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Des Teufels Sohn

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Diane Teil 1 – Kapitel 8

Alexander von Ungern-Sternberg
Diane
Ein Kriminalgemälde der modernen Gesellschaft
Berlin, 1842, Buchhandlung des Berliner Lesekabinetts

Achtes Kapitel

Der Moment der Entscheidung – Gewissenskämpfe eines achtzehnjährigen Mädchens

Wir müssen jetzt in unserer Erzählung einen Zeitraum von acht Jahren überspringen, während welcher sich nichts Bemerkenswertes in dem Leben der Hauptperson zutrug. Die beiden Mädchen, die wir eingeführt haben, sind, die eine zu dem Alter von fast fünfzehn Jahren, die andere zu achtzehn Jahren gelangt. Die Welt macht jetzt ihre Ansprüche auf sie geltend, und wir wollen sehen, wie sie den Platz, den die eine eigenmächtig genommen, die andere vom Geschick angewiesen erhalten hat, zu behaupten wissen werden. Zuerst wollen wir das prachtvolle Gebäude betreten, wo die Erziehungsanstalt der Madame Dufont etabliert ist und all den Glanz zur Schau trägt, womit in Residenzen derlei Unternehmungen ausgerüstet zu werden pflegen.

»Ist Fräulein Belmont zu sprechen?«, fragte ein sauber gekleideter ältlicher Herr den stattlichen Portier, der aus seiner Loge mit der Haltung eines Souveräns trat, der einem fremden Gesandten Audienz erteilt.

»Ich werde mich erkundigen, Herr Rusbruck«, entgegnete der Türhüter, »beliebt Ihnen einen Augenblick zu warten.« Er zog die Klingel, ein Bediensteter erschien und nach einigen Anmeldeförmlichkeiten wurde der Bankier in das Zimmer geführt worden, wo die jungen Damen Besuche von ihren Verwandten und Angehörigen zu empfangen pflegten. Gemälde, angeblich von den Kostgängerinnen, in Wahrheit jedoch von dem Zeichenlehrer gefertigt, zierten die Wände. Der Möbelüberzug bestand in Stickereien, die im Laden gekauft waren, jedoch als Kunstwerke von den geübten Händen der jungen Damen bewundert wurden. Ein elegantes Piano und eine goldgeschnörkelte Harfe standen dem Eintretenden nahe gerückt. Als Herr Rusbruck im Saal erschien, erstarb eben eine melancholische Stimme in schmelzenden Akkorden. Nach einer Weile öffneten sich die Türen und eine jugendliche schlanke Gestalt, in langen schwarzen Locken, die fast bis zum Gürtel herabreichten, näherte sich ihm langsam und mit Würde. Sie erwiderte die Begrüßung des Geschäftsmannes mit einer kaum merklichen stolzen Verbeugung, und beide setzten sich.

Mit der ist, meiner Treu, eine hübsche Veränderung vorgegangen, dachte der Bankier bei sich, als er die Dame von der Seite anblickte. Ich sah dich einst in Lumpen, mein schönes Kind, und da sahst du ganz anders aus.

»Was haben Sie mir zu sagen, Herr Rusbruck?«, fragte Judith. »Es muss etwas Wichtiges sein, denn Sie haben sich lange nicht bei mir blicken lassen, obwohl, wie Sie sich denken können, ich nicht geringes Verlangen trug, den Mann wiederzusehen, der mich als eine Schutz- und Obdachlose verlassen bei sich aufnahm.« Bei diesen Worten reichte sie ihm die kleine etwas magere Hand und richtete ihre dunklen Augen mit einem fast gefühlvollen Ausdruck auf ihn.

»Ich tat nur meine Schuldigkeit, mein edles Fräulein«, sagte der Bankier, ein wenig befriedigt durch das Zeichen von Gefühl, indem er die dargebotene Hand ehrfurchtsvoll an die Lippen führte. »Als Ihr Geschäftsführer, denn als einen solchen sehe ich mich an, kam es mir nicht zu, mich unberufen in ihre Nähe zu drängen, zumal da ich Sie in guten Händen wusste. Die vierteljährlichen Zahlungen hat Madame Dufont empfangen und dafür quittiert, neue Verfügungen von Seiten ihrer Verwandten treffen nicht ein, und deshalb …«

»Hielten Sie es nicht für nützlich, mich zu besuchen?«, sagte die junge Dame spottend.

»Jetzt aber«, fuhr der Geschäftsführer fort und brachte einen Brief hervor, »sind Nachrichten eingelaufen.«

»Sie haben von mir Auskunft erteilt, Herr Rusbruck?«

»Regelmäßig, mein Fräulein.«

»An wen?«

»Das ist fürs Erste ein Geheimnis«, erwiderte der Bankier, indem er eine Prise nahm und lange mit der Dose spielte, »ich darf hierüber nichts verlautbaren.«

»Sehr seltsam!«

»Jawohl, sehr seltsam. Ich darf Ihnen jedoch Hoffnung machen, dass man Sie nicht länger in Betreff so wichtiger Angelegenheiten im Dunkeln lassen wird«, hub Herr Rusbruck weiter an. »Der Grund meines Besuches ist, Ihnen anzukündigen, mein Fräulein, dass Sie die Anstalt der Madame Dufont nunmehr verlassen werden.«

»Ich soll fort, und wohin?«

»Zu einer Dame von Stand, die Sie mit Ungeduld erwartet, und bei der zu wohnen wahrscheinlich ihre nächste Bestimmung sein wird.«

»Wer ist diese Dame?«

»Die Fürstin von Slamm-Sellwich-Windenhorst.«

»Ich kenne sie nicht«, rief Judith errötend.

»Aber Sie werden von ihr gekannt«, bemerkte Herr Rusbruck, indem er Judith fixierte. »Fassen Sie Mut, mein Fräulein, die Fürstin ist eine sehr edle Dame. Man weiß wenig von ihr, weil sie sehr abgeschlossen von aller Welt und im höchsten Grad aristokratisch lebt, aber was man von ihr weiß, ist lauter Gutes.«

Judith heftete ihre dunklen Augen mit Unwillen auf dem Bankier. »Sie sagen mir das alles so plötzlich, Herr Rusbruck, Sie hätten mir wohl schon früher vom Dasein dieser Fürstin und ihrer Ansprüche auf mich sprechen können.«

»Ich durfte nicht, mein Fräulein, ich durfte nicht. Andeutungen derart habe ich mir einmal zu machen erlaubt, als ich Ihnen vor einem Jahr zu Ihrem Geburtsfest Glück wünschte. Besinnen Sie sich?«

»Tatsächlich, Sie sagten mir, dass ich bald in den Kreis der meinen zurückversetzt würde.«

»Recht so, und dieser Moment ist nun gekommen. Die Fürstin von Slamm-Sellwich-Windenhorst …«

»Ist meine Verwandte?«

»Das sagte ich nicht!«, rief der Bankier erschreckt. »Wann hätte ich jemals das gesagt?«

»Schon gut!«, entgegnete Judith, und eine dunkle Röte bedeckte ihre Wangen. »Wann soll ich reisen?«

Der Bankier räusperte sich und sagte: »Ich handle hier, mein Fräulein, mit der Macht eines Vormundes, der ich auch tatsächlich die Ehre hatte, acht Jahre lang für Sie zu sein. Jeden Schritt, den ich in dieser Funktion tue, kann gerichtlich dokumentiert werden, und somit setze ich Ihre Abreise aus dieser Stadt auf die ersten Tage der nächsten Woche fest. In diesem Brief der Fürstin steht es genauer.

»So bald schon?«, rief Judith erschreckt, aber sich schnell fassend setzte sie hinzu, »ich werde den Brief lesen und Ihnen dann meine Entschlüsse mitteilen.«

Herr Rusbruck fand dieses Verfahren in Ordnung und entfernte sich. Judith befand sich in ihrem Zimmer kaum allein, als sie sich der ganzen Heftigkeit ihrer Leidenschaft ergab. Eine so plötzliche Wendung ihres Schicksals betäubte sie fast und raubte ihr die ruhige Prüfung, der sie sonst mächtig und die ihr in diesem dringenden Fall so besonders nötig war. Mit dem ungeöffneten Brief der Fürstin in der Hand ging sie lange auf und ab, jede ihrer Bewegungen hatte etwas Krampfhaftes. Sie öffnete ein Fenster und sah in den Garten hinab, aber ihr starrer Blick streifte ohne Sehkraft über Bäume und Blumen hin. Acht Jahre waren verflossen, seitdem sie sich die erste Täuschung erlaubte und sich jenem unseeligen Brief angemaßt hatte. Unterdessen hatte sie zitternd erwartet, dass jeder Tag, jede Stunde sie von der usurpierten Stelle verdrängen und in ihr früheres Elend zurückstoßen würde; allein Tage, Monate, Jahre vergingen, und niemand tastete ihren Raub an. Glück, Liebe, Bewunderung, Genuss umgaben sie. Für die Welt erzogen, breitete man früh ihrem Blick die glänzendsten Schätze aus und niemand zweifelte an dem Recht, das sie hatte, sich diese Schätze anzueignen. Nach und nach gewöhnte sie sich an das Bewusstsein ihrer Stellung. Die Erinnerungen der Jugend traten wie ein dunkler Traum in den Hintergrund ihrer Seele. Jetzt rief eine Stunde sie alle wieder wach. Es bedurfte der Moralvorlesungen, die Madame Dufont ihren Zöglingen von einem berühmten Kanzelredner halten ließ, nicht, um Judith in ihr Inneres blicken und dort den Abgrund von Betrug und Fälschung erspähen zu lassen. Die früheren Einflüsse ihrer Jugend und ihre Erziehung hatten sie mit dem Laster vertraut gemacht, aber ihre jetzige Umgebung hatten andere Gefühle und Ansichten wachgerufen. Es gab Augenblicke, wo das arme verstoßene Mädchen, mitten unter dem sie umgebenden Glanz, bittere Tränen der Reue und Zerknirschung vergoss, deren Grund niemand ahnte. Aber diese Eindrücke waren vorübergehend. Sie beschwichtigte die innere Stimme, indem sie ihr vorhielt, dass noch durch keinen neuen Betrug der frühere vergrößert und befestigt worden war, dass noch keine fremden Rechte offenbar angetastet seien. Doch jetzt sollte dies geschehen; nun schlug die Stunde der Entscheidung, es trennten sich die Wege auf immer. Öffnete sie den Brief der Fürstin, nahm sie deren Einladung an, so war ihr Schicksal entschieden, und kein Rückschritt mehr möglich. Es liegt eine unerbittliche Strenge in der gegenwärtigen Minute, die uns zum Handeln treibt. Zum ersten Mal fühlte Judith, wie allein sie stand; aber dieses Bewusstsein, so peinigend und nieder schmetternd für kleine Geister, erhob und kräftigte wunderbar die Seele der Ausgestoßenen, die sich jetzt ihr Schicksal bilden sollte. Sie warf die Feder hin, die sie schon ergriffen hatte, um an den Bankier zu schreiben, ihm alles zu gestehen und dann die Flucht zu ergreifen. Sie warf sie hin und erhob sich stolz und von innerer Bewegung glühend vom Schreibtisch. Als sie einen Gang durchs Zimmer gemacht hatte, blieb sie vor einem Spiegel stehen und ihre Blicke hefteten sich auf das Bild, das die glatte Fläche ihr zurückstrahlte. Es war etwas in diesem Bild, das die Aufmerksamkeit des Beschauers fesseln musste. Diese Gestalt, die sich dort in Würde, Stolz und Schönheit erhob, war nicht gemacht, in Niedrigkeit und Elend zu verschmachten. In diesen Blicken lag ein Feuer, das eine milde und gebietende Strenge anzunehmen befähigt war, und das befehlen wollte, nicht gehorchen.

Judith fühlte die Gewalt, die ihre äußere Erscheinung ausübte. Sie fühlte sie, ohne dass die gewöhnliche Eitelkeit des Weibes hieran teilhatte. Es war das Bewusstsein, dass ihre Seele durch den Körper sprach, welches in diesem Moment sie aufrecht hielt und eine ungewöhnliche Energie in ihr entwickelte. Ihre stolzen und flammenden Blicke schienen die Gestalt im Spiegel zu fragen: Wirst du den Kampf mit der Welt bestehen? Wirst du, wenn sie alle Vernichtungsstoffe auf dich schleudert, Kraft haben, ein diamantenes Schild unbeugsamen Trotzes ihr vorzuhalten? Der Mutige gewinnt, dem festen Willen gehört die Welt. Und die Blicke aus dem Spiegel antworteten: Ich werde!

Als das kühne und entschlossene Mädchen dieses kurze entscheidende Selbstgespräch, dieses tête a tête mit ihrem Genius gehalten hatte, fühlte sie eine dämonische Kraft alle ihre Lebenspulse durchdringen. Hinweg gescheucht war jeder Kleinmut, jeder Zweifel. Mit fester Hand brach sie das Siegel des Briefes. »Es ist geschehen!«, rief sie, als das Blatt entfaltet vor ihr lag, »Du sollst, du musst, du wirst können!« Das Schreiben enthielt nur wenige Worte, sie lauteten:

Cedant aus desirs de mon coeur et à l’interêt de mes amis, je vous prie de me faire l’honneur de venir me voir. Je vous propose comme comagne, une dame, qui jouit de mon entiere confiance et je vous attends, chère amie, avec la plus grande impatience.

Anna, princesse de Slamm-Sellwich-Windenhorst,
née comtesse de Windeck-Wardeck

Die Anstalten zur Abreise wurden jetzt in Eile getroffen. Kaum war die Einladung der Fürstin bekannt geworden, als alle Pensionärinnen neu zusammenströmten und die Abreisende, zu so hohem Glück Berufene, mit Freundschaftsbezeugungen und Schmeicheleien überschütteten. Madame Dufont ließ sich in mysteriösen Andeutungen vernehmen und behauptete, aus guter Quelle zu wissen, dass Fräulein Belmont Verbindungen mit sehr hochstehenden und distinguierten Familien habe. Die Pensionärinnen fingen diese Bemerkungen auf und formten daraus sehr ehrenrührige Gerüchte über den Ruf der guten Fürstin von Slamm-Sellwich-Windenhorst.

Fünf Tage später saß Judith in einem eleganten Reisewagen, neben sich eine sehr korpulente Ehrenwächterin, die an Asthma litt und fortwährend schlief. Die Reise ging nach Norden, denn die Besitzungen der Fürstin lagen in der Nähe von Kolberg. Mit welchen Gefühlen durchreiste Judith jene Gegenden, die sie als Kind einst durchirrte, wenn sie mit Aufträgen der Falschmünzerbande die Märkte bezog.

Je höher man kam, desto einsamer und unwirtlicher wurden die Gegenden. Der Wechsel der Pferde auf den Poststationen war zuletzt das Einzige, was die ermüdende Einförmigkeit der Reise unterbrach. Diese kurzen Augenblicke benutzte Judith, um den Wagen zu verlassen und sich in der Gegend umzusehen. Sie ging voraus und ließ sich von dem nachkommenden Wagen einholen. Diese Freiheit war jedoch nicht die Einzige, die sie sich nahm. Zum Nachtquartier, bevor man Greifenberg erreichte, war ein Städtchen bestimmt, das einen sehr mittelmäßigen Gasthof bot. Frau Blume, so hieß die Begleiterin, war über diesen Umstand untröstlich; allein sie wusste kein Mittel, ihm abzuhelfen. Judith hatte in der Nähe ein schönes Föhrenwäldchen entdeckt, und da man zeitig am Abend anlangte, machte sie, gefolgt vom Jäger, einen Spaziergang dahin. Der Weg führte eine Anhöhe hinauf und ließ Spuren früherer Kultur sehen. Bald zeigte sich ein See, und jenseits seiner dunklen Fläche erhob sich ein Jagdschloss, in dessen Fenster die niedergehende Sonne eben ihre letzten Strahlen warf. Hierdurch bekam es das Ansehen, als sei dort bei glänzender Beleuchtung ein Fest veranstaltet worden. Die tiefe Stille umher, der schwarze, unbewegliche See widersprachen diesem Anschein. Nicht leicht konnte wohl ein heimlicheres Plätzchen gefunden werden. Die Schatten der Nacht, die aus der Niederung umher aufzusteigen begannen, machten das Gemälde des stillen Sees und des verlassenen Gebäudes noch anziehender.

»Wenn ich doch hier übernachten könnte!«, rief Judith, in ihre Gedanken versunken, halblaut.

»Das Fräulein dürfen nur befehlen«, entgegnete der Jäger vortretend. »Ich kenne den Kastellan des Schlosses und weiß, dass er sehr hübsche Wohnungen im Erdgeschoss vermietet.«

»Wirklich! O, können Sie nicht machen, Friedrich, dass wir dort ein Unterkommen für diese Nacht finden? Der Gasthof im Städtchen ist zu unleidlich.«

»Auf der Stelle, gnädiges Fräulein; nichts leichter als das.« Mit diesen Worten verschwand er und Judith erblickte ihn erst wieder, als er auf einem Seitenpfad sich dem Schlösschen näherte und in dem unteren Säulengang verschwand. Nach wenigen Minuten kam er mit dem Kastellan zurück, und dieser erbot sich, die disponiblen Zimmer zu weisen. Sie bestanden in einem kleinen Salon und einem Kabinett. Die Möbel waren altertümlich, aber reinlich, das Gemach hatte bei allem Fremdartigen ein wohnliches Ansehen.

»Sie sind nicht die Erste, gnädige Dame, die es vorzieht, lieber hier zu schlafen als in dem elenden Gasthof unten«, sagte der Kastellan, indem er die silbernen Leuchter auf dem Kamin anzündete. »Noch vor wenigen Tagen schlief die Frau Oberpostmeisterin hier. Sie, eine Kammerfrau, eine Amme und drei Kinder.«

»Und alle diese Personen in dem kleinen Salon?«, fragte Judith.

»Jawohl«, entgegnete der Kastellan; »das Weibervolk behilft sich. Die Amme lag auf Stroh; ich hätte sie auch in kein Bett eingelassen, denn sie war eine kolossale Person, und das Gestell hätte unter ihr nicht standgehalten.«

»Das gehört nicht zur Sache«, unterbrach der Jäger den Schwätzer. »Schaffen Sie ein gutes Abendessen, Burchard.«

»Nicht nötig!«, rief Judith. »Ich speise nicht zu Abend.«

»Und was befehlen Ihro Gnaden«, hub der Jäger wieder an, »in Betreff der Frau Blume?«

»Gehen Sie hinab und bitten Sie dieselbe, mir nachzukommen.«

Der Bediente ging und kam mit der Nachricht zurück, dass Frau Blume schon zu Bett sei. »Was Ihro Gnaden Sicherheit betrifft«, setzte Friedrich hinzu, »so werde ich und der Kastellan die Nacht über Wache halten, und die Frau des Kastellans kann im Vorsaal schlafen.«

Diese Anordnungen wurden von Judith gebilligt. Es war das Erste, sich etwas ungewöhnlich gestaltende Abenteuer während der ganzen langweiligen Fahrt, und um keinen Preis in der Welt hätte sich die wilde Tochter des Abenteurers dieses bisschen unschuldiger Romantik nehmen lassen, sie, deren Seele an Gefahren aller Art frühzeitig gewöhnt gewesen war, die oft heimlich die gar zu gemächliche Sicherheit ihres jetzigen Lebens verwünscht hatte. Hier fühlte sie sich wieder in ihre Jugend versetzt. Wie gern hätte sie den Jäger, den Kastellan und seine Frau, wie gern hätte sie alles Lebendige aus ihrer Nähe verbannt, um sich ungestört in der immer schauerlicher gestaltenden Einsamkeit dieses Ortes bewegen zu können. Der Zufall war ihr günstig. Im Städtchen gab es eine Hochzeit, und sowohl der Kastellan als auch der Jäger hatten sich entschlossen, diese nicht zu versäumen. Kaum hielten sie sich also überzeugt, dass Judith sich zur Ruhe begeben hatte, als sie miteinander fortschlichen und keine andere Wache auf dem Platz ließen als die taube Frau des Ersteren, die, nachdem Judith ihre Dienste abgewiesen hatte, in ihre Wohnung im Nebengebäude zurückgegangen war, statt im Vorsaal zu wachen. Die Einsame erspähte diese Umstände und blieb solange in ihrem Zimmer, wie es die Sicherheit erforderte. Gegen Mitternacht öffnete sie die Tür und trat in den Wald hinaus. Die Nacht war sternenklar, und die Föhren verbreiteten einen eigentümlichen Duft, während ihre Wipfel und Zweige im Wind rauschten. Judith hielt lauschend inne, allein es rührte sich kein Laut, der auf menschliche Nähe deutete. Sie schritt weiter und stand nun am Ufer des dunklen Sees, in dessen Spiegel sich die Sterne tauchten. Schaudernd blickte sie in die Tiefe. Unwillkürlich übermannte sie der Gedanke, dass gerade so still, so dunkel, so geheimnisvoll ihre eigene Zukunft vor ihr lag. Auch dort tauchten Sterne auf, sie leuchteten, wie hier, mit trügerischem Glanz, und ihr Lichtschimmer war kein himmlischer Schein. Doch nur auf einen Augenblick bemächtigten sich ihrer Seele diese düsteren Vorstellungen, dann trat die Jugend mit ihrem Mut und ihrer Kraft wieder in ihre Rechte. Leicht wie ein gescheuchtes Reh floh sie den Hügel hinab, sorglos durch die Dunkelheit hin, und der Nachtwind brauste in ihrem Gewand. So umkreiste sie wohl zweimal den See, und man hätte die zarte, fliehende Gestalt für eine jener Waldfrauen halten mögen, mit denen die Phantasie der Dichter das Dunkel der nordischen Forste belebt, und deren Wohnplatz gewöhnlich an das Ufer dunkler Seen oder geheimnisvoll rauschender Flüsse verlegt wird.

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