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Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten – Teil 12

Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten, vorzüglich neuester Zeit
Erzählt und erklärt von Gottfried Immanuel Wenzel
Prag und Leipzig 1793

Die Toten stehen auf.

Frau Bärbel: »Wie gesagt, keinen Tropfen mehr! Der Wächter hat schon elf gerufen. Ihr wisst, morgen ist Allerseelentag. Meine Leute müssen früh zur Kirche, und es ist schon spät in die Nacht.«

Ein Bauer: »Ei, was schert uns das? Ihr seid Wirtin, und hiermit holla! Eine Kanne noch.«

Ein Fischer: »Und eine Bohle Branntwein, hört Ihr’s!«

Frau Bärbel: »Ich schenke wahrhaftig nicht ein.«

Ein anderer Bauer: »Schenkt ein oder …!« (schlägt auf den Tisch)

Der erste Bauer: »Blitz, Stern und Hagel! Bedient Eure Gäste!«

Der Fischer: »Kommt Gevatter, will sie nicht, so wollen wir dem Fass zusprechen. Es muss nass geben, so wahr ich Jobsen heiße!«

Die Wirtin gab nach und holte Bier und Branntwein. Mein Korrespondent tat, als schliefe er. Die Bauern tranken und setzten ihr unterbrochenes Gespräch fort.

Der erste Bauer: »Mein Seel! Je mehr ich dem Zeugs nachdenke, um so wunderlicher wird mir’s. Sagt die Wahrheit, Gevatter, Ihr habt uns wohl so ein wenig die Nase drehen wollen, nicht wahr? Einen Bären aufgebunden, ist’s nicht so?«

Der Fischer: »Glaubt’s oder glaubt’s nicht, mir gilt’s gleich viel. Ich weiß, was ich weiß, und kann, was ich kann.«

Der andere Bauer: »Hab mein Tage gehört, dass Jäger, Brauer, Müller und Fischer allerlei Hexenzeug verstehen.«

Der Fischer: »Besonders die Fischer. Seht, ich brate mir einen Hecht, esse ihn bis auf die Beine auf, werfe diese ins Wasser, und ein neuer Hecht wird wieder daraus.«

Der erste Bauer: »Gute Gesundheit, Gevatter Jobsen!«

Der Fischer: »Oder ich stürze mich, so, wie ich da bin, in den Weiher, schwimme bis ans andere Ufer, und kein Faden an mir wird nass.«

Der andere Bauer: »Das ist viel, in der Tat viel …«

Der erste Bauer: »Kunz, seid doch kein Kind und glaubt so was nicht!«

Der Fischer: »Oder ich schöpfe in der Christnacht Wasser in einen neuen, noch ungebrauchten Topf und sehe darin, was für Glück oder Unglück mir dieses Jahr begegnen wird.«

Der erste Bauer: »Was gebt Ihr mir, Jobsen, wenn ich sage, Ihr habt nicht gelogen?«

Der andere Bauer: »Ihr wollt aber auch gar nichts glauben, und doch weiß ich selbst Dinge, die eben so seltsam und wunderbar sind und sich doch wirklich ereigneten. So zum Exempel …«

Der Fischer: »Lasst’s gut sein, Kunz. Gevatter Velten wird’s schon leichter geben, wenn ich …«

Der erste Bauer: »Wenn ihr kein Lügner seid. So lasst uns sehen, was ihr kennt.

Versteht sich, wenn’s mit Rechtem zugeht und der Schwarze dabei nicht mit im Spiel ist.«

Der andere Bauer: »Ja, Jobs, tut das! Ich lass es mir ein gut Stück Geld kosten. Seht hier einen schönen blanken Taler …«

Der erste Bauer: »Ich lege auch einen zu – um Jobs.«

Der Fischer: »Ein Wort, ein Mann! Morgen ist Seelentag, das wisst ihr. Wenn nun früh gegen 4 Uhr einer aus euch draußen am Gottesacker die Seelen auf den Gräbern herumgehen sieht, so denkt nur, dies je Jobsen getan. Frau Bärbel, nehmt indessen das Geld in Verwahrung.«

Der erste Bauer: »Die Seelen herum gehen?«

Der andere Bauer: »Am Gottesacker draußen, vorm Dorfe?«

Der Fischer: »Ja, ja, mit einem Schein umgeben, wenn sie im Himmel sind.«

Der erste Bauer: »Nu, wenn das wahr ist!«

Die Bauern zahlten die Zeche und gingen.

Mein Korrespondent stand schon um 3 Uhr auf und begab sich auf jeden Fall auf den Gottesacker. Kunz, Velten, und mehrere andere Bauern waren bereits am Hügel versammelt, von dem sie das Leichenfeld übersehen konnten. Mein Korrespondent stellte sich unter sie. Man wartete nicht lange, so kam bald hier, bald dort eine kleine Flamme zum Vorschein, bis endlich alle Hügel voll waren. Die Flämmchen bewegten sich auf den Gräbern, und eines verschwand nach dem anderen.

Die Bauern erschraken, und schrien: »Die Toten stehen auf!« Sie bekreuzigten sich, beteten, sprachen kein Wort und gingen nachdenkend auseinander. Des Morgens zechte schon Jobs im Wirtshaus. Das ganze Dorf glaubte fest, seine Verstorbenen gesehen zu haben, und staunten Jobsen, den Fischer, an.

Aufschluss

Jobs, der mit seinen Abenteuern die Bauern nur zum Besten hatte, und sich damit eine Art vom Ansehen geben wollte und umsonst trank, ließ sich, als er die schönen blanken Taler sah, bewegen, dieses Stückchen zu spielen. Er tat es so: Zu Hause hatte er Krebse in seinem Behälter, und seine Frau verkaufte kleine Wachskerzen an der Kirchtür, von denen sie eben einen starken Vorrat besaßen, weil das andächtige Volk am Allerseelentag viel von dieser Ware zu verbrauchen pflegt. Jobs nahm also einige Schock Krebse und ebenso viele Kerzen befestigte jedem Krebs eines auf dem Rücken, zündete es an und ließ so diese Tiere durch ein Loch unten an der Mauer auf den Gottesacker kriechen. Die Krebse mit brennenden Kerzen auf dem Rücken waren also die Seelen, umgeben mit einem Schein.

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