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Der Detektiv – Der Fakir von Nagpur – 2. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der Fakir von Nagpur
2. Kapitel

Das Auto des Nizam

Wir saßen wieder in unserem Zimmer. Harst stierte mit gerunzelter Stirn geistesabwesend vor sich hin. Ich wagte ihn in seinen Gedanken nicht zu stören. Plötzlich sagte er dann leise: »Warbatty hat in seinem sogenannten Testament selbst erklärt, dass er sich für geistig nicht normal hält. Auch mir ist dieser Gedanke bereits früher gekommen. Und – es wird sicherlich zutreffen! Dieser Verbrecher gehört zu jenen krankhaft veranlagten Personen, bei denen die Intelligenz lediglich für verbrecherische Zwecke ausgenutzt wird, bei denen der Trieb zum Verbrechen so stark entwickelt ist, wie etwa bei einer anderen Art von Geistesgestörten die Sucht, ganz zwecklos Gebäude anzuzünden oder Tiere qualvoll zu töten. Ich wünschte, ich wäre Warbatty nie begegnet – nie! Die Vorstellung, gegen einen Wahnsinnigen zu kämpfen, hat für mich etwas Lähmendes.«

Ich begriff das vollständig.

Harst holte aus seinem Koffer eine Kognakflasche hervor, schenkte uns die kleinen Aluminiumbecher voll und trank mir mit den Worten zu:

»Ich bin neugierig, was sich hinter dem Gesuch in der Zeitung verbirgt. Ich habe heute bereits einen Brief nach Nagpur vorausgeschickt …«

Mir hatte er dies bisher verschwiegen.

»Du glaubst also, dass es mit dieser Anzeige eine besondere Bewandtnis haben müsse?«, fragte ich nun.

»Ohne Zweifel. Die Annonce ist jetzt siebenmal erschienen. Sie ist von großem Umfang. Die wichtigsten Worte sind gesperrt gedruckt. Der dreifache Rand macht sie noch auffälliger. Billig kann sie nicht sein. Und – zwecklos wirft niemand sein Geld zum Fenster hinaus. Nein, mir klingt dieses Gesuch wie ein Hilferuf. Jemand, der sich von einer Gefahr umgeben weiß und doch davon nur kaum merkliche Anzeichen spürt, hat dieses Inserat in der Angst, eines Tages sich dieser Gefahr in einer bis dahin unmöglich zu ahnenden Art und Größe gegenüber zu sehen, eingerückt. Es muss etwas Geheimnisvolles dabei mitspielen. Sonst hätte dieser jemand wohl die Hilfe der Polizei in Anspruch genommen, etwas Geheimnisvolles und gleichzeitig das Privatleben des Betreffenden Berührendes. Die Öffentlichkeit weiß bisher jedenfalls nichts von diesen Dingen. Ich habe die Zeitungen der letzten Wochen durchgeblättert. Nirgends war auch nur ein Vorfall vermerkt, der irgendwie mit diesem Masty-Mastra-Inserat hätte in Verbindung gebracht wenden können.«

Mein Interesse an der immerhin ungewöhnlichen Anzeige war bereits im Schwinden begriffen. Ich hatte ja schon vorher Harst noch über dieses letzte entsetzliche Verbrechen Warbattys, diese Übermittlung einer Todesdrohung an Harst durch einen Sterbenden, etwas fragen wollen. Ich tat es jetzt.

»Würdest du mir deine Ansicht darüber entwickeln, weshalb Warbatty seinen Komplizen Ernst Müller in dieser Weise hingeschlachtet hat? Lediglich, um seinen Helfershelfer für immer stumm zu machen?«

»Nur deshalb? Nein! Ich bin überzeugt, Warbatty lag weit mehr daran, mir zu beweisen, wie groß seine Macht ist, was er alles zu bewerkstelligen vermag. Er ist überaus eitel. Er versucht, mir zu imponieren, nebenbei mich auch einzuschüchtern. Ich gebe zu, dass so manchen dieses grausige Bild des die Worte lallenden Menschen in der Kiste in Gedanken an ein ähnliches Schicksal abgeschreckt hätte, mit Warbatty weiterhin anzubinden. Selbst mir ist dieser entsetzliche Anblick stark an die Nerven gegangen.«

Er füllte die kleinen Becher abermals mit Kognak.

Dann schickte er mich zu Bett. »Ruhe dich aus, lieber Schraut. Du hast ohnedies nur noch drei und eine halbe Stunde zu schlafen. Und du bist der Ältere von uns. Ich werde packen. Um sechs Uhr steht das Auto des Nizam (Fürsten) von Haidarabad für uns vor der Tür …«

Ich erwachte um halb sechs ganz von selbst. Im Zimmer war es bereits taghell. Ich sah Harst in einem der Sessel sitzen und eine Zigarette rauchen, sah sein Bett unberührt, sah auf der Aschenschale mindestens fünfzehn Mundstücke von Zigaretten liegen.

Er nickte mir zu, lächelte, meinte: »Ja, lieber Kerl, wenn man im Erdgeschoss wohnt und wenn man einen Warbatty zum Feind hat, wenn die Fenster keine Laden haben und die Oberfenster sogar nur mit Drahtgaze bespannt sind, dann tut man besser, die Nacht über Licht brennen zu lassen und zu wachen.«

Eine halbe Stunde darauf verließen wir den Speisesaal, wo wir noch schnell gefrühstückt hatten, und bestiegen das Auto Seiner Hoheit des Nizam von Haidarabad, das dieser uns liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt hatte.

Der Chauffeur trug die Abzeichen der fürstlichen Beamten. Er war ein Inder. Ebenso auch der Diener, der neben dem geöffneten Schlag stand und der sich mit über der Brust gekreuzten Armen tief verneigte. Dann sagte er wie auswendig gelernt: »Seine Hoheit grüßt den deutschen Sahib Harst und wünscht glückliche Reise.«

Das große, bequeme, offene Auto glitt davon. Wir hätten auch mit der Bahn sehr bequem Nagpur erreichen können. Harst jedoch wollte einmal vom Auto aus Indien kennenlernen, zumal die Hauptverkehrsstraße nach Norden zu sich in tadellosem Zustand befinden sollte.

Unsere Koffer waren hinten auf dem Gepäckhalter aufgeschnallt. Nur unsere Büchsen hatten wir auf Anraten des englischen Residenten, der Harst einen Höflichkeitsbesuch gestern gemacht und ihm für Nagpur ein Empfehlungsschreiben an den dortigen höchsten Verwaltungsbeamten mitgegeben hatte, neben uns gestellt, da man in den gebirgigen Gegenden zuweilen auf Bergziegen zum Schuss kommen sollte.

Mittags erreichten wir die unbedeutende Stadt Medik. Sie liegt am Nordabhang eines Höhenzuges, den der Kraftwagen nur dank seines starken Motors auf dem Serpentinenweg überwand.

Es war glühend heiß. Trotz unserer Gesichts- und Nackenschleier hatten wir auf den Wangen Sonnenbrand. Wir machten am Rasthaus in Medik halt. Dieser Ersatz für Hotels ist in kleineren Orten Indiens die einzige Möglichkeit, Unterkunft zu erhalten, falls man nicht gerade unbekannte Europäer um ein Quartier bitten will.

Wir ruhten hier zwei Stunden aus. Entweder war Harst wirklich ebenso erschöpft von der Fahrt wie ich, oder aber er hatte wieder seinen schweigsamen Tag. Unser leidlich sauberes Zimmer mit den leichten Bettgestellen wurde durch eine Riesenpunka (beweglicher Fächer) einigermaßen abgekühlt. Harst lag mit offenen Augen da und regte sich nicht. An Schlafen war nicht zu denken. Meine Versuche, wenigstens eine gleichgültige Unterhaltung zu beginnen, schlugen fehl.

Das Rasthaus war außer uns nur von wenigen Eingeborenen besetzt. Die wie bei den Bungalows der Europäer um das Haus herumlaufende Veranda diente in recht störender Weise dem allgemeinen Verkehr. Vor den nur mit Gaze überzogenen Fenstern eilten immer wieder Gestalten vorbei und brachten die Dielen der Veranda zu misstönendem Knarren.

»Weshalb bist du eigentlich so nachdenklich?«, fragte ich Harst abermals, nachdem ich vorhin auf dieselbe Frage keine Antwort erhalten hatte.

»Ich überlege, ob wir nicht doch lieber mit der Bahn die Reise fortsetzen sollen. Dieses Städtchen hier ist Station der Strecke nach Nagpur. Wir hätten es also sehr bequem, könnten das Auto zurückschicken und den Abendzug benutzen.«

Ich war überrascht.

»Weshalb denn so mit einem Mal diese interessante Fahrt aufgeben?«, meinte ich und setzte mich aufrecht auf den Bettrand.

»Weshalb? Hm – die Fahrt ist mir zu interessant, zu aufregend. Aber das dürfte schon unser Diener sein, der da anklopft. Herein!«

Der hagere Inder trat ein, verbeugte sich und fragte: »Sahib, werden wir jetzt aufbrechen? Die zwei Stunden sind um.«

»Ja. Nimm nur gleich unsere Büchsen mit …«

Diese standen in einer Ecke. Der Inder verließ mit ihnen das Zimmer, nachdem er noch erklärt hatte, der Kraftwagen würde nach fünf Minuten vor dem Haupteingang bereitstehen.

Harst war mit einem Satz aus dem Bett, kam dicht zu mir heran und nahm neben mir Platz.

»Schraut,« flüsterte er leise, »jetzt werde ich die Entscheidung herbeiführen. Warte hier. Ich bin sofort zurück.«

Ich blieb mit einem recht verständnislosen Gesicht auf dem Bettrand sitzen. Ich hörte, wie Harst von der Veranda aus dem Diener zurief, er wolle sich nur noch Zigaretten kaufen. Das Auto solle erst nach zehn Minuten vorfahren.

Die zehn Minuten waren noch nicht um, als er plötzlich vergnügt pfeifend eintrat.

»So – alles erledigt. Ich habe bei der hiesigen Polizeistation sofort Unterstützung erhalten«, meinte er. »Aha – der Kraftwagen kommt schon um das Haus herum. Nimm deinen Revolver und stecke ihn entsichert in die Außentasche.«

»Was in aller Welt bedeutet das?«, fragte ich kopfschüttelnd. »Polizei … Revolver … ja, was …«

»Vorwärts – die Geschichte kann beginnen«, unterbrach er mich. »Sollte einer der Halunken fliehen wollen, so knalle ihm in die Beine …«

Er ging voran. Das Auto stand auf der Straße, der Diener des Nizam am offenen Schlag; ganz wie bei der Abfahrt aus Haidarabad.

Unsere Gewehre lehnten neben den Sitzen im Inneren des Wagens. Und ich begriff nichts – nichts!

Vor dem Rasthaus hatte sich eine Schar splitternackter Kinder und Zuschauer einige erwachsene Neugierige eingefunden. Für das Städtchen war ein Auto mit dem Schlangenwappen des Nizam und den uniformierten beiden Leuten eine kleine Sensation.

Harst tat, als wollte er einsteigen, ergriff dann aber die beiden Gewehre, öffnete blitzschnell bei dem einen die Kammer und rief sofort dem schwarzbärtigen Inder, dem Diener des Nizam, zu: »Wer hat die Patronen aus den Läufen entfernt?«

»Ich tat es, Sahib«, dienerte der Inder unterwürfig. »Die Büchsen hätten vielleicht beim Stoßen des Wagens von selbst sich entladen können …«

Das Weitere spielte sich so schnell ab, dass ich kaum recht die Vorgänge verfolgen konnte.

Plötzlich sprangen zwei der Neugierigen, zwei baumlange braune Kerle, dem Chauffeur an den Hals, rissen ihn aus dem Wagen heraus.

Harst selbst hatte auf den Diener mit dem Revolver angeschlagen, drohte ihm: »Keine Bewegung, mein Bursche, sonst knallt es!«

Und noch zwei einheimische Polizisten, die sich schnell in harmlose Zuschauer verwandelt hatten, nachdem Harst auf der Polizeistation gewesen war, mischten sich ein, packten den Diener, rangen ihn zu Boden und nahmen ihm zwei geladene Revolver und einen Dolch ab.

Auch der braune Chauffeur war genauso bewaffnet gewesen.

Die beiden Kerle wurden gebunden. Dann stellte Harst auf offener Straße mit ihnen in Gegenwart des Polizeimeisters von Medik ein kurzes Verhör an.

»Wem gehört das Auto?«, fragte er den Chauffeur, der offenbar der Intelligentere der beiden war.

Der Inder schwieg. Doch der Polizeimeister wusste mit diesen Leuten umzugehen.

»Ich lasse dich sofort aufhängen, wenn du nicht die Wahrheit sagst«, donnerte er den verstockt Dastehenden an. »Ich habe dich längst an der Tätowierung auf den Backen erkannt. Du bist der steckbrieflich gesuchte frühere Chauffeur des Oberrichters aus Haidarabad. Du hast deinem Herrn außer Geld auch allerhand Papiere gestohlen …«

Das genügte. Der Inder wurde gefügig.

»Das Auto wurde vor zwei Wochen durch einen Beauftragten des Nizam an den Kaufmann Sadik Gassar in Haidarabad verkauft, da es dem Nizam nicht gefiel. Sadik hat es gestern Vormittag einem Mann geliehen, der sehr viel dafür bezahlte, den ich aber nur einmal gesehen habe, nämlich als er mich und Achmed in einer Teestube anwarb.«

»Nur einmal?«, meinte Harst zweifelnd.

»Ja, Sahib, nur einmal. Der Mann war ein Goanese, der Tracht nach (Bewohner der portugiesischen Kolonie Goa). Er war sehr klein und mager. Und er hatte an der linken Hand nur vier Finger …«

»Aha!«, machte Harst. »Dachte ich mir! Und dieser Goanese hat euch beide für diese Fahrt angeworben und für euch auch die Uniformabzeichen des Nizam besorgt. Ihr solltet uns unterwegs dann überfallen und fesseln. Damit ihr unsere Büchsen nicht zu fürchten hättet, wurden die Patronen entfernt. Wo sollen wir denn überfallen werden?«

»Auf der Brücke über den Ispari-Fluss.«

»Ah – also dicht hinter Medik. Der Goanese wollte euch an der Brücke helfen?«

»Ja, Sahib. Er und noch ein zweiter Goanese, ein Bruder von ihm.«

Harst wandte sich an den Polizeimeister. »Wir werden versuchen, die beiden bei der Brücke abzufassen. Wir wollen dies …«

»Verzeih, Sahib«, mischte der Chauffeur sich ein, »Du wirst den Goanesen dort nicht finden. Der, der uns angeworben hat, stand vorhin dort hinter jener Hütte und sah, wie wir gebunden wurden …«

Harst biss sich auf die Lippen. Ich sah ihm an, wie ergrimmt er war, weil Warbatty sich auch hier wieder so gut gegen jede nachteilige Möglichkeit geschützt hatte.

»Wann geht der nächste Zug nach Nagpur?«, fragte er den Polizeimeister kurz.

»Erst gegen 7 Uhr abends. Wir haben jedoch eine Motordraisine zur Verfügung, die in wenigen Minuten abfahrtbereit sein kann.«

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