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Der schwarze Mann

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Das schwarze Buch vom Teufel, Hexen, Gespenstern … Teil 2

Das schwarze Buch vom Teufel, Hexen, Gespenstern, Zauberern und Gaunern
Dem Ende des philosophischen Jahrhunderts gewidmet
Adam Friedrich Böhme, Leipzig, 1796

Untersuche mit Vorsicht!

Ein aufgeweckter beherzter Jüngling, der noch auf der Universität war, besuchte einst einen seiner Anverwandten auf dem Land und blieb daselbst über Nacht. Nach einem vergnügt zurückgelegten Abend wies man ihm sein Schlafzimmer oben im Haus an. Er vergaß sein Zimmer zu verschließen, ließ das Licht brennen und legte sich ruhig zum Schlafen nieder.

Kaum war er eingeschlafen, als ein lautes Brüllen und entsetzliches Kettengerassel ihn weckte. Er hörte es einige Minuten ruhig an. Unverhofft aber kam es vor seine Tür, schlug und kratzte gegen dieselbe mit Heftigkeit. Eine entsetzliche Angst überfiel ihn. Er versteckte sich, so gut er konnte, unter das Deckbett. Nur ein kleines Loch blieb seinem Auge offen, um zu beobachten, was sich zutragen würde.

Die Tür öffnete sich, und eine fürchterliche Gestalt trat unter den sonderbarsten Gebärden in die Stube. Sie glich einer nackten hageren Mannsperson, hatte einen wütenden Blick, einen sehr langen Bart, und statt der Haare, wie es ihm schien, Schlangen um den Kopf flattern. Der Körper war fast ganz mit Haaren bedeckt, starke Ketten umgaben die Hände, die Füße und den Leib, und an den Fingern schienen, statt der Nägel Sporne gewachsen zu sein. Sie ergriff das Licht, trat mit ihm vor den Spiegel und besah sich einige Zeit unter dem Ziehen grässlicher Gebärden, untersuchte dann die ganze Stube und kam endlich beim Bett an.

Jener stand unterdes Todesangst aus und glaubte nun nicht anders, als dass er entdeckt und ihm der Hals umgedreht werden würde. Aber das Glück war ihm günstig.

Nachdem die Gestalt das Bett besehen und von oben bis unten mit den Händen untersucht hatte, kehrte sie wieder zu dem Spiegel zurück, um sich noch einmal durch Verzerrung der Gebärden zu belustigen, und verließ sodann das Zimmer.

W. sprang schnell aus dem Betts und verschloss es hinter ihr, setzte Tisch und Stühle und was er verbringen konnte, vor die Tür, um vor einem zweiten Besuch gesichert zu sein.

Lange noch tobte der Unhold auf dem Saal und vor der verschlossenen Tür, bis endlich der so sehr gewünschte Tag ansprach und jener sich fortbegab. Nachdem man im Haus aufgestanden war, verließ W. mit Freuden sein Zimmer und dankte der Vorsehung, für dieses Mal dem Tod entronnen zu sein. Man erkundigte sich, wie er geschlafen hatte.

»Nicht gut«, war die Antwort, »weil mir der Teufel seine Aufwartung gemacht hatte.«

Das Abenteuer wurde erzählt, man erschrak und bedauerte ihn.

Die Geschichte entwickelte sich aber auf folgende Weise: Der vermeinte Teufel war der Bruder dessen, den W. besucht hatte, welcher schon seit mehreren Jahren wahnwitzig gewesen war. Er hatte ihn deswegen in einem abgelegenen Zimmer an einen Block schmieden lassen. Keiner durfte sich ihm ohne Lebensgefahr nähern. Er hatte in der Nacht seine Ketten zerrissen und war eben ins Haus gegangen. Man fand ihn wieder an seinem Block sitzen. Hätte W. hier Herz genug gehabt, das vermeinte Gespenst zu untersuchen, so würde es ihm unfehlbar das Leben gekostet haben.

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