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Des Teufels Sohn

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John Sinclair Classics Band 15

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 15
Der Blutgraf

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 27.03.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 04.03.1975 als Gespenster-Krimi Band 77.

Kurzinhalt:
Als John Sinclair das Luxusschiff betritt, freut er sich auf einen wohlverdienten Urlaub. Den Komfort an Bord genießen und ausspannen, mehr will er nicht.

Doch es kommt anders. Denn Graf Tomaso, ein Vampir, ist unter den Gästen! Und langsam verwandelt sich das idyllische Schiff in einen Schauplatz voller Angst und Schrecken.

Gefangen in der Hölle des Grauens, nimmt John Sinclair den Kampf auf, um sich selbst und die anderen Passagiere zu retten …

Leseprobe

Die alte Tür knarrte hässlich, obwohl sie behutsam aufgezogen wurde. Doch die junge Frau in dem breiten Holzbett hörte von diesem Geräusch nichts. Sie schlief ruhig weiter. Tiefe, regelmä­ßige Atemzüge hoben und senkten ihre Brust.

Durch die spaltbreit geöffnete Tür huschte eine dunkel gekleidete Gestalt in das Zimmer. Sie verschmolz fast völlig mit der Finsternis. Die Gestalt blieb stehen, lauschte.

Der Blick der stechenden Augen glitt durch den Raum. Erkennen konnte die Gestalt kaum etwas. Nur das kleine Fenster zeichnete sich als etwas helleres Rechteck ab.

Noch immer schlief die junge Frau tief und fest. Sie ahnte nicht einmal die Gefahr, in der sie schwebte.

Die Gestalt ging einen Schritt vor. Stoff rieb an Stoff. Das Geräusch klang überlaut in der Stille.

Der Eindringling beugte sich zu dem schlafenden Mädchen hinab und öffnete unendlich langsam den Mund.

Zwei nadelspitze Vampirzähne ka­men zum Vorschein …

Im gleichen Augenblick drehte sich die Schlafende auf den Rücken, stöhnte leicht auf und legte den Kopf dann auf die rechte Seite.

Dadurch war der Hals frei!

Etwas Günstigeres konnte es für den Vampir gar nicht geben. Seine Augen saugten sich an dem zarten Frauenhals fest. Er hörte förmlich das Blut unter der Haut pochen.

Erregung überkam den Vampir. Eine Erregung, die heiß in ihm aufstieg und nur durch eins gelöscht werden konnte.

Durch Blut!

Weit beugte der Vampir seinen Oberkörper nach unten, legte die Hände links und rechts flach neben den Kopf des Mädchens, öffnete den Mund noch weiter, um keinen Bluts­tropfen zu verlieren.

Jetzt musste er zubeißen!

Plötzlich flog mit ungeheurer Ge­walt die Tür auf. Ein halbes Dutzend Männer quoll in das kleine Zimmer. Sie hielten Fackeln in den Händen und einfache Holzkreuze. Stumm und drohend standen sie da.

Der Vampir war zurückgefahren und hatte den Kopf gedreht. Seine Augen waren schreckgeweitet und suchten verzweifelt nach einem Aus­weg. Der Fackelschein beleuchtete die grässliche Vampirfratze in allen Einzelheiten.

Da wurde das Mädchen wach. Es schreckte aus dem Bett hoch, begriff im ersten Moment nicht, was los war, und begann dann, gellend zu schreien.

»Hör auf, Ilona«, sagte eine harte Männerstimme. »Wir haben den Vampir geschnappt. Wir werden ihn vernichten. Endgültig.«

Der Sprecher hob das einfache Holzkreuz.

»Sieh dieses Kreuz, Untoter, (las mir die Kraft gibt, dir zu widerstehen. Durch die Kraft des …«

»Aaahhh.«

Der grässliche Schrei riss dem Mann die Worte von den Lippen. Der Vampir hatte ihn ausgestoßen. Er war plötzlich aufgesprungen und hechtete auf das Fenster zu.

Klirrend zerbrach die Scheibe.

Ehe die Männer überhaupt wussten, was eigentlich geschehen war, ließ sich der Vampir an der anderen Seite schon hinaus auf die nasse Erde fallen.

Er landete auf allen vieren.

Gehetzt sah er sich um.

Vorne vom Haus hörte er die Stim­men der Männer, die aus der Haustür quollen. Es dauerte noch einige Sekunden, bis die Häscher an der Rückseite waren.

Der Vampir schlüpfte in den Garten. Geduckt hetzte er durch die Gebüsche, versuchte, die rettende Dunkelheit zu erreichen.

Doch die Häscher standen überall. Hatten einen Ring um das Haus ge­schlossen.

Ein junger kräftiger Mann sprang dem Vampir in den Weg. Sein Gesicht war noch als heller Fleck zu erkennen. Schreiend stürzte er dem Vampir ent­gegen. In der Rechten schwang er eine Lanze.

»Ich hab ihn! Ich …«

Mit aller Kraft schleuderte der Mann die gefährliche Mordwaffe.

Doch der Vampir war schnell. Der Instinkt, eine Gefahr sofort zu erken­nen, ließ ihn blitzartig reagieren.

Ein gewaltiger Sprung brachte ihn bis an den morschen Gartenzaun.

Die Lanze zischte ins Leere.

Der Wutschrei des Mannes gellte dem Untoten in den Ohren.

Weiter! Nur weiter! Er musste das Schloss erreichen! Musste Graf To­maso warnen.

An den hinteren Teil des Gartens grenzte eine Wiese, die in einem klei­nen Wäldchen mündete.

Wenn er das erreichte. Wenn …

Der Vampir rannte.

Seine Füße stampften durch das nasse Gras. Er riskierte es, einen Blick zurückzuwerfen.

Die Meute war ihm auf den Fersen.

Die Fackeln leuchteten gespens­tisch. Der rotgelbe Schein zuckte durch die Dunkelheit, ließ die Schat­ten der laufenden Männer über den Boden tanzen.

Die Verfolger feuerten sich gegenseitig an. »Los, schneller! Lasst ihn nicht entkommen! Wir kriegen ihn!«

Diese und ähnliche Worte drangen durch die stockfinstere Nacht.

Der Wald rückte immer näher. Schon hatte der Vampir die ersten Bäume erreicht. Hier, zwischen den Stämmen der hohen Fichten und Tannen, war die Dunkelheit noch in­tensiver. Man konnte nicht mehr die Hand vor Augen sehen.

Der Vampir lachte lautlos. Er hatte es geschafft! Hatte den Wald erreicht. Hier konnten sie ihm nicht folgen, es sei denn, sie löschten die Fackeln. Denn einen Waldbrand würde wohl kaum jemand riskieren.

Aber dann war es finster. Und die Dunkelheit war sein Verbündeter.

Tatsächlich stoppten die Männer vor dem Waldrand. Es dauerte einige Zeit, bis sich ihr Atem beruhigt hatte und sie überlegen konnten, wie es nun weiterging.

»Der ist bestimmt zum Schloss«, sagte einer. »Los, wir laufen hin und schneiden ihm den Weg ab.«

Brüllend und johlend zogen die Männer weiter. Sie wollten ihr Opfer. An Aufgeben dachte niemand.

Das Schloss lag auf einem Hügel. Ringsum von Wald umgeben wirkte es wie eine stumme Drohung aus uralter Zeit. Die Mauern waren dick und dun­kel. Zwei Türme ragten in den Himmel.

Zum Schloss führte nur ein schmaler Weg. Wie eine Schlange ringelte er sich durch den dichten Wald.

Dieser Wald war auch tagsüber dunkel und unheimlich. Hohe, dichte Baumkronen filterten das Sonnenlicht, ließen kaum einen Strahl durch. Kein Vogel nistete in den Ästen der Bäume.

Alles wirkte verlassen, öde und unheimlich.

Die Männer blieben am Anfang des Weges stehen. Sie zögerten, den un­heimlichen Wald zu betreten. Manch einer wünschte, weit fort zu sein.

»Los, verdammt noch mal!«, schrie der Anführer der Gruppe, ein hochge­wachsener bärtiger Mann. »Wir haben es angefangen und bringen es auch zu Ende. Diese verdammte Vampirplage muss aufhören. Sollen unsere Frauen und Mädchen denn immer weiter in Angst und Schrecken leben?«

Zustimmendes Gemurmel wurde laut. Die Worte, hart und laut ausge­sprochen, hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Ein unsichtbarer Ruck schien durch die Vampirjäger zu gehen.

Wie auf ein geheimes Kommando setzten sie sich in Bewegung, nur von dem einen Ziel besessen.

Dem Vampir endgültig den Garaus zu machen!

 

 

Der Vampir rannte um sein Leben, hatte die Mauern des Schlosses längst vor den Häschern erreicht.

Das große eisenbeschlagene Tor stand offen. Der Vampir huschte hin­durch, lief über den mit Moos und Un­kraut bewachsenen Innenhof und blieb vor dem verwitterten Schlossportal stehen.

Er sah sich um.

Noch war von den Verfolgern nichts zu hören, aber er war sicher, dass sie kommen würden, um ihn zu vernich­ten.

Der Vampir blickte zum Himmel. Kein einziger Stern funkelte an dem nachtschwarzen Firmament.

Es war, als halte selbst die Natur den Atem an.

Mit beiden Fäusten trommelte der Vampir gegen das Portal. Der Graf musste ihn hören, falls er nicht schon längst wusste, was überhaupt los war.

Das Echo der Schläge hallte über den verlassenen Schlosshof.

Erschöpft hielt der Vampir inne. Warum kam der Graf nicht? Hatte er ihn nicht gehört? Oder wollte er nicht kommen? Vielleicht hatte er ihn schon längst abgeschrieben.

Diese Erkenntnis trieb dem Vampir heiße Angstschauer über den Rücken. Aber er sollte sich getäuscht haben.

Graf Sandor Tomaso kam!

Sandor Tomaso! Herrscher über das Vampirreich!

Heftig wurde das Portal aufgerissen. Flackernder Kerzenschein drang nach draußen, erhellte für Augenblicke das angstverzerrte Gesicht des Vampirs.

»Komm rein«, forderte der Graf.

Seine Stimme klang dunkel. Sie schien direkt aus einer Gruft zu kom­men.

Taumelnd schritt der Vampir über die Schwelle des Schlosses.

»Es ist so weit«, keuchte er. »Sie sind mir auf der Spur. Sie werden bald hier sein. Es gibt keine Rettung mehr. Keine …«

»Ich weiß«, sagte Graf Tomaso. »Aber wir, die Untoten, sind stärker. Wir sind unsterblich!«

Der Vampir sah seinen Meister an.

Graf Sandor Tomaso hielt in der rechten Hand einen Leuchter, in dem drei schwere schwarze Kerzen steck­ten. Die Flammen brannten unruhig, warfen zuckende Schattenmuster über Tomasos Gesicht.

Der Graf war schon alt. Hunderte von Jahren lebte er bereits, doch das Blut der Menschen gab ihm immer wieder die Kraft, die er brauchte, um existieren zu können.

Graf Sandor Tomaso, gezeugt in einer Teufelsnacht, war ein hochge­wachsener Mann mit schlohweißem Haar. Sein Gesicht war kantig, wirkte hart, aber auch männlich, was beson­ders vielen Frauen zum Verhängnis geworden war. Unter seinen dichten Augenbrauen funkelten Augen, die an schwarze Diamanten erinnerten. Diese Augen konnten einen das Grauen lehren. Der Graf hatte lange, kräftige Hände, die gnadenlos zupacken konn­ten und ihr Opfer nie mehr losließen.

Graf Tomaso trug über seinem dunklen Anzug einen schwarzen Um­hang. Er wirkte dadurch wie eine rie­sige Fledermaus, wenn er seine Arme ausgebreitet hatte.

»Nun?«, fragte der Graf.

»Du musst mich verstecken«, keuchte der Vampir. »Das heißt – nein, wir müssen uns verstecken. Sie – sie werden uns töten. Sie …«

»Niemand wird mich töten«, erwi­derte der Graf und betonte dabei be­sonders das Wort ›mich‹. Dem Vampir fiel dies jedoch nicht auf. Er hatte zu sehr mit seinen eigenen Sorgen und Ängsten zu tun.

»Was – was machen wir denn jetzt?«, ächzte er angsterfüllt.

Graf Tomaso verzog die Lippen zu einem grausamen Lächeln.

»Du wartest hier«, sagte er. »Ich werde die Mächte der Finsternis an­rufen, um diesem Spuk ein Ende zu bereiten. Die Jäger werden eingehen in den Schlund der Hölle, verlass dich darauf!«

Personen

  • Vampir
  • Ilona
  • Graf Sandor Tomaso
  • Vampirjäger
  • Dr. Hank Fulmer, Expeditionsleiter
  • Seymour Destry, Assistent von Dr. Fulmer
  • Susan Miller, Assistentin von Dr. Fulmer
  • Pensionsinhaber, Wirt
  • John Sinclair
  • Bill Conolly, Reporter
  • Sheila, dessen Ehefrau
  • Matrose des Passagierschiffes Cormoran
  • Titus van Heeren, Kapitän
  • Polizist
  • Arzt
  • Kinder Jimmy und Harry
  • Johnson, Lademeister
  • Besatzungsmitglieder

Orte

  • Szöllny
  • London
  • Passagierschiff Cormoran

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 15. Bastei Verlag. Köln. 27. 03. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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