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Der Detektiv – Liu Sings Geheimnis – 4. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Liu Sings Geheimnis
4. Kapitel 

Nachts zwölf Uhr

Ein feiner Sprühregen rieselte herab, mehr ein starker Nebel. Die Dunkelheit war so stark, dass Harst mit vorgestreckten Händen sich die Parkwege entlang tasten musste, während ich mich an seinem Rockschoß festhielt.

Wir hatten uns für die heutige Nachtarbeit zwei Uniformen der Wach- und Schließgesellschaft besorgt.

»Wenn wir abgefasst werden«, hatte Harst bemerkt, »können wir uns in diesem Kostüm leichter herausreden.«

Ich gebe zu, mir schlug das Herz wie ein Hammer gegen die Rippen! Das Gefühl, das ich empfand, als ich so, von Harst geführt, dahintappte, war blanke Furcht!

Jeden Augenblick glaubte ich die Krallen und Zähne eines Leoparden im Genick zu spüren. Unsere Nebelbomben waren ja bei der Finsternis und bei der Lautlosigkeit anschleichender Raubtiere gänzlich nutzlos. Trotzdem hatte ich eines der Röhrchen in der Rechten. Die anderen trug ich in der rechten Außentasche.

Harst blieb plötzlich stehen, und ich trat ihm auf die Hacken, murmelte Verzeihung

Er flüsterte mir zu: »Da rechts das Helle ist die Nachbildung des Tatsch Mahal. Nun werde ich mich schon zurechtfinden. Sie scheinen ja zu zittern, Schraut! Freilich, die Nacht ist recht kühl …«

Weiter ging es. Nun vor uns eine hohe Wand: die Dornenhecke. Dann wurde der Boden unter unseren Füßen weiß. Wir hatten den kiesbestreuten Platz erreicht. Dort stand auch wie ein schwarzer Strich auf graubraunem Hintergrund der Turm.

»Warten Sie hier«, raunte Harst mir zu. Weg war er. Die Finsternis verschluckte ihn. Ich hörte nur noch zwei Mal das leise Knirschen der kleinen weißen Steinchen.

Ich war allein. Hinter mir hatte ich die Dornenhecke. Ich schmiegte mich ganz dicht an die glatt geschorenen Zweige, ganz dicht. Meine Augen gewöhnten sich langsam an das Dunkel. Mein Herz hämmerte weiter. Ich besinne mich, dass ich damals an mein schönes weiches Bett im Harstschen Haus voller Sehnsucht gedacht habe und dass meine Gedanken dann abirrten – weit hin nach Pommern, zu einem Erdbegräbnis, in das Harst und ich nachts in Gesellschaft mehrerer Herren eindrangen. Das war auch eine Gelegenheit, die Nerven auf die Probe zu stellen. Ich hatte diese Szene in einem früheren Bändchen geschildert: Das Geheimnis des Szentowo-Sees – wie die Leser sich erinnern werden. 

Ich war allein und mir war recht bange ums Herz.

Ich nahm eine zweite Nebelbombe in die Linke – für alle Fälle. Endlos langsam schlichen die Minuten. Ich merkte, dass mein Wunsch, Harst möge zurückkehren, die Sekunden verhundertfachte. Fortwährend drehte ich den Kopf hin und her. Auf dem weißen Kiesboden musste ich jedes lebende Wesen bemerken, das sich mir näherte. 

Und es gab etwas zu sehen. 

Meiner Schätzung nach war Harst mindestens zwei Stunden bereits im oder am Turm. Da erblickte ich das längliche, niedrige Geschöpf, das von der linken Seite zentimeterweise auf mich vorrückte. Natürlich einer der Leoparden. Das Blut gefror mir in den Adern. Aber ich sagte mir auch gleichzeitig, dass mein Leben und unsere Sicherheit jetzt allein von mir und den Bomben abhing. Vier Schritt war die Bestie noch entfernt, lag nun eng am Boden da, ganz lang gestreckt scheinbar. Zwei grünlich gelbe Funken sprühten dort zuweilen auf: Katzenaugen! Ich hob den Arm, schleuderte das Röhrchen, nicht mit zu viel Schwung! Der Inhalt durfte ja nicht allzu weit umhergestreut werden. 

Ich ließ ein zweites sofort folgen. Ich hörte das Zischen. Wie aus dem Schlund der Erde quollen die Dämpfe auf, immer dichter. Ein leiser Luftzug wehte sie auf den Turm zu. Ich griff in die Brusttasche. Dort steckte das Dolchmesser, das Harst mir aus seiner Waffensammlung herausgesucht hatte. Es war ein langer persischer Dolch, haarscharf und leicht gekrümmt.

Der Qualm reichte bis zu mir hin. Ich musste niesen, hielt mir schnell die Nase zu, wich nach rechts aus, etwa zehn Schritt weit, sehr eilig, prallte in meiner Hast gegen etwas Weiches, gegen einen Menschen, hob schon in der ersten Bestürzung den Arm zum Stoß. 

»War es nur einer oder beide, Schraut?«

Schnell klang es an mein Ohr.

Und dann: »Der Regen hat nachgelassen. Ich denke, wir wagen uns noch bis an das Dienerhaus. Der Turm war eine böse Enttäuschung …«

Mir fiel ein ganzer Berg vom Herzen. Harsts Flüstern war das beste Beruhigungspulver. »Nur einer«, erwiderte ich.

Wir kamen ohne Zwischenfall vor die kleine Moschee mit den vier Eckminaretts. Im Obergeschoss waren zwei der kleinen bunten Fenster erhellt.

»Dort wohnt Marawatha«, flüsterte Harst mir zu. »Ich war heute beim Wärter der Schließgesellschaft, der diesen Block unter sich hat. Der Mann kennt den Gärtner Malzahns ganz genau und war verschiedentlich im Park.«

»Der eine Flügel steht etwas offen«, meinte ich.

Harst stand und starrte wie hypnotisiert in die Höhe. Dann: »Ich muss hinauf. Decken Sie unseren Rückzug. Falls ich leise zische, machen Sie sich allein aus dem Staub. Geben Sie mir zwei von den Bomben, vielleicht – man kann nicht wissen …«

Ich wartete nun, in die eine Ecke des Eingangs gedrückt. 

Harst turnte mithilfe der Fenstergitter und der Vorsprünge gewandt nach oben. Hin und wieder streckte ich den Kopf vor und beobachtete ihn. Es war nun fast zu hell für unser Vorhaben geworden. Einzelne Sterne blinkten bereits am Firmament. Da – wie das Zischen einer Schlange kam es aus der Höhe herab. 

Ich zauderte. Ich sah, dass Harst schnell herabkletterte.

Nun stand er vor mir. 

»Weshalb gehorchen Sie nicht?« Auch das klang wie ein Zischen. »Einer entflieht leichter als zwei, wenn es schlimm kommt. Also, auf Wiedersehen daheim …«

Ich schlich wortlos davon. Ich war verletzt. Ich ahnte, dass Harst zu meiner Geistesgegenwart kein rechtes Vertrauen hatte. Aber sollte ich ihn wirklich allein lassen? Was hatte er vor? Ich blieb. Ich duckte mich hinter einer nahen Marmorgruppe, die zwei kämpfende Eber darstellte, zusammen. Nach einer Weile kam vom trügerischen Nachthimmel ein Sturzregen herab, der mich bis auf die Haut durchnässte. Von der Moschee war nun nichts mehr zu sehen. Dann wagte ich mich näher – ganz nahe heran. Die Fenster waren noch erleuchtet. Von Harst keine Spur. 

Ich sah ein, dass mein ferneres Ausharren hier ganz zwecklos war. Vielleicht betätigte Harst sich anderswo.

Glücklich erreichte ich die Parkmauer, glücklich auch die letzte Straßenbahn von Roseneck aus nach Berlin hinein. Als ich pudelnass im ratternden Wagen saß und auf die Uhr schaute, war es genau eins. Also nur eine Stunde hatte diese angstvolle Ewigkeit dort in Malzahns Zaubergarten gewährt.

Um halb 2 betrat ich von hinten unser Haus, schlich durch den Flur, öffnete meine Tür. Da tat sich die gegenüberliegende auf. Blendende Helle umgab mich plötzlich und umflossen von dem Licht der fünf Birnen des Kronleuchters seines Arbeitszimmers machte mein Brotherr mir eine ironisch tiefe Verbeugung:

»Auch schon da, lieber Schraut? Ja, das kommt davon, wenn man nicht folgsam ist! Sie werden nach drei Tagen den schönsten Schnupfen haben. Ziehen Sie sich um.  Ich werde uns Glühwein brauen, denn auch ich war nass wie eine Katze …«

Die Tür schloss sich. In fünf Minuten war ich wieder ich selbst – Max Schraut, glattrasiert, Glatze, echtes Schauspielergesicht.

Harst saß am Tisch auf dem Ecksofa. Diese Ecke war der behagliche Winkel seiner vornehm ausgestatteten drei Räume. Den Kronleuchter hatte er ausgeschaltet. Auf dem runden Tisch brannte die Stehlampe mit dem japanischen Seidenschirm, dampfte ein Kupferkessel über einem elektrischen Kocher, standen zwei Gläser, zwei Rotweinflaschen und anderes. In der Luft jedoch hing der süßliche Duft der Mirakulum und der Geruch verdampfenden Rotweins.

Harst gegenüber nahm der tiefe Klubsessel mich auf. Nun reichte Harst mir die Hand.

»Sie haben es gut gemeint, Schraut. Ihnen ist in Gnaden verziehen. Aber in Zukunft! Sie wissen: Wer mit mir zusammenarbeitet, darf nie selbständig handeln, falls ich es nicht gerade wünsche!«

Er schenkte die Gläser voll, reichte mir die antikvenezianische Zuckerbüchse, sagte dabei: »Ich ahnte, dass diese Nacht interessant werden würde. Die Nebelbomben haben sich bewährt. Ich selbst kam freilich nicht in die Verlegenheit, eine schleudern zu müssen. Ich hatte mich mehr aufs Angeln gelegt …«

Er trank mir zu, nahm eine neue Mirakulum hielt mir ebenfalls das silbergetriebene Kästchen hin.

Es geschah selten, dass er mir gerade eine Mirakulum anbot. Er musste schon sehr guter Laune sein. Die teuersten Importe standen mir jederzeit zur Verfügung. Seine Spezialzigarette war ihm wie eine Zahnbürste etwa, die man auch nicht von anderen benutzen lässt.

Er hatte vom Angeln gesprochen. Derartige Redewendungen gebrauchte er nie ohne Absicht. Ich wollte gerade fragen, was er denn geangelt hätte, als er rechts von mir auf eine Zeitung deutete. Darauf lag ein viereckiges etwa zehn Zentimeter langes und acht Zentimeter breites Stück. Ja, was denn eigentlich? Papier war es nicht, eher helles Leder, das mit allerlei blauen Zeichen bedeckt war.

 Ich beugte mich darüber. Scharfer Spiritusgeruch stieg mir in die Nase. Nun erst sah ich, dass das gelbe Leder – ja – es war gelb, schmutzig gelb – feucht, wie durchweicht war.

»Was bedeutet das?«, fragte ich. 

Seine Augen wurden ganz klein. Auf seiner Stirn erschienen über der Nase drei Längsfalten.

»Menschenhaut«, sagte er leise und mit besonderer Betonung. »Ein Stück Haut aus der Brust eines Chinesen …«

Mir fiel die Zigarette aus der Hand. Ich bückte mich schnell, hob sie auf.

»Ich kann Ihren Schreck verstehen, lieber Schraut«, meinte Harst und lehnte sich in die Sofaecke zurück. »Ich behaupte, dieses Problem des Leichenraubs, das der gute Kammler uns als verdeckte Schüssel servierte, enthält weit mehr, als selbst meine Fantasie sich ausmalen konnte. Sie hat ja bereits ein Bild entworfen, diese Fantasie, scheinbar auf einem Hintergrund von Tatsachen. Aber das Bild war Stümperei, taugte nichts.«

Er trank, rauchte ein paar Züge.

»Ganz leicht war es nicht,« fuhr er fort, »den Turm geräuschlos zu erklettern. Aber es gelang. Ich pochte oben an die runde Luftscheibe, Sie verstehen, aus der uns der Frauenarm das Ritbilf zuwarf. Ich brauchte nicht nochmals zu klopfen. Die Scheibe tat sich auf. So lernte ich Ralkonda, eine der Orientalinnen Malzahns, kennen. Viel von ihr gesehen habe ich ja nicht. Desto mehr gehört – Dinge, die die Rätsel dieses Leichenraubs ins Unendliche auftürmen.

Ich will in Kürze wiederholen, was sie mir mitteilte. Sie ist eine Inderin aus Ratschputana. Dort soll es geradezu klassisch schöne Frauen geben, wie mir bekannt ist. Malzahn besitzt Ralkonda bereits zwei Jahre. Sie liebt ihn. Und sie glaubt, nur ihr gehöre auch seine Liebe. Er hat ihr kurz vor Liu Sings Ende versprochen, sie zu seiner rechtmäßigen Gattin zu machen. Aber auch Marawatha stellte ihr, kaum dass er sie gesehen hatte, mit leidenschaftlichen Wünschen, aber mit aller Vorsicht nach. Sie besitzt nun eine zahme Kobra, soweit diese scheußlichen, sich aufblähenden Giftträger überhaupt zahm werden. Sie hielt die Kobra in einem Käfig mit silbernen Stäben und hatte ihre Freude dran, wenn die Schlange nach den Tönen einer Flöte tanzend, den Leib hin und her wiegte. Eines Morgens war die Kobra verschwunden.

Die Käfigtür stand offen. Ein allgemeines Suchen begann.

Malzahn selbst beteiligte sich daran. Ralkonda bewohnte im ersten Stockwerk des Turmes zwei Zimmer. Die Möglichkeit lag vor, dass die Schlange in den Park entwichen war. Während man hier noch jeden Winkel durchstöberte, kam Marawatha mit der Botschaft herbeigestürzt, Liu Sing sei soeben von der Kobra vor dem Kücheneingang des Bungalow gebissen worden. Malzahn stellte jedoch sofort fest, dass die Folgen des Bisses schon zu weit vorangeschritten waren, um es als glaubhaft erscheinen zu lassen, die Kobra hätte den Chinesen soeben erst angegriffen und nach dessen Hand geschnappt. Liu Sing war nämlich bereits unfähig, ein paar zusammenhängende Worte zu sprechen. Auch zeigte der Arm bereits eine sehr starke Schwellung. Malzahn, der die Einmischung der Polizei und eine Bestrafung Ralkondas fürchtete, da doch durch die Unachtsamkeit der Inderin die Schlange hatte entweichen können, wandte alle ihm bekannten Mittel an, den Chinesen zu retten, und zögerte lange, ehe er einen Arzt holen ließ. Als er Liu Sing mit Alkohol abrieb, entdeckte er auf dessen Brust eine seltsame Tätowierung. Dann kam der Arzt. Der Chinese starb, angeblich infolge der rostigen Spicknadel. Auf diesen Ausweg war Malzahn gekommen. Der Arzt stellte den Totenschein aus. Und in der Nacht verschwand die Leiche.

Malzahn ist daran ganz unbeteiligt. Am folgenden Abend wurde Ralkonda plötzlich von den beiden Eunuchen oben in das kleine Turmzimmer gesperrt. Malzahn ließ sich nicht mehr bei ihr sehen. Sie weiß noch heute nicht, wodurch sie in Ungnade gefallen ist. Sie wird sehr streng bewacht. Nur die Luftscheibe kann sie öffnen. Vor den Fenstern sind im übrigen Eisenplatten von innen angebracht worden. Sie ist eine Gefangene und sie fürchtet für ihr Leben. Morgen früh wird die Polizei sie befreien. Es muss sein. Ich kann die Verantwortung nicht auf mich nehmen, sie länger in der Gewalt von Malzahns Kreaturen zu lassen. So das wäre alles, Schraut. Und nun frage ich Sie: Finden Sie sich aus diesem Irrgarten in die Klarheit zurück? Ich nicht! Ich stehe vor einem Berg von Tatsachen, einem Berg, der nicht zu erklimmen ist und den man deshalb nicht voll überschauen kann.«

Er rauchte hastiger. Dann: »Nun werden Sie wissen wollen: Wie kam ich in Besitz des Stücks Menschenhaut der Tätowierung von der Brust Liu Sings? Das ist eine Geschichte für sich und für später! Dieses Stück Haut, das jemand in Spiritus aufbewahrt hat, ist vielleicht die einzige Möglichkeit, all unser Material darauf wie auf einer Schnur die Perlen logisch aufreihen zu können. Bitte, holen Sie mir doch mal aus der Bibliothek das Werk Professor Mautners über Tätowierungen bei Naturvölkern.«