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Anne Boleyn Band 1 – Kapitel 18

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Erster Band

18.

Reginald Pole. Prinzessin Mary. Anne in Suffolk House. Campeggios Abschied. Demütigung Wolseys. Entwendung der königlichen Korrespondenz.

Während König Heinrich im Anblick seiner schönen Braut schwelgte, saß die Königin Katharina in ihrem Kabinett. Vor ihr kniete ein schöner junger Ritter, der ihre weißen Hände mit Küssen bedeckte. Neben ihr saß ihre vierzehnjährige Tochter Mary, die ihren Tränen freien Lauf ließ. An der Tür stand ihre treue Freundin Lady Elvira Marie Willoughby, ihre schöne Gestalt in die schwarzen Witwenkleider gehüllt und die weichen schwarzen Haare mit dem spanischen Trauerschleier bedeckt. Reginald Pole war ein Nachkomme des unglücklichen Herzogs von Clarence, dessen ungerechten Tod Katharina tief bedauerte. Seine Mutter war die Amme der Prinzessin Mary gewesen. Er selbst hatte von Kindheit auf sich der besonderen Liebe der Königin erfreut. Seine Schönheit, sein hoher sittlicher Charakter, seine reichen Talente, namentlich aber seine unerschütterliche Ergebenheit an die edle Frau, hatten in dieser, nachdem die Verlobung zwischen dem Kaiser Karl und Mary aufgehoben wurde, den Wunsch erregt, dass er einst der Gemahl der Letzteren werden möge. Heinrich, welcher nie auf einen männlichen Erben für seinen Thron verzichtete, hatte sich anfangs diesem Plan nicht abgeneigt gezeigt. Als aber der feurige Jüngling es wagte, dem Tyrannen ernstliche Vorstellungen über die nachgesuchte Scheidung zu machen, verbot ihm Heinrich den Hof. Damit jedoch nicht zufrieden, hatte er vor seiner Abreise nach Never den Befehl erteilt, Reginald in aller Stille aufzuheben und als Majestätsverbrecher in den Tower zu bringen. Reginald besaß jedoch treue Freunde, welche den bedrohten Jüngling noch zur rechten Zeit warnten. Katharina selbst ließ ihn flehentlich bitten, sich durch Flucht zu retten. Aber noch einmal eilte er, seine Beschützerin und seine junge Geliebte zu sehen und ihren frommen Segen sich zu erbitten.

»Jetzt geht, mein Liebling«, sagte die hohe Frau, indem sie mit mütterlicher Liebe seine dunklen Locken von der Stirn strich und einen warmen Kuss auf dieselbe hauchte. »Geht, und mögen die Heiligen Euer teures Leben um meinet- und des Mägdleins willen beschirmen. Ihr werdet Seine Heiligkeit sprechen. Sagt ihm, dass ich ihn beschwöre, sich unserer zu erbarmen und die Schmach vom Haupt meines Kindes abzuwenden. Und sagt meinem geliebten Neffen, dem Kaiser, dass ich ihm das Wohl desselben ans Herz lege, dass er es auch ferner als treuer Freund beschützen möge. Komm, Mary, nimm Abschied von ihm, hoffentlich nicht auf immer. Weine nicht, mein Kind, es werden bessere, glücklichere Zeiten für dich anbrechen.«

Mary stand auf und reichte dem Pflegebruder die zitternde Hand, dann schlang sie, bitterlich weinend, ihre Arme um seine Nacken.

Reginald drückte die zarte Gestalt an seine Brust und sagte: »Geliebte Hoheit, ich schwöre Euch, nie Eurer zu vergessen. Mag auch das Schicksal uns im Leben trennen, was Gott verhüte, so bewahre ich Euch die Treue bis zu meinem letzten Lebenshauch!«

»So lege ich denn heute Eure Hände in einander zum heiligen Bund«, sagte Katharina, sich erhebend, mit feierlicher Stimme. »Sollte ich die Stunde nicht mehr erleben, in der Ihr Euch wiederfindet, so gedenkt meiner und glaubt, dass ich segnend auf Euch von den seligen Höhen herabblicke! Lebt wohl, mein Sohn, Gott geleite Euch!«

»Fort, fort!«, rief einer von Katharinas vertrauten Edelleuten, unangemeldet ins Gemach tretend. »Kein Augenblick ist zu verlieren! Soeben hat sich eine bewaffnete Schar in Eure Wohnung begeben! Ihr dürft nicht mehr in die Stadt zurückkehren. Besteigt die harrende Barke an der hinteren Treppe und fahrt die Themse hinab bis nach Greenwich, wo Ihr einen Kauffahrer trefft, der nach Antwerpen segelt.«

Reginald raffte sein Federbarett vom Boden auf, in welches die geheimen Depeschen eingenäht waren, welche die Königin für den Kaiser und den Papst in aller Eile geschrieben hatte, küsste noch einmal beiden Frauen die Hand und verschwand. Mary stürzte sich weinend in die Arme ihrer tief bekümmerten Mutter.

»Wir beide verlieren heute unseren treuesten Freund«, sprach diese bebend, »aber vergiss nicht, dass einer droben thront, der über ihn und uns Wache hält. Nimm dich zusammen, mein Kind, dass du dich und mich nicht den Späherblicken verrätst oder durch deinen Schmerz deinen Vater noch mehr gegen uns entflammst. Geh in dein Zimmer und bete für uns alle!«

Mary gehorchte, und Katharina ließ sich von Elvira auf ihr Ruhebett legen. »Ach, dass das holde Mädchen schon solchen tiefen Schmerz erfahren muss!«, sagte Letztere.

»Nur durch das Feuer wird das Gold geläutert«, war die sanfte Erwiderung, »und meine Tochter weiß, wo sie Trost suchen und finden wird. Der König ist also auf die Jagd, sagtet Ihr, und ohne sich von mir zu verabschieden! Ach! Es gab eine Zeit, wo er nicht ohne meinen Kuss und Segen fortgegangen wäre.«

»Seine Reise sollte ein Geheimnis bleiben, Hoheit, aber man munkelt davon, dass er nur in Begleitung des Grafen von Wiltshire und eines Kammerherrn fort ist.«

»Ach!«, sagte Katharina zuckend, »ich ahne es, wohin er gegangen ist. Entferne die Lampe, meine Getreue, lass mich ein wenig ruhen.«

Lady Willoughby tat wie ihr befohlen war, stand aber nach kurzer Zeit wieder auf, denn sie hatte ein leises Husten vor dem Türvorhang vernommen.

»Hoheit«, flüsterte sie dann über die Ruhende gebeugt, »er ist gerettet! Das Boot eilt pfeilschnell im Strom dahin, und die Flut trägt es in kurzer Zeit nach Greenwich.«

»Gelobt sei Gott!«, rief die Königin, »meldet meiner Tochter die gute Botschaft.«

»Reginald entflohen!«, rief zornig König Heinrich, als er am folgenden Morgen von den bestürzten Untergebenen die Nachricht erhielt. »Verwünscht! Er wird den Kaiser aufbringen, den Papst gegen mich aufhetzen! Dahinter steckt Katharina«, murmelte er dumpf zwischen den Zähnen, »oder ich will nicht Heinrich heißen. Ruft den Kardinal zu mir!«, befahl er hierauf mit strenger Miene.

Wolsey war auf einen gewaltigen Sturm gefasst, als er sich zum Palast rudern ließ. Gegen sein Erwarten jedoch empfing ihn der König äußerst huldvoll, erwähnte Reginalds Flucht nicht, brachte die Rede auf sein beständiges Thema und ob Campeggio sich nicht bewegen lasse, die Sitzung wegen der Scheidung früher als im Oktober zu eröffnen.

»Majestät, er ist schwer erkrankt«, sagte Wolsey demütig, »er liegt an der Gicht darnieder. Aber eine andere wichtige Nachricht habe ich Eurer Majestät zu bringen. Hier, diese Depeschen sind in der Nacht von Rom angekommen.«

Heinrich griff hastig nach dem großen Brief und zerschnitt rasch die seidene Schnur. Seine Augen sprühten Flammenblitze, als er den kurzen Inhalt durchlas. Wolsey erbleichte, er ahnte schon denselben. Mit wilder Wut schleuderte Heinrich den Brief auf die Erde und drückte den Fuß darauf.

»Nach Rom sollen wir beide, in Person vor dem päpstlichen Richterstuhl erscheinen!«, knirschte er. »Nie und nimmermehr!«1

»Daran seid Ihr allein schuld, Mann!«, wandte er sich zornig gegen den Kardinal, indem er drohend die Hand gegen ihn erhob. »Warum habt Ihr Katharinas Bitte befördert? Warum verbindet Ihr Euch mit meinen Feinden?«

»Majestät«, sagte Wolsey, vor dem Erzürnten niederfallend, »an dieser Entscheidung des Papstes trägt nur der Kaiser die Schuld. Er hat sich mit seiner Heiligkeit ausgesöhnt und sein Gold das Konklave gewonnen. Es wäre nicht geraten gewesen, der Königin Gesuch nicht zu befördern, denn Majestät kennen die Stimme der Natio, und den großen Anhang, den die Königin unter dem Adel hat. Ihr seht jetzt, warum ich so dringend ein Bündnis mit Frankreich wünschte.«

»Ich bin dem nicht abgeneigt«, gab Heinrich ruhiger zur Antwort und bedeutete den Günstling aufzustehen; »aber nicht zu einer Vermählung kann dies angewandt werden. Besinnt Euch auf andere Mittel.«

»Aber wenn die Scheidung endlich ausgesprochen wird und Majestät einen Thronerben wünscht «

Heinrich lächelte pfiffig. »Nun, für den Fall wäre die Gattin bereits gefunden. Ich habe meine Treue gestern feierlich verpfändet, aber nicht an eine Prinzessin, sondern an das Mädchen, das mich allein glücklich machen wird.«

»Majestät belieben mit mir Scherz zu treiben!«, stammelte Wolsey betroffen.

»Keineswegs, Kardinal! Ich habe Euch nur überlistet. Ihr rühmt Euch, alles zu wissen, was im Königreich vorgeht, und doch ist Anne Boleyn meine Braut geworden ohne Euer Wissen.«

Wolsey sank wie vom Blitz getroffen in die Knie. »Um Gottes und aller Heiligen willen, Majestät, es kann nicht Euer Ernst sein! Diese Schmach werdet Ihr nimmermehr Eurem königlichen Haus zufügen.«

Der König runzelte finster die Stirn. »Das Weib, das ich wähle, wird meinem Haus Ehre machen!«, sagte er kurz. »Sprecht nicht mehr davon. Ihr kennt meinen Willen und werdet als treuer Untertan danach handeln.«

Aber Wolsey war entschlossen, diesmal dem königlichen Zorn zu trotzen. Flehentlich beschwor er Heinrich, von dem Vorsatz abzulassen, und zeigte ihm in den lebendigsten Farben die Folgen einer solchen Missheirat.

Heinrich hörte ihn ruhig an, dann sagte er mit der gewinnenden Leutseligkeit, die ihm stets zu Gebote stand, wo er überreden wollte: »Kardinal, diese Sache ist und bleibt ein tiefes Geheimnis unter uns, bis ich frei bin, Anne auf den Thron zu erheben. Ihr seid mein treuer Freund gewesen, und nur mein einziger Vertrauter in einer Sache, die mit meinem Leben zusammenhängt. Wollt Ihr mich verraten oder wie es einem treuen Untertan geziemt, mir förderlich sein, um mein Ziel zu erreichen? Wollt Ihr mir und Anne die Freude gönnen, dass wir Euch unser Glück zu verdanken haben?«

Der König hatte Wolsey bei seiner schwachen Seite, bei seiner Liebe zu ihm angefasst. Wohl schwebte ihm sein Versprechen gegen Campeggio vor, allein er vermochte es nicht, dem Gebieter zu widerstehen, da er aus dessen Benehmen wohl erkannte, dass sein Entschluss unwiderruflich sei.

Es galt auch hier, durch geschmeidiges Nachgeben seine eigene Würde zu bewahren; denn so fest er auch in Heinrichs Gunst stand, wusste er wohl, dass Annes Einfluss, wenigstens für jetzt, überwiegend sein würde. Sein Entschluss war bald gefasst. Er küsste demütig die königliche Hand und gelobte, sich für das erwiesene Zutrauen dankbar zu erweisen. Heinrich nickte ihm zufrieden und wohlgefällig zu, dann erteilte er ihm die Weisung, Campeggio mit seiner abschlägigen Antwort an den Papst abzusenden.

»Noch eins«, fügte er hinzu. »Anne wird in Bälde nach London ziehen, angeblich noch als Ehrendame der Königin, allein es ist unser Wunsch, dass sie eine Stellung einnehme, die ihrem künftigen Rang entspreche. Suche nur für sie eine passende Wohnung.«

Der Kardinal sann einige Augenblicke nach, dann sagte er zögernd: »Ihr Vater besitzt schon das schöne Durhamhouse.«

»Ich weiß es, aber auch Anne soll ihre unabhängige Wohnung haben, deren Kosten wir selbst aus unserer königlichen Kasse bestreiten werden.«

»Dann gäbe es noch Suffolkhouse, Majestät, herrlich gelegen am Ufer der Themse2 und dazu in geringer Entfernung von Westminster.«

»Prächtig, Kardinal!«, rief Heinrich erfreut aus und schlug seinem Günstling vertraulich auf die Schulter. »Ihr seid ein treulicher Rat. Und wollt Ihr mir ferner Eure Ergebenheit beweisen, so tretet Ihr mir auf eine Zeitlang Eure Wohnung Yorkhouse3 ab. Sie stößt hart an Suffolkhouse, und ich kann, unentdeckt von Katharinas oder des Papstes Spionen, mich an dem Anblick meiner holden Braut weiden, so oft es ihre jungfräuliche Tugend gestattet.«

Der Kardinal verbeugte sich tief. »Alles, was ich besitze, steht meinem Monarchen zu Diensten. Befehlt Ihr, dass ich Anstalten treffe, Suffolkhouse4 würdig einzurichten?«

»Nein«, erwiderte Heinrich schnell, »das würde Euch in Rom zu stark kompromittieren. Die Sorge übernehme ich oder vielmehr ihr Vater. Bei der nächsten Gelegenheit, die sich darbietet, werden wir unserem Lieb einen Titel verleihen, dessen Einkommen sie in den Stand setzen wird, ihren eigenen Hofstaat zu halten. Geht jetzt, verlasst mich, aber wahrt mein Geheimnis, Kardinal, so Euch Euer Kopf lieb ist.«

Wolsey hoffte nun, sich auf immer die königliche Gunst durch seine Ergebenheit errungen zu haben. Getäuscht durch Annes heuchlerische Freundlichkeit, und ihre zarte Sorge für ihn während einer Krankheit, die ihn kurz darauf befiel, tröstete er sich leicht über seinen Wortbruch gegen Campeggio, obwohl er zu gleicher Zeit mit dem päpstlichen Hof im entgegengesetzten Sinn korrespondierte und eifrig die gewünschte Scheidung zu hintertreiben suchte. Er hatte zwar nicht vergessen, dass er einst so störend zwischen Anne und den jungen Percy getreten war; allein er schmeichelte sich mit der Überzeugung, dass das Mädchen ihm wohl den Umstand verzeihen werde, »denn «, sagte er sich, »anstatt eines Herzogs hat sie einen König zum Geliebten erhalten.«

Anne hatte jedoch, wie wir wissen, weder vergessen noch vergeben. Der König unterwarf sich mit blinder Leidenschaft dem Zauber ihrer Anmut und ihres Geistes. Der Ehrgeiz erstickte in ihr jedes bessere Gefühl der Seele. Das Mädchen, welches so stolz auf ihre Ehre gewesen war, sie vermochte mit Gleichmut dem Tadel und der Geringschätzung einer ganzen Nation entgegenzutreten, die mit der duldenden, verstoßenen Gattin trauerte. Sie erstickte die warnende Stimme ihres Gewissens mit dem falschen Glanz und der hohlen Rechtfertigung, dass sie des Königs Braut, nicht seine Geliebte sei. Ein Gefühl nur vereinte sie mit dem englischen Adel und dem erzürnten Volk, der gemeinsame Hass gegen Kardinal Wolsey. Leise, aber sicher verfolgte sie ihren fein angelegten Plan, diesen von seiner Höhe zu stürzen. Wolseys nächste Umgebung war an die Favoritin verkauft, seine bisherigen Freunde, noch mehr aber die vom Kardinal  unterdrückten und gedemütigten Opfer, leisteten ihr willig die Dienste von Spionen, wodurch sie Schritt für Schritt ihren Feind in seinen eigenen Netzen umgarnen wollte.

Heinrich, obwohl er die Stimmung seines Lieblings gegen den Kirchenfürsten ahnen mochte, war dennoch weit entfernt, die ganze Tiefe ihres Hasses zu kennen. Es lag völlig im schlauen Geiste Annes, jeden persönlichen Widerwillen vor dem König zu verbergen, diesen glauben zu lassen, dass nur der Eifer für die königliche Ehre sie stets beseele.

Heinrich war nach Grafton gezogen, wo er große Jagden besaß. Anne hatte ihn mit einem glänzenden Gefolge dorthin begleitet, denn trotz ihrer zweideutigen Stellung hatten sich diejenigen vom Adel um sie gedrängt, welche durch ihre Gunst zu steigen oder aus ihrem Wohlgefallen Nutzen zu ziehen hofften und leider fanden. Anne beherrschte ja den Monarchen. Keine Bitte schlug er ihr ab.

Aufs Heftigste erzürnt über die Wendung, welche die Scheidungsfrage genommen hatte, und welche er auf Annes Zuflüsterungen allein Wolsey zuschrieb, hatte er sich geweigert, vor seiner Abreise den Kardinal zu sehen. Campeggio jedoch hatte den Bescheid erhalten, sich in Grafton vom König vor seiner Abreise nach Italien feierlich zu verabschieden.

Wiederholt hielt nun Wolsey schriftlich um die Gnade an, den Legaten begleiten zu dürfen. Des Königs Zorn legte sich auch rasch nach seiner Entfernung von London. Mitleid mit dem vieljährigen ergebenen Diener stritt mit Annes Vorstellungen.

»Ich kann ihm seine Bitte nicht abschlagen«, sagte er eines Tages zu Anne. »Es wäre eine zu große Beleidigung und dem Papst gegenüber eine zu auffallende Geringschätzung.«

»Majestät mögen wie immer recht haben«, entgegnete Anne äußerlich mit großer Ruhe und Gelassenheit, obwohl es in ihrer Brust heftig wogte und kämpfte.

»So heißest du es gut, wenn ich ihm die erbetene Erlaubnis erteile?«, fragte Heinrich, sichtlich erfreut über ihren Ausspruch.

»Gewiss, Sire«, lautete die Antwort, von dem holdseligsten Lächeln begleitet, »wenn mir auch die Gegenwart seiner Eminenz nicht eben die liebste ist. Ich zürne ihm, weil er seine Macht missbraucht und dem König die Ehre raubt, die meinem und seinem Herrn allein gebührt. Die schweren Abgaben des Volkes wandern in die reich gefüllten Koffer des Priesters, während der König oft aus väterlichem Erbarmen mit seinem Volk sich die größten Opfer auferlegt. Aber Ihr seid blind gegen seine Fehler, Sire, Euer großmütiges, edles Herz deckt seine Sünden mit dem Mantel der Liebe.«

»Nun«, sagte Heinrich, »er mag reich sein, und in der Tat, ich wundere mich manchmal im Stillen über den ungeheuren Aufwand, den er macht. Aber sein Gut ist doch ehrlich erworben, Anne. Bedenkt seine Stellung.«

»Ehrlich erworben!«, wiederholte Anne spöttisch. »Ja, man sieht es, Sire, nicht umsonst steht er auf Seiten des Papstes und des Kaisers …«

Heinrich fuhr von seinem vergoldeten Lehnsessel auf, als habe ihn eine Tarantel gestochen. »Wie? Du glaubst, dass …?«

»Dass er von beiden für seine Bemühungen, uns zu trennen, reichlich belohnt wird«, sagte Anne fest.

»Wenn dem so wäre«, rief Heinrich, und die Adern auf seiner Stirn schwollen mächtig an, ein Zeichen seiner größten Aufregung, »wenn dem so wäre, wenn ich dafür Beweise hätte! Ha! Falscher Priester, das sollte dir nicht ungestraft bleiben.«

»Die Beweise, denke ich, werden Eurer Majestät nicht lange fehlen«, warf Anne triumphierend ein. »Gott schütze meinen teuren König und räche ihn an seinen Feinden.«

»Und an den seinen, meine holde Anne, meine Sonne, mein Lebenslicht«, sagte Heinrich, indem er sie zärtlich umfing und küsste. »Wehe dem, der es wagt, falsch gegen meine künftige Gattin zu handeln! Wehe ihm, und wäre es selbst das geweihte Haupt eines Kardinals!«

»Ach, Sire«, entgegnete Anne und barg ihr reizendes Gesicht an seinem Hals. »Wird die Stunde auch jemals in Wahrheit schlagen, wo ich der hohen Gnade teilhaftig werde, Eure Gattin zu sein?«

»Warum zweifelst du denn?« fragte Heinrich schmeichelnd.

»Die Hindernisse, Sire, die Widersacher!«

»Werden die Liebe nur schärfen und würzen, Schätzchen!«

»Aber wenn es noch lange, lange dauert«, flüsterte Anne zärtlich, »vielleicht noch Jahre, wird da mein König stets die Treue bewahren? Nicht müde werden?«

»Nein, bei meiner Seele Seligkeit!«, beteuerte Heinrich. »Aber keine solche Reden, meine Anne. Weg mit den düsteren Grübeleien, die deine Wangen bleichen! Lass uns froh die Gegenwart genießen, Schätzchen – die Gegenwart nur gehört uns, die Zukunft dem allmächtigen Gölte, dem wir unser königliches Schicksal befehlen. Trockne die Tränen, Holde«, sagte er liebreich und besorgt, ihr die zarten Wangen küssend. »Du bist in London bleich geworden, Du sollst in der frischen Landluft wieder schöner erblühen, meine kostbare Rose.«

»Sie kann bleicher werden, die Rose, Sire«, entgegnete Anne, »aber sie wird nicht verblühen, denn sie wurzelt in einer guten Erde, in der Liebe meines Königs. Doch horcht! Man bewegt sich auf dem Hof, Majestät. Die Vorbereitungen zur Jagd haben begonnen!«

»Wahr, ich hatte es in deinem süßen Lächeln vergessen«, sagte Heinrich freundlich. »Eilen wir, uns anzukleiden! Es wird einen herrlichen Tag geben, wir werden reich mit Beute heimkehren.«

Anne war eine treffliche Reiterin und eine ebenso leidenschaftliche Jägerin, wie ihr königlicher Verehrer, der nur selten ohne sie dieses Vergnügen genoss. Er hatte immer bedauert, dass Katharina diese englische Liebhaberei nicht mit ihm teilte.

Einige Wochen später langten der päpstliche Legat und Wolsey auf dem Schloss an. Die Edelleute und königlichen Kammerherren empfingen sie und geleiteten den Legaten mit allen Zeichen der Ehre zu den ihm bereiteten Gemächern. Keiner aber schickte sich an, dem vom Pferd gestiegenen, ermüdeten Kardinal die gleiche Ehre zu erweisen. Verwundert blickte er um sich. Der mühsam unterdrückte Ausdruck von hämischer Schadenfreude in den Gesichtern entging ihm nicht. Eine Ahnung durchzuckte ihn, er war in Ungnade beim König, und diesen Empfang, diese Kränkung verdankte er der Intrige Annes. Aber schnell gefasst, wandte er sich mit einem Blick kalter Würde an den Lord Norris, indem er sagte: »Ich bin müde, Mylord, habt die Güte, mich in meine Gemächer zu führen.« Geistesgegenwart und Hoheit imponieren selbst dem erbittertsten Feinde.

Eine dunkle Röte der Scham bedeckte Lord Norris’ Antlitz, als er zögernd erwiderte:

»Wir bitten um Vergebung, Ehrwürden. Ich wusste nicht, dass auch Ihr erwartet würdet!«

Wolsey warf dem Sprecher einen vorwurfsvollen, scharfen Blick zu, vor dem dieser verlegen die Augen senkte.

»Meine eigenen Gemächer stehen Eurer Ehrwürden zu Gebote«, sagte er mit einer tiefen Verbeugung. »Morgen werde ich mich bemühen, den Fehler wiedergutzumachen.« Bei diesen Worten nahm er ein Licht aus den Händen eines Dieners und schritt dem Kardinal voran, innerlich die Laune Annes verwünschend, welche ihm diese peinliche Aufgabeaufgebürdet hatte.

Wolsey blieb allein in seinem Zimmer. Seine ruhige Fassung schwand; Zorn und gekränkter Hochmut, Hass und Rachsucht gegen die Urheberin dieser Beleidigung tobten in seiner Brust.

Hastig ging er in dem weiten Gemach auf und ab, die Hände krampfhaft wie zum Kampf geballt.

»Ah, falsche, gleißnerische Schlange!«, sprach er dumpf zwischen den Zähnen. »Ich erkenne deinen Biss, du giftige Natter! So dankst du mir meine Güte? Aber warte! Dein Triumph wird kurz sein! Noch bin ich Kardinal in England, noch steht König Heinrichs Ohr den Zuflüsterungen seines Freundes offen! Ich will dir diese Stunde vergelten, Anne, den Weg zum Thron versperren, verfluchte Ketzerin! Wenn erst deine verbuhlte Korrespondenz mit dem König veröffentlicht wird, wenn der Papst und ganz Europa sie hohnlächelnd bespricht – Ah! Wie steht es dann um deinen Tugendschein, du Heuchlerin?«

Am folgenden Morgen fand der großer Empfang im altertümlichen Saal statt. Dicht hinter dem Legaten folgte Wolsey im reichen Gewand, das Haupt stolz und kühn erhoben, das graue Auge ungetrübt und furchtlos.

Heinrich erhob sich von seinem Sessel und ging dem päpstlichen Gesandten einige Schritte entgegen. Den Kardinal würdigte er keines Blickes.

»Ah, hochehrwürdiger Vater, seid uns in unserem Schloss willkommen!« Darauf nahm er den Legaten bei der Hand und führte ihn ans nahe Fenster, wo er sich mit ihm emsig unterhielt.

Wolseys Gegenwart schien vergessen. Die Hofleute warfen sich bedeutsame, triumphierende Blicke zu, welche deutlich sagten: »Wir haben gesiegt, er ist verloren!«

Aber der Kardinal stand ruhig auf seinem Platz, keine Miene verriet die Qual seines Inneren.

Das Zwiegespräch des Königs mit dem Legaten war beendet. Campeggio verließ den Saal. Da trat Wolsey rasch auf den Monarchen zu und beugte in sichtbarer Bewegung demütig die Knie.

Überrascht blickte Heinrich mit gerunzelter Stirn ihn an. Dann flog plötzlich ein freundliches Lächeln über sein Gesicht. Zur großen Bestürzung aller Anwesenden beugte er sich zu dem Knieenden nieder, ergriff hastig dessen Hände und hob ihn mit den Worten auf: »Seid auch Ihr uns herzlich willkommen, Ehrwürden! Ihr tatet recht, den Gesandten Seiner Heiligkeit hierher zu begleiten, denn es verlangte uns nach Euch. Wir haben viel miteinander zu besprechen.« Er legte hierbei, wie er oft zu tun pflegte, vertraulich seinen Arm in den seines Rates und zog ihn beiseite.

»Bei meiner Treu«, flüsterte Graf Rochdale, »was wird Lady Anne dazu sagen!«

»Sie wird wütend werden«, war die heimliche Antwort. »Ich beneide den Unglücklichen nicht, der der Favoritin diese Botschaft überbringt!«

»Seht nur, wie des Kardinals fahles Gesicht vor Freude strahlt«, flüsterte ein anderer Edelmann dem Nachbar zu. »Und wie der König so eifrig, so zärtlich ihn anschaut. Ja, der sitzt noch fest in der königlichen Gnade, sage ich Euch!«

In der Tat, Heinrichs Wesen schien völlig umgewandelt zu sein. In diesem Augenblick waren Unmut und Misstrauen verschwunden. Nur die Anerkennung seiner treuen Dienste, die eigene vieljährige Anhänglichkeit an den schlauen Mann sprachen in Heinrichs Seele. Eine volle Stunde währte die Unterhaltung, dann verließen beide Arm in Arm den Saal, um an dem festlichen Bankett teilzunehmen, das dem Legaten zu Ehren bereitet worden war.

Anne schäumte vor innerer Wut, als sie den unverhofften Erfolg des Wiedersehens vernahm. Doch kannte sie zu gut Heinrichs Natur, um ihren Zorn an den Tag zu legen. Geschlagen war sie zwar abermals, aber sie hielt sich noch nicht für überwunden. Sie berief ihre Kammerfrauen und wählte mit großem Fleiß einen ihrer vorteilhaftesten Anzüge. Sie wollte Anmut und Lieblichkeit dem Einfluss des Gegners entgegenstellen.

Mit einem holdseligen, gewinnenden Lächeln empfing sie ihren Geliebten nach dem Mahl.

»Mein Liebchen«, rief Heinrich, sobald die Diener das Gemach verlassen hatten, »meine süße, teure Maid, freue dich mit mir, unsere Sache steht herrlich. Wolsey hat mir die sicherste Hoffnung gegeben, dass der Papst in meine Scheidung einwilligen wird.«

»Und Majestät glauben ihm?«, war die Antwort. »Oh das gutmütige, leichtgläubige Herz meines Königs!«

»Bei meiner Treu, Anne, dieses Mal tust du dem Mann unrecht. Doch die Zukunft wird ihn rechtfertigen, sage ich dir! Du wirst noch seine treueste Freundin werden!«

»Wenn er meines Königs Vertrauen rechtfertigt, dann werde auch ich ihn lieben«, entgegnete sie zärtlich. »Den heutigen Abend aber, Majestät, hoffe ich, widmet Ihr mir, nicht dem ernsten Politiker.«

»Eifersüchtig, Schätzchen?«, rief der König lachend aus, »eifersüchtig auf den alten treuen Diener?«

»Warum nicht, Sire?«, entgegnete Anne mit einem schmachtenden, koketten Blick ihres dunklen Auges. »Ich will Herrin sein in meines Heinrichs Herzen!«

»Das bist du, wahrlich, du herrschest darin wie ein Tyrann!«, sagte Heinrich lachend.

Die Spieltische wurden gerichtet, eine Leidenschaft, welche bei beiden Verlobten ebenso groß wie die Jagdliebhaberei wurde. Die hohen priesterlichen Gäste wohnten diesem glänzenden Kreis bei und Wolsey wurde von Anne selbst mit meisterhaft geheuchelter Freundlichkeit an den königlichen Tisch gezogen.

Campeggio lehnte still in einem Sessel unweit des Tisches und beobachtete die Spieler.

Alles war in der rosigsten Laune, Annes Witzworte und Scherze belebten die ganze Gesellschaft. Der König schwamm in einem Übermaß von Wonne und Entzücken, selbst Wolsey wurde durch Annes herzliches, achtungsvolles Benehmen an ihr irre.

Man spielte hoch und leidenschaftlich. Der König jedoch, mehr in die glänzenden Augen seiner Braut schauend, als auf die Karten, verlor an diese gegen hundert Kronen, eine für jene Zeit bedeutende Summe.

»Genug für heute«, sagte er nach einigen Stunden, »wir dürfen unsere Gäste nicht zu lange aufhalten, Lady Anne. Die Pflicht gebietet, dass wir uns Eurer holden Gegenwart entziehen. Kommt mit mir, Kardinal, wir müssen vor morgen noch viel miteinander besprechen.«

Bei diesen Worten ergriff er den Arm des glücklichen Kardinals und verließ mit ihm den Saal.

Eine dunkle Wolke des Unmuts flog über Annes bisher so strahlendes Antlitz, ein Blick voller Rachsucht und Hass folgte den beiden Männern.

Campeggio bemerkte ihn und lächelte still vor sich hin.

»Erlaubt, dass ich mich zurückziehe, edle Lady«, sprach er mit sanfter Stimme und geschmeidiger Wendung. »Ich habe morgen eine lange Reise anzutreten, zu der ich Kräfte bedarf.«

»Lasst Euch durch uns nicht der Ruhe berauben, Hochehrwürden«, entgegnete Anne mit lieblicher Demut. Gedenkt unser väterlich in Eurer Fürbitte und Andacht.«

Sie bot ihm mit würdevoller Freundlichkeit die Hand dar, welche der Legat mit italienischer Galanterie an seine Lippen führte.

»Diese kleine Hand wird einst Glück und Segen spenden«, flüsterte er mit Bedeutung, indem er sich verbeugte.

»So Gott und Seine Heiligkeit es wollen«, war die ebenso leise Antwort.

»Verlasst Euch auf mich, Lady Anne«, erwiderte der Legat und legte dann zum Zeichen seiner Aufrichtigkeit seine eigene Hand aufs Herz.

Anne errötete und wandte sich ab.

Falsche Seele, falsches Herz!, dachte sie bei sich. Lieber gäbst du mir den Tod, als dass du meine Sache beim Papst führtest!

Mitternacht war längst vorüber, aber die Hauptbewohner des Schlosses hatten sich noch nicht zur Ruhe begeben.

Nachdem der Kardinal nach zweistündiger Konferenz von seinem Monarchen entlassen worden war, schlich er leise und, wie er hoffte, unbemerkt zum Gemach Campeggios.

Der Legat war noch angekleidet; ersichtlich hatte er den späten Besuch erwartet.

»Eure Unterhaltung hat lange gewährt!«, rief er lächelnd. »Dies ist ein schöner Triumph für Euch, Kardinal.«

»Noch mehr hat mich die gnädige Gesinnung meines Herrn erfreut«, antwortete Wolsey. Dieses Mal sprach er kein leeres Wort, denn er liebte Heinrich von ganzer Seele. »Ich habe nicht recht gegen ihn gehandelt, mein Freund!«, fuhr Wolsey nach einer Pause lebhaft bewegt fort. »Jene Papiere, die ich Euch verschaffte, gebt sie mir wieder!«

»Kardinal, Ihr seid schwächer, als ich glaubte. Einige Worte des Zutrauens, der Schmeichelei machen Euch in allen guten Vorsätzen, die zum Besten der Heiligen Kirche gefasst werden, wankend. Bedenkt, wie Seine Heiligkeit und die erhabene Familie einer christlich frommen Frau, die rechtmäßige Königin, auf Euren Beistand zur Lösung des Elends hoffen.«

»Ich will alles tun, um sie, die Ketzerin, zu verderben, zu stürzen«, sagte Wolsey finster. »Aber dieser Verrat trifft auch die Ehre meines Herrn, des Herrn, dem ich mehr gedient habe, als meinem Gewissen. Gebt sie zurück, Ehrwürden, die Briefe dürfen nicht gelesen werden!«

»Ich bedaure, dass Eure Reue zu spät kommt, Kardinal«, entgegnete Campeggio kalt. »Es ist schon Sorge getragen worden, dass sie sicher aus England gelangen.«

»Wie, Ihr habt sie aus Euren Händen gegeben?«, rief Wolsey bestürzt aus.

»Ja, um sie besser zu wahren. Werden sie früher vermisst, ehe ich das Land verlasse, so fiele der Verdacht auf mich. Mein Sekretär ist bereits vor meiner Abreise aus London damit zu Schiff gegangen und erwartet mich in Paris.«

Wolsey schloss krampfhaft die Hände in einander. Ein wehmütiger Ausdruck flog über sein fahles Gesicht. »Ich werde untergehen«, sagte er leise, wie im Traum redend. »Das Schicksal hat es beschlossen, ich weiß es, aber ich will die Stunde wie ein Mann erwarten! Wir brechen wohl früh auf?«, wandte er sich dann an Campeggio.

»Ich denke, mit Tagesanbruch, Sir.«

»Ihr müsst bis Mittag warten«, sagte Wolsey, »denn es findet morgen ein Treibjagen statt. Seine Majestät haben den Wunsch auszusprechen geruht, mich noch einmal vor der Abreise zu sprechen. Er wollte deshalb seine Rückkehr auf Mittag festlegen.«

»Gut, sei es denn; ich werde nicht unlieb die Sirene wiedersehen, die unser aller Köpfe verwirrt! Bei unserem heiligen Schutzpatron, Wolsey, Lady Anne ist ein reizendes Weib. Katharina wäre verloren, stände diese Ketzerin mit ihrem holdseligen Lächeln Seiner Heiligkeit oder dem Kaiser gegenüber!«

»Ja, sie ist schön, aber schon ist die erste frische Blüte von den Wangen abgestreift. So ruhig sie auch äußerlich erscheint, ich lese dennoch in ihrer Seele, dass heimlich Kummer, Angst und Sorge sie verzehren. Wie kann es anders sein in ihrer Lage und einem Mann gegenüber, der so launenhaft und veränderlich ist?«

»Noch gebe ich nicht die Hoffnung auf, unsere erhabene Königin wieder in ihre Rechte eingesetzt zu sehen«, bemerkte Campeggio, »und England dem Papst zu erhalten. Wenn sich die päpstliche Entscheidung in die Länge zieht, wofür wir Sorge tragen werden, dann möchte alles von Heinrichs eigenem Wankelmut zu erwarten sein.«

Aber der Kardinal schüttelte das Haupt. »Hofft nichts davon, Ehrwürden. Anne ist zu klug, um sich dem König früher zu ergeben, als er diese Gunst durch eine Krone erkaufen kann. Nein, ihre Tugend entflammt ihn zu neuer Liebe, spornt ihn zur Ausdauer. Später, wenn die Hindernisse beseitigt sind, Annes Schönheit verblüht, dann, mein Freund, können wir erst hoffen, den ketzerischen Einfluss vom Hof und aus dem Land zu verbannen. Doch gute Nacht! Vertraut mir und meinem Eifer für die Sache unserer heiligen Kirche.«

Bei diesen Worten verließ er das Gemach.

Auch Anne schlief nicht. Sie hatte heimlich ihren Oheim, Lord Norfolk, und einige andere Herren des Hofes noch bei sich empfangen. Neue Pläne wurden hier in der Stille der Nacht zum Sturz des königlichen Günstlings geschmiedet. Der Kammerherr Norris, der Vertraute Heinrichs und gleichfalls ein eifriger Verehrer der neuen Sonne, überbrachte ihnen die Abschiedsworte des Königs, welche dieser auf der Schwelle seines Gemaches an Wolsey gerichtet hatte.

»Ah!«, sagte Anne, »es ist wahr, morgen ist wieder eine große Jagd, und Seine Majestät will sich wirklich das Vergnügen kürzen, um den Kardinal noch einmal zu sehen?«

»So ist es, Mylady!«

»Wenn man nur ein Mittel wüsste, wodurch der König von dem Wiedersehen abgehalten würde!«, sagte Norfolk.

»Was würde uns das helfen!«, rief Anne ärgerlich aus.

»Ich meine«, war die Antwort, »Zeit gewonnen, ist halber Sieg. Wir bleiben noch einige Wochen hier. Man kann nicht wissen, was da geschieht. Du, meine liebe Nichte, musst deine ganze Kraft aufbieten, um Wolseys Einfluss zu schwächen. In seiner Abwesenheit ist dies nicht unmöglich.«

»Ja, Ihr habt recht, Oheim! Ich werde es versuchen, gleich morgen. Ich will der Jagd beiwohnen, obwohl ich es dem König abgeschlagen habe. Ich werde ihn hinzuhalten versuchen, dass er erst nach der Abreise der Priester zurückkehrt. Norris, meldet meinen Entschluss dem König!«

Am anderen Morgen empfing der König seine Geliebte mit aller Wärme seines leidenschaftlichen Wesens. Annes Begleitung versetzte ihn in die froheste Stimmung. Ihre Schönheit, von der Aufregung erhöht, erfüllte ihn abermals mit der zärtlichsten Bewunderung und Anne verdiente dieselbe. Das reich mit Silber gestickte, grüne Jagdkleid hob herrlich das schöne Ebenmaß ihrer schlanken Gestalt hervor, das Samtbarett mit der weißen langen Feder belebte ihr frisches, feuriges Antlitz.

Unter der bezauberndsten Liebenswürdigkeit, den lebendigsten Scherzen und Schmeicheleien, dem aufregenden Treiben der Jagd verfloss der schöne Morgen.

Gegen Mittag hielt der König plötzlich sein Ross an und gebot zur Umkehr zu blasen.

»Wie, Majestät, jetzt schon?«, rief Anne erstaunt. »O, nicht doch, Sire! Bei dieser Hitze müssen wir im Schatten des schönen Waldes einige Stunden ausruhen. Ich habe im Voraus dafür Sorge getragen, Sire. Wollt Ihr die Güte haben, mich eine kleine Strecke tiefer in den Wald zu begleiten.«

Sie sprang bei diesen Worten leicht von ihrem Zelter und nahm den unschlüssigen König bei der Hand. Als er ein im dichten Gebüsch aufgeschlagenes Zelt gewahrte, stieß er einen Ruf der Überraschung und der Freude aus.

»Nicht wahr, wir haben gut gewählt, Sire?«, sprach die schöne Sirene. »Tretet ein und erquickt Euch an dem fröhlichen Mahl, das die Waldnymphen ihrem ritterlichen Herrn bereitet.«

Heinrich küsste seiner Führerin die Hand. Sie war unwiderstehlich in diesem Augenblick.

Die Zeit verging. Heinrich mahnte wiederum zur Umkehr. Selbst in den Armen seiner Geliebten vergaß er den Freund nicht.

»Es tut mir leid, diesen schönen Tag abzukürzen, mein Liebling«, sagte er verlegen, »allein es muss sein. Ich habe Wolsey fest versprochen, noch vor dessen Abreise heimzukehren.«

»Also schon wieder muss ich um des hässlichen Mannes willen in den Hintergrund treten!«, rief Anne mit Tränen des Unmutes im Auge aus. »Majestät belieben mit mir zu scherzen, wenn Sie da noch von Liebe reden! Nein, Ihr liebt mich nicht, Sire!«

Sie versuchte sich hastig von seinem umschlingenden Arm loszumachen, aber Heinrich, an ähnliche Ausbrüche gewöhnt, lächelte und umschlang sie fester.

»Törichtes Kind! Ich liebe Euch weit mehr als alles auf Erden, das wisst Ihr recht gut.

Aber eben, weil ich Euch so herzinniglich liebe und anbete, eben um unser beider Glück darf und will ich nicht mit Wolsey brechen. Bedenkt, liebes Schätzchen, wer würde ihn ersetzen? Wer treuer für uns im Stillen arbeiten? Glaubt mir, was auch seine Fehler sein mögen, die Klugheit, wenn nicht meine Dankbarkeit, erheischt es, dass wir seine Freundschaft wahren.«

»Er hat mir nie genützt«, sagte Anne schmollend, »nur geschadet, da er mir des Königs Herz zur Hälfte raubt. Er mag es wissen, dass ich ihn hasse, immer hassen werde, Sire!«

»So verbergt wenigstens diesen Hass, Anne. Er verdirbt unsere Sache mehr, als Ihr glaubt. Ein einziges freundliches Wort, ein gütiges Lächeln, und der stolze Mann läge zu Euren Füßen. Versucht es um meinetwillen, Anne. Es ist das erste Opfer, welches ich von Euch begehre.«

Heinrichs Miene war bei den letzten Worten ernst geworden. Anne, welche ihre Grenzen allzu wohl kannte, sah die Notwendigkeit ein, sich dem königlichen Wunsch oder Befehl zu fügen.

»Vergebt mir, Majestät«, sagte sie plötzlich weich und bittend, »ich habe gefehlt! Von nun an sollt Ihr mit meinem Benehmen zufrieden sein.«

»Lasst uns sogleich nach Grafton aufbrechen, vielleicht kommen wir noch zeitig dort an.«

Heinrich umarmte sie stürmisch und führte sie zum Zelt hinaus. Draußen wurden rasch die Pferde wieder vorgeführt und das hohe Paar ritt im scharfen Trab dem Schloss zu.

Sie kamen dennoch zu spät; die Priester waren abgereist.

»Seine Ehrwürden haben lange gewartet, Majestät«, berichtete ein Kammerdiener. »Aber der Legat trieb zur Abfahrt. Er wollte sofort nach Dover.«

Anne warf ihrem Oheim einen triumphierenden Blick zu. Der König jedoch begab sich mit finsterer Stirn, ohne ein Wort zu reden, in sein Zimmer. Man sah ihn an dem Tag nicht mehr. Noch an demselben Abend ging jedoch ein Kurier mit einem eigenhändigen Schreiben von ihm an den Kardinal nach London ab. Auf Heinrichs Antlitz blieb ein Ausdruck geheimer Sorge, den keine Liebenswürdigkeit Annes, keine Zärtlichkeit gänzlich verscheuchte.

Einige Wochen waren vergangen, als Heinrich plötzlich unangemeldet mit einem offenen Schreiben in Annes Gemach trat. Seine Augen funkelten, die Augenbrauen waren finster zusammengezogen, um seinen Mund zitterte das bekannte konvulsivische Zucken. Erschrocken stieß Anne ihren Stickrahmen von sich und trat ihm einige Schritte entgegen. Auf einen Wink von ihr entfernten sich rasch die Hofdamen.

»Meine Schwester, Lady Mary, meldet mir soeben, dass meine geheime Schatulle aufgebrochen und unsere sämtliche Korrespondenz entwendet worden sei«, sagte Heinrich mit dumpfer Stimme.

»Das ist Wolseys Werk!«, rief Anne aus.

»Wolsey ist kein Dieb, Lady Anne«, fuhr sie der König zornig an. »Merkt Euch ein für alle Mal, dass ich meinen treuesten Diener mit Achtung behandelt sehen will, auch von meiner zukünftigen Gemahlin.«

Anne erschrak. Es war das erste unfreundliche Wort, das der König an sie gerichtet hatte.

»Lady Mary meldet mir«, fuhr Heinrich fort, »dass Wolsey in Verzweiflung sei. Ihn kann der Verdacht nicht treffen. Es muss die Bosheit eines der vielen papistischen Spione sein, von denen wir umringt sind.«

»Und doch, wer anders als der Kardinal hatte Zutritt in Euer geheimes Kabinett, Sire? Wer außer ihm wusste, dass Ihr dort unsere Briefe aufhebt?«

»Seltsam«, sagte Heinrich verwirrt, »mir schwindelt es vor den Augen; wenn es wahr wäre! Doch nein, ich will es nimmermehr glauben. Er hatte mir nie den Schmerz bereitet, denn nicht um mein halbes Königreich hätte ich diese Briefe hingegeben.«

»Aber Sire, worin kann ihre Entwendung Euch schaden? Ist doch unsere Liebe längst kein Geheimnis.«

»Nein, aber ich stehe vor dem Papst und dem Kaiser als ein Lügner da«, sagte finster Heinrich. »Sie werden daraus sehen, dass nicht Gewissensskrupel allein, auch die Liebe zu dir mich diese Scheidung wünschen lässt.«

»Könnte nicht Campeggio an der Sache beteiligt sein?«, fragte Anne.

Heinrich fuhr heftig zusammen. »Campeggio! Bei meiner heiligen Patronin, an ihn hatte ich nicht gedacht! Ja, der Streich sieht dem falschen kriechenden italienischen Höfling gleich!«

Er stampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden, worauf ein Edelmann bestürzt eintrat.

»Lasst Lord Norris und den Grafen Norfolk rufen!«, befahl der König.

Die beiden Herren erschienen auf den Bescheid. Heinrich berichtete das Vorgefallene und befahl, dem Legaten nachzureisen und, wenn er noch in England an der Küste verweilen sollte, dessen Bagage zu untersuchen. Im Falle er des Diebstahls überführt würde, sollte er selbst als Gefangener in den Tower gebracht werden.

Campeggio hielt sich noch in Dover auf. Das stürmische Wetter und ein leichtes Unwohlsein hatte seine Abreise verzögert.

Mit der gewohnten Höflichkeit empfing er die Abgesandten Heinrichs. Nachdem er deren Auftrag vernommen hatte, ließ er sein sämtliches Gepäck herbeiführen und vor deren Augen öffnen.

Natürlich fand sich keine Spur von den vermissten Briefen. Betroffen und ärgerlich schieden die Edelleute von ihm, um dem König von ihrer vergeblichen Sendung Nachricht zu bringen.

Campeggios Lippen aber verzerrten sich höhnisch, und geringschätzig zuckte er die Achseln.

Als ob ich ein solcher Narr wäre, die Briefe bei mir zu behalten, dachte er. Jetzt, König Heinrich, wird die Tugendmaske dir und deiner heuchlerischen Ketzerin abgerissen. Ganz Europa soll erfahren, welche Gewissensskrupel dich zur Trennung von Weib und Kind trieben.5

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  1. Geschichtlich
  2. Im »Strand«
  3. Das jetzige Whitehall
  4. Yorkhouse gefiel dem habsüchtigen Heinrich so gut, dass er es dem Eigentümer nie zurückgab.
  5. Die Briefe befinden sich noch im Vatikan.

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