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Till Eulenspiegel in 55 radierten Blättern – 37. Blatt

Till Eulenspiegel in 55 radierten Blättern
von Johann Heinrich Ramberg, mit Text nach der Jahrmarkts-Ausgabe. Verlag C. B. Griesbach. Gera. 1871

Eulenspiegel kommt nach Erfurt und lehrt einem Esel das Lesen.

ls Eulenspiegel in Prag seine Betrügerei so arg getrieben hatte, dass er sich fortmachen musste, ging er nach Erfurt, wo eben die Universität sich durch gelehrte Männer zu heben anfing. Hier schlug Eulenspiegel auch Zettel an die Ecken, nannte sich Magister Bauciphalus und machte bekannt, dass er allen Kreaturen das Lesen lehren könne. Wie dies die Gelehrten erfuhren, kamen sie gleich zusammen, um sich zu beratschlagen, wie sie den neu angekommenen Magister in seiner Klugheit fangen wollten. Sie schickten deshalb den Universitätspedell zu ihm und ließen ihn zu einer Ver­sammlung einladen. Als Eulenspiegel kam, nahm der Pro­rektor das Wort und sprach: »Ehrwürdiger Herr Magister! Ihr habt durch Eure Anschläge bekannt gemacht, dass Ihr allen Kreaturen das Lesen lehren könnt. Nun haben wir hier sehr viele Esel, die man doch gern brauchen möchte. Wollt Ihr zum Beweis Eurer Kunst einem davon das Lesen lehren?«

Eulenspiegel, der zu aller Schalkheit aufgelegt war, erwiderte schnell: »Ja, aber mit der Bedingung, dass er Zeit dazu haben müsse, weil ein Esel ein recht dummes Tier sei.«

Sie wurden mit ihm einig, dass er binnen eines Jahres einem Esel für eine bestimmte Summe Geld das Lesen gehörig lehren solle.

Nun dachte Eulenspiegel: Unser sind drei. Stirbt unter der Zeit der Prorektor, so hört der Akkord auf. Stirbt mein Schüler, so bin ich auch frei, und sterbe ich, dann ist der Lehrer tot, und mir kann niemand mehr etwas darüber vorwerfen. Also nahm Eulenspiegel den ihm zum Lernen übergebenen Eselschüler zu sich und brachte ihn bei einem lustigen Wirt in den Stall, nahm ein altes Buch mit großen Blättern, streute zwischen alle Blätter ein wenig Hafer und legte das Buch vor ihn in die Krippe. Als der Esel den Hafer roch, schob er mit seiner Zunge ein Blatt nach dem andern herum, um den Hafer aufzulecken. Als er nun einstmals recht hungrig war, schob er das Buch hin und her und schrie I-A, I-A!

Da Eulenspiegel dieses hörte, ging er zum Prorektor und sprach zu ihm: »Hochwürdiger Herr Prorektor, wann wollt Ihr einmal sehen, was mein Schüler erlernt hat?«

Der Prorektor fragte: »Nimmt er denn Euren Unterricht an?«

Eulenspiegel antwortete: »Er ist freilich von der dümmsten Art, doch habe ich ihn durch Fleiß und Mühe so weit gebracht, dass er schon einige Buchstaben, besonders zwei, I und A, deutlich aussprechen kann.«

Der gelehrte Prorektor wunderte sich hierüber sehr und sagte: »Das muss ich gleich hören.« Er ging mit noch etlichen Ma­gistern zu Eulenspiegels Wohnung.

Der arme Esel hatte nun seit einem ganzen Tag kein Futter erhalten. Als ihm nun sein Lehrer das Buch wieder vorlegte, wandte er mit seiner Zunge alle Blätter herum. Weil er keinen Hafer fand, fing er vor Hunger an zu schreien: I-A, I-A, I-A!

Da sprach Eulenspiegel: »Hören Sie, meine Herren, wie er die zwei Vokale I und A so schön ausspricht. Ich hoffe, es soll noch etwas Großes aus meinem Schüler werden.«

»Es freut uns«, antwortete der Prorektor, »dass Ihr ein so guter Esellehrer seid. Wir haben der Esel sehr viele, denen der Verstand fehlt. Die könnt Ihr noch alle klug machen.«

»Ich glaube selbst«, sagte Eulenspiegel, »dass es hier noch viele Esel gibt, die keinen Verstand haben, sowohl mit zwei Beinen und kurzen Ohren als auch mit vier Beinen und langen Ohren. Ich will nur den vierbeinigen Eseln etwas zu lehren suchen, mit den zweibeinigen könnt Ihr Euch plagen. Da Ihr aber seht, meine Herren, dass mein Schüler gute Fort­schritte macht, so erbitte ich mir die Hälfte der versproche­nen Summe Geldes.«

Diese erhielt Eulenspiegel. Kurz nachher starb der Prorektor. Deshalb hob Eulenspiegel seinen Akkord auf und machte sich heimlich aus Erfurt fort, denn er sah, dass er dem Esel weiter nichts lehren konnte, als I-A.

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