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Die Skalpjäger – Navajoa

Thomas Mayne Reid
Die Skalpjäger

Dritter Teil
Sechstes Kapitel

Navajoa

Es war gegen Abend des folgenden Tages, als wir an den Fuß der Sierra bei der Mündung des Canyons gelangten. Wir konnten dem Fluss nicht weiter folgen, da an seinem Bett kein Pfad hinlief. Es war notwendig, über den Bergrücken zu klettern, welcher die Südseite der Schlucht begrenzte. Unter den Zwergfichten führte ein deutlicher Weg dorthin, und wir ritten unserem Führer nach, den Berg hinauf.

Nachdem wir etwa eine Stunde lang auf einem furchtbaren Weg am Rand des Abgrunds hinaufgestiegen waren, gelangten wir auf die Spitze des Rückens und blickten nach Osten.

Wir hatten das Ziel unserer Reise erreicht. Die Stadt der Navajo lag vor uns!

»Voilà! Maria el Pueblo! Dort ist die Stadt! Hurra!«, riefen die Jäger.

»O Gott, endlich sind wir da!«, murmelte Seguin, mit einem eigentümlichen Gesichtsausdruck.» Gott sei gedankt! Halt, Kameraden, halt!«

Unsere Zügel wurden angezogen, und wir saßen auf unseren Pferden und blickten über die Ebene. Ein prächtiges Panorama, in jeder Hinsicht prächtig, lag vor uns, aber sein Interesse wurde durch die eigentümlichen Umstände, unter welchen wir es sahen, erhöht.

Wir waren am westlichen Ende eines Tals, welches wir in seiner ganzen Länge überschauten.

Es ist kein Tal, wenn es auch in der Sprache des spanischen Amerikas so genannt wird, sondern eine auf allen Seiten von Bergen eingeschlossene Ebene. Es ist von elliptischer Form und sein längster Diameter etwa zwölf Meilen lang. Der Kürzeste beträgt fünf bis sechs.

Es hat die Oberfläche einer Wiese und die völlig ebene Fläche wird von keinem Busch oder Hügel unterbrochen. Es sieht aus wie ein in einen Smaragd verwandelter ruhiger See.

Eine silberne helle Linie durchschneidet es in graziösen Kurven seiner Länge nach, es sind die Windungen eines kristallhellen Flusses.

Aber die Berge! Welche wild aussehenden Berge – besonders auf der Nordseite des Tals. Sie sind aus Granit, die Natur muss bei ihrer Geburt im Krieg gelegen haben. Schon ihr Anblick erinnert an die Zuckungen eines zerrissenen Planeten. Mächtige Felsen ragen über furchtbare Abgründe, ungeheures Geröll ruhte auf ihnen, als ob die Berührung einer Feder sie herabstürzen würde. Düstere Schlünde öffnen sich auf tiefe dunkle Defiléen, welche stumm und feierlich und drohend da liegen.

Hier und da hängen verkrüppelte Bäume – Zedern und Pinien – horizontal heraus. Die unansehnlichen Zweige des Kaktus und das dunkle Laub des Kreosotbusches wachsen zusammen in den Felsenspalten und erhöhen ihren rauen, düsteren Charakter.

So sieht die Südwand des Tals aus.

Betrachtet die nördliche Sierra! Hier seht ihr den Kontrast – eine neue Geologie. Dem Auge begegnet kein einziger Granitfelsen, aber andere sind ebenso hoch aufgetürmt und schimmern in schneeiger Weiße. Es sind Berge aus Milchquarz. Sie bestehen aus einer Menge von nackten, glänzenden Spitzen – Klippen, die über tiefen baumlosen Schluchten hängen, und zum Himmel aufragenden Nadeln. Auch sie haben ihre Vegetation – eine Vegetation, welche die der Wüste zu sein scheint.

Die beiden Sierras scheinen am östlichen Ende des Tals gegeneinander zu laufen.

Wir sind auf dem Querrücken, welcher im Westen einschließt und von diesem Standpunkt aus betrachten wir das Bild.

Am östlichen Ende des Tals bemerken wir einen dunklen Hintergrund am Weg. Wir wissen, dass es ein Fichtenwald ist, sind aber in zu großer Entfernung, um die Bäume unterscheiden zu können.

Aus diesem Wald scheint der Fluss zukommen, und an seinen Ufern in der Nähe des Waldes bemerken wir eine Ansammlung von seltsamen pyramidalen Gebäuden. Es sind die Häuser – es ist die Stadt Navajoa.

Unsere Augen waren mit begierigen Blicken darauf gerichtet. Wir konnten die Umrisse der Häuser erkennen, obwohl sie beinahe zehn Meilen entfernt standen.

Es war eine fremdartige Architektur. Einige mit terrassenförmigen Dächern standen von den Übrigen getrennt und wir konnten sehen, dass über ihnen Fahnen wehten. Eines welches größer war, als die anderen, hatte das Aussehen eines Tempels. Es stand auf der offenen Ebene und mit dem Fernrohr entdeckten wir eine Menge Gestalten auf seiner Spitze – die Gestalten menschlicher Wesen.

Auf den Dächern und Zinnen der kleineren Häuser waren noch andere, und viele bewegten sich uns näher auf der Ebene. Sie trieben Herden von Tieren – Maultieren und Mustangs – vor sich her.

Einige waren an den Ufern des Flusses und andere konnten wir im Wasser umherplätschern sehen.

Mehrere Pferdeherden, deren gefleckte Seiten ihre Abstammung bewiesen, weideten ruhig auf der offenen Prärie.

Herden aus wilden Schwänen, Gänsen und Kranichen flogen am Ufer des Flusses auf und ab.

Die Sonne ging unter, die Berge waren bernsteinfarben gefärbt und die Quarzkristalle blitzten an den Winkeln der südlichen Sierra.

Es war eine Szene von stummer Schönheit.

Wie lange, dachte ich, wird es dauern, ehe ihr Schweigen durch die Töne der Verwüstung und der Zerstörung unterbrochen wird?

Wir blickten eine Zeit lang das Tal hinauf, ohne dass jemand seine Gedanken ausgesprochen hätte. Es war das Schweigen, welches dem Entschluss vorausgeht.

Im Geist meiner Gefährten waren verschiedenartige Empfindungen im Spiel – sowohl von verschiedener Art als auch von verschiedener Stärke. Der Raum zwischen ihnen war ebenso weit, wie der zwischen dem Himmel und der Hölle.

Einige von diesen Gefühlen waren heilige.

Viele blickten über die lange Wiese dahin und dachten oder glaubten, dass sie in der Ferne einen geliebten Gegenstand – eine Gattin – eine Schwester – eine Tochter – oder vielleicht einen Gegenstand noch tieferer Neigung entdecken könnten. Nein, das war unmöglich! Niemand konnte hier tiefer bewegt sein, als derjenige, welcher sein Kind suchte. Die Vaterliebe war hier die stärkste Leidenschaft.

Ach, die Herzen der mich Umgebenden waren aber auch von anderen Gefühlen erfüllt – von düsteren sündigen Leidenschaften. Wilde Blicke waren auf die Stadt gerichtet. Einige davon verkündeten Rachegefühle, andere drückten den Wunsch der Plünderung aus und noch andere sprachen satanisch vom Mord!

Solche Worte waren auf unserer Reise täglich gesprochen worden. Man hatte gehört, wie die in ihren Goldträumen getäuschten Männer von den Preisen der Skalpe redeten!

Auf Seguins Befehl zogen sich die Jäger unter die Bäume zurück und traten zu einer hastigen Beratung zusammen.

Wie soll die Stadt genommen werden? Wir konnten uns ihr bei Tage nicht nähern, die Einwohner mussten uns bemerken, ehe wir herankamen und in den gegenüberliegenden Wald fliehen. Dies würde den ganzen Zweck unseres Unternehmens vereitelt haben.

Konnte nicht eine Abteilung zu dem östlichen Ende des Tals herumgehen und dies verhindern? Nicht über die Ebene selbst, denn die Berge ruhten auf ihrer Fläche, ohne dass Seitenpfade oder kleinere Hügel vorhanden gewesen wären. An einigen Stellen ragten ungeheure Klippen tausend Fuß direkt in die Höhe. Diese Idee wurde aufgegeben.

Konnten wir uns zu der südlichen Sierra wenden und durch den Wald selbst herumkommen? Dies würde uns dicht an die Häuser gebracht haben. Der Führer wurde gefragt und antwortete bestätigend. Aber dies konnte nur durch einen Umweg von beinahe fünfzig Meilen bewirkt werden. Wir hatten keine Zeit zu einer solchen Reise, und der Gedanke wurde aufgegeben.

Wir mussten uns also der Stadt bei Nacht nähern. Dies war der einzige ausführbare Plan – wenigstens derjenige, welcher am meisten Aussicht auf das Gelingen hatte. Er wurde angenommen.

Es lag nicht in Seguins Absicht, einen nächtlichen Angriff zu unternehmen, sondern nur die Gebäude in einiger Entfernung zu umringen und bis zum Morgen im Hinterhalt zu bleiben.

Auf diese Weise musste allen der Rückzug abgeschnitten werden, und wir waren sicher, unsere Gefangenen bei Tag zu machen.

Die Leute warfen sich auf den Boden und erwarteten, mit den Zügeln in der Hand den Untergang der Sonne.