Story-Tipps

Wahrer Erfolg

Archive
Folgt uns auch auf

Jacob von Molay, der letzte Templer 31

Franz Theodor Wangenheim
Jacob von Molay, der letzte Templer
Dritter Teil
König Philipp
Verlag von Joh. Fr. Hammerich, Altona, 1838

Sechstes Kapitel

Des Waffenschmieds Gewohnheit, vor dem Schlafengehen den Spättruck zu nehmen, hielt ihn in an diesem Abend wie immer etwas länger wach als viele seinesgleichen in Paris. Nur in den Häusern der größeren Herrschaften wurde noch spät gespeist; freilich nicht kostbar, doch würzig und es vermählten sich bei diesen Mahlzeiten die verschiedensten, gaumenreizenden Dinge. Mit den anmutigen, orientalischen Gewürzen paarten sich der Knoblauch und die gewöhnliche Zwiebel, und es gehörte keineswegs zu den Seltenheiten, dass auf der einen Ecke des Tisches Zuckerbrot, mit Rosenwasser besprengt, zu finden war und auf der anderen Ecke ein Mehlbrei, mit Milch genießbar gemacht. Florian war ein großer Herr geworden, ein viel bedeutender Mann, das machten ihn die Kammerdiener des Königs glauben. Aus diesem Grund musste also Florian ebenfalls einen gut besetzten Tisch führen, welches ihm umso leichter wurde, da er sich durchaus nicht um die Kosten desselben zu kümmern hatte. Wenn man des Waffenschmiedes Benehmen in allen Beziehungen betrachtet, so wird man sich nicht hoch verwundern, wenn man das sonderbarste Gemisch von Speisen auf seiner Tafel fand, zumal der Sitte jenes rohfinsteren Jahrhunderts angepasst, welches über den Tempelherrenorden so kalt den Stab gebrochen hatte. Wer aber konnte Bürge sein, dass nicht bei Florian die Mahnungen des Gewissens zum Schweigen gebracht werden sollten? Trank er doch bis spät in die Nacht hinein, während er ehemals ein sehr mäßiger Bürgersmann gewesen war!

Diese Art und Weise, den Schlaf zu befördern, konnte bei Florian füglich der Spättrunk genannt werden. Treu wie immer standen König Philipps Kammerdiener auch in diesem Fall zur Seite. Noch niemals durften sie den Waffenschmied so oft zum Trinken einladen, als gerade an diesem Abend. Es hatte den Anschein, als ob Florian heute ein abgesagter Feind des Weines gewesen wäre. Und doch, so oft er den Becher an die Lippen brachte, trank er ihn bis auf den letzten Tropfen aus. Niemals wirkte der Wein schädlicher, als ob er eine heftige Gemütsbewegung erdrücken soll. Ist es doch gerade, als ob man Flammen durch Flammen dämpfen wollte! So hier: Zu höherer Glut loderte das erregte Gemüt des Waffenschmiedes auf, äußerte sich auf so besorgliche Weise, dass ihn beide Königsknechte früher als sonst verlassen mussten.

Florian war allein. Ha, diese Einsamkeit war ihm peinlicher als die Gegenwart der königlichen Bedienten, die er nun durchschaut hatte. Sie, ebenfalls vom Wein erregt, verhehlten ihm nicht mehr, inwiefern er sich um das Heil der Christenheit verdient gemacht habe, da er die erste Veranlassung zur Klage gegen die Tempelherren gewesen war. Doch wie sie auch seiner Eitelkeit Opfer zu bringen vermeinten; in Florians Brust regte sich ein anderes, als diese niedrigen Seelen zu berechnen imstande waren. Der Wein erhebt jede Empfindung bis zu ihrer höchsten Staffel, dann aber folgt die Erschlaffung. Wer die Gefühle durch den Genuss des Weines zu töten gedenkt, der ist vom Irrtum befangen. Zu dieser Erkenntnis kann derjenigen nicht kommen, dessen Absicht es ist. Das frohe Herz wird froher durch den Wein, doch das beschwerte noch schwerer, und, in dem Mittelzustand zwischen Aufregung und Schlaffheit wird gegen alles gesündigt, was den Menschen ziert – man sollte diesen Zustand tierischen Wahnsinn nennen.

Wenngleich Florian nicht in dem Grade dem Wein zugesprochen hatte, dass er in diesem Wahnsinn verfallen wäre, so war seine Seele denn doch zu sehr aufgeregt, als dass er nicht in einen Zustand hätte geraten müssen, der in seinen Beziehungen davon verschieden war. Ein Gedanke nur hatte den Waffenschmied erfüllt, erfüllte ihn stets: der Gedanke, dass er die Ursache zu so großem Unheil wäre. Die Tempelherren, dass schien jetzt ausgemacht, mussten untergehen. Nur das Wie blieb auch dem Waffenschmied ein Geheimnis. Er war nicht so schlecht, dass er in diesem Verderben zu ernten gedachte. Im Gegenteil, da man ihm unwillkürlich die Augen mehr und mehr öffnete, so sah er nur zu deutlich ein, zu welcher viel bedeutenden und schauderhaften Begebenheit er die Hand geboten hatte. Florians Kleid nicht mehr von lebhafter Farbe; ein schwarzer Überwurf, schwarze Beinkleider und eine schwarze Calotte, eben wie sie die Tempelherren trugen, bedeckte sein Haupt, von welchen sich seit Kurzem eine Locke nach der anderen löste. Blass und hager war sein Gesicht, dem die tief liegenden Augen ein abschreckendes Ansehen gaben. Was jedoch Florian am meisten grämte, das war sein haftähnliches Wohnen in diesem Haus. Niemand kam zu ihm, außer Nogaret und die beiden Diener des Königs. Die Unterhaltung des Ersteren glich gewöhnlich einem peinlichen Verhör, welches den Waffenschmied umso lästiger wurde, da er nun gern Dinge in Abrede gestellt hätte, deren Bedeutsamkeit ihm erst einleuchtend geworden war. Wenngleich Florian nicht gar hohen Geistes war, so hatte er doch aus diesem Grund auch des Vorteiles, sein Gewissen mit Scheingründen zu beschwichtigen, entbehren müssen, und mehr und mehr, je näher den nächtlichen Schatten nahten, je tiefer die Mitternacht herabsank, erhob sich das stürmende Gefühl in seiner Brust. Wie gern wäre er vor sich selbst geflohen, doch hielt ihn die königliche Macht zurück und noch ein anderes: seine Margot.

Schon so manches war verlautbart in Paris. Unmöglich konnte es Florian verborgen geblieben sein. Was ihn am tiefsten kränkte, war das zweideutige Licht, mit welchem man seine Tochter umhüllte. Der ehrsame Bürgersmann erwachte wieder in dem zum Gecken gekünstelten Florian. Er gedachte seiner Vorfahren, deren Andenken in Beziers stets noch lebte. Tugend war ihr größter Reichtum gewesen, und seine Margot …? Sie war die Krone der Jungfrauen dort und hier in Paris …? Freilich mochte das den Vater wurmen und im Gefühl seiner Ohnmacht, eine Änderung herbeizuführen, griff er zum Krug. Er war sich in diesem Augenblick genug, denn es schwand ja doch alles vor den umflorten Blicken. Nur in unzusammenhängenden Sätzen sprach er mit sich selbst, ein Gewirr von erdrückenden Gefühlen zeigte sich dennoch in der regellosen, kaum verständlichen Selbstunterredung.

»Der Wein … der Wein … bin doch kein Tempelherr und … trinke viel Wein. … Feuer möchte ich … Feuer trinken, schlürfen! … Ha, vermählen würde es sich mit dem nassen Element … und … ja verzehren würden beide … mich! … Nein, nicht mich … wo bliebe Margot? … Aber diese Brust … diese alte, sündige Brust … Tod und Hölle! Balthasar! He, he Balthasar! Geselle, hörst du nicht, wenn der Meister ruft? Sie alle gehen dem eigenen Gelüsten nach; nur ich … nicht allein! … Satanischer Tempelherr, verdammte Beichte! … Ha, Roucy! Roucy! … Was wäre es denn auch weiter gewesen? Mehr als töten kann keiner den Verbrechern … und nun! … An jedem einzelnen Haar meines Schädels wird ein Menschenleben hängen … die letzte Stunde! … Wenn sie mir schlagen sollte … und sie wird mir schlagen … Wein! Wein! Mehr noch … vielleicht tönt sie dann nicht so furchtbar mir ins Ohr!

Die Gespensterstunde sah das Erschrecken des vom Gewissen gepeinigten Mannes, da eine Gestalt, verstört und flüchtig zu ihm eintrat. Lange stierte er sie mit weit aufgerissenen Augen an; der Empfang hatte auch die Gestalt verstummen gemacht. Ein heftiger Kampf entstand aber nun in der Brust, in dem Kopf des erschrockenen Florians. Keines Wortes mächtig, erhob er sich mit Mühe, verließ schwankenden Schrittes den überfüllten Tisch, der eines Schwelgers würdig war, und bewegte sich auf die Gestalt zu, welche im dunklen, unheimlichen Gewand ihn bebend erwartete.

»Margot!«, rief er plötzlich, und die Dünste des Weines schienen von ihm gewichen zu sein. »Margot! Meine Margot! Ein Herz liebes Kind! … Du hier? In diesem ärmlichen Kleid? In finsterer Mitternacht?«

»Ach, mir ist besser, Vater«, neigte sie das blasse Gesicht des Vaters Brust. »Mir ist besser in diesem ärmlichen Kleid, in dunkler Mitternacht bei Euch als im Louvre, bei hellem Kerzenlicht, von Gold und Edelsteinen prangend. Wie mir wohl ist, wie meine Brust sich ausdehnt. So mag einem Gefangenen zumute sein, wenn er nach langen, durchweinten Jahren die drückende Fessel von seinen Gliedern fällt. Lasst mich wieder diese Brust als meine Heimat erkennen. Ich will ja nicht mehr, als dies bescheidene Los. Vater, Ihr könnt nicht erfahren haben, was ich erfuhr. Fühle ich doch die Scham auf meinen Wangen brennen, doch frohauf jubelt es in mir: Du hast gesiegt. Du hast dich selbst gerettet!«

»Was sprichst du da? Eigenmächtig hättest du den Louvre verlassen?«

»Ihr versteht mich nicht. Dass ich dem Louvre entflohen bin, das ist nur Kleinigkeit Vater …«

»Noch mehr als das …?«

»Ihr könnt das nicht begreifen, weder Ihr noch irgendein anderer. Aber ich wusste in Gottes weiter Schöpfung nur Euch, wohin ich flüchten konnte, und vor wem denkt Ihr? Vor König Philipp! Ich will doch sehen, ob sein Recht, sich mit dem Euren messen könne!«

»Ich bebe, Margot. König Philipp sagst du? Er …?«

»Genug, Vater, ich bringe mich Euch wieder. Lasst mich aber niemals wieder von Euch – deckt der Verantwortung droben. Kinder sind ja geliehenes Gut vom Himmel. Wollte Ihr es veruntreuen? Das wollt Ihr nicht. Eure Margot kennt Euch besser, als dass sie dieses glauben könnte!«

»Nein, Kind, das will ich niemals! Wie ist mir denn? Es wirrt und saust mir so sonderbar durch den alten Kopf wie noch niemals. Das macht der Wein, der böse, böse Geist des Weines. Ja, Margot, den Krug Bier auf meinem Eichentisch in Beziers, nach tüchtiger Arbeit, bekam mir jedoch besser. Balthasar und du mir gegenüber, da war ich froh. Jetzt, nun ja doch, jetzt hat man mit dem königlichen Kanzler zu schaffen – der ist ein Mann von der Feder, passt nicht gut zu einem Waffenschmied. Es ist auch gerade, als ob ich lange und schwer geträumt hätte. Gar manches Bild steigt hohnlachend vor mir auf – der Balthasar hatte doch so unrecht nicht.«

»Wie das, mein Vater?«

»Nun, er ist jetzt in Deutschland, dient einem Grafen, da kann er es schon zu etwas bringen. Das Tempelherrenkreuz wird ihm nicht lange mehr im Weg stehen und – den Gedanken hat mir ein Gott eingegeben – ja, es bleibt dabei. In Deutschland ehrt man meine Kunst – die alten Knochen werden noch nicht so morsch geworden sein, dass sich für dich und mich das Stückchen Brot nicht mehr erwerben könnte. Margot, wie gehen nach Deutschland!«

Der feste und entschlossene Ton des Waffenschmiedes, mit welchem er die letzte Entscheidung von sich gegeben hatte, stimmte ganz wieder mit seinem ehemaligen Charakter überein und führte sogar auch Margot zu der ehemaligen Herzlichkeit, mit welcher Vater und Tochter stets einander beglückt hatten. Ein unnennbar süßes Gefühl durchwehte des Mädchens Herz, als der Vater von Deutschland sprach; in die Nähe des Geliebten ihrer Seele sollte Margot gelangen. Welche Sprache der Erde gibt von solchem Gefühl wohl Kunde? Während Margot in unwillkürlich diesem Gedanken nachhing, hatte sich auch Meister Florian näher mit dieser Absicht bekannt gemacht. Wohl überlegend sprach er mit sich selbst: »Kenne den Balthasar, eine gute ehrliche Haut. Er wird seinen alten Meister nicht von der Tür weisen. Hat manches Gutes und Liebes in meinem Haus genossen. Wird es noch nicht vergessen haben. So viel Geld, um mir das notwendige Handwerkszeug anzuschaffen, kann ich leicht mit mir nehmen, das kostet nicht alle Welt. Margot führt mir die Wirtschaft, und da will ich meine alten Tage im fremden Land beschließen. Es ist freilich hart, dem heimatlichen Boden auf immer Valet zu sagen, das Vaterland in so späten Jahren noch mit dem Rücken anzusehen, aber es geht nicht anders – wahrlich! Es geht nicht anders. Setz dich zu mir, Margot – so, mein Kind. Wird mir doch wieder so wohl, so leicht, da ich dir wieder einmal die Augen schauen kann. Bangt dir auch nicht von Deutschland? Ein raues, kaltes Land, Margot; fremde Sitten, fremde Sprache …«

»Das schreckt mich nicht, mein Vater, das Herz zog mich schon längst dahin.«

»Ja, ja! Margot! Ich merke wohl, den Balthasar hast du doch noch nicht ganz vergessen. Lass mich nur gewähren, vielleicht sprießt uns ein kleines Glück aus meiner großen Untat. Vielleicht, wenn die Tempelherren nicht mehr vorhanden sind, gelingt es mir, dich mit Balthasar zu verbinden. Dann, Margot, werde ich ruhig mein Haupt niederlegen können.«

»Wie vor sich selbst erschreckend, winkte Florian seiner Tochter plötzlich Schweigen, erhob sich, eilte mehrere Schritte von ihr weg, blieb abgewandt und tief gesenkten Hauptes vor einem Kruzifix stehen und schlug mehrmals das Kreuz. Er schien zu beten. Darauf sah ihn Margot auf die Knie niedersinken und mit der Stirn den Boden berühren. Des Mädchens Angst entkräftete des Vaters Gebot.

Margot eilte zu ihm hin und sanft mit der Hand berührend fragte sie: »Um Gott! Was ist Euch, Vater?«

Da wendete Florian das Gesicht zu seiner Tochter hin, es war von unsäglicher Angst erfüllt. Das Mädchen konnte kaum den Blick des Vaters ertragen.

»Lass mich hier im Staub liegen!«, stieß er hervor. »Kennst du die heulende Selbstverklagung nicht? Wie kann ich dich fragen, du R eine! Dich, die den Gewissenswurm nur vom Hörensagen kennt! Ha! Wärst du doch nicht gekommen, so würde ich auch in dieser Nacht den Teufel überwunden haben, der ungesehen sich einschleicht, um echt teuflisch die Frucht zu sehen von den Sünden, die er ausgesät hat! Das ist mehr, als ein Mensch verantworten kann, und die ewige Verdammnis wird zur Bettlerin, wenn sie mich Sünder läutern will!«

»Heilige Muttergottes! Was sprecht Ihr da für Worte!«

»Lass mich, es wird vorübergehen, Margot! Ha! Wie sie mich schlau beim Hauch des Mundes erhaschten – festgehalten, nicht zu entrinnen! Du listiger Kanzler, du! Mit deinen glatten Worten an deinem Geschreibsel! Hilf mir auf, Margot. Was ich auch gesagt habe von Deutschland, es kann sich nicht erfüllen. Angeschmiedet hier an die bösen Früchte der unbedachten Worte, gleiche ich den Gefangenen, der goldene Ketten trägt. Es ist zu spät, meine Tochter, und ich muss selbst dich von mir weisen, damit das Verderben dich nicht erreiche. Gehe deinen Weg allein, Margot. Erbarme sich der Himmel dein, du Verwaiste, und möge er dir meine Untat nicht vergelten.«

»Ich begreife Euch nicht, Vater, und dennoch machen Eure Worte das Herz mir im Busen sinken.«

»Wirst schon begreifen, wirst mit Schrecken erfahren, wie sich das Unheil entladen wird, wirst schaudern, wenn man dich um den Namen deines Vaters fragt! Nicht der selige Trost guter Kinder wird dir zuteilwerden, denn für meine Seele Heil wirst du nimmer beten dürfen. Und wenn dein ganzes Leben nur ein Gebet wäre – mir zum Heil dürfte es nicht zum Himmel dringen, denn meine Schuld ist so ungeheuer, dass die Heiligen am Thron des Höchsten darob erröten müssten …«

»Verklagt Euch doch nicht selbst so grässlich. Wollt Ihr Himmel herausfordern? Fürchtet ihn, man treibt in Frankreich nur ein allzu sehr gewagtes Spiel mit ihm.«

»Du hast recht, meine Tochter, auf Roucy hat dieses Spiel begonnen. Ein falscher Spieler nur kann die Würfel vorherbestimmen – ein erbärmlicher Trost zwar. Aber ein Trost für mich, dass ich kein falscher Spieler gewesen bin! Sieh, Margot, wie schwarz die Nacht herunterhängt, als wollte sie mit ihrem dunklen Mantel dem Auge des Allwissenden das Verbrechen verstecken. Mir wird bang und immer banger. Ich zittere, wie von Fieberfrost durchschauert. Siehst du nicht, wie die Nägel mir blau werden? Hörst du nicht meine Zähne klappern? Ha! Margot! Und mir schlottern die Knie. Werden kommen, sage ich dir, werde mich rufen zum Gericht, in welchen Menschenleben um das Tausendfache im Preis steigt, und doch nicht mehr wiegt als eine Seifenblase. In dem Gericht soll ich der Kläger sein ich Unglückseliger! … Hörst du nicht? Mir ist, als nahten sich schon … verbirgt mich, Margot, rette deinen Vater, wie du kannst!«

Der Waffenschmied hatte sich so nahe an sie gedrängt, dass sie das Zittern seines ganzen Körper spüren konnte, selbst von seiner Angst angesteckt wurde. Ein Geräusch, welches sich näherte, gab ihr jedoch die Besinnung wieder, und schnell entschlossen, löschte sie die Lichter aus, dass tiefe Finsternis die beiden umgab.

Es war die höchste Zeit gewesen, denn unmittelbar darauf wurde die Tür aufgestoßen. An dem Lallen des Mundes war leicht ein Betrunkener zu erkennen.

»He! Du!«, rief er. »Alter, bist du schon im Bett? … Keine Antwort, er schläft. Der Alte schläft … wenn ich mich nur nicht hier festhalten müsste, ich wollte ihn schon wieder aufrütteln … der Schläfer, am besten Spaß verschläft er! Das wird eine Hatz abgeben … ich ärgere mich über mich selbst, dass ich nicht dabei sein kann. Hm! Hm! Was anfangen? Nirgend noch Licht … wie den Rückweg wieder finden? Wenn ich nur einen Sessel ergreifen könnte, da würde ich doch wenigstens schlafen können … warm ist mir, als wäre ich aus einem heißen Ofen gezogen … halt, ich will meine fünf Sinne wieder zusammensuchen: von der Tür rechts, nicht mehr als drei Schritte weit, da ist gewöhnlich mein Platz … wenn ich nur dahin gelangen könnte, und das ist besser, denn der König würde zürnen, dass ich den Alten gerade in dieser Nacht allein gelassen habe … nur noch so weit tragt mich, ihr lumpigen Beine, mehr verlange ich nicht von euch in dieser Nacht … Mut gefasst also und vorwärts, wie ein Mann!«

Der heldenmütige Entschluss des königlichen Dieners kam jedoch nicht ganz zur Ausführung, denn in demselben Augenblick, da er die Tür losgelassen hatte, fiel er zu Boden.

»Da … da liege ich schon … meinetwegen … was geht es mich an … der König … hetzt heute Nacht … die Tempelherren … ich will indes … ruhig … schlafen … das hätte mir auch gefehlt … mich so verdrießliche … Händel … einzulassen … ich bin ja … nicht der König … aber auch kein königliches … Gewissen … das ist groß … größer als ungeheures Weinfass … geht viel hinein … und Pater Wilhelm … versteht es weidlich zu leeren … ein herrlicher Kerl Prater … Wilhelm … ich … aber … ich … will … schla … fen.«

Es dauerte nicht lange und die tiefen Atemzüge des Betrunkenen zeugten, dass die Gefahr der Entdeckung vorüber war.

»Still, Margot«, flüsterte Florian »ich weiß jedes Fleckchen im Gemach und will wieder Licht anzünden. Damit weiß ich noch umzugehen aus früherer Zeit.«

Der Meister hatte sich nicht zu viel zugetraut. Bald beleuchteten die Kerzen wieder die schreckensgleichen Gesichter der beiden. Die Gelegenheit war zu günstig, als dass sie ungenutzt hätte vorübergehen sollen. Eines verstand des anderen Wink, und angetan mit dem glänzenden Überwurf ihres Vaters, mit seinem prächtigen Barett, zeigte ihm Margot den Weg zur Freiheit. Sie aber trennte sich bald von ihm, Zeit und Ort war unter ihnen bestimmt, wo sie sich finden wollten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.