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Die Flusspiraten des Mississippi 37

die-flusspiraten-des-mississippiFriedrich Gerstäcker
Die Flusspiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

37. Schluss

Wenn die wilden und zerstörenden Äquinoktialstürme aus­getobt, den Wald tüchtig durchgeschüttelt und die heißen, drückenden Sommerlüfte mit Brausen gen Süden gejagt haben; wenn die Wildnis ihr in den wundervollsten Farben prangendes Herbstkleid angelegt; wenn der Sassafras seine blutroten Flecke bekommt, die den Jäger so oft irre­führen; wenn die Hickoryblätter, während das übrige Laub sich noch ein­mal von Neuem schminkt und putzt, jenes herrliche hell leuchtende Gelb annehmen; wenn die Wandervögel lebendig werden und die fallenden Eicheln und Beeren das Wild schrecken und scheu machen: Dann beginnt im nördlichen Amerika die schönste, herrlichste Zeit, der indianische Som­mer, und blau und wolkenlos spannt sich das Firmament monatelang über die fruchtbedeckte Erde aus.

Dann kommt die Zeit, da im fernen Westen der naschhafte Bär Fen­sterpromenaden unter den Weißeichen macht, die schönsten und reichsten aussucht, hinaufklettert und mit Kennerblick und leisem behaglichem Brummen die schwer beladenen Äste fasst und niederbricht. Dann zieht der Hirsch auf den Fährten der Hirschkuh durch den Wald, die Trut­hühner tun sich in Völker zusammen und geben sich nicht einmal mehr die Mühe, ihrer Nahrung nach in die Bäume hinaufzufliegen, denn die süßesten, herrlichsten Beeren decken ja den Boden. Das graue Eichhörn­chen raschelt im Laub und hascht nach den fallenden Nüssen; der blaue Häher schreit und lärmt in den Zweigen, und die Taube streicht in un­geheuren Zügen gen Süden. Die ganze Natur lebt und atmet und wirkt und webt sich aus weichen welkenden Blättern, in die sie Früchte und Ähren hineinflicht, ihr warmes, behagliches Winterkleid, ihren Schutz gegen den kalten, unfreundlichen Nordwind.

Es war an einem solchen milden, lauen Sonnentag gegen Ende des Mo­nats Oktober, als im Staat Georgia zwei Reiter auf der breiten, trefflichen Straße dahintrabten, die von dem kleinen Städtchen Cherokee aus, dicht an dem rasch dem Golf zuflutenden Apalachicola hinauf, einer großen, wohlbestellten Plantage zu führte. Vor dem Gartentor des reizend gelege­nen Wohnhauses, neben dem aus fruchtbedeckten Orangenhainen die hellen Dächer der Negerwohnungen hervorschimmerten, hielten sie einen Augenblick und übersahen von hier aus das wunderliche Schauspiel, das sich ihren Blicken bot.

Das nur einstöckige, aber mit breiter, es rund umlaufender Veranda versehene Haus stand mit dem Tor durch eine Allee schlanker China­bäume in Verbindung, um deren mächtige Beerenbüschel Scharen von Seidenvögeln schwärmten und die berauschenden Früchte naschten. Die Treppe, die von der Galerie in den Garten führte, war von wilden Myr­ten fast wie von einer Laube umschlossen, und daneben glühten schwel­lende, würzig goldene Orangen und überreife Granatäpfel.

An den beiden Ecken des Hauses standen zwei stattliche Peconbäume, von deren Zweigen lange, wehende Streifen grauen Mooses herabhingen. Einen fast wunderbaren Anblick aber gewährte ein hoher, graustämmiger Magnoliabusch, an dem die weiße, rot gefüllte Lianenrose ihre Ranken hinaufgeschlungen und die herrlichen, duftigen Arme fest hinein in sein tief dunkelgrünes Laub und zwischen die vollen, saftigen Blätter gewoben hatte. Wie mit lebendigen Girlanden umschlossen sie diesen duftenden Strauch, und noch einmal so laut und freundlich sang hier zur Nacht der Mockingbird seine süßen, schmelzenden Weisen, wenn tausend und aber tausend Feuerkäfer die stillen, heimlichen Plätze mit ihrem Funkenlicht erhellten.

»Wahrhaftig, Bill«, sagte jetzt der eine der Reiter und strich sich zugleich den Spann des nackten Fußes, in den ihn ein Moskito gestochen hatte. »Jimmy wohnt merkwürdig fein hier. Sieh mir einer den Jungen an, wird nun Pflanzer und lässt seinen alten Vater in Arkansas sitzen und trockenes Hirschfleisch kauen.«

»Hat er Euch denn nicht bis aufs Blut gequält, Lively, Euch und die Schwiegermutter, dass Ihr mitkommen solltet und hier bei ihm wohnen?«, fragte da der andere. »Habt Ihr denn gewollt?«

»Werde nicht so dumm sein, Cook«, erwiderte der Alte lachend und richtete sich ein wenig in den Steigbügeln auf, um über das Staket zu sehen, »werde nicht so dumm sein. Sind wir nicht heute Morgen sieben richtige Meilen geritten, und haben wir auch nur eine Hirschfährte gesehen? Ist hier ein Truthahnzeichen in dem ganzen Wald? Von Bären gar nicht zu reden, die wahrscheinlich hier nur in Menagerien zu sehen sind. Nein, Billy, für uns beide passt Arkansas am besten, wir müssten denn Lust kriegen, in Kalifornien drüben anzufangen. Ich werde aber beinahe zu alt sein. Doch – wie ist es denn da drinnen, wie kommen wir hinein? Ob die Tür wohl auf ist?«

Er ritt dicht an die Gartenpforte heran und trat auf die Klinke. Diese ging auf, und die Tür knarrte langsam in ihren Angeln.

»Hallo!«, rief der Alte mit weit dröhnender Stimme, und blitzschnell glitt um die viereckigen Backsteinsäulen, die das ganze Gebäude trugen, ein Mulatte und eilte auf die Männer zu.

»Dein Master zu Hause, Dan?«, fragte Cook.

»Mein Master?«, wiederholte der Mulatte und starrte die beiden Männer so verwundert an, als ob er sie eben hätte vom Mond fallen sehen. Da, plötzlich, als er sich erst überzeugt, dass es die auch wirklich seien, für die er sie im Anfang, kaum seinen Augen trauend, gehalten hatte, sprang er hoch und rief jauchzend: »Bei Golly – Massa Lively – Massa Cook – o Jimmini, Jimmini, wie wird sich Missus freuen!« Er sprang rasch auf die Männer zu, ergriff ihre Hände, die er küsste und drückte, und dachte gar nicht daran, die Pferde abzunehmen, die ihm ungeduldig entgegenwieherten.

»So, Dan – das tut es nun«, sagte Cook und gab ihm den Zügel seines Tieres in die Hand. »Wie geht es hier? Alle wohl?«

»Alle wohl, Massa!«, bestätigte freudig der Bursche, während er geschäf­tig nach den Zäumen griff und einen Kratzfuß nach dem anderen machte, »alle miteinander, Dan auch – behielt sein Bein selber – Leichendoktor kann sehen, wo er ein Mulattenbein sonst wo herkriegt.«

»Und dein Herr?«, fragte der Alte.

»Geht auch besser!«, versicherte Dan, »nur noch ein bisschen krank. Hier, Nancy, führ mal die Gentlemen zu Missus und Massa rauf. Golly, was für eine Freude wird Missus haben.«

Dan redete fortwährend vor sich hin, die beiden Männer aber folgten rasch dem jungen Mädchen, das schnell die niedere Treppe hinaufsprang und die Tür des Hauses öffnete. Da blieb der alte Lively auf einmal stehen.

»Wetter noch einmal! Das hätte ich beinahe vergessen, Dan – he, Dan, bring einmal schnell mein Pferd wieder her!«

»Was gibt es denn?«, fragte Cook erstaunt, »Dan führt es in den Stall und bringt uns unsere Sachen nachher herauf.«

»Willkommen, tausend und aber tausendmal willkommen!«, rief da eine freudige Stimme, und Adele – aber nicht Adele Dunmore, sondern James Livelys reizende Gattin – eilte die Treppe hinunter ihnen entgegen. »Lie­ber, lieber Vater Lively – herzlich willkommen. Schwager Cook, das ist schön, dass ihr endlich einmal euer Versprechen erfüllt habt.«

Sie fiel dem Schwiegervater um den Hals und reichte dem jungen Far­mer die Rechte hin. Obwohl der alte Mann mit dem herzlichen Kuss vollkommen einverstanden sein mochte, so blieb er doch immer noch wie verlegen stehen und sah sich ängstlich nach dem ruhig mit seinem Pferd davonschlendernden Mulatten um. Ja, er rief ihm sogar noch einmal mit lauter Stimme nach.

»Aber so kommen Sie doch herauf, Vater«, bat Adele, »James wird auch gleich wieder da sein. Nancy mag Ihnen nachher bringen, was Sie brauchen.«

Der alte Lively stand auf dem einen Fuß und hielt den anderen dahinter versteckt. Adele sah zufällig hinunter und lachte laut auf: »Hahaha – wieder keine Schuhe, noch immer der Alte. Oh, Mr. Lively, Mr. Lively!«

»Sie stecken wahrhaftig in der Satteltasche«, beteuerte der alte Mann und blickte wehmütig hinter dem eben um die Ecke verschwindenden Dan her.

»Aber die wollenen Socken hat er unterwegs verloren«, sagte Cook lachend. »Wie wir aus Cherokee herausritten, schob er sie in den Hut, um sie nachher anzuziehen, und da sind sie ihm wahrscheinlich herausge­fallen.«

Der alte Lively drohte seinem Schwiegersohn mit der Faust, Adele aber fasste ihn unter dem Arm, gelobte ihm strenge Verschwiegenheit gegen Mrs. Lively, die ältere, und führte nun ihre lieben Gäste rasch in das Haus hinauf.

Hier musste übrigens schon Dan Lärm geschlagen haben, denn aus dem Garten lief, zwar noch den linken Arm in der Binde, aber sonst wohl und kräftig, James herbei, und in dem Zimmer oben begrüßte sie mit herz­lichem Wort und Händedruck Mrs. Dayton. Sie ging ganz in Trauer ge­kleidet, und um den kleinen, fein geformten Mund hatte sich ein weh­mütig ernster Zug gelegt, der dem bleichen, zarten Antlitz etwas unge­mein Rührendes gab. Freude aber über die lieben, so lange erwarteten Gäste rötete ihre Wangen ein wenig und verlieh ihren sanften Augen einen höheren Glanz.

Cook und Lively mussten jetzt erzählen, wie es all den Lieben zu Hause ging, was Mutter und die Kleinen machten, wie sich Bohs und die übrigen Hunde befänden, ob die und die Kuh noch recht wacker Milch gäbe und das Kalb noch immer den Melkeimer umstieße, und tausend und tausend Kleinigkeiten über Farm und Haus, über Feld und Wald. Immer aber, wenn einer der beiden auf jene entsetzlichen Vorgänge in Helena zurück­kommen wollte, lenkte Adele rasch ab und hatte so viele und wichtige Fragen. So manche Kleinigkeiten zu zeigen und bewundern zu lassen, dass Cook endlich merkte, sie wollte die Sache nicht berührt haben, und nun auch seinerseits die dorthin zielenden Äußerungen des alten Lively pa­rierte. Dieser aber, Winke und Blicke nicht achtend, arbeitete nur immer auf das neue Ziel wieder los, fing schon wenigstens zum zehnten Mal von Helena an und schien noch eine ganze Menge auf dem Herzen zu haben, das er gern los zu sein wünschte.

Endlich stand Mrs. Dayton auf, flüsterte Adele leise einige Worte ins Ohr, küsste sie und verließ dann mit ihr das Zimmer.

»So, nun schießt los!«, sagte jetzt Cook zum Alten, der ihn verwundert ansah. »Ist mir schon im ganzen Leben so ein alter Mann vorgekommen?«

»Aber, Cook«, rief erstaunt Vater Lively, »ich will mein Leben lang Schuhe und Strümpfe tragen, wenn ich weiß, was Ihr meint!«

»Bester Vater!«, sagte James und ergriff seine Hand, »nicht von Helena reden, wenn Mrs. Dayton dabei ist. Wir vermeiden es hier stets, denn es erneuert nur ihren Schmerz.«

»Aber”, entgegnete der alte Mann, »sie weiß doch …«

»… kein Wort von dem, was ihr, wenn sie nur eine Ahnung davon hätte, das Herz brechen würde.«

»Was?«, rief Cook erstaunt, »sie weiß noch nicht, dass Dayton der An­führer der Piraten und ein Verbrecher war, wie ihn die Welt kaum wieder aufzuweisen hat?«

»Nein, und sie soll es nie erfahren«, sagte James. »Ihr erinnert euch noch, dass sie an jenem unglücklichen Tag gleich auf die Farm hinausgeschafft wurde, und wie sie nach der Nachricht von dem Tod ihres Gatten, den sie im Kampf gegen die Piraten geblieben glaubte, lange Wochen krank lag.«

»Allerdings«, erwiderte Cook, »und ihr beide wart ja damals so elend, dass euch der Arzt mit Gewalt aus Arkansas fortschickte. Wir glaubten aber immer, sie müsste die Wahrheit am Ende doch noch erfahren.«

»Sie würde es nicht überleben«, versicherte James, »und Adele wacht sorgfältig darüber, dass sie mit niemandem spricht, der ihr das Schreck­liche aus Unwissenheit oder Schwatzhaftigkeit verraten könnte. Auch die Zeitungsblätter sind deshalb für jetzt noch streng aus unserem Haus ge­halten, sodass ich eigentlich selbst nichts Genaueres über die damaligen Vorgänge weiß, obwohl ich anfangs mittendrin steckte. Dieses Andenken hier werde ich wohl noch eine Weile behalten, bin aber doch froh, dass ich Monrove damals nicht gewähren ließ, der mich fast auf den Knien bat, ihn den Arm absägen zu lassen.«

»Der Leichendoktor hat in jener Zeit eine bedeutende Rolle gespielt«, sagte Cook schaudernd. »Ist denn Daytons Leiche, die er einbalsamieren musste, gut hier angekommen?«

»Ja«, erwiderte James, »wir haben den Körper in unserem Garten bei­gesetzt, und Mrs. Dayton verbringt an jedem Morgen die Stunde, in der sie in Helena Abschied von ihm nahm, an seinem Grab. Sie ist auch jetzt dorthin gegangen und findet in diesem Totenopfer Beruhigung und Trost.«

»Da haben die Übrigen, die es vielleicht weniger verdient haben, ein schlimme­res Bett bekommen«, sagte Cook düster. »Dayton starb doch noch im Kampf, Mann gegen Mann und mit den Waffen in der Hand, aber seine Kumpane …«

»Also ist das Gerücht darüber wahr?«, fragte James leise.

Cook nickte schweigend, und der alte Lively flüsterte: »Ja, Jimmy – das war ein schlimmer Tag, und du magst froh sein, dass du im Bett lagst und nichts davon wusstest. Ich kann seit der Zeit gar kein Mississippiwasser mehr trinken, denn es ist mir immer noch, als ob ich die breite Blutfläche vor mir sähe. Denke dir nur, vierundsechzig Menschen …«

»Ich bitte Euch, Vater hört auf«, rief Cook, »lasst die Toten ruhen, sie haben gebüßt. Nein, da lob’ ich mir den offenen Kampf. Und da hat von allen Tom Barnwell, den sie mit mir aus dem Gefängnis holten, den kecksten, verwegensten Streich ausgeführt. Auf dem Deck der Van Buren entdeckte er seinen Feind, kletterte ganz allein zwischen die Piraten an Bord, die ihn natürlich eben dieser grenzenlosen Tollkühnheit wegen für einen der ihren halten mussten, fasste mitten aus der Schar seinen Mann heraus und riss den Entsetzten mit sich über Bord.«

»Aber der hatte sich doch später wieder von ihm losgemacht«, sagte der alte Lively, »er war wenigstens kurz danach wieder auf der Straße und wollte spornstreichs in den Wald fliehen.«

»Nun, es ist ihm nicht gelungen«, erwiderte Cook, »denn Bredshaw muss ihn bald wieder eingefangen haben. Ich sah selbst, wie er ihn zum Fluss brachte. Er kam zu den Übrigen.«

»Was ist denn nur aus Tom Barnwell geworden?«, fragte James, »das muss ein wackerer Bursche gewesen sein.«

»Ich weiß nicht«, sagte der alte Lively. »Edgeworth, jener Indianafarmer, der eigentlich die Ursache war, dass die Insel so rasch und glücklich ge­stürmt wurde, blieb noch ein paar Tage in Helena und ging dann auf den nächsten stromauf fahrenden Dampfer. Tom jedoch, der zu seinem Boot gehört hatte, blieb zurück und ist wohl später nach New Orleans gefah­ren. Ich glaube, er wollte nach Texas. Aber höre, Jimmy, Dan scheint sich ja gut hier eingelebt zu haben. Sind die alten Mucken vergessen?«

»Die Lektion scheint ihm sehr gut bekommen zu sein«, erwiderte James. »Dan ist jetzt ein wackerer Bursche, und Adele hat schon nach Texas an Atkins geschrieben und ihm mitgeteilt, dass sein Diener bei uns sei und wir ihn zu behalten wünschten. Ich schickte den Brief an Smart, der ihn auch besorgt haben wird.«

»Apropos, Smart«, rief der alte Lively, »wo steckt denn der jetzt eigent­lich? Aus Helena, wo er alles verkauft hat, ist er seit vierzehn Tagen fort. Seine Frau behauptet aber, er wäre mit O’Toole nach New Orleans ge­fahren, um sich eine neue Einrichtung zu kaufen, die er hier in Georgia zu benutzen gedenke. Ist das wahr?«

»Allerdings«, meinte James lachend, »ich habe für ihn, hier in Cherokee, das Bunker-Hill-Hotel gekauft und erwarte ihn schon seit gestern Morgen, um alles Weitere mit ihm zu erledigen.«

»Und er kommt wirklich hierher?”, fragte Cook.

»Hallo«, schrie in diesem Augenblick unten eine allen bekannte Stimme, und Cook, der rasch das Fenster öffnete, rief fröhlich hinunter: »Smart, hallo! Wie geht es in Georgia?«

»Gut geht es«, erwiderte Smart, glitt von seinem Rappen und rieb sich, während er zu dem Fenster hinaufnickte, vergnügt die Hände. »Prächtige Gegend hier – ungewöhnlich prächtige Gegend.« Damit sprang er in zwei Sätzen die kleine Treppe hinauf, die aus dem Garten ins Haus führte, und stand im nächsten Augenblick im Zimmer zwischen den Freunden, denen er die Hände schüttelte, als ob er ganz besonders hier nach Georgia gekommen wäre, ihnen bei erster Gelegenheit sämtlich die Arme auszu­renken.

»Nun, Smart«, sagte James, als die ersten Begrüßungen vorüber waren, »habt Ihr Euer neues Besitztum schon in Augenschein genommen? Ge­fällt es Euch und seid Ihr mit dem Handel zufrieden?«

»Unmenschlich«, antwortete Smart, »unmenschlich, in vier Wochen bin ich mit Kind und Kegel hier. O’Toole kommt heute Abend nach. Aber – wo ist denn die kleine Frau?«, sagte er, sich im Zimmer umsehend. »Mrs. Adele Lively möchte ich doch vor allen Dingen begrüßen.«

»Sie wird gleich wieder hier sein, Smart«, erwiderte James. »Aber was habt Ihr in Eurer Tasche? Was arbeitet Ihr da denn aus Leibeskräften – sie hat sich wohl verstopft?«

»Ich weiß nicht«, murmelte Smart und suchte dabei mit größter Anstren­gung ein fest zusammengedrücktes Paket aus der linken Fracktasche her­vorzuziehen. »Ich habe da unterwegs auf der Straße was gefunden, es muss wohl ein Reisender oder jemand aus Cherokee verloren haben.«

»Hurra, Schwiegervater, das ist ein Glück!«, jubelte jetzt Cook, als Smart ein Paar wollene Socken zum Vorschein brachte, »sie sind wieder da!«

»Hätten ebenso gut fortbleiben können, Bill«, brummte der Alte, »hol der Henker die Dinger – meinen Kautabak habe ich auch verloren, den bringt mir kein Mensch wieder – die Socken aber sind nicht loszuwer­den.«

Er steckte sie schnell in die eigene Tasche, denn die Tür ging in diesem Augenblick wieder auf, und die Damen traten ein.

»Ah, Mr. Smart!«, rief Adele und eilte mit ausgestreckter Hand auf ihn zu, »willkommen in Georgia, herzlich willkommen; und Sie werden jetzt, wie früher in Helena, unser Nachbar?«

»Verlasse die Union, sagte Smart lächelnd, »und ziehe nach Bunker-Hill. Schade, dass Mrs. Breidelford nicht ebenfalls …«

»Und Ihre liebe Frau kommt auch bald nach, wie?«, fiel ihm Adele, die jede Beziehung auf jene Zeit gern vermeiden wollte, rasch in die Rede. Jonathan Smart aber war, der alten Gewohnheit treu, nicht leicht von der einmal begonnenen Rede abzubringen.

»… imstande ist, ihre bescheidene Wohnung hier aufzuschlagen«, fuhr er deshalb höchst bekümmert fort, »könnten doch noch manchmal eine Tasse Tee zusammen trinken. Sehen Sie, Mrs. Lively, da hatte ich doch einmal wieder recht: Diese Frau, die sich und ihren seligen Mann, wie sie ihn so gern nannte, in einem fort lobte, gehörte ebenfalls …«

»Ach, bester Mr. Smart, wenn Sie nur wenigstens Mr. Cook und Vater Lively bewegen könnten, hierher zu ziehen, es wäre gar zu hübsch, wenn wir alle zusammenwohnen würden …«

»… zu jener schändlichen Raubbande«, versicherte Jonathan, ohne für jetzt wenigstens von dem Einwand Notiz zu nehmen. »Man hat in ihrem Haus eine Unmenge von Waren und viele über die ganze Sache Aufklärung gebende Briefschaften gefunden. Etwas aber, was ein noch fürchter­licheres Licht über die Tätigkeit und Wirksamkeit dieser scheußlichen Ver­brecher gab, ist ein Teil von des ertrunken geglaubten Holk Sachen, von dem es nun außer allem Zweifel bleibt, dass er ebenfalls ermordet wurde. Der Bube, der sich für Holks Sohn ausgegeben hatte, war denn auch mit unter den Gefangenen. Mrs. Breidelford soll übrigens, wie man aus einigen unter der Diele versteckten Papieren ersehen konnte, früher einen anderen Namen geführt und Dawling geheißen, ihren ersten Mann aber getötet haben, wonach Breidelford in Missouri von Regulatoren gehängt wurde, sie selbst aber mit großer Not nach Arkansas entkam.«

»Aber, mein guter Mr. Smart, ich bitte Sie nun recht herzlich, alle die alten grässlichen Geschichten ruhen zu lassen«, warf hier Adele ein. »Tun Sie mir den Gefallen und erzählen Sie uns lieber etwas Freudiges.«

»Hm«, meinte Smart, »auch damit kann ich dienen: Mrs. Everett hat nach ziemlich einstimmigem Beschluss einen sehr großen Teil der gefundenen Güter als Entschädigung ausgeliefert bekommen, und in Helena ist jetzt Ruhe und Frieden. Doch um wieder auf ihre frühere Anfrage zurückzu­kommen, Mrs. Lively, so stimme ich selber dafür, dass die Firma Cook und Lively so schnell als möglich Anstalten mache, den Squatterstaat Arkansas zu verlassen, um hier zwischen Chinabäumen und Cocogras ein neues Leben zu beginnen. Wie, Gentlemen, keine Lust, Ihre Farmen zu verkaufen und mit herzuziehen? Prächtiges Land hier und die ganze Familie dann auf einem Plätzchen beisammen!«

»Hm«, meinte Cook, »ich weiß nicht, ich wohnte wohl gern hier – meine Frau wünscht es sich auch …«

»Nee, Kinder!«, sagte Lively senior und schüttelte den Kopf, »ich habe euch recht lieb und meine Alte auch, und ich – ich wäre gern mit euch zusammen, aber östlich ziehe ich nicht mehr. Hier gibt es keinen Wald, lau­ter Plantagen und Schwarze, die wildesten Tiere sind die Kaninchen und die größten Vögel die zahmen Gänse. Selbst die Hunde wissen hier nicht mehr von Bärenfährten als Smart da, der, glaube ich, noch gar keine gesehen hat, und man kann keine zehn Schritte von der breiten Straße ab­gehen, ohne über zwölf Fenzen klettern zu müssen. Jimmy ist nun einmal aus der Art geschlagen, aber ich passe nicht hierher, und da wir die Flusspiraten einmal …«

»Mr. Lively, da bringt Dan Ihre Schuhe«, flüsterte Adele lächelnd und deutete auf den grinsenden Mulatten.

»Kinder«, sagte Lively und sah erschrocken und mit komischer Verzweiflung die junge Frau an, »morgen – morgen will ich wahrhaftig Schuhe und Strümpfe anziehen und so lange tragen, wie ich hier bin, aber heute – heute wollen wir noch einmal recht vergnügt sein.«

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