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Die drei Templer

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Anne Boleyn Band 1 – Kapitel 9

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Erster Band

9.

König Heinrich und sein Günstling, Kardinal Wolsey

Heinrich VIII. war allein in seinem Gemach. Unruhig, mit leidenschaftlicher Haft schritt er auf und ab, zwischen den Zähnen gedankenvoll eine halb verblühte, weiße Rose haltend. Von Zeit zu Zeit blieb er vor dem hohen Fenster stehen, nahm die Rose aus dem Mund und zeichnete mit dem Stängel langsam den Buchstaben A. auf die kleinen runden Scheiben, und dann ein H. Heinrichs ganzes Wesen, obwohl heftig
bewegt, verriet jedoch keinen Unwillen oder Zorn, vielmehr war das männlich schöne Gesicht ungewöhnlich mild, sogar weich und liebevoll. Plötzlich ergriff er eine Feder, zog ein Blatt Papier hervor und warf mit leichter, flüchtiger Hand einige Verse darauf. Er wurde jedoch bald in seiner Beschäftigung durch den Eintritt seines Kammerherrn gestört, welcher den Kardinal Wolsey anmeldete.

»Ah!«, rief der König sichtlich erfreut aus, stand auf und ging seinem Liebling entgegen.

Der Kardinal beugte sich auf ein Knie nieder und küsste mit Wärme die feine weiße Hand seines Fürsten, welche dieser ihm hinhielt.

»Wenn ich störe, Majestät …«, warf Wolsey ehrerbietig ein.

»Keineswegs, im Gegenteil, wir wünschen Euch zu sehen, da wir eine ernste Sache Euch vorzutragen haben.1 Wart Ihr bei der Königin?«

»Ja, Majestät. Leider befindet sich dieselbe in einem sehr kranken Zustand. Geistige Leiden scheinen mit den körperlichen eng verbunden.«

»Ah!«, sagte Heinrich und schritt abermals hastig im Gemach auf und ab. »Es stand zu erwarten, Kardinal. Katharina leidet wie ich an den Vorwürfen ihres Gewissens, sie fühlt, sie muss mit mir einsehen, dass unsere Ehe … ein Verbrechen war.«

»Sie selbst hegt nicht diese Ansicht, hoher Herr«, entgegnete Wolsey. »Sie beruft sich auf die päpstliche Dispensation, welche Euch zu einer Verbindung mit der Witwe Eures Bruders erteilt wurde, und auf den Segen ihrer Eltern. Sie grämt sich nur, weil Eure Majestät sich unglücklich fühlen und Eure Liebe der Gemahlin zu entziehen scheinen.«

»Sie irrt sich!«, sprach der Konig. »Ich liebe und achte Katharina mehr denn alle Weiber, welche ich gekannt habe, sie war die schönste Blume Englands, die geistreichste, liebenswürdigste Gattin. Mein Haus machte sie zu einem Paradies, bis der Tod meiner drei Söhne mich aus dem Traum weckte, mein Gewissen wach wurde und ich nur zu klar erkennen musste, dass der Fluch des Himmels auf unserem Bund hafte. Katharina kann nicht mehr leiden als ich – bei der Notwendigkeit unserer Scheidung.«

König Heinrichs Gesicht zeigte bei diesen ernsten Worten so wenig eine Trauer oder ein Seelenleiden, dass ein leises ungläubiges Lächeln über die Züge des Kardinals glitt. Der schlaue Staatsmann kannte zu gut das Herz seines Herrn, als dass er denselben zu trösten gesucht hätte. Auch liebte er bekanntlich die Königin nicht und fürchtete deren Einfluss. Dem König war er jedoch treu ergeben. Nur weil er jetzt die Meinung im Volk sowie an allen ausländischen Höfen, namentlich in Rom kannte, suchte er diesen von dem offenen Skandal einer Scheidung abzuhalten. Er erschöpfte sich daher heute in einer beredten Lobeserhebung der jungen Prinzessin Marie, deren Geist und tugendhafte Er ziehung dem Land einst eine würdige Herrscherin verspreche.

Heinrich hörte ihm eine Zeit lang wiewohl mit sichtbarem Verdruss zu und unterbrach den Kardinal endlich barsch mit den Worten: »Ich will einen Sohn, einen Erben für meinen Stamm und für mein Haus. Katharinas Gesundheit zerstört jede Hoffnung hierzu, auch wenn mein Gewissen mir ein eheliches Leben mit ihr nicht verbieten würde. Der Papst soll die Ehe feierlich auflösen.«

»Das wird Seine Heiligkeit nie tun«, erklärte Wolsey in festem Ton. Das ist gegen das kirchliche Gesetz. Höchstens kann er die Ehe annullieren, als nicht rechtlich geschlossen erklären. In dem Fall aber verliert auch die Tochter der Königin das Recht der Thronfolge.«

»Sei es so!«, rief Heinrich lebhaft. »Wir beugen uns in Demut dem Willen des Allmächtigen. Wenn Seine Heiligkeit der Scheidung sich widersetzt, dann berufen wir aus unserer eigenen Macht, als Beschützer des Glaubens, ein Parlament, welches die Gültigkeit unserer Verbindung prüfen und demnach ein Urteil sprechen soll. Der Papst ist Herr in Rom – in England ist es nur Heinrich, Kardinal!«

»Es gäbe vielleicht noch ein Mittel, diesem letzten, ernsten Schritt auszuweichen«, warf Wolsey lauernd ein, »wenn die Königin bewogen werden könnte, freiwillig in ein Kloster zu treten. Alsdann stieße die Scheidung auch in Rom auf keinen Widerstand. Ich habe bereits diesen Gedanken unter der Hand am römischen Hof verbreitet.«

Heinrichs Augen glänzten. Bei Katharinas zurückgezogener und asketischer Lebensweise sowie bei der Tatsache, dass sie ein Mitglied des heiligen Ordens von St. Franziskus war, dessen härenes Gewand sie stets unter den königlichen Kleidern trug,2 ließ sich diese Lösung der Frage als möglich annehmen. Er beschloss sogleich, bei seiner unglücklichen Gemahlin darauf hinzuwirken, wenn, wie er im Stillen hoffte, nicht der Tod vorher das Bündnis trennte. Wolsey erntete im vollen Maße für den glücklichen Wink den Dank seines Herrn, der ihn schließlich bat, Katharina selbst den Vorschlag zu machen. Der Kardinal, welcher zuerst das Wort Scheidung vorsichtig seinem Herrn in die Ohren geflüstert hatte, verbarg seine geheime Freude unter der Maske der tiefsten Ergebenheit und Ehrfurcht. Er erhob sich zum Abschied, als der König ihn mit der hastigen Frage aufhielt, wie es um die Verlobung Anna Boleyns mit Sir Pierce Butler stehe.

»Alles in Ordnung, Majestät!«, antwortete der Priester. »Beide Häupter der Familien sind einig, durch diese Verbindung den vieljährigen heftigen Erbschaftsstreit zu beenden. Anna ist bereits von Frankreich nach England berufen worden.«

»Und befindet sich schon bei ihrem Vater Sir Thomas in Never Hall, Kent«, sagte Heinrich lächelnd. »Doch werdet Ihr gut tun, die heimliche Verlobung nicht zu übereilen, Mylord Kardinal, denn die schöne Boleyn scheint der Verbindung minder geneigt zu sein.«

»Majestät sind gut unterrichtet«, sagte Wolsey mit aufrichtigem Erstaunen.

»Sogar sehr gut«, sagte der König freundlich, »denn wir haben dies Mädchen selbst gesehen und gesprochen.«

»Wo, Majestät?«

»In Never Hall, bei ihrem Vater. Es geschah durch einen bloßen Zufall. Auf meiner letzten Reise wurden wir in der Nähe des Schlosses von einem heftigen Gewitter überrascht und dadurch genötigt, die Gastfreundschaft Sir Thomas’ in Anspruch zu nehmen. Wir wurden ehrfurchtsvoll empfangen und blieben dort die Nacht. Am folgenden Morgen gingen wir in den Garten und erfreuten uns an den herrlichen Alleen und der reichen Blumenpracht. Da trat uns eine junge Dame aus einer Laube entgegen, welche ebenfalls die Frische des Morgens gesucht hatte. Wir stutzten bei ihrem Anblick, denn sie zeigte große Ähnlickeitmit unserer alten Liebe, Mary Boleyn.«

»Angenehme Erinnerungen!«, bemerkte lächelnd Wolsey.

»Nun, was das betrifft, so ist wenig Angenehmes oder Schmeichelhaftes für unsere Person mit Marys Namen verknüpft«, antwortete Heinrich mit einem leichten Anflug von Verdruss, »sintemal das Mädchen einen geringen Ritter, William Carey, unserer Huldigung vorgezogen hat.«

»Sie erfüllte hierin den Wunsch und den Willen der Königin«, sagte der Kardinal scharf. »Wer weiß, sonst …«

»Genug von ihr«, unterbrach ihn Heinrich.

»Katharina hat recht gehandelt! Wir haben Mary nie vermisst, aber wir erkannten sogleich ihre Schwester Anna, obwohl Letztere schöner und geistreicher ist und eine lebhafte Brünette. Anna ist ein herrliches Wesen geworden, talentvoll, witzig, und von einer reizenden Persönlichkeit. Wir ließen uns von ihr die Herrschaft mit dem Park zeigen und trennten uns nur ungern von ihr. Sie ist ein Engel und einer Krone würdig.«3

»Es ist genug, wenn Eure Majestät sie Eurer Liebe würdig erachtet«, entgegnete Wolsey.

Heinrich schüttelte das stattliche Haupt, indem er bemerkte, sie werde sich nie so tief erniedrigen.

»Wenn Fürsten gleich Eurer Majestät Liebe suchen, besitzen sie alles, was ein Herz von Stahl erweichen würde.«

»Das Mädchen wäre eine schöne Blume an unserem düsteren Hofe«, sagte Heinrich gleichgültig, »denn die Krankheit der Königin hat unser königliches Haus in einen Betsaal verwandelt. Eine solche Erscheinung, wie Anna ist, sollte nicht in der Einsamkeit verblühen.«

»Man muss Sir Thomas bewegen, nach London zu kommen und seine Tochter der Königin wieder vorzustellen. Des Mädchens Heiterkeit und tugendsames Wesen möchte Ihre Majestät auch in ihrem Krankenzimmer erheitern.«

»Ihr habt recht«, ergriff Heinrich das Wort, »aber ich fürchte Katharinas Eifersucht, die wahrlich unbegründet wäre, denn ich hege nurAchtung vor der schönen Bulen4.« Wiederum glitt über das schlaue, feine Gesicht des Kardinals jenes leise, vielsagende Lächeln. Ihm wäre nichts erwünschter gewesen, als jetzt den König mit den süßen Ketten einer heftigen Liebe zu fesseln und denselben dadurch von den Staatsgeschäften abzulenken. Sein scharfer Blick erriet auch sogleich, dass der König unter seiner angenommenen Kälte eine Leidenschaft zu Anna verbarg, die er zu begünstigen sich entschloss. Schlau und diplomatisch wie immer, mischte der Kardinal so gewandt seine Karten, dass nach wenigen Tagen Katharina selbst arglos Anna zu ihrer Ehrendame ernannte und sie an den Hof berief.

Show 4 footnotes

  1. Heinrich sprach immer per wir von sich zu seiner Umgebung.
  2. Der dritte Orden dieser Gesellschaft, 1221 gegründet, war für Personen bestimmt, die in der Welt lebten. Sie waren nur verpflichtet zu vorgeschriebenen Buß- und Betübungen.
  3. Heinrichs eigene Worte
  4. nter diesem Namen wird Annas Familie in den alten Büchern genannt.

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