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Secret Service Band 1 – Kapitel 1

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 1
Old and Young King Brady Detectives
Black Band
Oder: Die zwei King Bradys gegen eine unnachgiebige Bande
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detektive

Kapitel 1

Das Haus aus Marmor

Alle Welt kennt Old King Brady.

Dieser gerissene Meisterdetektiv, geschickt, exzentrisch und unvergleichbar in der Beherrschung jedes mysteriösen Falles, hat Angst und Schrecken in die Herzen vieler Übeltäter gebracht, warf unzählige abgefeimte Intrigen über den Haufen und schrieb seinen Namen vor allen anderen in die Ruhmeslisten ein.

Entlang der Park Row der großen Stadt New York ist seine sonderbare Gestalt längst bekannt. Bei jedem Politiker, Müßiggänger und Hochstapler, welche in seiner näheren Umgebung faul herumlungern, erzeugt der Anblick des Old King Brady eine Art Ehrfurcht, gemischt mit Angst.

Denn er ist der Mann, der nie versagt.

Egal, wie kompliziert der Fall, wie raffiniert das Rätsel, wie gefährlich und gerissen die Bande ist, er ist sich sicher, der Gerechtigkeit dienlich zu sein – so sicher, wie die Sonne jeden Tag unseres Lebens aufgehen wird.

Groß, aber keineswegs von schlanker Statur, mit starken Gesichtszügen unter dem breiten Rand seines weißen Filzhutes, in seinem blauen Mantel, bis zum hohen weißen Kragen fest zugeknöpft, mit seinem altmodischen Stock ist er eine eindrucksvolle Gestalt. Und wer ihn einmal gesehen hat, vergisst ihn so schnell nicht wieder.

Das ist Old King Brady. Aber wenige Augenblicke später, in einem Winkel einer dunklen Gasse, nach einer blitzschnellen Metamorphose, nur wenige Veränderungen in Mantel, Hut und Perücke, und Sie haben einen ganz anderen Charakter, dessen Identität mit dem Fürsten der Detektive Sie sich niemals erträumen würden.

Old King Bradys Charaktere waren von der Art, wie sie von Bühnenkünstlern als vielseitig genannt werden. Das heißt, sie waren zu irgendeiner Maske fähig, von Jugendlichen bis hin zu verschiedenen Altersgruppen.

Gegen einen solchen Mann hatten die Ganoven des Landes kaum eine Chance.

Wenn er einmal auf ihre Spur kam, obwohl der Weg ein hinterhältiger und langer werden könnte, war es letzten Endes sicher, dass dieser mit einer Katastrophe für den Übeltäter enden würde.

So haben wir Old King Brady viele Jahre lang gekannt.

 

Es war schon immer eine Gewohnheit gewesen, allein zu arbeiten. Niemals war in seinen Kriminalfällen mit einem anderen Schnüffler in nennenswertem Umfang zusammengearbeitet worden.

Aber nun hatte er es für angebracht gehalten, bis zu einem gewissen Grad von diesem Brauch abzuweichen. Mit ihm war manchmal ein entschlossener und bemerkenswert aussehender junger Mann zu sehen.

Er war nicht ganz so groß wie Old King Brady, noch waren seine Gesichtszüge ganz so markant. Aber es wurde bald bekannt, dass er als Detektiv seinem Meister kaum unterlegen war.

Denn dieser junge Mann war der Schüler von Old King Brady.

Er war in das Vertrauen des alten Detektivs hineingezogen worden und erhielt eine Ausbildung, wie sie noch kein Mensch zuvor hatte. Während sein Name auch Brady war, war er kein Blutsverwandter des alten King Brady.

Markant, aber nicht so grob, waren Harry Bradys Gesichtszüge auch von diesem facettenreichen Typ, der es ihm ermöglichte, sich problemlos zu verkleiden.

Er trug eine Modifikation des Kleidungsstils des alten King Brady zu Schau. Er benutzte einen Schlapphut, aber nicht mit einem ganz so breiten Rand. Sein Mantel war eng am Hals zugeknöpft, bestand aus dem gleichen Material, aber von etwas besserer Qualität und zeigte die natürliche Eitelkeit der Jugend in ihrer makellosen Geschmeidigkeit und Sauberkeit.

In allen Fällen des Old King Brady tauchte nun auch sein Schüler auf.

Sie betrieben eine renommierte Detektei, waren jedoch in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Sowohl Zurückhaltung als auch Geradlinigkeit der Sprachfertigkeit prägten beide.

Nur wurde festgestellt, dass der Schüler einige Vorlieben hatte, die sich von denen des Old King Brady unterschieden. Von diesen werden wir noch mehr erzählen.

Es dauerte nicht lange, bis der Name des Young King Brady erwähnt wurde.

Einige der erstaunlichsten Taten des jungen Detektivs trugen zu seinem Ruf bei, und bald erstreckte sich der Ruhm der beiden King Bradys weit und breit.

Zu der Zeit, als unsere Geschichte beginnt, kam eine spannende Geschichte über ein düsteres Verbrechen und Geheimnis im Marble Manor, einst das Landhaus eines Millionärs am Hudson, ins Hauptquartier.

Sie war von einem besonders spannenden Charakter und überstieg sofort das Interesse vieler Menschen. Ein tieferes Geheimnis hatte die Fähigkeiten der Detektive selten so in Anspruch genommen.

Marble Manor war seinerzeit ein wahrhaftiger Palast in Bezug auf den Charakter der Architektur, des Baus und der Einrichtung.

Wie der Name schon andeuten könnte, handelte es sich um ein Gebäude, das vollständig aus Marmor bestand. Es bedeckte einen riesigen Teil des Geländes und wurde in unzählige Flügel und Anbauten unterteilt. Der Besitzer war ein Mann mit den exzentrischsten Vorlieben und Geschmäckern gewesen. Diese hatten bei der Erschaffung von Marble Manor ihr volles Gewicht in die Waagschale geworfen.

Räume, die in einem Privathaus noch nie da gewesen waren, bestanden aus Marmor. Einige davon waren nur von anderen durch ein Labyrinth von Gängen zu erreichen. Außerdem befand sich ein Drittel dieses wunderbaren Palastes unter der Erde. Es gab Kammern und Korridore, die die Fundamente wie die Katakomben in Rom durchzogen. Den Exzentriker kannte man als einen großen Liebhaber von Pilzen. Da diese ganz unter der Erde in dunklen Höhlen angebaut werden, war ein Raum für fast alle Arten der Pilze geschaffen worden.

Wie man sich gut vorstellen kann, war das Marble Manor, selbst wenn es von seinem exzentrischen Besitzer bewohnt wurde, für das Land ein Objekt von Wundern und Geheimnissen gewesen.

Alle Arten von verblüffenden Geschichten waren aus einer so fruchtbaren Quelle hervorgegangen. Seltsame Dinge wurden im Anwesen vernommen, und der Ort selbst von vielen der Leichtgläubigen als gern aufgesuchter von Old Nick selbst angesehen, der in voller Übereinstimmung mit dem millionenschweren Kauz stand.

Als der Schlossherr schließlich im Laufe der Zeit aus dieser Welt des Unheils ausbrechen konnte, wurde das Anwesen, wie in solchen Fällen üblich, in endlose Gerichtsverfahren involviert.

Noch konnte niemand behaupten, sein Besitzer zu sein, und so blieb es ungenutzt und geriet schnell in Verfall.

Es wurde teilweise wegen seiner reichhaltigen Ausstattung geplündert.

Rowdys zerbrachen die prächtigen Glasscheiben, verwüsteten das hohe Strauchwerk Bürste und machten im Allgemeinen Radau.

Es wurde immer schlimmer.

Dann gab es Berichte, die zumindest einen teilweisen Schutz nachwiesen.

Leichtgläubige Menschen berichteten von seltsamen Ereignissen dort bei Nacht.

Das Blinken von roten Lichtern.

Weiße und zwielichtige Gestalten.

Blaues Feuer, unheimliches Stöhnen, Schreien und die üblichen Begleiterscheinungen des mit Büschen umsäumten Hauses.

Unwissenden scheuen das Herrenhaus als eine Falle des Teufels. Die Klugen wären sowieso nicht dorthin gegangen, denn es war ein unbefugtes Betreten des Eigentums eines anderen.

Dies war Marble Manor und seine Geschichte.

An dem Tag, an welchen der Bericht die Zentrale der Secret Service Commission in New York erreichte, betraten zwei Männer das Büro.

Der Chief blickte von seinem Schreibtisch auf und sagte mit einem willkommenen Lächeln und Nicken: »Der alte und der junge King Brady. Ich freue mich, Sie zu sehen.«

»Wie geht es Ihnen, Chief«, sagte Old King Brady und setzte sich auf einen Stuhl. »Es ist schon eine Weile her, dass wir Sie angerufen haben.«

»Ich sagte ihm, dass es eine Ehre ist, die er genauer zu beachten sollte«, sagte der junge King Brady mit einem Augenzwinkern zum Chief.

»Sie haben recht, junger Mann«, entgegnete der Chief von Herzen. »Aber Old King Brady war sowieso nie eine große Stütze.

»Hört den Youngster,« meinte der alte Detektiv mit einem Scherz. «Einheimische Vögel fangen nie viele Larven. In dieser Welt müssen wir ihn auf Trab halten. Es hat keinen Sinn, ins Hauptquartier zu kommen, es sei denn, Sie haben etwas zu erledigen. Der Chief erwartet keine Freundschaftsbesuche.«

»Sie sind streng zu mir«, sagte Young King Brady mit einem wehmütigen Lächeln. Ich wollte nicht hierherkommen, um den Chief zu langweilen oder so was in der Art. Was das Faulenzen betrifft …«

»Dz! Dz!«, frotzelte der Chief. »Sie haben beide recht. Ich freue mich, Sie zu sehen, und dieser Besuch ist angebracht. Welches Glück haben Sie gegen diese ausgekochte Bande?«

Eine Zeit lang hatten die beiden King Bradys heimlich daran gearbeitet, die Höhle der berühmtesten Clique von Ganoven aufzuspüren, die jemals Gotham befallen hat und weit und breit als Black Band bekannt ist.

New York, und insbesondere seine Vororte von Westchester County, hatten durch die Hände dieser unnachgiebigen Bande stark gelitten. Wo auch immer sie zuschlugen, ein schrecklicher Raubüberfall mit einem Mord markierte den Ort.

Sie hatten keinen Respekt vor Personen oder Eigentum. Die Reichen und die Armen litten gleichermaßen. Normalerweise hat der Einbrecher oder Räuber Mitgefühl mit denen der Unterschicht, die Black Band waren gnadenlos. Sie würden einem Bettler für seine wenigen Pennys die Kehle durchschneiden, so unerbittlich wie sie die Kasse des Händlers oder die Tasche des Millionärs plündern würden. Es war jedes Mal eine gründliche Sache.

Sie hatten ihre Bezeichnung Black Band aus ihrem einheitlichen Erscheinungsbild abgeleitet. Sie trugen Masken und schwarze Mäntel, und wo immer sie ihren Opfern erschienen – immer nach Einbruch der Dunkelheit – entstand der Eindruck, dass Dick Turpin und seine Bande auf die Erde zurückgekehrt waren.

Gegen diese Bardenbande haben die beiden King Bradys schlecht gearbeitet.

Sie hatten bisher noch keinen sehr großen Erfolg gehabt.

Die Bande hatte sich als einzigartig schwer fassbar erwiesen, und die bisherigen Bemühungen der beiden intelligenten Detektive hatten sich nicht als sehr nützlich herausgestellt.

Die Antwort, die Old King Brady dem Chief gab, war also nicht ermutigend.

»Aus mehr als einem Grund bin ich froh, dass Sie gekommen sind«, sagte der Chief. »Wir haben hier einen Fall, der alle unsere Detektive verwirrt hat. Jetzt bin ich sicher, dass die beiden Bradys das ergründen können. Wissen Sie, dass ich den leisen Verdacht habe, dass die Black Band in irgendeiner Weise für dieses Verbrechen im Marble Manor verantwortlich sind.«

»Marble Manor!«, stieß Old King Brady aus. Dann wechselte er einen Blick mit dem jüngeren Detektiv. »Wir sind gerade von dort gekommen!«

Der Chief war erstaunt. »Nicht direkt?«, fragte er.

»Nun, nein«, gab der alte Detektiv zu, »aber wir waren gestern Morgen dort. Wir suchten nach einem Knäuel, waren aber enttäuscht.«

»Das Verbrechen wurde gestern Abend verübt«, sagte der Chief eindrucksvoll. »Die Nachricht erreichte mich heute Morgen. Hier ist ein vollständiger Bericht darüber in meinem Protokoll.«