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Review: Hansis geheimnisvolles ES

Rolf Netzmann
Hansis geheimnisvolles ES
Eine Mystery-Kurzgeschichte
Erstveröffentlichung auf dem alten Geisterspiegel am 04. April 2010

I

Hansi wälzte sich hin und her. Die Bilder waren plastisch und doch unwirklich.
Eine Frau steht in ihrer Küche, bereitet das Essen vor. Plötzlich fasst sie sich an den Hals, versucht etwas wegzuziehen, irgendetwas Imaginäres. Sie röchelt, ihre Augen treten hervor, ihre Finger umklammern eine Kelle, sie bricht tot zusammen.
Hansi wacht schweißgebadet auf, schwer atmend.

Es war nur ein Traum, Hansi, versucht er sich zu beruhigen.
Er steht auf, schlurft in die Küche, gießt sich mit zitternden Händen einen Whiskey ein.
Dieser irre Typ fällt ihm wieder ein, den er vor einigen Tagen getroffen hatte. Der wollte ihn unbedingt sprechen, er hätte eine wichtige Nachricht für ihn, den bekannten Journalisten.
Hansi hatte nur müde gelächelt.
Bekannter Journalist, was für eine maßlose Übertreibung, hatte er gedacht.

Angefangen hatte er als Volontär bei der Zeitung, war später Polizeireporter geworden, und hatte, rein aus Neugier, Gerichtsprozesse besucht. So kam es, dass ihn sein damaliger Chefredakteur fragte, ob er nicht Gerichtsreporter werden wolle. Hansi wollte, mehr als 6 Jahre berichtete er von Prozessen, war mit Staatsanwälten, Richtern und Rechtsanwälten bekannt.
Sein Alkoholkonsum nahm in dieser Zeit immer mehr zu, er wurde zum Alkoholiker.
Er negierte es, wie viele Journalisten tranken gern mal einen.
Als er in einer Gerichtsverhandlung ziemlich angetrunken seine Meinung kundtat und den Richter einen gekauften, hirnverbrannten Intriganten nannte, hatte er eine Grenze überschritten. Er war als Gerichtsreporter nicht mehr tragbar und verlor seinen Job. Das war vor 2 Jahren, seitdem schlug er sich als freier Journalist und Autor durchs Leben und soff schlimmer als früher.

Dieser irre Typ hatte ihn angerufen, er hätte wichtige Informationen für ihn. Er wolle ihn in einer Kneipe in Berlin Kreuzberg treffen.

Hansi traf auf einen vollbärtigen Mann mittleren Alters, der eine löchrige Jeans und eine abgeschabte Lederjacke trug und schon einige Bierchen intus hatte. Mit verschwörerischem Blick raunte er Hansi zu, dass auf ihn die Story seines Lebens warten würde.
»Sie wird grausam sein, aber du wirst der Erste sein, der es erfahren wird.«
Hansi hatte im Verlauf seines Reporterlebens schon einige Typen erlebt, die sich nur wichtig machen wollten, diesen Kauz stufte er auch so ein.

Dummes Gefasel, dachte er, nur immerhin hatte der Typ angeboten, die Rechnung zu bezahlen und Hansi hatte bereits das zweite Bier vor sich stehen.

»Sie sind wieder aufgestanden, ich weiß es, und bald werden es alle wissen. Pass auf, Hansi, du wirst der Erste sein, der es erfährt.«
Der Typ leerte sein Glas in einem Zug und rülpste laut. Dann legte er 50 € auf den Tisch, bat Hansi, die Rechnung zu bezahlen, der Rest sei für ihn, er müsse weg.

Das war jetzt mehrere Tage her und nichts war passiert. Hansi wischte den Gedanken weg und goss sich noch einen Whiskey ein. Er blickte in die dunkle Nacht hinaus, die Sterne glitzerten am Himmel, an dem sich einige Wolken tummelten. Er gähnte laut, kippte den Whiskey hinter und beschloss, weiter zu schlafen. Wer weiß, was der nächste Tag bringen würde?

II

Kommissar Vogel saß unzufrieden hinter seinem Schreibtisch. Er hatte eben zum wiederholten Mal den Obduktionsbericht der toten Frau gelesen und schüttelte den Kopf. Die Gerichtsmediziner hatten keine Würgemale am Hals der Toten festgestellt, keine Spuren eines Kampfes, unter ihren Fingernägeln war nichts zu finden. Auch ihr Blut lieferte keinerlei Hinweise, weder Alkohol noch Drogen konnten nachgewiesen werden. Die Spurensicherung konnte auch nicht weiterhelfen, außer den Fingerabdrücken des allein lebenden Opfers fanden sie nichts. Und doch war die Frau zweifelsohne ermordet worden, ihr Kehlkopf war zertrümmert.
Nur, wer war es?

Eine Menge Rätsel, fand Kommissar Vogel.
Er klappte die Akte zu und verstaute sie im Panzerschrank. Hier kam er heute nicht weiter.
Seine Jacke überstreifend verließ er sein Büro. Er wollte in der Kneipe gegenüber noch ein Bier trinken.

Vogel wusste, dass Hansi Alkoholiker war und so wunderte er sich nicht, dass er ihn am Tresen vor einem Bier sitzen sah.
Früher fand er den Schreibstil toll, flüssig und immer eine Spur direkter als andere. Heute tat er ihm nur noch leid. Er klopfte ihm auf die Schulter und bestellte ein Bier.
»Na Vogel, was gibt`s Neues?«, fragte Hansi mit schwerer Stimme.
Der Kommissar dachte kurz nach. Sollte er Hansi die Geschichte erzählen? Egal, vielleicht würde er ja Hilfe erhalten, ein wenig Sachverstand von außen war vielleicht nicht schlecht.
So erzählte er in kurzen Worten von dem rätselhaften Mord.
Vor Hansis Augen lief der Film wieder ab, so wie Vogel es berichtete. Kein Zweifel, er hatte den Tod geträumt. Zu Vogel sagte er kein Wort, nur beschloss er, diesen irren Typen zu suchen, der hatte ihm Einiges zu erklären.

In der nächsten Nacht träumte Hansi wieder. Kommissar Vogel stand unter der Dusche, als er sich plötzlich an den Hals fasste, als versuche er, etwas wegzuziehen. Seine Augen traten hervor, er röchelte, seine Beine knickten ein, er brach tot zusammen.
Hansi wischte diesen Traum zur Seite. Ein dummer Traum, nicht mehr.

Ich sollte aufhören zu saufen, dachte er, zum wievielten Mal eigentlich?

III

Kommissar Vogel stand eingeseift unter der Dusche, ein großer, sportlicher, kräftiger Mann.
Er war müde. Als er das Wasser wieder aufdrehen wollte, um sich abzuseifen, spürte er ein Drücken am Hals. Kein Zweifel, da legten sich Hände um ihn. Kommissar Vogel lebte allein, außer ihm konnte keiner in der Wohnung sein. Instinktiv bewegte er die linke Hüfte nach rechts und stieß den linken Ellenbogen ruckartig nach hinten, er traf nur in die Luft. Währenddessen legten sich die Hände fester um seinen Hals und drückten auf seinen Kehlkopf. Er ließ sich blitzartig in die Hocke fallen, zog die Schultern nach oben und spannte den Hals an. Gleichzeitig griff er mit den Armen hinter sich, um sich mit Handkantenschlägen in den Angreifer zu befreien, doch … da war nur Luft hinter ihm.
Vogel wurde schwarz vor Augen. Bevor er starb, hörte er ein klapperndes Lachen.

Irgendwie hatte Hansi das Gefühl, er müsse Kommissar Vogel anrufen. Es war völlig idiotisch, doch er konnte sich dagegen nicht wehren.
Er suchte sein altes Notizbuch. V wie Vogel, ah, da hatte er die Nummer.

Hoffentlich ist diese Nummer noch gültig, dachte er.

Kommissarin Heinze war unruhig. 9.00 Uhr war sie mit ihrem Kollegen Vogel verabredet. Wo blieb der nur? Unpünktlichkeit passte nicht zu ihm, so etwas kannte sie nicht von ihm.
Das Telefon klingelte und eine Männerstimme verlangte Kommissar Vogel.
»Herr Vogel ist noch nicht hier, wer spricht dort bitte?«, fragte die Kommissarin.
Hansi legte wortlos auf.
Irgendwie spürte er, dass auch der Traum der letzten Nacht wieder real war.
Verdammt, was passierte hier mit ihm?

IV

Hansi hatte gerade das nächste Bier geöffnet, als es klingelte. Er erwartete niemanden.
Zwei Polizisten standen vor seiner Tür und baten ihn mitzukommen.
Im Polizeipräsidium wurde ihm erklärt, dass Kommissar Vogel in der letzten Nacht unter mysteriösen Umständen sein Leben verloren habe.
»Was wollten Sie von ihm?«, fragte Kommissarin Heinze, eine attraktive Mittdreißigerin.
»Ich habe ihn an dem Abend vor seinem Tod gesehen, wir haben uns unterhalten, in der Kneipe. Ich kenne ihn von früher, als ich Polizeireporter war, und …« Hansi zögerte und sah auf den Boden, ehe er mit leiser Stimme sagte: »Ich habe in der letzten Nacht seinen Tod geträumt. Er kämpfte mit etwas Imaginärem, er wehrte sich, ehe seine Augen hervortraten und sein Kehlkopf eingedrückt wurde. Ich weiß, es klingt verrückt, nur ich habe auch den Tod einer Frau geträumt, die auch auf diese Tour ermordet wurde und sich wehrte. Ich sah beide mit etwas Imaginärem kämpfen. Kommissar Vogel hat im Fall dieser Frau ermittelt, sagte er mir gestern Abend. Verdammte Scheiße, das ist kein Zufall! Ich träume zwei Morde, die zeitgleich real passieren. Was ist das, sagt es mir …«
Hansi hatte die letzten Worte herausgeschrien, ins Gesicht der Kommissarin. Tränen liefen über seine Wangen, sein Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt.
Kommissarin Heinze sah ihn lange an. Stimmte das, was er sagte, oder war er dem Alkohol bereits so verfallen, dass er im wachen Zustand fantasierte?
»Hansi«, sie sah ihn ruhig an und erwiderte seinen Blick, »Sie waren früher ein guter Polizeireporter, ein Mann, mit dem wir gerne zusammengearbeitet haben. Heute sind Sie nur noch ein versoffenes Wrack. Was Sie sagen, ist irreal. Gehen Sie nach Hause und saufen Sie sich die letzten Gehirnwindungen weg.«
Katrin Heinze war aufgestanden und würdigte Hansi keines Blickes mehr.
Ein Polizist brachte ihn zum Ausgang.

Hansi stand vor dem Polizeipräsidium und sog die klare Luft ein. Er musste diesen irren Typen wiederfinden, der würde ihm Einiges erklären.
Hansi überlegte. Der Typ hatte ihn auf seinem Handy angerufen. Hansi schaute auf das Gerät und fluchte leise. Der Akku hatte sich schon wieder entladen und das Ladekabel lag zu Hause. Missmutig stapfte er los.

Hier! Das musste die Nummer sein. Hansi wählte, doch es nahm keiner ab. Ob er ihn in der Kneipe wiedertreffen würde? Wo war das gewesen? Verdammte Sauferei!
Dann fiel es ihm ein. Kreuzberg, irgendwo am Oranienplatz. Hansi schnappte sich seine Jacke und ein Bier und machte sich auf den Weg.

V

Eine halbe Stunde später stand er in Kreuzberg auf dem Oranienplatz und sah sich um.

Wo hatte er diesen irren Typen getroffen?

Da, diese Kneipe war es. Er warf die leere Bierbüchse in eine Abfalltonne – Ordnung muss sein – und betrat die Kneipe. Am hinteren Ende saßen einige bärtige Rocker und sahen ihn neugierig an.
Hinter der Theke stand … ER und spülte Gläser.
Ohne seine Arbeit zu unterbrechen, sah er Hansi spöttisch lächelnd an.
»Ein Bier?«, fragte er ruhig.
»Ja, und Antworten auf Fragen!«, knurrte Hansi.
Der Typ lächelte ihn immer noch an und stellte ein frisch Gezapftes vor ihn. »Welche Fragen?«
»Was kommt wieder und wird grausam sein und wovon werde ich als Erster erfahren?« Hansi leerte das Glas in einem Zug.
»Ein bisschen viel Fragen auf einmal, meinst du nicht?«, lachte der Typ, als er mit einem Tablett an ihm vorbeiging, um die Rockerrunde mit frischen Bier zu versorgen.
Hansi sah ihn böse an. »Nein«, erwiderte er, »und jetzt will ich Antworten hören.«
Der Typ kam zurück, immer noch lachend.
»Soso, er will Antworten hören. Nur habe ich leider keine. Alles, was ich weiß, ist, dass ES wiederkommen wird, wer oder was ES auch ist, keine Ahnung.«
So schnell wollte Hansi nicht aufgeben. Er packte den Typen am Schlafittchen und zog ihn nah zu sich heran.
»Du weißt mehr«, flüsterte er ihm gefährlich leise ins Ohr, »und nun fang an zu singen, Vögelchen.«
Ein Handkantenschlag ins Genick ließ ihn zu Boden sinken.

VI

Er träumt unsere Tode. Eine weibliche Stimme ertönte in Hansis Gehirnwindungen.
Ja, nur träumt er sie zeitgleich. Wir sterben und er träumt es. Er wird weitere Tode nur verhindern, wenn er sie vorher träumt. Im Moment verläuft seine Zeitschiene parallel. Wir müssen sie verschieben, seine Zeitschiene muss die erste sein, nur dann hat er Zeit um …«
Der Rest ging in einem undeutlichen Gemurmel unter.

Hansi versuchte, die Augen zu öffnen. Vor ihm tanzten dunkle Lichtpunkte und in seinem Kopf schlug eine Glocke, hell und unerbittlich.
Wo war er? Er versuchte, die Erinnerung zurückzuholen. Die Kneipe, das spöttische Lächeln dieses irren Typen, Bruchstücke flogen durch Hansis Gehirn, doch er bekam das Puzzle nicht zusammengesetzt.
Seine Hände ertasteten warmen, weichen Sand. Wo war er?
Er versuchte erneut die Augen zu öffnen, und sah über sich den Sternenhimmel. Ihm war kalt. Er drehte sich auf die Seite und fiel auf den Bauch. Die Arme angewinkelt richtete er sich langsam auf. Sein ganzer Körper zitterte. Hansi stolperte irgendwie vorwärts und kam ins Rutschen. Auf dem Rücken liegend rutschte er einen Abhang hinab. Er wollte sich festhalten, doch seine Hände griffen immer nur in losen, warmen Sand.
Plötzlich spürte er Nässe an seinen Füßen. Er sah nach unten und musste erkennen, dass sie nackt waren und in einer hellen, in verschiedenen Farben fluoreszierenden Flüssigkeit steckten.

Verdammt noch mal, wo war er und in welcher Zeit lebte er? War es Traum oder Fiktion, Vergangenheit oder Zukunft? Und wo war die Gegenwart?

Und immer noch schlug die Glocke in seinem Kopf.

VII

Katrin Heinze hielt die Hand ihrer Tochter. Aime war 11 Jahre alt und phantasierte. Katrin nahm das Fieberthermometer und erschrak, 40,2 Grad Celsius. Sie holte eine riesige warme Decke, wickelte Aime ein und trug sie zum Auto. Es war 23.30 Uhr. Sie fuhr ins Krankenhaus. Dort angekommen erwartete sie die nächste brutale Überraschung.
Aime hatte sich aus der Decke befreit und wirkte putzmunter.
»Mama, wohin fahren wir so spät noch?«, fragte sie mit ihrer hellen Stimme.
Katrin nahm sie an der Hand und hastete in die Notaufnahme.
Sie stoppte den ersten Arzt, der ihr über den Weg lief, hielt ihm ihren Polizeiausweis unter die Nase und erwartete, dass er sofort ihre Tochter behandelte, sie hätte über 40 Grad Temperatur.
Der Arzt sah sie erstaunt an.
»Gute Frau«, lächelte er Katrin an und warf einen Blick auf Aime, »Ihre Tochter ist putzmunter. Nur was ist mit Ihnen?«
Ehe die Kommissarin reagieren konnte, hörte sie Aimes Stimme, hell und klar wie immer.
»Mama, was ist mit dir, warum sind wir hier?«
Sie fuhr herum und sah ihre Tochter entgeistert an. Jetzt erst bemerkte sie, dass Aime völlig normal wirkte. »Aber, du hattest doch … Fieber … hast phantasiert …«, stammelte sie.
Der Arzt sah die beiden amüsiert an.
»Wir checken Sie jetzt durch, und die junge Dame«, er deutete dezent auf Aime, »wartet bitte hier auf dem Flur.«
»Nein!«, brüllte die Kommissarin den Arzt an und ihre Augen blitzten kämpferisch. »Ich bin Polizeikommissarin und weiß, was ich gesehen habe. Fassen Sie mich nicht an!«
Der Arzt war einen Schritt zurückgegangen, er wirkte etwas erschrocken.
»Gut, gut, dann fahren Sie wieder nach Hause. Sie wissen ja, wo Sie uns finden.«
Er verbeugte sich leicht und ging weiter.
Katrin Heinze nahm ihre Tochter in den Arm. Sie wirkte ganz normal, hatte kein Fieber mehr.
Was war hier geschehen? Die Kommissarin wirkte unruhig, sie war analytisches Denken gewohnt, die Welt musste fassbar, erklärbar sein, sich begreifen lassen.
Aber das war es eben nicht und so spürte sie ein deutliches Unbehagen.

VIII

Es war mühselig. Hansi versuchte, diesen gottverdammten Sandberg nach oben zu klettern. Immer wieder rutschte er ab, er fand keinen Halt, der Sand war sehr feinkörnig. Wie lange kletterte er jetzt schon, eine halbe Stunde, eine ganze? Er wusste es nicht und es war eigentlich auch egal. Endlich war er oben angekommen und sah … Sand. Wie in einer riesigen Wüste türmten sich um seinen Sandberg viele Hunderte oder Tausende andere Sandberge und von allen rieselte der Sand ruhig, gleichmäßig abwärts.
Er wollte rufen, wissen, ob noch jemand in dieser sandigen Einöde war. Aber seiner Kehle entrang sich nur ein leises Krächzen. Er blickte an seinem Sandberg nach unten, er hatte keine Spur hinterlassen. Wie geht das?, fragte er sich. Ich muss Spuren hinterlassen haben!
Seine Augen schmerzten. Angestrengt versuchte er, Spuren zu entdecken. Es gab keine.
Sehr mysteriös, dachte er und gähnte. Er fühlte sich müde, ausgelaugt, unwissend.
Ob er hier ausruhen konnte, ohne dass der Sand ihn begraben würde? Aufmerksam betrachtete er seinen Sandberg. Er konnte es wagen, weil er ganz oben war, er würde beim Aufwachen nur etwas tiefer liegen.
Zeitschiene verläuft parallel, wir müssen sie verschieben. Diese Worte geisterten durch sein Gehirn.
Was bedeutete das? War dies das ES, von dem der Irre gefaselt hatte?
Hansi versank in einen unruhigen Schlaf.

IX

Er dämmerte vor sich hin, als er plötzlich in einen merkwürdigen Gemütszustand fiel.
Es war ein Balancieren auf der Grenze zwischen Wach sein und Schlafen. Seine Augen sahen, wie ein kleinerer Sandberg einige Dutzend Meter neben dem Seinigen ins Rutschen geriet, erst langsam, dann immer schneller, bis er in sich zusammenfiel. Es war, als würde der Boden den Sand mit wachsender Geschwindigkeit aufsaugen. Zeitgleich träumte Hansi einen erschreckenden Traum.
Er sah eine Frau in ihrem Auto nachts eine Straße entlang fahren. Auf dem Rücksitz rechts hinten sitzt ihre Tochter und erzählt fröhlich. Plötzlich schießt aus der Seitenstraße ein Sportwagen mit hoher Geschwindigkeit und bohrt sich in den hinteren rechten Teil des Autos der Frau. Ein ohrenbetäubender Knall, ein Knirschen von berstendem Metall, Schmerzensschreie gellen und fressen sich in seine Gehirnwindungen.
Und immer noch schluckt der Boden den Sand des kleineren Berges, bis nur noch eine kahle Stelle zu sehen ist. Erst jetzt fällt Hansi auf, dass es mehrere dieser kahlen Stellen gibt.
Der Traum ist zu Ende, schwer atmend kauert Hansi auf der Spitze seines Sandberges.
Ein schrecklicher Verdacht keimt in ihm auf. Konnte das möglich sein?

X

Irgendetwas stimmt nicht, dachte Katrin Heinze, nur wusste sie nicht, was. Es war alles irgendwie surreal, das zerknautsche Blech, welches mal ihr Auto war, das fahle Licht der Straßenlaterne …
In einer Schaufensterscheibe spiegelte sich das Blaulicht eines Streifenwagens. Sie hatte soeben ihre Tochter verloren, der Leichenwagen war bereits abgefahren. Sie wirkte geschockt, doch konnte sie nicht weinen. Es war, als ob sie neben sich stünde. Sie spürte, dass da noch etwas war, etwas Undefinierbares, nicht greifbar, verschwommen.
Ich träumte zwei Morde, die zeitgleich real passierten … wer hatte das gesagt?
Diese Worte gingen ihr im Kopf herum. Wo war die Verbindung zu dem hier real Erlebten?
Was ist das, sagt es mir … Die Kommissarin murmelte die Worte leise vor sich hin.
»Frau Heinze, hören Sie mich?« Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter und hob langsam den Kopf.
»Frau Heinze, wir fahren Sie jetzt nach Hause, Ihr Auto nehmen wir mit in die KTU, den Unfallhergang weiter klären, das Übliche, Sie wissen schon …« Der Polizist lächelte matt.
»Nein, Sie fahren mich ins Präsidium, jetzt sofort, mit Blaulicht!«, bestimmte die Kommissarin mit fester Stimme.
Der Polizist sah sie erschrocken an. »Aber, was wollen Sie …?«, versuchte er einen Widerspruch, doch sie unterbrach ihn schroff.
»Ohne Widerrede!«
Als sie im Einsatzwagen saß, das Blaulicht über sich wusste und das Martinshorn hörte, versuchte sie ihre Gedanken zu ordnen. Sie hatte ihre Tochter verloren, ja, doch irgendetwas stimmte an der Geschichte nicht.
Zwei ungeklärte Mordfälle, ein ehemaliger Polizeireporter, der nach eigener Aussage beide Morde geträumt hatte, als sie real passierten, das Fieber ihrer Tochter … das so schnell stieg, wie es verschwand, und jetzt dieser unglaubliche Zufall. Menschenleere Straßen und ausgerechnet ihr Auto wird getroffen und ihre Tochter stirbt dabei.
Gab es da einen Zusammenhang?
In ihrem Büro, es war inzwischen nach 2.00 Uhr früh, begann sie alle Akten zu studieren, während die Kaffeemaschine vor sich hinblubberte. Hatte sie irgendetwas übersehen?
Sie hatte bereits die Weisung erteilt, diesen versoffenen Hansi herbeizuschaffen und ihr Ton ließ keinen Widerspruch zu.

XI

Hansi betrachtete seine Umgebung jetzt genauer, so gut es eben möglich war. Einiges sah er nur durch einen Schleier, verschwommen, unscharf. Die Sandberge waren alle unterschiedlich hoch, manche breiter, andere schmaler, aber sie hatten alle eines gemeinsam. Bei allen Sandbergen rieselte es von oben nach unten, alle Berge wurden mit jeder Sekunde etwas kleiner.
Sollte es das wirklich sein, bin ich hier gelandet? Ist dies das ominöse Es, von dem der Irre sprach?
Wie bin ich hierher gekommen und, noch viel wichtiger, wie komme ich wieder zurück?
Hansi schloss die Augen und atmete tief ein. Die Luft war klar und rein und hatte einen leicht säuerlichen Geschmack. Was sollte er jetzt tun? Hatte er hier eine Aufgabe?
Er wird weitere Tode nur verhindern, wenn er sie vorher träumt.
Das war es! Oder nicht?
Wie sollte er verhindern, dass diese riesigen Sandberge in sich zusammenfallen? Wie sollte er seine Träume steuern? Gab es überhaupt verschiedene Zeitschienen?
Hansi war sehr müde geworden und wusste gar nichts mehr. Irgendwie war ihm alles egal, er hatte Durst und Hunger.
Er fiel in einen tiefen Schlaf und hörte weder das Klingeln noch das Klopfen an seiner Wohnungstür.

XII

Unschlüssig standen die Polizisten vor der Hansis Wohnungstür. Die Weisung der Kommissarin war eindeutig, sie sollten den versoffenen Ex-Reporter zu ihr bringen.
Durften sie dafür die Tür einschlagen?
Sie brauchten es nicht, sie wurde geöffnet. Hansi stand vor ihnen mit abwesendem Blick. Er nahm sie gar nicht wahr, lief an ihnen vorbei und brabbelte vor sich hin. »… muss helfen … Schiene verschieben … verhindern … alle tot.«
Sie nahmen ihn in die Mitte und schoben ihn sanft in den Polizeiwagen.

Kommissarin Heinze wartete bereits ungeduldig.
Hansi war immer noch völlig abwesend.
Was sie hörte, ergab keinen Sinn. Zeitschienen, Sandberge, die wegrieseln, Tode verhindern … was faselte er da?
Sie schaltete ihren analytischen Verstand aus und hörte nur zu. Irgendetwas in ihr gab ihr die Kraft dafür. Sie spürte, dass dieses Gefasel sie weiterbringen könnte, auch wenn es unlogisch und wirr war.
Hansi hatte den Tod von dieser Frau geträumt, die in ihrer Küche ermordet wurde. Es gab keinerlei brauchbare Spuren, genauso wenig wie beim Mord an Kommissar Vogel.
Hansi hatte Kontakt zu einem Unbekannten, der von einem geheimnisvollen ES sprach, welches wiederkommen würde. Er war in Trancezuständen, in denen er auf einem Sandberg hockte, der ständig von oben nach unten rieselte, so wie Tausende Sandberge um ihn herum. Und … er hatte ihren Unfall geträumt, als er passierte. Wie die beiden Morde auch.
Abschließend waren da noch die ominösen Zeitschienen, die angeblich verschoben werden müssten, damit er weitere Morde verhindern könne.
In welchem Zusammenhang stand das alles?
War Hansi ein Medium für irgendetwas, wurde er benutzt, war er einfach nur irre, versoffen?
Auch Dr. Kenzel, der Polizeipsychologe, den Katrin Heinze mit hinzugezogen hatte, konnte das Puzzle nicht zusammensetzen.
Und Hansi fantasierte immer noch. Er lief im Dienstzimmer der Kommissarin umher und brabbelte ununterbrochen vor sich hin. Dann blieb er stehen, direkt vor der Kommissarin und sah sie an.
»Ich sehe es. Ich sehe ihn. Es ist früh, heute früh, ich sehe eine Frau, sie sieht auf die Uhr, es ist 7.30 Uhr, sie nimmt einen Bastkorb, verlässt das Haus, links und rechts am Weg sind Rosenbeete, sie geht langsam, in der linken Hand den Stock. Das Auto kommt rasend schnell, sie fliegt durch die Luft, alles geht irre schnell, das Auto ist weg, sie landet auf dem Rücken auf der Straße, tot …«
Die letzten Worte hatte Hansi beinahe geflüstert. Katrin Heinze hatte ihm genau zugehört.
Hatten sich die Zeitschienen verschoben, hatte Hansi den ersten Mord vorhergesehen?
Und wer war die Frau?
Sie sah Dr. Kenzel an, der erschrocken auf Hansi starrte.
»Ich glaube, ich kenne diese Frau, es könnte meine Nachbarin sein. Die Beschreibung passt, die Rosenbeete, der Stock, die Zeit, sie geht früh immer ihre Brötchen holen. Wie spät ist es?«
»5.15 Uhr.« Katrin Heinze sah auf ihre Uhr. »Was haben Sie vor?«
»Es ist unglaublich, nur ich möchte jetzt wissen, was da dran ist. Wir haben noch mehr als 2 Stunden. Wir müssen beobachten, ob die Vorhersage stimmt. Und wir werden meine Nachbarin schützen.«
»Wie wollen Sie das tun?«, fragte Katrin Heinze.
»Mit Stuntmen. Wenn es stimmt, was Ihr Hansi vorhersagt, dann passieren hier keine zufälligen Morde. Alles hat seinen Sinn. Den müssen wir herausfinden.«

XIII

Die nächsten zwei Stunden waren mit hektischer Betriebsamkeit gefüllt. Dr. Kenzel klingelte zwei befreundete Stuntmen aus dem Schlaf und erklärte ihnen, wozu er sie dringend brauchte.
Beide waren bereit, ihrem langjährigen Freund zu helfen.
Gemeinsam fuhren sie zum Haus des Psychologen und seiner Nachbarin. Diese sollte erst gestoppt werden, wenn sie das Haus verließ, um die alte Dame nicht unnötig zu beunruhigen.
Der eine Stuntman war inzwischen fertig kostümiert, er sah aus wie ein altes, krankes Mütterchen.
Der zweite blieb in Reserve, ebenfalls kostümiert.
Als die ältere Dame das Haus verließ, trug sie nur schwarze Kleidung. Sie kam langsam auf Dr. Kenzel zu und sprach ihn an. »Herr Doktor, ich brauche Ihre Hilfe, ich brauche jemanden zum Reden. Meine Enkelin ist tot, irgendjemand hat sie umgebracht, und nun ist auch noch mein Sohn tot. Und die Polizei weiß nichts, was soll ich machen?«
Dr. Kenzel und Kommissarin Heinze hatten mit wachsendem Interesse zugehört.
Es stellte sich heraus, dass die junge Frau, die in ihrer Küche ermordet wurde, die Enkelin von Dr. Kenzels Nachbarin war und Kommissar Vogel ihr Sohn.
Warum sollte jetzt sie sterben?

Alle waren bereit. Die Straßen waren menschenleer. Ein dunkler schwerer Geländewagen bog um die Ecke. Der Stuntman ging entlang der Rosenbeete zur Straße. Der Geländewagen erhöhte die Geschwindigkeit in dem Moment, als der Stuntman die Straße betreten wollte. Er zögerte, ging ein, zwei Schritte zurück. Der Wagen raste ihm entgegen und wurde durch Schüsse in einen Reifen gestoppt.
Ein Mann im dunklen Anzug stieg aus, wütend blaffte er die Kommissarin an »Was soll das? Wissen Sie eigentlich, wen Sie hier vor sich haben?«
Ehe die Kommissarin antworten konnte, hielt er ihr einen Ausweis hin und redete weiter. »Ich bin Dr. Heiler, Mitglied des Landtages und Vorsitzender des Innenausschusses. Das wird ein Nachspiel für Sie haben, das verspreche ich Ihnen jetzt schon. In vierzig Minuten beginnt meine Sitzung, stellen sie mir einen Wagen, damit ich pünktlich bin.«

Katrin Heinze war gerade dabei, einen Polizeiwagen anzuweisen, den Parlamentarier zu fahren, als erneut Schüsse fielen. Dr. Heiler brach vor den Augen der Kommissarin tot zusammen.
Das Chaos war perfekt.

XIV

»Das musste kommen, war klar, Dr. Heiler war im Weg …« Hansi hatte die Worte laut geschrien.
»Was haben Sie gesehen, WAS?« Kommissarin Heinze schüttelte Hansi heftig an den Schultern.
Der blickte durch sie hindurch, war weit weg. »Es wird wieder passieren … wer ist der nächste Tote … verschwommen ist die Zukunft … nicht offen und vorhersehbar … zu viele Unwägbarkeiten … zu viel in Fluss«, murmelte er. »Der nächste ist … uhuuuuu … das ist bitter …« Hansi bekam einen hysterischen Lachkrampf.
»Wer ist es?«, drängte die Kommissarin und rieb sich müde die Augen.
Hansi lachte immer noch hysterisch. »Das bin ich«, brachte er nach einer Weile glucksend und prustend hervor.
»Sie?« Katrin Heinze erschrak. Welchen Sinn machte das alles? In welchem Verhältnis stand Dr. Heiler zu den anderen Toten?
Hatte Hansi den Tod des Abgeordneten ebenfalls vorhergesehen?

»Nur diffus, ohne zu wissen …«, erwiderte Hansi auf die Frage der Kommissarin.
Immer mehr hatte Katrin Heinze das Gefühl, dass all dies irreal war, ohne Bezug zur Realität. Doch der abgedeckte tote Parlamentarier und der Schmerz um den Verlust ihrer Tochter machten ihr brutal bewusst, dass es real war.

XV

Kriminaldirektor Kleve ging auf und ab. Er hatte von Katrin Heinze den Fall übernommen und wollte persönlich die Ermittlungen leiten. Auch für ihn fügte sich das Puzzle im Moment nicht zusammen.
Der erschossene Abgeordnete Dr. Heiler war, soviel war inzwischen bekannt, ein Freund von Kommissar Vogel gewesen. Beide hatten zusammen Kampfsport trainiert.
Alle standen in irgendeiner Beziehung zueinander, aber wo war der Schlüssel?
Und warum behauptete Hansi, er wäre der Nächste?
Alles blieb immer noch ein großes Rätsel.
Hansi war inzwischen in die Realität zurückgekehrt und saß vor einer Flasche Bier.
Er sollte im Polizeipräsidium bleiben, weil er dort sicher war, so dachte man.
Was würden die nächsten Stunden bringen?

XVI

Die nächsten zwei Tage passierte nichts Auffälliges. Der Kriminaldirektor hatte die Mordkommission personell aufgestockt und ließ das persönliche Umfeld aller Toten genauestens prüfen. Verdächtige Kontobewegungen, Umzüge, Wechsel von Arbeitsstellen,
Partnerwechsel, alles interessierte ihn. Fakt war, dass die drei Morde in irgendeinem Zusammenhang standen, den mussten sie erkennen.
Sie hatten sich in einem Großraumbüro eingerichtet und Hansi blieb immer bei ihnen.
Er könnte immer noch der Schlüssel zur Lösung sein. Doch er plapperte nur weiterhin das vor sich hin, was alle bereits kannten. Sandberge, Zeitschienen, die verschoben werden müssen … nichts Neues.
Der Kriminaldirektor und die Kommissarin setzten auf die klassische kriminalistische Ermittlungsarbeit, so würden sie die Fälle lösen. Wo es Tote gab, musste auch ein Mörder sein, und dieser hinterließ Spuren, auch wenn sie noch so schwer zu finden sein sollten.
So intensiv die Mordermittler suchten, sie fanden nichts.
Die junge Enkelin von Dr. Kenzels Nachbarin arbeitete seit fünf Jahren als Bedienung in einem kleinen Cafe und war überzeugter Single. Es gab mal den einen oder anderen Liebhaber, aber nie eine feste Beziehung. Sie bewohnte ein kleines Apartment in einem der Häuser am Stadtrand, lebte unauffällig, hatte wenige Freunde. Ihre Mutter war bei der Geburt gestorben, ihr Vater vor drei Jahren bei einem Autounfall. In den letzten zwei Jahren hatte sie ihre Oma regelmäßig besucht und die alte Dame versorgt.
Auch die Durchsicht der Akten des Autounfalls, bei dem der Bruder von Kommissar Vogel tödlich verunglückte, ergab keine neuen Erkenntnisse. Der Wagen war ins Schlingern geraten und mit hoher Geschwindigkeit gegen die Leitplanke geprallt. Weil der Fahrer nicht angeschnallt war, ging man damals sogar von einer Selbsttötungsabsicht aus. Einen technischen Defekt hatte die KTU bei ihrer Untersuchung des Wagens nicht entdecken können.
Kommissar Vogel war dem Kriminaldirektor seit Jahren bekannt, ein untadeliger Beamter, der allein lebte, seitdem seine Frau ihn wegen eines Jüngeren verlassen hatte. Die Ehe war kinderlos geblieben, die beiden hatten sich scheiden lassen. Vogel war Kampfsportler, durchtrainiert, galt aus zielstrebig und durchsetzungsfähig. Kleve hatte in den letzten Wochen immer wieder mal mit dem Gedanken gespielt, ihm die Leitung einer Mordkommission zu übertragen. Das hatte sich ja nun erledigt.
Dr. Heiler, der erschossene Abgeordnete, hatte ebenfalls nichts zu verbergen. Er war jahrelang Kommunalpolitiker gewesen, Stadtrat, hatte später die Fraktion seiner Partei im Stadtparlament geführt, ehe er in den Landtag gewählt wurde. Dort saß er in der zweiten Legislaturperiode und war der einflussreiche Chef des Innenausschusses. Er war verheiratet, hatte zwei Töchter und war, bevor er Berufspolitiker wurde, selbstständiger Rechtsanwalt.
Auch eine Überprüfung der Fälle, die er vertreten hatte, und ehemaliger Mandaten brachten die Ermittler nicht weiter. Es gab keine Hinweise darauf, dass es ein Racheakt gewesen sein könnte. Eine Verbindung zu den anderen Opfern war ebenfalls nicht festzustellen.
Die Ermittler traten immer noch auf der Stelle.

XVII

Die Zeit läuft ab, unerbittlich, ich komme dich jetzt holen …
Hansi hörte diese Stimme und sah das Gesicht der alten Dame vor sich.
»Leg dich hin, es ist soweit, alles wird gut«, rief er laut durch den Raum und ließ sich in den Chefsessel des Kriminaldirektors fallen. Alle starrten ihn an.
»Was ist so weit?« Katrin Heinze schrie Hansi fast an.
»Sie liegt auf dem Bett, Mittagsschlaf, der letzte …«, murmelte Hansi, bevor ihm die Augen zufielen und er zu schnarchen begann.
Dr. Kenzel begriff als erster. »Meine Nachbarin ist gemeint, sie legt sich jetzt hin.« Der Psychologe sah auf seine Uhr. »Mittagsschlaf. Sie wird, so verstehe ich Hansi, nicht mehr aufwachen, sondern sanft in den Tod gleiten. Los, wir müssen zu ihr.«
Der Kriminaldirektor, Kommissarin Heinze und Dr. Kenzel griffen ihre Jacken und hasteten davon.
Zwei Polizisten erhielten Weisung, Hansi auf alle Fälle weiter zu beobachten.

Unterwegs beorderte Kriminaldirektor Kleve einen Arzt zum Haus der alten Dame, der zeitgleich mit ihnen dort eintraf.
Mit gezogenen Waffen betraten die Kriminalisten das Haus, doch es war alles ruhig. Die Bewohnerin lag, wie vorhergesagt, auf dem Sofa und war, wie der Arzt bestätigte, friedlich entschlafen.

Damit hatten sie die nächste Tote, wenn auch keine, die eines gewaltsamen Todes gestorben war.
Wie sollten sie dieses Mysterium je auflösen?

XVIII

Hansi schlug die Augen auf und rieb sie sich. Er musste lange geschlafen haben, fühlte sich frisch und erholt. Wo war er?
Um ihn herum war eine fremde Umgebung, das war nicht sein Zuhause. Und wer waren die Leute hier, die er nicht kannte? Er erinnerte sich an Träume, diffuse, mörderische Träume.
»Wo bin ich?«, fragte er laut.
»Im Polizeipräsidium, in meinem Arbeitszimmer. Ich bin Kriminaldirektor Kleve und Sie haben mir immer noch einige Fragen zu beantworten.«
»Welche Fragen?«
»Warum Sie den Tod vorhersehen können, zum Beispiel.«
Hansi lachte. »Was soll ich können? Das ist ein Scherz!«
»Durchaus nicht, und nun mal ernsthaft.« Der Mann, der sich ihm als Kriminaldirektor Kleve vorgestellt hatte, schien wirklich zu glauben, was er sagte.
Hansi dachte an seine Träume. Was war das gewesen?
Er schwieg lange, versuchte zu sortieren, was er im Traum gesehen hatte.
»Okay«, sagte er, »ich habe geträumt. Eine junge Frau, ein mir bekannter Polizeikommissar, beide kämpften mit etwas Imaginärem, bevor sie starben. Ich war bei der Zeit, auf meinem Sandberg, habe gesehen, wie unsere Zeit verrinnt. Und ich habe einen kleinen Sandberg gesehen, der ganz schnell in sich zusammenfiel. Ich glaube, das ist so, wenn der Tod plötzlich kommt, weil, ich träumte zeitgleich von einem Autounfall, bei dem ein junges Mädchen sein Leben verlor. Ich …«

Das war zu viel für Katrin Heinze. Alles drehte sich um sie, ehe sie zusammenbrach. Dr. Kenzel versuchte sie aufzufangen, doch er kam zu spät. Die Kommissarin lag schluchzend, von Weinkrämpfen geschüttelt, auf dem Boden.

»Was hat sie?«, fragte Hansi.
»Es waren ihr Auto und ihre Tochter, die sie für immer verlor«, antwortete der Kriminaldirektor mit leiser Stimme. »Und die junge Frau sowie der Kommissar sind wirklich einem bisher nicht gefassten und unbekanntem Mörder zum Opfer gefallen.«
»Scheiße«, murmelte Hansi. »Das war das ES.«
Der Kriminaldirektor wandte sich an Hansi. »Was wissen Sie über dieses ES, können Sie noch mehr sehen in der Zukunft?«
Hansi schloss die Augen, sein Blut pulsierte, er rang nach Atem. Doch so sehr er sich bemühte, suchte, sich fallen ließ, da war nichts mehr.
»Das ES hat mich verlassen«, murmelte er und fühlte sich sehr erschöpft. »Nie wieder werde ich einen Tropfen Alkohol trinken, das weiß ich«, sagte er laut, dass jeder es hören konnte.

XIX

Hansi hielt Wort. Er ging in eine Entzugsklinik und war später bei den Anonymen Alkoholikern.
Die Morde konnten nie aufgeklärt werden, die Akten wurden geschlossen.
Kommissarin Heinze wurde die Leiterin einer Mordkommission und mehrere Jahre später, als Kriminaldirektor Kleve in Pension ging, wurde sie zur Ersten Kriminaldirektorin berufen.

(rn)