Story-Tipps

Des Teufels Sohn

Archive
Folgt uns auch auf

Der Stern der Anthold – Band 1

Adolph Streckfuß
Der Stern der Anthold
Band 1
Kriminalroman aus dem Jahr 1883

1.

»Herr Baron Hermann ist soeben angekommen!«, meldete ein alter Diener dem Baron Anthold.

»Hermann?«, rief dieser, vom Lehnstuhl aufspringend, in welchem er bequem zurückgelehnt, seine Zigarre rauchend, gesessen hatte. »Endlich! Aber wo ist er hergekommen? Ich habe keinen Wagen über das Pflaster des Schlosshofes rasseln hören.«

»Der Herr Baron ist zu Fuß gekommen!«

»Wohl mit dem Tornister auf dem Rücken und dem Knotenstock in der Hand wie ein wandernder Handwerksbursche?«, fragte die Baronin mit verächtlich spöttischem Ton den alten Dubois, der die Meldung machte. »Ein solcher Einzug in das Schloss ist ganz nach dem Geschmack deines vortrefflichen Herrn Sohnes«, fuhr sie zu ihrem Gatten gewendet unwillig fort. »Es ist wieder einmal ein Skandal für die ganze Nachbarschaft.«

»Ich wüsste nicht, Mama, wer daran Anstoß nehmen könnte, dass Hermann es vorzieht, von der Station aus einen Spaziergang durch Wald und Wiesen zu machen, anstatt sich im Wagen auf der Chaussee vollstauben zu lassen. Ich finde, dass er hierdurch einen sehr guten Geschmack beweist. Hätte ich die Stunde seiner Ankunft gewusst, dann wäre ich ihm entgegengegangen und hätte ihn von der Station abgeholt.«

»Natürlich, du verteidigst wie immer deinen Herrn Bruder!«, entgegnete die Baronin ärgerlich dem jungen Offizier. »Seine Sehnsucht ebenfalls ist nicht so groß wie die deine, er würde sonst seine Anmeldung nicht einem Diener überlassen haben, sondern schon selbst hier sein.«

»Halten zu Gnaden, gnädige Frau«, entgegnete respektvoll der alte Diener, »der Herr Baron kann noch nicht hier sein.« Ich sah ihn vom Flurfenster aus, wie er eben durch den Torweg in den Hof kam, und da bin ich schnell gelaufen, um meine gehorsame Meldung zu machen.«

»Hatte ich Ihnen erlaubt, zu sprechen, Dubois? Es ist höchst unpassend, dass Sie sich unterstehen, sich in das Gespräch der Herrschaft einzumischen, ohne gefragt zu sein. Merken Sie sich dies!«

»Du bist ungerecht, Mama! Dubois musste wohl deinen Irrtum berichtigen, da du Hermann einen unbegründeten Vorwurf machtest.«

Der Baronin schwebte eine scharfe Antwort auf der Zunge, aber sie unterdrückte dieselbe. Gegen ihren Liebling, den schönen jungen Offizier, den sie auch in diesem Augenblick mit mütterlichem Stolz betrachtete, war sie niemals hart und unfreundlich. Sie reichte ihm sogar die Hand, indem sie sagte: »Du bist zu gutmütig, Hans! Du verwöhnst nur die Leute, wenn du sie so in Schutz nimmst.«

Der Baron war während des kurzen Zwiegespräches zwischen Mutter und Sohn in dem großen Zimmer auf- und abgegangen. Er hatte nicht gehört, was gesprochen worden war. Tief nachdenkend schaute er starr vor sich nieder.

Schon seit einigen Tagen erwartete er seinen ältesten Sohn und doch überraschte ihn jetzt die Nachricht von dessen Ankunft. In wenigen Minuten musste Hermann der Meldung folgen und dann, dann musste es sich entscheiden, ob all die Pläne, welche der Baron mit der Rückkehr des Sohnes verbunden hatte, in blauen Dunst zerfließende Luftschlösser gewesen waren oder ob sie sich erfüllen sollten. Es hing viel von der Entscheidung der nächsten Stunde ab! Mit Bangen erwartete sie der Baron. Er hatte sich seit Wochen oft und reiflich überlegt, wie er den Sohn empfangen, welche Worte er zu ihm sprechen wollte, um seinen harten Sinn zu beugen. Jetzt aber, da er vor der Entscheidung stand, hatte er alle diese Wendungen vergessen, die er sich ausgesonnen hatte.

Der Schall von schnellen Schritten ertönte vom Korridor her, der zu dem großen Familienzimmer führte. Dubois öffnete die Flügeltür, der lang Erwartete stand auf der Schwelle. Mit raschem Blick überschaute er das Zimmer und die in diesem versammelten Familienmitglieder, dann ging er auf den Vater zu und bot ihm die Hand. Kein freundliches Lächeln erhellte bei der Begrüßung des Vaters seine ernsten Züge. Als er dann vor der Baronin, die ihren Platz auf dem Sofa nicht verlassen hatte, sich tief verbeugte, schien sein Gesicht sich noch mehr zu verfinstern, aber es hellte sich auf und freudig leuchtete für einen Moment sein dunkles Auge, als Hans ihm den Arm um die Schulter legte und ihn herzlich an sich drückend rief: »Endlich bist du da, mein alter lieber Hermann!«

Hermann erwiderte die Umarmung mit gleicher Herzlichkeit, dann aber entzog er sich derselben, sein Gesicht nahm wieder den Ausdruck kalten Ernstes an. Er wendete sich zu dem Baron: »Du hast meine Rückkehr gewünscht, Vater. Es müssen wichtige Gründe gewesen sein, die dich veranlassten, mich zur sofortigen Rückreise aufzufordern.«

»Siehst du das wirklich ein?«, fiel die Baronin mit höhnischem Ton ein. Sie hatte bisher starr und steif auf dem Sofa gesessen und Hermanns tiefe Verbeugung nur durch ein kaum merkliches Kopfnicken erwidert. Jetzt aber beugte sie sich vor, ihre Züge erhielten Leben, ein boshaftes Lächeln umspielte ihre feinen, dünnen Lippen. Sie betrachtete den Stiefsohn mit einem feindseligen Blick. »Wahrhaftig, du hast dich recht sehr beeilt, dem aus so gewichtigen Gründen entsprießenden Wunsch deines Vaters nachzukommen! Seit vier Tagen schon erwartet er dich! Du hast es nicht einmal der Mühe wert befunden, ihm ein Wort der Entschuldigung für deine so lange verzögerte Rückreise zu schicken.«

»Ich habe sofort von Capri aus geantwortet, dass ich kommen würde. Sollte der Brief verloren gegangen sein?«

»Nein, der Brief ist angekommen, deshalb eben erwarteten wir dich. Du aber hast es vorgezogen, noch eine Vergnügungsreise zu machen, obwohl dir der Vater ausdrücklich geschrieben hatte, er wünsche dich so schnell wie möglich hier zu sehen. Ein liebevoller, gehorsamer Sohn! Wahrhaftig, das muss ich sagen!«

»Ich bin so schnell gereist, wie meine Verhältnisse es irgend gestatteten«, erwiderte Hermann mit unerschütterlicher Ruhe. »Die Kurierzüge habe ich allerdings nicht benutzen können, da diese eine Dritte Wagenklasse nicht führen!«

»Dritte Klasse! Ist es erhört? Ist es glaubhaft? Ein Baron Anthold fährt Dritter Klasse und schämt sich nicht, es zuzugestehen?«

Hermann antwortete auf diesen Vorwurf nur durch ein Achselzucken, er wandte sich zu seinem Vater, der mit finsteren Mienen dem kurzen Streit zugehört hatte.

»Weshalb hast du mich zurückgerufen, Vater?«, fragte er ruhig ernst. »Ist es nicht besser, wenn ich dem Vaterhaus fern bleibe? Mein Wille ist es nicht, Unfrieden in dasselbe zu bringen. Da ich auf deinen Wunsch zurückgekehrt bin, solltest du mich auch vor Beleidigungen schützen, welche ich durch nichts veranlasst habe. Tust du es nicht, dann verlasse ich Schloss Warnitz noch in dieser Stunde wieder.«

»Sprichst du so zu deinem Vater? Wahrhaftig.«

Die Baronin war aufgesprungen. Mit vor Zorn zitternder Stimme hatte sie die Worte gesprochen, aber ihr Gatte unterbrach sie.

»Kein Wort mehr, Johanna!«, sagte er, ihre Hand mit festem Druck fassend und ihr finster ins Auge schauend. »Du vergisst, was du mir versprochen hattest!«, fügte er, sie zum Sofa zurückführend, flüsternd hinzu. »Bedenke, was von der nächsten Stunde abhängt! Willst du ihn mutwillig reizen?«

»Ich kann seinen Anblick nicht ertragen! Er ist mir im Grunde der Seele verhasst. Wenn ich ihm in das böse schwarze Auge schaue, kann ich mich nicht halten. Ich wollte ihn ja freundlich empfangen, aber es ging nicht, ich konnte es nicht. Ich will eher sterben, ehe ich ihm ein liebevolles Wort sage!«

»Dann schweige wenigstens jetzt. Lass mich mit ihm und Hans allein. Dein törichter Hass würde alles verderben! Es wird ohnehin schwer genug sein, ihn zu überreden. Geh, verlass uns. Ich bitte dich darum, ich fordere es von dir!«

»Nun wohl, ich werde gehen und dich mit deinem Sohn allein lassen, wenn du es verlangst, obwohl ich weiß, dass du gegen seinen Starrsinn nichts ausrichten wirst. Du bist zu schwach, zu nachgiebig, ein schwankendes Rohr im Wind. Ich wollte, ich könnte dir etwas von meiner Entschiedenheit einflößen, dann würde es besser um uns stehen. Du allein vermagst nichts gegen Hermann, er ist dir überlegen! Beugen kannst du ihn nicht, ihn musst du brechen und du vermagst es nicht, wenn ich dir nicht beistehe. Besinne dich, Robert, schicke mich nicht fort. Du vermagst nichts ohne mich!«

»Deine Anwesenheit würde alles verderben! Du hast durch deinen unfreundlichen Empfang den alten Hass zu neuer Glut angefacht. Bedenke, Johanna, wir sind in seiner Hand! Noch einmal bitte ich dich, geh!«

»Ich gehe, aber du wirst es bereuen, mich fortgeschickt zu haben.«

Sie erhob sich vom Sofa, noch einen feindseligen Blick warf sie Hermann zu, dann rauschte sie durch das Zimmer. Dubois öffnete ihr die Flügeltür und folgte ihr. Der Vater blieb mit seinen beiden Söhnen allein.


Der vollständige Band 1 steht als PDF, EPUB, MOBI und AZW3 zur Verfügung.

Bisherige Downloads: 109
Bisherige Downloads: 76
Bisherige Downloads: 41
Bisherige Downloads: 48

2 Kommentare zu Der Stern der Anthold – Band 1

  • Paule sagt:

    Uih danke. Zu PfingSchten ein ganzes Buch

    • W. Brandt sagt:

      Ja, Paule, habe mal wieder ein wenig herumgewerkelt, einen zweiten Laptop aktiviert, schnell mal das E-Book in den allseits bekannten Formaten kreiert. Band 2 und 3 folgen in Bälde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.