Story-Tipps

Des Teufels Sohn

Archive
Folgt uns auch auf

Oberhessisches Sagenbuch Teil 4

Oberhessisches Sagenbuch
Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald
Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873

Die Alten im Steinrück

Schon länger denn hundert Jahre ist es her, dass in Windhausen ein Mann lebte, der von da nicht gebürtig war, sondern sich ins Dorf »veranert« (verheiratet) hatte. Also wüsste er auch von all den wundersamen Mären kein Wort, welche die dortigen Leute beim »Spillegehen« (Besuch) und in der Spinnstube aus alter Zeit zu erzählen pflegten. Noch weniger wusste er vom Steinrück oder Steinküppel, einem benachbarten Berg, etwas, obwohl von demselben allgemein der Glaube verbreitet war, dort oben habe früher ein Raubschloss gestanden oder sonst eine Wohnung. Mit Gewissheit konnte es niemand behaupten. Denn der Platz lag wüst, Gestrüpp wuchs darauf und große behauene Steine sah man ringsum zerstreut. Wer bauen wollte drunten im Dorf oder sonstwo, holte allda seinen Bedarf und brauchte niemand darüber um Erlaubnis zu fragen.

Nun geschah es, dass, als der Mann gerade im siebten Jahr in Windhausen lebte, er in einer Nacht eine Erscheinung hatte. Es trat nämlich unversehens vor das Bett, in welchem er schlief, eine gar jugendlich schöne und züchtige Jungfrau, die durchaus in weiße Gewänder gekleidet war, und flehte ihn, um der Barmherzigkeit Gottes willen, an, sie zu erlösen. Zu gleicher Zeit reichte sie ihm auch ein großes Bund Schlüssel entgegen, welches sie am Gürtel befestigt getragen hatte, und sagte ihm, er sei zu ihrer Erlösung der einzige Mensch, der seit tausend Jahren unter so glückhaftem Gestirn und zu so guter Stunde geboren sei. Sie habe auf ihn ihre ganze Hoffnung gesetzt. Indes brauche er nicht zu denken, dass bei ihrem Ansinnen ihm irgendein Böses widerfahren werde. Es sei im Gegenteil alles gut und leicht zu erfüllen, was sie fordere, und er könne sich darüber alle Angst vergehen lassen. Zudem werde sie ihn königlich belohnen und all die vielen Schätze zuwenden, die im Steinrück seit Menschengedenken unter der Erde lägen.

Sie sagte dem Mann dies alles so deutlich und ausführlich, dass ihm kein Wort entging, und ließ mit Bitten und Flehen nicht ab bis zum Mitternachtsschlag. Da erst verschwand sie mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer. Der Mann nämlich hatte einen rechtschaffenen, gottesfürchtigen Sinn, wollte sich in solch einen ungewissen, gewagten Handel nicht einlassen und lehnte unbedenklich und rundum alles ab. Am Morgen freilich kam ihm die Sache ganz wunderlich und unglaublich vor. Auch wußte er nicht recht, ob er dabei gewacht oder geträumt hatte, und schlug sich das Abenteuer aus dem Sinn.

Es vergingen wieder sieben Jahre. Als die um waren und er in der Nacht des nämlichen Tages wie sonst im Bett lag, kam dieselbe Erscheinung ihm vor Augen. Weit dringender noch wiederholte die Jungfrau ihre Bitte und wollte ihm mit Gewalt die Schlüssel aufzwingen. Allein er blieb auch dieses Mal standhaft und erhörte sie nicht. Die Begebenheit aber ließ ihm von da an keine Ruhe im Gemüt. Er nahm sich fest vor, wenn es gleich also wiederkommen sollte, dann wollte er es in Gottes Namen wagen, die dargebotenen Schlüssel ergreifen und zusehen, wie das Ding weiterlaufen würde.

Und richtig, nach abermals sieben Jahren – er wusste, nicht, wachte oder träumte er, aber er sah und hörte alles ganz genau – stand, wie er geahnt hatte, die Jungfrau abermals vor ihm und machte denselben Antrag, wie vorher. Da besann er sich denn nicht lange und nahm das dargebotene Schlüsselbund zur Hand. Darauf bedeutete ihn dieselbe, sich eilends in die Kleider zu werfen und ihr zu folgen. Die Jungfrau aber war vor Freude wie außer sich, lief bald vor, bald neben ihm her, und führte das schönste Gesprächspiel mit ihm, das man sich nur denken konnte. So gelangten sie aus dem Haus ins Dorf und dann ins Feld. Die Jungfrau schlug querfeldein den Weg ein zum Steinrück, sodass er Mühe hatte, ihr auf der Ferse zu bleiben, denn sie ermahnte ihn fortwährend zur Eile, damit nichts versäumt werde.

Als sie selbander auf der Höhe angelangt waren und eine Weile durch die Steine und das Gestrüpp sich Bahn gebrochen hatten, kamen sie an einen Platz, auf welchem ein großer Quaderstein lag. Es dröhnte dumpf beim Auftreten unter ihren Füßen, als ob der Berg hohl wäre. Auf dem Quaderstein sahen sie eine große funkelnde Kanne von geschlagenem Silber stehen, deren Deckel geöffnet und die mit lauter Goldstücken bis obenhin angefüllt war. Der Mann hatte große Lust, diese Kanne gleich mit nach Hause zu nehmen und griff flugs danach.

Allein die Jungfrau sagte: »Lass sie in Ruhe, sie ist noch lange nicht das Beste!«

Hierauf ging sie ein paar Schritte seitwärts, und siehe, nun war auf einmal eine Vertiefung im Berg, die wie eine Höhle sich ansah. Dahinein stiegen sie nun hinab. Es war aber alles so hell, dass man eine »Spienel« (Stecknadel) auf dem Boden hätte aufheben können. Nach einer kurzen Wanderung durch die Höhle fing eine breite steinerne Treppe an, die führte fast senkrecht in die Tiefe. Der Mann gedachte an den Heimweg und begann die Stufen zu zählen. Als er ihrer gerade hundert gezählt hatte, hörte die Treppe auf. Sie standen nun vor einer schweren, eisenbeschlagenen Tür. Die Jungfrau zeigte ihm alsbald den rechten Schlüssel zu dem alten verrosteten Schloss. Nachdem er mit vieler Mühe mehrmals gedreht hatte, fuhr die Tür weit auf. Ein hohes, gemauertes Gewölbe tat sich jetzt vor ihnen auf. Eine Ampel mit spärlichem Licht hing von der Decke herab. Die Luft war gar feucht und modrig im Gemach und von den Wänden tropfte das Wasser. Rechts von der Tür sah man einen langen steinernen Tisch. An demselben saßen drei große breitschultrige Männer. Ihr Kopf ruhte auf ihren auf dem Tisch aufliegenden Armen, als ob sie im tiefsten Schlaf lägen. Als die Tür aufging und die beiden nähertraten, zwinkerten sie einen Augenblick mit den Augen. Danach sanken die Häupter wieder auf die Arme, und sie rührten und regten sich nicht mehr. Unter ihren Füßen, bis zur Höhe des Tisches, lagen Säcke aufgeschichtet. Links von den drei Alten aber war noch etwas, das konnte man nicht recht erkennen.

Der Mann fragte aus Neugier: »Was ist das hier?«

Die Jungfrau antwortete: »Das ist alter Firnewein, der liegt in seiner eigenen Mutter.« Sie trieb dabei ihren Begleiter in einem fort zur Eile an und hieß ihn einen der Säcke unter dem Tisch ergreifen, um ihn mitzunehmen. Also zog er aufs Geradewohl einen heraus, sie aber holte ihm statt desselben einen anderen, langen und ledernen. Weil er diesen allein auf seine Schultern nicht heben konnte, sintemal er allzu schwer von Gewicht war, lud sie selber ihm die kostbare Last auf. Dann trieb sie mit der größten Ängstlichkeit zum Fortgehen.

»Eile, eile, ehe die Tür zufährt!«

Das ließ sich der Mann nicht zweimal sagen und tummelte sich, was er konnte. Fast war er glücklich durch den Eingang entronnen, als die Tür mit der Geschwindigkeit des Blitzes und unter starkem Dröhnen wieder zuschlug. So kam es, dass seine Ferse am linken Fuß getroffen wurde und er empfindliche Schmerzen zu fühlen begann.

Bei der ungeheuren Freude und Aufregung dachte er übrigens nicht lange daran, denn die Jungfrau ging vor ihm her. Sie stiegen die hundert Treppenstufen wieder aufwärts, und unter den lieblichsten Gesprächen verstrich ihnen die Zeit.

»Wie bist du nun so reich und glücklich«, sprach sie zu ihm, »und wie viel reicher wirst du noch werden! Denn sieh, all die vielen Säcke mit Geld und all der edle Wein, den du gesehen hast, sind dir bestimmt. Die werden wir allesamt, nach und nach, wie heute, holen, und dann bin ich von meinem Fluch erlöst.«

Unterdessen kamen sie oben auf der Erde wieder an, drangen durch das Gestrüpp und wandten sich, aber in entgegengesetzter Richtung vom Dorf, nach einem nahe

gelegenen Wald. Warum sie gerade diese Richtung nahmen, wagte der Mann nicht zu fragen, obwohl es im Wald sehr finster und gruselig war. Er ging immer getrost der Jungfrau nach. Als sie den Wald hinter sich hatten, befanden sie sich auf einer wüsten Heide, und zufällig schaute der Mann rückwärts. Da kam ein anderer Mann mit großen eiligen Schritten ihnen nachgegangen, der war grasegrün angetan von Kopf bis zu Fuß, wie ein Jäger, trug einen grünen Hut mit einer langen ritzeroten Feder darauf und hatte ein Gesicht wie all nichts Gutes. Als er diesen unheimlichen Gesellen gewahrte, überfiel den Mann die höllische Angst. Er zitterte am ganzen Leib.

Ganz entsetzt fragte er die Jungfrau: »Sag, um Gottes willen, wer ist das?«

Sie antwortete, und er merkte ihr an, dass es ihr auch nicht wohl zumute war. »Fürchte dich nicht, der gehört nicht zu uns, der geht seine eigenen Wege. Bekümmere dich nicht um ihn, denk lieber an den großen Schatz, den du gewonnen hast.« Unterdessen kam der Grünrock immer näher heran, und dem Mann wurde es noch viel schwüler ums Herz. Der Sack mit Geld brannte ihn wie das ewige Feuer. Er konnte sich nicht länger halten, er wusse nicht, was er tat. Die Schlüssel warf er auf den Boden, dass sie laut klirrten. Den Sack riss er von den Schultern; der kollerte der Jungfrau vor die Füße.

»Da hast du alles wieder!«, schrie er, »ich mag es nicht, und wenn ich damit ein Königreich kaufen könnte! Lass mich jetzt in Ruhe, ich will nimmermehr etwas von dir wissen!«

Auf diesen Ausgang war die Jungfrau nicht gefasst, denn sie glaubte sich schon am Ziel, aber nun tat sie einen Schrei, so laut, so grausig, dass er durch Mark und Bein schnitt, fuhr auf und davon in die Lüfte. Er sah sie im Augenblick nicht mehr. Es wurde dunkel vor seinen Augen.

Als er zu sich selbst kam, lag er daheim im Bett, aber müde und zerschlagen in allen Gliedern. Die Erlebnisse der Nacht dünkten ihm wie ein wüster Traum. Am Morgen aber konnte er nicht aufstehen, denn einer seiner Füße war grün und blau gequetscht an der Ferse und über und über geschwollen. So war denn alles wahr gewesen, was ihm begegnet, so seltsam es auch sein mochte. Der Schmerz an der Ferse erinnerte ihn sein Lebtag daran. Niemals gelüstete es ihn aber späterhin dasselbe Wagnis wieder zu unternehmen, obwohl bis an seinen Tod die Jungfrau noch oft kam und ihn dazu aufforderte.

»Auf diesen Schätzen«, sagte er zu seinen Kindern, »ruht kein Segen und drum rühr ich keine Hand danach!«

Merkwürdig war es aber, dass er an dem Tag und zu der Stunde starb, wie es ihm die Jungfrau vorausgesagt hatte. Noch in seinen letzten Augenblicken hörten ihn die seinen davon reden, dass eine blasse, weiße Gestalt mit kläglichen Gebärden vor ihm stehe. Das war die arme verwünschte Jungfrau, der mit seinem Tod alle Hoffnung auf Erlösung verschwand.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.