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Des Teufels Sohn

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Diane Teil 1 – Kapitel 5

Alexander von Ungern-Sternberg
Diane
Ein Kriminalgemälde der modernen Gesellschaft
Berlin, 1842, Buchhandlung des Berliner Lesekabinetts

Fünftes Kapitel

Der verlorene Brief wird gefunden.

Fast zu derselben Zeit, da unsere Geschichte beginnt, um wenige Stunden früher, befanden sich auf der Landstraße, die von Küstrin nach Müncheberg führt, drei andere Reisende, die nicht so bequem und gefahrlos reisten, wie die Passagiere im Wagen der königlichen Postkutsche. Es waren dies ein ältlicher Mann in zerlumpter Kleidung und, wie es schien, von Krankheit und Elend gebeugt, ein Mädchen, fast von noch nicht voll zehn Jahren, und ein Knabe, der vierzehn bis fünfzehn Jahre zählen mochte. Die Kleidung der Kinder war ebenfalls wenig besser als bettelhaft. Der ältliche Mann trug einen weiten Überrock und einen alten Filzhut, nebst einem rotwollenen Tuch, das nachlässig um den Hals geschlungen war. Der Knabe hatte Schifferbeinkleider und eine dazu passende Jacke, ein zerrissener Strohhut deckte seine schwarzen Locken und saß ihm tief im Gesicht. Das Mädchen war in einen dunkelfarbigen Wollrock gehüllt, und ein seidenes Tuch war ihr um den Kopf geschlungen. Obwohl ihre nackten Arme und ihre nicht viel besser bekleideten Füße Spuren der Verletzungen von Dornenhecken und spitzen Steinen zeigten, entglitt der Verwundeten dennoch keine Klage. Sie setzte in so rascher Eile, halb laufend, ihren Weg fort, dass sie ihre beiden Gefährten bald überflügelte. Der kalte Regen, der immer stärker zu sprühen anfing, schlug den Wanderern ins Gesicht. Die eintretende Dunkelheit und der Sturm machte zugleich ihre Straße unsicher und unbequem. Sie eilten immer flüchtiger dahin und schienen eifrigst ein Gebäude, das ihnen Schutz gewähren konnte, erreichen zu wollen. Seitwärts vom Weg lag, in den Nebel der Nacht gehüllt, eine Scheune, wie sie in dieser Gegend öfters zu finden sind. Dorthin lenkten die Flüchtlinge ihre Schritte. Die Kinder waren weit voran und kehrten unwillig um, den kranken alten Mann in ihre Mitte nehmend, ihn zum schnelleren Gehen zu bewegen.

»Ich tue, was ich kann«, keuchte dieser. »An diese Nacht werde ich denken, solange ich noch dieses elende Leben friste. Siehst du kein Licht, Sim? Strenge deine Augen an, die meinen sind fast erblindet durch Sturm und Regen.«

»Ich sehe nichts«, antwortete der Knabe rasch und wild. »aber horch, das klang wie Pferdehuf. Lasst uns schnell von der Straße abbiegen.«

»Schon wieder?«, schrie der Alte. »Ach! Ich kann nicht. Der Graben ist mir zu tief. Ich bleibe liegen und sterbe. Sechs Tage und Nächte haben wir uns so in der Irre umhergetrieben, jetzt kann ich nicht weiter.«

»So wollt Ihr, dass wir entdeckt werden?«, rief der Knabe mit rauer Stimme.

»Mag’s kommen, wie’s will!«, stöhnte der Alte.

»Schuft, der Ihr seid! Ich und Judy sollen mit Euch ins Unglück? Wir müssen von der Straße weg. Dort, nicht dreißig Schritte entlegen, ist eine Scheune. Ich kenne die Gegend.«

»Komm, Vater! Tue, wie er es haben will«,« bat das Mädchen. »Stütze dich auf mich.«

»Schnell, schnell! Sie kommen näher! Es sind Gendarmen, ich täusche mich nicht; aber die Nacht ist finster, noch können sie uns nicht gesehen haben.«

Der Alte wurde mithilfe seiner beiden jugendlichen Gefährten über den Graben der Landstraße und seitwärts auf das Feld geführt. Sie hatten die Scheune noch nicht erreicht, als von der Straße her der Ruf »Wer da?« und das Gebot, haltzumachen, ertönte.

»Gebt keine Antwort, duckt Euch in das Gebüsch!«, flüsterte Simeon.

Der Ruf wurde wiederholt; mit der Drohung, Feuer zu geben, wenn keine Antwort erfolgte.

»Sie werden nicht schießen«, beschwichtigte der Knabe seine Gefährten, »und dann werden sie in der Dunkelheit sich nicht getrauen, über den Graben zu setzen.«

Eine ängstliche Stille erfolgte. Die drei Flüchtlinge hielten sich eng zusammengedrückt unter den Zweigen eines kleinen Nussbaumgesträuches. Von der Straße her hörte man Stimmen, dann war wieder alles still, und endlich vernahm man Schritte, die sich über das Feld hin dem Gesträuch näherten.

»Wir sind verloren!«, stöhnte der Alte, »sie suchen uns!«

»Aber sie haben uns noch nicht gefunden …«, sagte der wilde Bursche mit einem verschmitzten Lächeln. »Lasst mich nur machen!«

Mit diesen Worten entfernte er sich aus dem Schlupfwinkel, indem er wie eine Katze dicht am Boden hin kroch, bald in eine tiefere Furche des frisch gepflügten Feldes liegen blieb, bald wieder sich etwas emporrichtete, um bequemer lauschen zu können, wenn einer der niedrigen Büsche, die den Graben begrenzten, ihn in seinem Vorhaben begünstigte. Die Zurückbleibenden hörten lange nichts, endlich jedoch einen dumpfen Schrei und hingemurmelte Flüche. Ein kurzer Kampf schien stattzufinden und, so viel es die Finsternis gestattete, konnte man zwei dunkle Körper bemerken, die sich dem Graben zuwälzten. Bald darauf fiel ein Schuss, dann noch einer, jetzt trat tiefe Stille ein. Eine dunkle Gestalt näherte sich in großer Eile dem Gebüsch. »Fürchtet nichts, ich bin es!«

»Und unsere Verfolger, Sim?«, fragte das Mädchen.

»Haben fürs Erste genug. Dem einen habe ich mit meinem Messer einen Schnitt in den Fersenmuskel des rechten Fußes beigebracht, der ihn zwingt, liegen zu bleiben. Mit der Flinte, die ich ihm aus den Händen gewunden hatte, schoss ich und verwundete, wie ich glaube, den anderen, denn er hat fliehend die Landstraße geräumt …«

»Das war ein gutes Stück Arbeit «, murmelte der Alte.

»Aber du blutest stark, Sim«, setzte das Mädchen hinzu, indem sie die Schulter des Knaben berührte.

»Wenn du mir dein seidenes Tuch geben willst, Judy«, entgegnete er in einem spottenden Ton, »so wird das Blut bald gestillt sein.«

»Ich will es dir selbst umbinden«, rief das Mädchen.

»Wahrlich, Judy, das hätte ich dir nicht zugetraut! Das schöne, seidene Tuch!«, sagte der Bursche mit einer Art rauer Zärtlichkeit in der Stimme. »Jetzt freue ich mich, dass wir in Gefahr geraten.« Sie gebot ihm, stillzuhalten, und band ihm dann das Tuch um den Oberarm.

»Ich danke dir«, rief er, als es geschehen war. »Aber jetzt lass uns eilen, denn einem erneuten Angriff könnten wir nicht mehr standhalten.«

Die Flüchtlinge folgten dem Seitenpfad an der Scheune links hin, und erst nach einer reichlichen halben Stunde Wegs wagten sie es wieder, die Straße zu betreten, da die erschöpften Kräfte des Alten Ruhe und Erquickung forderten. Die Schenke, in der sie eintraten, lag einsam und wurde selten von den Einwohnern des nahen Städtchens besucht. Florentin, dies war der Name des alten Mannes, war hier bekannt, und der Wirt brachte ihn, das Mädchen und den Knaben in Sicherheit. Das Verbrechen, um dessenwillen Florentin verfolgt wurde, war tatsächlich kein geringes. Er gehörte zu einer Bande, die falsche Bankscheine fabrizierte und durch geheime Agenten in Umlauf setzte. Der Wirt der Schenke war ein solcher Agent. Er wusste von der Entdeckung der Verbrecher und ihrer Verfolgung noch nichts, sonst hätte er dem, unter so verdächtigen Umständen, Einlass Begehrenden in seinem Haus keine Zuflucht gegönnt. Er glaubte der Angabe des Knaben, dass er sich bei einem Fall die Schulter beschädigt, und von Florentin wusste er, dass er öfters Reisen in die Umgegend machte.

Als sich die drei Verfolgten etwas erholt hatten und Florentin eben bei der Flasche saß, der er häufig zusprach, wurde an die Tür gepocht. Der Wirt öffnete unbekümmert, und herein trat der Apotheker des Städtchens mit dem eben gefundenen Kind an der Hand. Herr Sauer erzählte sein Abenteuer und erregte dadurch die Aufmerksamkeit Simeons und Judiths, die sogleich forschende Blicke auf das fremde Mädchen richteten. Der Umstand mit dem Brief, den Diane bewahrte, wurde von ihnen nicht überhört. Am Schluss seines Berichts wandte sich Herr Sauer zum Wirt und teilte ihm mit, wie eine Bande Geldfälscher, die sich in Küstrin und der Umgegend aufgehalten hatten, entdeckt und wie schon seit einigen Tagen die Polizei mit Aufspürung der Flüchtlinge beschäftigt sei. Man kann sich denken, wie diese Nachricht auf den Wirt der Schenke wirkte. Sogleich sah er ein, dass er von seinem Genossen getäuscht worden war, dass die Verfolgung stattgefunden habe und somit die größte Gefahr für ihn selbst sei. Sobald der Apotheker die Schenke verlassen hatte, drang er in die Flüchtlinge, ein Gleiches zu tun. Florentin, der sich in dem Zustand äußerster Trunkenheit befand, war unfähig, diesem Befehl zu gehorchen. Er konnte kaum gehen, und Simeon und Judith führten ihn mit Mühe weg. Die Drohungen und Flüche des Wirts folgten ihnen.

»Sollen wir durch die Stadt gehen?«, fragte Simeon seine junge Gefährtin.

»Nein«, entgegnete diese, »wie du gehört hast, Sim, ist diese Straße nicht mehr sicher. Lass uns denWeg um die Stadt herum nehmen.«

»Ich wollte, ich könnte den alten Trunkenbold hinter irgendeinem Zaun liegen lassen«, rief Simeon. »Mit ihm ist es doch schon vorbei, und er hindert nur unsere Flucht.«

»Er ist mein Vater, Sim«, sagte das Mädchen mit einer ernsten, fast feierlichen Stimme.

»Gut, ich will ihn tragen, solange ich in meiner gesunden Schulter noch Kräfte fühle. Es ist dein Vater, Judy, das sollst du mir nicht zum zweiten Mal sagen.«

»Wenn wir nur Berlin erreichen könnten!«, rief das Mädchen.

»Und was dort, Judy? Glaubst du, dass man dort von uns und unserer Geschichte nichts erfahren habe?«

»Ich habe etwas, das mir Hoffnung gibt«, rief das Mädchen.

»Und das ist, Judy?«

»Sieh diesen Brief, Sim. Ich habe ihn dem kleinen zerlumpten Kind gestohlen, ohne dass der Apotheker und die Kleine selbst etwas merkten.«

»Ah, richtig, Judy! Darum warst du so um das Kind beschäftigt,und schmeicheltest der einfältigen Puppe. Aber was glaubst du, was der Brief enthalte, Geld?«

»Geld!«, rief Judy und warf den Kopf in die Höhe. »Wenn ich geglaubt hätte, dass er Geld enthielte, hätte ich ihn nicht genommen.«

»Hm«, entgegnete der Knabe, und schüttelte den Kopf. »So schlau du bist, Judy, und so geschickt deine kleine Hand die Schnörkel und Züge auf einem Kassenschein nachzumalen versteht; so täuscht du dich doch leicht in solchen Dingen, die Übung und Erfahrung erfordern. Das Mädchen würde nicht so bettelhaft an der Straße gefunden worden sein, wenn in diesem Brief irgendetwas Vorteilbringendes enthalten wäre. Aber wir wollen ihn öffnen. Der Einfaltspinsel von Apotheker hat das Siegel unberührt gelassen. Setzen wir den Vater hier an die Mauer und lies den Brief; denn du weißt, ich kann nicht gut Geschriebenes lesen.«

Judith wollte das Schreiben entfalten. Als sie damit beschäftigt war, das Siegel zu lösen, hielt sie plötzlich inne.

»Nun?«, rief ihr Gefährte ungeduldig.

»Sim«, entgegnete das Mädchen, und in ihren dunklen Augen blitzten List und Schlauheit. »Was das Schreiben auch enthalten mag, es ist gewiss nichts Bedrohliches für die Überbringerin, denn sonst wäre es der Kleinen nicht als ein Mittel, sich Beistand und Hilfe zu verschaffen, mitgegeben worden. Deshalb wollen wir es ungeöffnet lassen, da wir das Siegel nicht verdachtlos wieder schließen können. Ich will den Brief abgeben. Ich bin in demselben Alter des Mädchens, und weiß auch, wie sie heißt.«

»Du bist schlau, Judy«, rief der Knabe, »aber wirst du auch auf alle Fragen antworten können, die man dir etwa vorlegt?«

»Ich werde, sei ohne Sorgen. Auf jeden Fall glückt es uns, die Spur der Verfolger von uns abzulenken.«

»Wahrhaftig, darin hast du recht!«, rief der Knabe und sah seine Gefährtin mit einem bewundernden Blick an.

»Freilich habe ich recht, und ich habe immer recht«, sagte sie triumphierend. »Alles das bedachte ich, als sich meine Hand in die Tasche des Bettelmädchens verlor.«

»Und ich«, entgegnete der Bursche, »dachte daran, wie wir uns bequem nach Berlin finden möchten, als sich meine Hand mit der silbernen Tabakdose des Apothekers befreundete. Sieh, hier ist sie.«

»Ein Diebstahl!«, rief Judith verächtlich.

Simeons Wangen überzog ein dunkles rot. »Mädchen«, sagte er grollend, »bringe mich nicht in Zorn. Ist ein Diebstahl nicht ebenso ehrenvoll, wie das Verfertigen von falschem Geld?«

»Nein!«, rief Judith. »Ein Dieb ist gemein, ein Dieb ist ehrlos!«

»Wir wollen uns hierüber nicht streiten«, entgegnete der Knabe trotzig. »Ich will den alten Mann weiter tragen. Hilf mir, Judy, ihn aufzurichten. Wahrhaftig, er wird immer schwerer. So, so ist’s recht!«

Sie schlugen den Weg durch ein dichtes Gehölz ein und verschwanden in dessen Schatten.

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