihnen aber gänzlich unbekannt.

Rübezahl wurde immer teilnehmender. Ihr Missgeschick tue ihm leid, sagte er, und da sie eben über sein Gebiet zögen, so wolle er sorgen, dass ihr Weg doch nicht ganz vergeblich sei. Darum sollten sie ihm nun ihren Bären tanzen und seine Künste machen lassen. Zwei von ihnen ergriffen sogleich ihre Dudelsäcke und bliesen, dass die Bäume erzitterten, während der Dritte sich mit dem Bären herumtummelte und ihn tanzen ließ, fast schöner, als es der Kräuterklauber kann, bis der Bär nicht mehr mochte.

Rübezahl schaute der Sache mit innigem Vergnügen zu und forderte dann die Polen auf, ihm bis zu seinem Schloss zu folgen, wo er ihnen noch etwas zugutetun wolle.

Es ist ein altes Sprichwort: Studenten und Bettelleute gehen nichts um. Also folgten auch unser Student, nämlich der Bär, und die guten Bettelleute, nämlich die guten Polen, dem Junker ganz getrost und bliesen, dass es weithin durch Gebirge und Wald schallte. Nun, dort in Rübezahls Schloss befanden sich die Leute freilich wohl, denn Rübezahl ließ ihnen den besten Branntwein reichen, weil er wohl wusste, dass Leute der Art Liebhaber davon sind. Sie tranken auch nach Herzenslust auf das Wohl des gütigen Gebers.

Nachdem sie Speise und Trank in reichlichem Maße genossen hatten, verehrte er jedem der Spielleute drei Timpffe, die er aus seinem Säckel zog. Der günstige Leser, welcher nicht weiß, was ein Timpff ist, lasse sich das nicht zu Herzen gehen, denn der Kräuterklauber weiß es auch nicht.

Die guten Polen bedankten sich aufs Allerhöflichste und bliesen nun erst auf ihren Dudelsäcken dergestalt aus Leibeskräften, dass alles Wild rebellierte, mit den Köpfen gegeneinander rannte und dachte, der Jüngste Tag wäre da. Die Förster aber bildeten einen Ausschuss, auf Deutsch Zentralkommission genannt, zur Untersuchung dieser Umtriebe. Da ist es manchem hinterdrein gar schlecht gegangen. Beim Aufbruch ließ Rübezahl die Männer noch begleiten, bis dahin, wo der Weg ins Warmbad hinabführte.

Gegen Abend wurden sie eine Baude gewahr, in der sie die Nacht zubrachten. Dort erzählten sie dann auch das erlebte Abenteuer, und wie sie da unverhofft Glück gehabt hatten. Der Wirt hörte aufmerksam zu. Als sie aber ihre Erzählung geendet hatten, merkte er bald, wie es stünde, und nickte bedeutungsvoll mit dem Kopf. Reden wollte er aber nicht viel dazu, sondern sagte nur, sie möchten ihm die Timpffe zeigen. Kaum aber brachte der eine Pole den seinen hervor, siehe da, war er ein schweres Goldstück. Der Pole erschrak. Als seine verblüfften Gesellen ihre Timpffe auch hervorgezogen hatten, waren auch diese in schwere Goldstücke verwandelt. Die guten Leute standen vor Verwunderung starr. Der Wirt aber sagte lächelnd, wo diese her sind, werden wohl mehrere sein.

Nun hättet ihr unsere Polen sehen sollen. Sie jubelten, tranken und bliesen, bis einer hierhin, der andere dorthin taumelte, und schnarchten hierauf bis an den hellen Tag.

Am anderen Morgen, als das Haus rege geworden war, rafften sich die guten Polen auf, bedankten sich bei ihrem Wirt für gute Herberge und machten ihrem milden Geber im Gebirge noch eine so kräftige Musik, dass meilenweit den Leuten die Milch im Keller gerann, und zogen endlich fröhlich dem Warmbad zu.

Der Bär, an den hierbei freilich niemand gedacht hatte, war der Einzige, welcher brummte. Warum?

Darüber schwebt noch ein gewisses Duster.

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