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Anne Boleyn Band 1 – Kapitel 6

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Erster Band

6.

Katharina und Mary Boleyn

Katharina von Aragon war aus der Messe zurückgekehrt, welche sie mit Heinrich täglich dreimal anhörte. Nachdem sie sich ihres Mantels und Schleiers entledigt hatte, und die diensttuenden Damen in das Nebengemach getreten waren, wandte sie sich an ihre vertraute Ehrendame, Lady Willoughby.

»Wisst Ihr, warum Seine Majestät diesen Morgen die Messe versäumte? Ein wichtiges Ereignis muss ihn abgehalten haben.«

Die Angeredete, eine Spanierin, welche sich mit Lord Willoughby vermählt hatte und eine innige Liebe zu der Königin hegte, errötete, indem sie etwas verlegen bemerkte, dass sie es nicht genau wisse.

»Und wie geht es unserer Patientin Mary Boleyn?«, fragte die Königin weiter. »Ich gedenke sie zu besuchen.«

»Ihr Leiden ist nicht gefährlich«, antwortete Lady Willoughby spöttisch, »und ich glaube, der Besuch Eurer Majestät würde sie nur beschämen. Erlaubt mir einen Rat, hohe Frau. Sendet das Mädchen zu ihrem Vater zurück.«

Katharinas edles Gesicht drückte Schrecken und Kummer aus. »Ihr wollt damit nicht sagen, Lady Elvira, dass Mary den Bitten des Königs nachgegeben hätte? O, ich glaube es nicht. Das Mädchen mag eitel sein, wie ihre Schwester Anna, aber so tief wird sie nie fallen.«

»Gern würde ich mich meines Unrechts überwiesen sehen«, erwiderte Elvira, »denn ich liebte das Mädchen; aber man flüstert sich seit einigen Tagen Dinge in die Ohren, die traurig sind. Während wir in der Kapelle waren, berichtet mir meine Zofe, dass sie gesehen habe, wie der König vorsichtig, aber schnell die Treppe herunterstieg, welche zu den Gemächern der Ehrenfräulein führt.«

»Ach!«, seufzte Katharina schmerzlich bewegt, »und ich Törin glaubte meines Gatten Liebe mir lebenslänglich erhalten zu können! Er liebte mich auch, ehe seine Söhne starben.«

»Es ist auch seine Leidenschaft für Mary mehr eine Laune, hohe Frau. Erweist ihm die gleiche Liebe, und verleugnet Euren Schmerz, so wird er sich wieder zu Euch wenden. Und was den Tod der Söhne betrifft, so scheint Seine Majestät völlig mit der Geburt seiner Tochter ausgesöhnt zu sein. Seine Liebe zu dem holden Kind ist auch die Bürgschaft seiner Verehrung für die hohe Mutter. Vielleicht tut man auch Mary Boleyn Unrecht, Majestät.«

»Ich muss Gewissheit darüber haben, noch heute«, sagte Katharina entschieden. »Ist es wahr, hat sie so weit vergessen, was sie mir und ihrer jungfräulichen Ehre schuldet, dann verlässt sie augenblicklich das Schloss, möge der König mir zürnen oder nicht. Kommt, Elvira, geleitet mich zu ihr!«

Man war gewohnt, dass die Königin in ihrer Engelsgüte in höchst eigener Person nicht nur die kranken Damen ihrer Haushaltung besuchte, sondern ebenfalls den niedrigsten Diener des Schlosses. Es erregte daher kein Befremden unter den Ehrendamen im Nebengemach, als die hohe Frau, von ihrer Vertrauten gefolgt, sich in Marys Zimmer begab. Nur sah man dieselben einander vielsagende Blicke zuwerfen, dann drängten sie sich näher zusammen und flüsterten geheimnisvoll.

Die Königin war unangemeldet, hohen Ernst auf der Stirn und mit der Haltung einer Richterin bei Mary eingetreten. Aber sie blieb betroffen stehen, als sie den Gegenstand ihrer Sorge und ihres Unwillens zusammengedrückt auf dem Boden sitzen sah, mit fest ineinander geschlossenen Händen und bitterlich weinend. Sie war augenscheinlich eben vom Bett aufgestanden, denn ihre leichte Gestalt umhüllte nur ein loser seidener Mantel oder Überwurf, der sich knapp dem zarten Körper anschmiegte. Ihre kleinen Füße waren bloß, und das lange blonde Haar hing wie ein Schleier von Gold über die Schulter herab.

Die Königin schritt so leise über den mit Binsen bestreuten Fußboden, dass sie dicht vor dem Mädchen stand, ohne dass dieses es gewahrte.

»Lady Mary!«, fragte Katharina sanft, »was ist Euch? Was ist vorgefallen?«

Mary stieß einen unterdrückten Schrei aus, sprang auf, warf sich aber im nämlichen Augenblick wieder vor der hohen Frau nieder und umklammerte deren Knie. Ihr ganzer Körper zuckte in konvulsivischer Bewegung.

Katharinas Antlitz nahm einen milden Ausdruck an. Es war ein Blick des tiefsten Mitleidens, den sie auf die Kniende warf.

»Mary, ich bin gekommen, um von Euch selbst zu hören, ob Ihr wirklich die Liebe des Königs erwidert habt! Ich vergebe Euch, wenn dem so wäre, denn Ihr seid jung und Euer Herz ist weich. Bekennt mir daher Eure Schuld, und ich werde Sorge tragen, dass Ihr den Hof verlasst, ehe Eure Schande offenkundig wird. Der König war diesen Morgen bei Euch! Mary, ich traue niemandem mehr, seitdem Ihr mich verraten und betrogen habt.«

»Wer sagt, dass ich das getan hätte?«, rief Mary aufstehend mit edlem Unwillen. »Wer hat es gewagt, mich so zu erniedrigen?«

»Viele!«, erwiderte Lady Elvira. »Wer die Huldigung eines Königs annimmt wie Ihr, muss sich gefallen lassen, dass man an ihrer Unschuld zweifelt.«

»O, mein Gott, das ist zu hart zu tragen!«, rief Mary aus.

»Warum empfingt Ihr den König in Eurem Gemach, noch dazu bettlägerig?«, fragte Katharina vorwurfsvoll.

»Ich habe ihn nicht empfangen!«, sagte Mary. »Er kam ohne mein Wissen und meine Erlaubnis. Ich wollte rufen, aber alle waren fort. Der König erstickte meinen Schrei mit seinen Küssen. Ich bat und flehte, dass er mich nicht unglücklich machen wolle, und strengte alle meine Kräfte an, um mich ihm zu entziehen. Aber meine Kraft war am Erliegen. Schon gab ich mich verloren, da tönte die Glocke der Kapelle zum Zeichen, dass die Messe beendet war. Schritte und Stimmen in den Korridoren ließen sich vernehmen, und der König verließ mich. Die Tränen, die Ihr mich weinen saht, waren nicht die der Reue, hohe, Gebieterin, nur des verletzten jungfräulichen Gefühls. O, warum weigert Ihr Euch, mich zu entlassen, teure Frau?«, fügte Mary lebhaft hinzu. »Auf meinen Knien bitte ich Euch nochmals, beschützt mich. Wenn Ihr dies nicht zu tun vermögt, lasst mich den Hof verlassen.«

»Ist das Euer Ernst, Lady Mary?«

»So wahr ein Gott im Himmel thront und den Meineid bestraft. Ich bin unschuldig und es ist mir Ernst.«

»So habt Ihr nie dem König Hoffnungen gemacht, ihn nicht absichtlich von mir entfernt?«, fragte Katharina.

»Nie, hohe Frau, des Königs Liebe war die Qual meines Lebens, denn sie ist schuld, dass der Mann mich verachtet, dem ich mein Herz geschenkt habe.«

»Ihr liebt einen anderen?«, fragte Katharina mit freudigem Erstaunen.

Anstatt der Antwort zog Mary errötend unter ihrem Überwurf ein Medaillon hervor, das sie an einer Kette um den weißen Hals trug, und hielt es der Königin hin.

»Das Gesicht ist mir bekannt «, sagte Katharina, »es muss jemand am Hofe sein.«

»Ja, Majestät, es ist das Bild Sir Careys, einer von des Königs Kammerherren. Er liebte mich innig, und ich ihn. Wir gelobten uns ewige Treue, aber mein Vater wollte uns seinen Segen nicht geben, weil Carey arm ist. Jetzt hat sich auch mein Verlobter zurückgezogen, seitdem die Verleumdung mich als die Geliebte des Königs bezeichnet.«

»Aber Ihr liebt ihn noch?«

»Ja, Majestät, und wenn ich nicht seine Gattin werden kann, so steht mein Entschluss fest. Am Hofe will ich nicht bleiben, ich trete in ein Kloster.«

Die Königin bückte sich zu der Knienden nieder, hob ihr feines Köpfchen von der Brust in die Höhe und blickte ihr lange und forschend in die klaren blauen Augen.

»Mary, ich glaube Euch!«, sagte sie liebreich und küsste die schöne Stirn. »Verlasst Euch auf mein Wort, Eure Tugend soll glänzend belohnt werden, so wahr ich Königin von England bin. Noch heute werde ich mit Carey reden. Er soll Euch wieder achten und Euer natürlicher Beschützer werden. Dann führe ich Euch selbst an den Traualtar.«

»O, hohe Frau, wie kann ich Euch jemals genug danken!«, stammelte Mary in rosiger, verklärter Glut.

»Ihr habt mir nichts zu danken«, entgegnete Katharina huldreich, »eher zu verzeihen, dass ich nicht früher Euch zu Hilfe kam. Ich wurde selbst getäuscht und verkannte Euch, mein holdes Kind. Nun legt Euch aber wieder nieder, denn Ihr bedürft der Ruhe, wie ich sehe. Sobald Ihr imstande seid, das Zimmer zu verlassen, sprechen wir uns wieder. So Gott will, habe ich gute Nachrichten für Euch.«

Sie verließ nach diesen Worten das Gemach, und Mary befolgte ihre Ermahnung, Ruhe zu suchen.1

Show 1 footnote

  1. Einige Historiker haben entschieden Mary als die Geliebte Heinrichs bezeichnet. Allein die Briefe der Ersteren, welche noch vorhanden sind, beweisen deutlich dass dies nicht der Fall war.

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