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John Sinclair: Oculus – Im Auge des Sturms

Wolfgang Hohlbein
John Sinclair: Oculus – Im Auge des Sturms
Horror, Taschenbuch, Bastei Lübbe, Köln, September 2017, 320 Seiten, 10,00 €, ISBN: 9783404208784
www.luebbe.de

Zu einem nicht näher bestimmten Zeitpunkt erwacht ein Mann, der sich nicht an seinen Namen erinnert, in dem südenglischen Städtchen Weymouth. Die Stadt liegt in Trümmern und wird von tentakelartigen, wie mit Teer überzogenen Wesen bevölkert, die den Erwachten sogleich zu attackieren beginnen. Nur mit Mühe entkommt der Mann, als er von einer Soldaten-Gruppe gerettet und auf ein gigantisches Luftschiff gebracht wird. Dort eröffnet man ihm, dass sein Name John Sinclair sei, und er in einer weit entfernten Zukunft erweckt wurde, um die Menschheit zu retten. Diese ist von Shoggoten, einer grausamen Rasse Außerirdischer überrannt worden und liegt in den letzten Zügen ihrer Existenz.

London in der Gegenwart: Als Geisterjäger John Sinclair nicht zur Arbeit erscheint, machen sich Suko und Shao Sorgen um ihren Freund. Als sie in seiner Wohnung nachsehen, finden sie John leblos und gehüllt in eine unbekannte schwarze Masse vor. Man bringt ihn in ein unterirdisches Militär-Labor, in dem er untersucht wird. Doch schon bald beginnt Sinclair sich wieder zu regen, bricht aus und greift seine Freunde an. Unterdessen beginnt draußen der Weltuntergang.

Amerika, 1937: Der Schriftsteller H.P. Lovecraft trägt seinem Freund, dem »Hexer« Robert Craven, auf, sich zusammen mit ihm nach England zu begeben, um ein Ehepaar namens Sinclair zu beschützen und das Necronomicon aus seinem ehemaligen Anwesen zu bergen. Bereits auf der Flugreise werden Craven und sein Begleiter Rowlf von den schwarzen Tentakelwesen angegriffen.

Es ist eine mutige Idee: Nachdem man Mark Benecke und Florian Hilleberg mit Brandmal einen eher klassischen Sinclair-Fall als Auftakt für die Neubelebung der Taschenbuchreihe hat verfassen lassen, schickt man mit dem Zweiteiler Oculus eine Geschichte von Wolfgang Hohlbein ins Rennen, die stark von dem abweicht, was man als Leser der Abenteuer des Geisterjägers gewohnt ist. Die deutlich von Lovecraft inspirierte Story, in der der Schriftsteller auch selbst eine Rolle spielt, kann zwar im Kern dem Horror-Genre zugeordnet werden, allerdings verbindet Hohlbein sie auf interessante Weise nicht nur mit seinem ureigenen Hexer-Kosmos, sondern erweitert sie noch um die Facetten einer apokalyptischen Dystopie, gespickt mit vielen Science Fiction-Elementen. Für so viel Innovationswillen muss man schon einmal Sonderapplaus geben, denn die Taschenbücher bieten durchaus die Möglichkeit, einmal aus den gewohnten Erzählschemata auszubrechen. Das löst Hohlbein soweit bravourös.

Da wäre nur ein Problem: Hohlbein ist eben Hohlbein. Seine Erzählweise ist eine spezielle, wie übrigens auch die von Sinclair-Erfinder Jason Dark. Darauf muss man sich einlassen können – und wollen. Den spannenden Ideen, die er als Grundlage für diesen Doppelband entwickelt, steht sein gewöhnungsbedürftiger, manchmal ausschweifender und oft auch ein wenig redundanter Stil gegenüber, der sich ganz besonders in den zahlreichen Actionszenen äußert. Symptomatisch dafür ist die Eröffnungssequenz, in der gefühlt 20 Mal dasselbe erzählt wird, nämlich wie der bis dahin Namenlose von den Tentakelwesen angegriffen wird und er vor ihnen flieht. Bereits bei der zweiten Wiederholung des Angriff-Flucht-Schemas in derselben Szene sinkt die Aufmerksamkeit des Lesers, und bis zum Ende des Kapitels hat Hohlbein sie dann fast ganz verloren. Trotz des aufregenden Inhalts ist das für den Leser sehr anstrengend – teils sogar ermüdend.

Ganz anders, wenn Hohlbein tatsächlich einmal die Story vorantreiben darf und sie nicht durch Action zu strecken versucht. Sobald er seine Protagonisten in verhandelnde Dialoge verstrickt, sie Hintergründe erläutern lässt oder sich in recht ausschweifenden Umgebungsbeschreibungen ergeht, liest sich der erste Teil von Oculus richtig gut. Dann kommt auch die Stärke des Romans zum Tragen: die Aufteilung in drei Zeitebenen, die miteinander verbunden sind und sich immer weiter miteinander verweben. Das liest man gern, das macht Spaß – und ist weit aufregender als die sich oft – um mal im Bild zu bleiben – wie zäher Teer ziehenden Action-Sequenzen. Eine Straffung im Lektorat hätte hier – wie auch schon bei Brandmal – absolut Sinn gemacht.

So ergibt sich auch, dass Oculus – Im Auge des Sturms als erster Teil keinen irgendwie gearteten Abschluss bietet und völlig in der Luft hängend endet. Das ist besonders ärgerlich, weil auf die Tatsache, dass es sich um einen Doppelband handelt, nirgends außer am Ende des Textes hingewiesen wird. Ein entsprechender Hinweis auf dem Cover, im Klappentext oder auf den ersten Seiten wäre nicht nur fair, sondern unbedingt nötig gewesen, um den Leser nicht zu verärgern. Hier hat der Bastei Lübbe-Verlag sich wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert.

Fazit:
Mit Oculus – Im Auge des Sturms gelingt es Wolfgang Hohlbein, dem Geisterjäger eine neue und überaus faszinierende Facette abzugewinnen und sich gleichzeitig in einem Kosmos zu bewegen, der ihm durch seine Hexer-Serie gut liegt. Wären die Actionszenen nicht so geschrieben, wie es nun einmal Hohlbeins Stil entspricht, hätte die Story zudem ein gutes Tempo. Der Einstieg ist zwar nicht sonderlich gelungen, doch mit Fortschreiten der Handlung eröffnet sich ein faszinierender Plot mit ungewöhnlichen Science-Fiction-Elementen, der durchaus frischen Wind in die manchmal recht starren Erzählstrukturen bringt, die herkömmliche Sinclair-Romane ausmachen. Nur, wer Vertrautes sucht, muss von Hohlbeins Sinclair-Beitrag zwangsläufig enttäuscht werden. Ob das Gros der Leser dieses Experiment mitmacht und für gelungen erklärt, darf allerdings bezweifelt werden.

(sv)