Download-Tipps

Marshal Crown – Band 35

Archive
Folgt uns auch auf

Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten – Teil 7

Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten, vorzüglich neuester Zeit
Erzählt und erklärt von Gottfried Immanuel Wenzel
Prag und Leipzig 1793

Eine sehr einfache Methode, Geistererscheinungen zu bewirken

Unter den vielen Methoden, nach welchen man Geistererscheinungen zu bewerkstelligen pflegt und die man in älteren und neueren Schriften der Physiker liest, findet man nur wenige, die so geartet wären, dass sie am jeden Ort ohne viele Vorbereitung und ohne großen Aufwand wirklich ausgeführt werden könnten. Die meisten sind entweder zu kostbar oder mit mancherlei Schwierigkeiten verbunden und kostspielig zugleich. Der gegenwärtigen Methode kann man keinen dieser Einwürfe im Grunde machen. Ihr Apparat ist einfach; die Kosten sind mäßig; sie heischt keinen besonderen Ort, und der Erfolg ist zuverlässig und täuschend.

Man hat ein von innen wegen der Strahlenbrechung schwarz überstrichenes Kästchen in der Figur eines Quadrats. Eine Öffnung befindet sich in der Mitte, durch welche man in einen Hohlspiegel sieht. In der Höhe ist eine kleine Kohlpfanne befestigt. Ein anderes Behältnis enthält gemalte Menschengesichter beiderlei Geschlechts; Gesichter vom sechsten bis ins zwölfte, vom zwölften bis ins dreißigste, vom dreißigten bis ins fünfzigste, vom fünfzigsten bis ins siebzigste Jahr und darüber; Gesichter mit roten, schwarzen, braunen und blonden Haaren; mit schwarzen, blauen, braunen und gelblichen Augen; mit kurzer, langer, breiter und kahler Stirne; mit stumpfen, langen, breiten und gebogenen Nasen; mit kleinem, großen, breiten und schmalen Munde und Kinn ; Gesichter endlich, deren Kontur klein, breit, massiv und länglich ist.

Dazu kommt noch Rauchwerk aus Olibanum, Mastix, narkotischen Kräutern, usw., und man hat alles, was der Geist fordert, wenn er so gefällig sein soll, zu erscheinen.

Hat man sich nun die Person genau schildern lassen, die zur Erscheinung begehrt wird, so sucht man aus dem Vorrat das Bildchen aus, welches mit derselben die größte Ähnlichkeit hat. Kennt man die zu erscheinende Person selbst, oder sieht man ihr Porträt, so ist es um so besser, denn da bedarf man keine Beschreibung. Ist das Gemälde gefunden, so bringt es der Magus unten in das Kästchen verkehrt hinein, nämlich da, wo sich der Hohlspiegel befindet, und verkehrt darum, weil solches der Spiegel reflektiert. Sobald dieses geschehen ist, fasst es der Hohlspiegel auf und stellt es in der freien Luft schwebend vor, und zwar in den Rauch, der aus der kleinen Kohlpfanne aufsteigt. Der Geist scheint sich zu bewegen, weil sich die Teilchen des Rauchs bewegen. Der Rauch ist narkotisch und wirkt daher auf die Einbildungskraft des Zuschauers, die der Magus schon bevor in Feuer und Flammen zu setzen gewusst hat. Dieses tut er ungefähr auf folgende Weise:

Er gebietet dem, der den Geist zu sehen verlangt, sich

1) eine Zeit lang von allen heftigen Leidenschaften und Gemütsbewegungen zu enthalten;

2) allen Umgang mit Menschen, und besonders mit Frauenzimmern zu meiden;

3) dem Genuss des Fleisches durch eine bestimmte Zeit zu entsagen und verlangt;

4) dass er am Tag der Erscheinung selbst bei ihm den Tag zubringe und mit ihm an einem Tisch speise. Die Ursachen und Gründe hiervon haben wir bereits in der voranstehenden Geschichte angeführt.

5) dass er des zu erscheinenden Geistes, wenn es eine verstorbene Person ist, täglich im Gebet gedenke, die Eitelkeit der Welt und die Vergänglichkeit alles Irdischen öfters erwäge. Wird eine noch lebende abwesende Person gefordert, so verlangt der Magiker aus eben diesen Gründen vom Zuschauer, dass er dieselbe nicht in einer Stunde sehen wolle, in der sie entweder im Gebet oder in einem pflichtmäßigen Geschäft ihres Standes oder aber in einer tugendhaften Handlung begriffen ist.

Wird ihm all dies zugesagt, so bedingt er sich ferner, dass der Zuschauer keinen Geist fordere, gegen den er eine Feindschaft im Herzen hegt; keinen Ermordeten, kein betrogenes Mädchen; keinen, an dessen Tod er Schuld hat; keinen, der durch ihn unglücklich geworden ist, keine Verführten, keine Geschändete.

Warum? Weil diese Bedingungen mystisch klingen, und Mystizität die Lebhaftigkeit der Imagination erhöht und der Sache selbst ein großes Gewicht gibt.

Nun führt der Künstler den Zuschauer in das Zimmer, wo das Kästchen steht. Es versteht sich, dass die Operation zur Nachtzeit geschieht, wo Winde heulen und Stürme toben. Alles ist schon vorbereitet. Das Zimmer selbst ist mit schwarzen Tapeten behangen, nur düster erleuchtet es eine Totenlampe. Wirkliche Totenschädel und Knochen liegen hier und da zerstreut. Hier hält Zauberer eine Anrede, in der er sich aller jenen Figuren der Rhetorik bedient, wodurch die Seelen der Zuhörer erschüttert werden, und die so viele Macht über den menschlichen Geist haben.

Schon hat sich der Rauch im Zimmer ausgebreitet. Das Werk beginnt; die Gestalt zittert in der Rauchwolke.

Will der Zuseher mit dem Geiste sprechen, so muss er vorher den Künstler von seinen an den Geist zu machenden Fragen, wie wir schon oben erinnert haben, unterrichten. Der Geist antwortet durch den Mund des Magikers.

Will man hier die Täuschung aufs Höchste treiben, so sind dazu zwei gegeneinander angebrachte Hohlspiegel nötig, zwischen denen der Geist inne steht. Der Zauberer antwortet mit leiser, jedoch deutli cher Stimme in dem hinter dem Zuseher sich befindenden Spiegel, von welchem die Schallwellen in den gegenüberhängenden geworfen werden und von da in das Ohr des Fragenden zurückprallen. Es scheint wirklich, als rede der Geist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.