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Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 35

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

35. Wie Rübezahl einem armen Bauern Geld leiht.

Ein Bauer in Petersdorf war teils durch böse Menschen, teils durch schlechte Jahre in tiefste Armut geraten und wusste sich nicht mehr zu helfen. Besonders drängte ihn aber ein hartherziger Gläubiger wegen 100 Taler, die er ihm schuldig war, denn 100 Taler waren damals gar viel Geld.

Da sagte sein Weib: »Gehe hinunter zu unseren Vettern und sprich sie um die 100 Taler an. Sie sind reich und werden uns gewiss aus der Not helfen.«

Der Mann wollte zwar nicht recht, aber die Not war zu groß, und darum ging er.

Wer aber bei Verwandten Hilfe sucht, der ist übel beraten. Das erfuhr auch der arme Bauer, denn die Vettern schlugen sämtlich unter allerhand Vorwänden und Entschuldigungen ihm das Darlehen ab. Da suchte der arme Mann weinend den Rückweg und hätte vor Schmerz vergehen mögen, wenn er daran dachte, welchen Jammer er zu Hause erleben würde, wenn er Frau und Kindern sagen müsste, dass auch sein letzter Versuch gescheitert sei.

Indem er so trostlos dahin ging, kam ihm plötzlich der Gedanke, ob er nicht den Berggeist Rübezahl, der doch manchem schon geholfen hatte, um die 100 Taler ansprechen solle. Nach kurzem Überlegen war sein Entschluss gefasst. Anstatt zu den seinen zu gehen, stieg er das Gebirge hinauf und ruhte nicht eher, bis er oben auf der Stelle war, wo Rübezahls Fußstapfen im Stein zu sehen ist. Hier wandte er seine rotgeweinten Augen ängstlich nach Rübezahls Lustgarten hinüber und rief mit lauter Stimme: »O großmächtigster Herr des Gebirges, nimm dich eines armen Mannes mildtätig an.« Er rief mehrmals, aber leider wollte kein Herr des Gebirges kommen. Schon fing der arme Mann an, sich wieder seiner Hoffnungslosigkeit zu überlassen, als er einen Jäger durch die Steinblöcke auf sich zuschreiten sah. Der Jäger fragte ihn, was er hier mache. Er gestand offen, dass er hierher gekommen sei, um den Herrn des Gebirges in seiner großen Not um Hilfe anzuflehen.

»Hast du denn«, fragte der Jäger, »keine Verwandten, welche du um Hilfe ansprechen kannst?«

»O ja«, entgegnete der Bauer, »ich habe reiche Verwandte und sie eben um Hilfe angesprochen, aber keiner von ihnen hat sich meines Elends erbarmt. Sie haben mich hilflos von ihrer Tür gestoßen.«

Der Jäger – er war Rübezahl – schüttelte unwillig den Kopf und schien eine Weile nachzusinnen. Endlich sagte er: »Wie viel brauchst du, Freund, um dir und den deinen wieder aufzuhelfen?«

»Hundert Taler«, versetzte der Mann.

»Nun, wohlan«, fuhr Rübezahl fort, »du sollst nicht nur diese, sondern sogar 300 Taler haben, wenn du mir auf Treu und Glauben versprichst, sie heute übers Jahr auf eben dieser Stelle mir wieder zu bezahlen.«

Der Mann versprach das und eilte unter den rührenden Danksagungen vergnügt wie ein König mit dem erhaltenen Geld vom Gebirge hinunter.

Sogleich gewann im Hause und Feld alles eine andere Gestalt. Die dringendsten Schulden wurden bezahlt, und der Bauer behielt noch so viel übrig, dass er Haus und Feld in besseren Stand setzen konnte. Nun kehrten in ihn und seine Hausfrau wieder Lust und Freudigkeit zu gesteigerter Tätigkeit zurück. Eine überaus gesegnete Ernte und Glück im Holzhandel belohnten ihre Anstrengungen. Ehe der Zahltag gekommen war, hatte der Bauer schon die 300 Taler bereit.

Am Zahltage stieg er abermals, aber freilich mit ganz anderen Gefühlen als das erste Mal, das Gebirge hinauf. Auf dem bekannten Flecke wartete er erst lange auf Rübezahl und rief ihn endlich mit lauter Stimme wie das erste Mal. Aber es ließ sich weit und breit niemand sehen. Nachdem er nun so lange vergeblich gerufen hatte, kam endlich ein reich gekleideter Herr auf ihn zu, fragte ihn, was er hier mache und warum er so rufe. Der Mann, welcher doch dem Fremden nicht recht traute, fragte ihn nun, wie der Herr des Gebirges vorm Jahr ihm einige Taler geborgt, und wie er jetzt da sei, um sie ehrlich wieder zu bezahlen. Eben deshalb rufe er, wiewohl bis jetzt vergeblich.

Da antwortete ihm der Herr: »Mein Freund, behaltet getrost Euer Geld, denn es ist Euch gern gegönnt. Rübezahl ist längst tot, drum wird Euch nimmer jemand um dieses Geld ansprechen. Geht in Frieden und wendet es wohl an.«

Das tat auch der Mann, und es war lauter Segen drin; denn

Merke: Wer Treu und Glauben hält, bei dem zieht Segen ein, aber Untreue schlägt ihren eignen Herrn.

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